29.11.1976

RAUSCHGIFTDon?t Pass Me By

Ein strenges Gesetz macht dem Drogen-Paradies der Hippies in Nepal vielleicht ein Ende.
Das Geschäft in den verkommenen Kaschemmen floriert nicht mehr, die Trip-Gemeinde ist enttäuscht: "Freak Street" in Nepals Hauptstadt Katmandu, eine der berühmtesten Hippie-Straßen der Welt, erlebt schlechte Zeiten.
Die Krise in diesem einst florierenden Rauschgift-Basar wurde durch ein strenges Rauschgiftverbot ausgelöst, das am 5. September 1976 per Gesetz erging. Es verbietet den Anbau von Hanf, aus dem Marihuana und Haschisch gewonnen werden, sowie Verkauf, Transport und Konsum dieser Drogen. Sie dürfen nur noch in begrenzten Mengen und für bestimmte Zwecke mit amtlicher Genehmigung angebaut, verbraucht und gehandelt werden.
Die Hippies, Drogensüchtigen und Ausgeflippten, die aus aller Welt in die sogenannte Freak Street strömen, haben es seither schwer, vor Ort noch einen Trip zu machen.
Unter der Flaute leiden auch die Rauschgift-Händler, die Besitzer von fast 100 Restaurants, Herbergen und Wirtshäusern sowie die Ladenbesitzer in der Freak Street. Sie verkaufen neben furchterregenden Masken, chinesischen und tibetischen Gemälden. Drucken und Kalligraphien, exotischen Lampenschirmen und Tand auch Eßbares.
Gleichermaßen ging der Umsatz jener Läden zurück. in denen Freaks Kleidung. Armbanduhren. Kameras Lind Ringe verpfänden oder verkaufen konnten, um sieh Geld für die "geladenen Zigaretten zu beschaffen. Seit den Tagen. da Nepal sich als Rauschgift-Paradies weltweiten Ruhm erwarb, war die Freak Street für das Himalaja-Königreich Nepal eine Goldgrube gewesen. Jährlich gaben dort Touristen, meist Hippies. fast vier Millionen Mark aus -- ein Fünftel der jährlichen Touristik-Einnahmen.
Man futterte im "Old Hungry Eye Restaurant" Hasch-Nudeln oder saugte im "Don"t Pass Me By" einen Hasch-Milchmix oder nagte am Hasch-Kotelett im "Cock Crows Restaurant".
Schon im Juli 1973 traf Nepal erste Maßnahmen, um den Drogenkonsum einzudämmen. Damals wurde die Schließung aller Kneipen angeordnet, die öffentlich Stoff verkauften.
Ein durchgreifendes Gesetz jedoch wurde nicht erlassen. Und da harte Strafen nicht drohten, entfernten die Dealer lediglich die Schilder an ihren Läden, die auf den Drogenverkauf hinwiesen und verwandelten ihre kleinen Etablissements in Restaurants und Wirtshäuser. Das Geschäft eine weiter.
Das 1976er Gesetz aber hat den Handel und Wandel in der Freak Street voll getroffen. Im September betrugen die Einnahmen der Speiselokale und Gasthäuser, so der dort ansässige Surja Bahadur Thapa, noch 165 000 Mark: im November dürften sie auf 50 000 Mark zurückgehen.
Nach wie vor können die Hippies der Welt, die auf dem Flughafen von Katmandu eintreffen, ein Taxi oder eine Fahrradrikscha finden, die sie zur Freak Street bringen. Wenn der Fahrer den englischen Namen nicht versteht. braucht der Gast nur die rechte Hand zur Faust zu formen und sie, wie beim Inhalieren, zum Mund zu führen. Das bedeutet: Zur Freak Street. bitte.
Aber dort finden die Besucher ihre Genüsse nur noch schwer: Strenge Strafen schrecken die Händler ab. Selbst Hasch-Kaffee im "Del Nomaste Lodge" ist kaum noch zu haben.

DER SPIEGEL 49/1976
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