29.11.1976

Hau den großen Bruder

„Den Russen wollen wir"s mal zeigen“, sagen DDR-Sportler, wenn sie unter sich sind. 1980 in Moskau wollen sie erstmals im olympischen Medaillenspiegel ganz vorne stehen, auch vor den Russen.
Mit einem Ordenssegen überschüttete die DDR-Regierung jüngst besonders erfolgreiche Bürger. Ein peinlich verschwiegener Anlaß für die Auszeichnungen: Sport-Siege gegen die UdSSR.
Sportlich geriet die Staatspartei SED immer mehr in ein selbstverschuldetes Dilemma: Wie der Zauberlehrling steht sie vor der effektivsten Sportmaschinerie der Welt und kann nicht verhindern, daß sie auch sowjetische Athleten überrollt. Darunter beginnt die deutsch-sowjetische Freundschaft zu leiden.
Offiziell führen Honeckers Sport-Repräsentanten ihre sogar in der Verfassung festgeschriebene Treue zur Sowjet-Union ständig im Munde. Unter "ich aber geloben DDR-Stars einander: "Den Russen wollen wir"s mal zeigen."
Als das Ost-Berliner "Sportecho" kürzlich den erfolgreichsten DDR-Schwimmer Roland Matthes anläßlich seines Rücktritts würdigte, erfuhr der Reporter auch, wann Matthes seinen ersten Durchbruch geschafft hatte: "beim sogenannten Länderkampf der Freundschaft 1967 in Magdeburg".
Matthes erinnerte sich: "Ja, da spürte ich das Glück, zu siegen. ganz intensiv." Seine Trainerin Marlies Grobe ergänzte: "Ich hätte närrisch werden können vor Freude." Gegner war das UdSSR-Kollektiv gewesen.
Während die UdSSR heim Olympia in Montreal durch Einbrüche im Boxen, Schwimmen und in der Leichtathletik weniger Goldmedaillen (47) als 1972 in München (50) einheimste, verdoppelte die DDR die Zahl ihrer Olympiasiege auf 40. Nun erwarten viele DDR-Bürger, daß ihre "größte DDR der Welt" die Sowjet-Russen beim Olympia 1980 in Moskau überholt.
Ausgeschlossen ist das keineswegs. "Die Prognose ist nicht mehr abwegig, daß sich die DDR mit der Zeit auch vor ihren Lehrmeister UdSSR setzt", glaubt sogar Karlheinz Gieseler, der Generalsekretär des Deutschen Sportbundes (DSB).
Der Sport macht möglich, was DDR-Bürger sonst nicht ungestraft tun dürfen: tatkräftige Opposition gegen den großen Bruder üben. Viele Menschen in der SED-Republik empfinden Siege gegen Sowjet-Sportler mit besonderer Genugtuung. als Revanche für wirtschaftliche und politische Knebelung Sport dient insgeheim -- als Ventil für mannigfaltigen Arger über die UdSSR.
In der Sowjet-Union nehmen bereits Mißtrauen und Enttäuschung zu. Fehler "während der letzten Phase der Vorbereitung" entdeckte Sergei Pawlow, der Vorsitzende des Staatlichen Sportkomitees, als Ursachen für Mißerfolge in den wichtigsten olympischen Sportarten. Die Sportwissenschaft der DDR hat dagegen das Problem der Höchstleistungen offensichtlich gelöst: Die ostdeutschen Athleten vollbrachten sie am richtigen Tage, zur rechten Stunde.
Verträge zwischen den Sportorganisationen beider Länder verpflichten auch die DDR, den sowjetischen Genossen neue Erkenntnisse preiszugeben. Doch heim freundschaftlichen Austausch pflegen die DDR-Tüftler Zurückhaltung: Verspätete Informationen begründen sie mit der notwendigen, langwierigen Erprobung -- so beklagen sich sowjetische Funktionäre schon bei bundesdeutschen Freunden.
