29.11.1976

„Stellt unsere Kollegen wieder ein“

Am 4. November 1976 entsandten die Ursus-Arbeiter ein Schreiben an die Parteiführung und die obersten Behörden der Volksrepublik Polen:
"Wir Mitarbeiter der Mechanischen Werke Ursus fordern Wiedereinstellung aller, die im Zusammenhang mit dem Streik und der Demonstration vom 25. Juni 1976 entlassen wurden. Wir halten das für unbedingt notwendig angesichts der schwierigen Lage im Lande, der gespannten Atmosphäre in unserem Betrieb und der Schwierigkeiten bei der Planerfüllung, die dadurch verursacht sind, daß erfahrene Belegschaftsmitglieder fehlen.
Wir appellieren, daß ihnen ihre Arbeitsplätze unter den früheren Bedingungen zurückgegeben werden samt allen sich aus der Beschäftigungskontinuität ergebenden Rechtsansprüche und daß ihnen ihr Lohn für die Zeit ihrer Arbeitslosigkeit nachgezahlt wird. Wir sind überzeugt, erst dann werden wir zusammen mit allen Polen imstande sein, die schwierige wirtschaftliche Lage, in die unser Vaterland geraten ist, zu bewältigen."
Der Appell wurde von 889 Mitarbeitern der Mechanischen Werke Ursus unterschrieben.
Das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter solidarisiert sich vollinhaltlich mit den Forderungen dieses Schreibens. Die Ereignisse vom 25. Juni haben die Unfähigkeit der Gewerkschaften zur Wahrnehmung ihrer Vertreterfunktionen nochmals bestätigt. Die Gewerkschaften haben sich als unfähig er wiesen. einen wenn auch noch so schwachen Protest gegen die Repressalien zu erheben, und ließen sich sogar zu aktiver Beteiligung an diesen Repressalien heranziehen. Die Arbeiter selbst mußten also die Verteidigung ihrer Interessen in die eigenen Hände nehmen.
Von Repressalien wegen Teilnahme an den Juni-Protesten wurden Mitarbeiter vieler Betriebe betroffen. Die Solidaritätsaktion der Ursus-Arbeiter ist ein Beispiel für alle von Übergriffen betroffenen Belegschaften.
Das spontane Wiedererstehen von Formen gemeinschaftlicher Verteidigung ist der erste Schritt auf dem Weg zur Bildung einer authentischen Repräsentation der Werktätigen. Nach dem Dezember 1970 wurde diese Rolle in der Stettiner Werft von einer Arbeiterkommission übernommen, die von den Arbeitern selbst gegründet wurde. Das Entstehen und Funktionieren einer solchen Kommission ist eine unumgängliche Voraussetzung für eine Lösung der gegenwärtigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krise in unserem Land.
Komitee zur Verteidigung der Arbeiter
Ende

DER SPIEGEL 49/1976
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