29.11.1976

WIRTSCHAFTSTHEORIEFür dumm verkaufen

Mit einer neuen Theorie haben drei US-Ökonomen einen heftigen Wissenschaftlerstreit entfacht. Nach den Analysen des Trios richtet eine systematische Wirtschaftspolitik nur Unheil an.
Für Wirtschaftsprofessor Neu Wallace von der University of Minnesota sind erfolgreiche Konjunkturpolitiker keine Könner, sondern nur Glücksspieler, die beim Krisenroulett gewonnen haben.
Nach Meinung des US-Ökonomen gelingt es den Krisenmanagern in Regierung und Notenbank nämlich nur dann, Boom oder Baisse durch finanz- und geldpolitisches Gegensteuern zu dämpfen, wenn die antizyklischen Maßnahmen "die Leute überraschen, und das", so Wallace, "ist keine Politik, das ist Würfelspiel".
Bei systematischer Anwendung des Rezeptes, zyklische Konjunkturausschläge durch Variation der Staatsausgaben, Steuersätze und Geldmenge zu glätten, versagt laut Wallace die Wirkung der staatlich verabreichten Aufputsch- oder Beruhigungsmittel. Denn in Erwartung der Eingriffe haben Unternehmer, Gewerkschaften und Verbraucher ihr Verhalten so geändert, daß die antizyklische Politik die Konjunkturschwankungen nur verschärft.
Die beste Stabilitätspolitik, folgert Wallace gemeinsam mit seinen akademischen Kollegen Thomas J. Sargent von der University of Minnesota und Robert E. Lucas jr. von der University of Chicago, ist daher, nichts zu tun. Die Staatshaushalte sind auszugleichen, und das Wachstum der Geldmenge ist konstant zu halten.
Mit ihrer scharfen Kritik an den gegenwärtigen wirtschaftspolitischen Regeln sind die drei Theoretiker nicht die ersten, die sich gegen die von dem Briten John M. Keynes erdachte und von seinen Schülern verfeinerte Gebrauchsanweisung für Konjunkturstabilisierende Instrumente wenden.
So hatten die von dem Nobelpreis-Ökonomen Milton Friedman angeführten traditionellen Gegner keynesianischer Politik beispielsweise räsoniert, die Politiker seien nicht in der Lage, zur rechten Zeit das Richtige zu tun, weil der Konjunkturverlauf nur schwer vorhersehbar sei. Außerdem würden sie zu sehr nach den Wählern schielen, um in Boomphasen unpopuläre Bremsmaßnahmen durchzudrücken.
Lucas, Sargent und Wallace nun lehnen die herkömmliche Wirtschaftspolitik aufgrund von Beobachtungen und Überlegungen ab, die sie zu einer Theorie der "rationalen Erwartungen" zusammenfaßten. Nach dieser Theorie verpufft ein lang erwarteter Kurswechsel der Regierung ohne jede Wirkung auf Produktion und Beschäftigung, weil Verbraucher und Investoren den vorhersehbaren Wandet in ihren Plänen längst berücksichtigt haben -- so wie sich der Kurs einer Aktie nicht ändert, wenn die Geschäftsführung eines Unternehmens etwas bekanntgibt, was alle Aktionäre ohnehin schon wußten.
Nur ein unerwarteter Staatseingriff, so die Analyse der drei Wissenschaftler, beeinflußt das Verhalten der Bürger noch -- ebenso wie der Preis einer Aktie allein auf Grund neuer Informationen fällt oder klettert. So mag etwa ein Instrument sehr gut greifen, wenn es -- wie etwa Kennedys starke Steuersenkung 1964 in den USA oder Schillers Ausgabenschub drei Jahre später in der Bundesrepublik -- zum erstenmal angewendet wird.
Auch im Wiederholungsfall gelingt das Konjunkturmanöver vielleicht noch. Spätestens dann aber haben nach Ansicht der Erwartungs-Theoretiker Unternehmer und Gewerkschaften begriffen, daß die Regierung im Abschwung stets zur Konjunkturspritze greift.
Die Geschäftsleute zögern geplante Investitionen im Vertrauen auf baldige Staatshilfen hinaus; die Gewerkschaften dämpfen ihre Forderungen auch während der Talfahrt nicht. Alle reagieren so, daß sich Arbeitslosigkeit und Inflation noch verstärken.
Nicht allein Wirkungen auf das Preisniveau, sondern auch auf reale Größen erzielt eine antizyklische Politik laut Lucas, Wallace und Sargent daher nur, wenn die Öffentlichkeit ständig einen anderen Kurs erwartet, als Regierung und Notenbank tatsächlich einschlagen -- wenn die Leute also zu dumm oder die Wirtschaftspolitiker trickreich sind.
Beide Möglichkeiten scheiden die drei als unrealistisch aus. Doch selbst wenn es den Konjunkturlenkern gelänge, den privaten Sektor in seinen Erwartungen ständig zu täuschen, würde eine solche Politik nach ihrer Ansicht mehr Schaden als Nutzen bringen: Unternehmer und Verbraucher wurden zunehmend verunsichert. Sie würden daher Investitionen und Konsum einschränken.
In den USA löste die neue Theorie laut US-Wirtschaftsmagazin "Business Week" so viel "Aufregung und Streit" aus, "wie sie die Ökonomen-Zunft seit Jahren nicht mehr gesehen hat". Denn fast alle Wirtschaftswissenschaftler erkennen zwar an, daß die Rationalisten durch ihren Hinweis auf die Auswirkung dieser Erwartungen einen wichtigen Beitrag zur Verfeinerung ökonomischer Modelle geleistet haben.
Aber Keynesianer und Friedman-Anhänger bestreiten, daß die Erwartungen der Öffentlichkeit sieh so rasch an veränderte Verhältnisse anpassen und dann so schnell auf Löhne und Preise durchschlagen, daß alle Konjunktur-Steuerungsversuche lediglich Schaden stiften.
So weist der Keynesianer Franco Modigliani darauf hin, daß auch bei rascher Anpassung der Inflationserwartungen an eine veränderte Geldmenge Preise und Löhne wegen zahlreicher vertraglicher Bindungen nicht wie bei einer Auktion sofort reagieren könnten.
Und Milton Friedman, der selbst kein Freund staatlicher Eingriffe in den Wirtschaftsablauf ist, zweifelt daran, daß die Öffentlichkeit Konjunkturmanöver der Regierung tatsächlich immer früh genug durchschaut." Man kann die Leute über eine recht lange Zeit für dumm verkaufen", ist der Nobelpreisträger überzeugt.

DER SPIEGEL 49/1976
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