Oft sind die weitergegebenen Informationen dann schon überholt, oder die Umsetzung in die Praxis wird den sowjetischen Freunden vorenthalten. Dabei hätte die DDR Grund zur Dankbarkeit. Denn beim Aufbau ihres Sports benutzte sie sämtliche Grundlagen aus dem Erfahrungsschatz der Sowjets: Zur Erfassung von Talenten bauten die DDR-Sportplaner Kinder- und Jugendsportschulen. Sie gründeten Sportklubs, die nur Medaillenanwärter als Mitglieder aufnahmen.
"Für die Leichtathletik wußten wir daß wir nicht in der Lage wären", beklagte Anatolij Kolessow, der Vizepräsident des sowjetischen Sport-Komitees, in einem Interview mit der französischen Sportzeitung "L?Equipe", "mit den USA oder mit der DDR mitzuhalten." In der Leichtathletik siegten DDR-Sportler gegenüber sowjetischen Athleten in Montreal im Verhältnis von 11:4, im Schwimmen gar 11:1.
"Ehrlich, wir hatten mehr erwartet", gestand UdSSR-Sportchef Pawlow über die Bronzemedaille im Fußball: Gold war an die DDR-Kicker gefallen. Die sowjetischen Favoriten hatten im Vorfinale 1:2 verloren, weil sich die DDR-Mannschaft nach schwachen Leistungen in der Vorrunde gegen die UdSSR "gesteigert und ihre beste Leistung geboten" habe, wie die FDJ-Zeitung "Junge
Welt" feststellte. Schon beim ersten Start einer selbständigen DDR-Rudercrew 1966 im jugoslawischen Bled meldete das SED-Pflichtblatt "Neues Deutschland": "Für die sowjetischen Ruderer reichte es diesmal lediglich zu drei Silbermedaillen und einer bronzenen." Die DDR brachte fünf Medaillen an Land. darunter drei goldene.
In Montreal liefen 13 DDR-Boote vor den sowjetischen Freundinnen und Freunden auf Medaillen-Plätzen ein. Einzig der sowjetische Vierer mit Steuermann siegte vor der DDR.
Nach den Erfolgen der DDR-Schwimmer bei der ersten Weltmeisterschaft kündigte der sowjetische Schwimm-Trainer Waitschekowski 1973 an: "Wir werden noch in diesem Jahr in die DDR reisen, um dort zu lernen."
Doch in Montreal bekämpfte die DDR ihre sowjetischen Freunde sogar mit dem Regelbuch. "Durch einen Entscheid der Jury", berichtete die DDR-Presse, sei der Wurf der sowjetischen Diskus-Weltrekordlerin Faina Melnik "für ungültig erklärt" worden. Eine DDR-Werferin rückte statt dessen auf das Siegertreppchen nach. Daß ein DDR-Protest die Sowjet-Meisterin auch um ihre Silber-Medaille gebracht hatte, meldeten SED-Blätter nicht.
Sogar bei westlichen Rivalen kam statt Schadenfreude Bedauern über die ausgebootete Russin auf: Die Regel 181, auf die sich der DDR-Protest stützte, war noch nie in einem bedeutenden, internationalen Wettkampf derart sophistisch ausgelegt worden. Faina Melnik hatte das Anschwingen zu ihrem fünften Versuch zweimal unterbrochen und jeweils neu angesetzt.
Ein Kampfrichter winkte den Versuch mit der roten Fahne als ungültig ab, obwohl dazu nach Regel-Wortlaut ein Niederlegen des Gerätes gehört hätte. Der sowjetische Funktionär Leonid Chomenkov, Mitglied des internationalen Verbandes. setzte deshalb eine Wiederholung des Wurfs durch. Der Wiederholungswurf hätte Faina Melnik Silber eingebracht. Doch die DDR-Funktionäre bestanden darauf, diese Leistung nicht anzuerkennen.
"Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, nach Montreal aufzuhören",
* Ulrike Richter, Hannelore Anke, Andrea Pollack, Kornelia Ender.
verriet Faina Melnik später einem DDR-Reporter. "Aber die Niederlage spornt mich an ... bis zu den Olympischen Spielen 1980 in Moskau weiterzumachen."
Bisher hatte die DDR-Presse Disqualifikationen wegen erwiesenen Dopings niemals kritisiert, auch nicht, als die sowjetische Langläuferin Galina Kulakowa ihre Medaille beim Winter-Olympia in Innsbruck zurückgeben mußte. Dabei hatte sie eine zur Leistungssteigerung viel zu geringe Dosis eingenommen.
Als kürzlich jedoch zwei bulgarische und ein polnischer Gewichtheber nachträglich disqualifiziert wurden, widmete das Ost-Berliner "Sportecho" dem Vorfall einen Kommentar (Überschrift: "Manipulierung?"). Er unterstellte leichtfertigen Umgang mit den Urin-Proben und leitete daraus ab, es "muß als unangebracht betrachtet werden, Sportler -- so wie geschehen -- zu beschuldigen bzw. sie sogar bestrafen zu wollen". Diesmal stand zu erwarten, daß zwei Sowjet-Heber als Olympiasieger nachrücken würden.
Nach der Rückkehr aus Montreal feierte die DDR den Sieg des sozialistischen Lagers, in dem die meisten "einen erheblichen Leistungszuwachs zu verzeichnen" hätten -- so DDR-Sportchef Manfred Ewald. Zehn sozialistische Länder -- Jugoslawien gehörte für ihn dazu -- hätten in Montreal 61 Prozent aller Goldmedaillen errungen. Doch
in Wirklichkeit brachten neun Länder nur eine Medaille mehr als in München zurück. Den Erfolg dankt das sozialistische Lager allein der verdoppelten Goldquote der DDR.
Professor Dr. Horst Röder, Chef de Mission der DDR-Mannschaft in Montreal, versuchte die teilweisen Mißerfolge der UdSSR-Mannschaft zu erklären -- auf eine Weise, die sich leicht auf andere Bereiche übertragen ließe: "In einem so großen Land wie der Sowjet-Union ist es schon aus territorialen Gründen viel schwieriger, ähnliche organisatorische Prinzipien durchzusetzen und alle Talente zu erfassen" -- wie in der DDR Weitsprung-Olympiasiegerin Angela Voigt.
Nach Montreal übte die DDR stille Wiedergutmachung. Zum Europacup der Schwimmerinnen schickte sie ihre zweite Garnitur -- ohne die Olympiasiegerinnen. Dann feierte das "Sportecho": "Beide Europapokale an die UdSSR." Bei einem Länderkampf der Mehrkämpferinnen verzichtete die DDR auf ihre besten drei. Nun siegte die UdSSR.
Vor dem nacholympischen Leichtathletik-Dreiländerkampf in Warschau gegen Polen und die UdSSR antwortete UdSSR-Trainer Komarow einem DDR-Journalisten gereizt: "Wenn Sie uns die Aufstellung der DDR-Mannschaft sagen, bekommen Sie auch Informationen über unser Team."
Allen propagandistischen Bemühungen zum Trotz freuen sich DDR-Bürger nicht nur über Siege ihrer Athleten gegen Sowjet-Russen. Sie stehen anscheinend auch bei Wettkämpfen zwischen Russen und Bundesdeutschen auf der aus SED-Sicht falschen Seite.
Einen Hinweis auf die allzu deutsche Haltung der DDR-Jugend lieferte die FDJ-Zeitschrift "Forum". Dort schrieb der FDJ-Funktionär Dr. Walter Tews: "Wem gehören deine Sympathien beim Fußball BRD -- UdSSR? Die Antwort darauf spricht Bände, heißt für uns auch Arbeit, stundenlange Diskussionen, bis sich ein Effekt einstellt."
Auch das führt die DDR-Spitzengenossen zu leicht in ein Dilemma: Nachlassende Anstrengungen im DDR-Leistungssport würden nicht unbedingt mehr Sowjet-Siege bedeuten.
So mutet die DDR den sowjetischen Freunden noch mehr sportlichen Verdruß zu. Neuerdings beteiligt sie sich -- bau den großen Bruder -- auch im Bogenschießen an internationalen Wettkämpfen. In Montreal hatten Sowjet-Schützen noch zwei von sechs Bogen-Medaillen gewonnen.

DER SPIEGEL 49/1976
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