29.11.1976

Neue Musik: Zurück zu Chopin

Sie besingen die Sterne, wühlen im Matsch, lassen Fliegen fangen und ihr Publikum baden gehen. Doch das Publikum hat die Mätzchen der Neutöner satt. Tendenzwende? „Es wird“, so der Cellist Siegfried Palm, „wieder mehr Musik gemacht.“ Junge Tonsetzer forderten jüngst in Frankfurt sogar: „Laßt die Klänge klingen!“
Die musikalische Avantgarde hat keinen guten Klang mehr.
"Eine Musik, die auch nicht halt macht vor dem Schlamm", stellte der Deutsche Wolfgang Rihm kürzlich beim Donaueschinger Gipfeltreffen "für zeitgenössische Tonkunst" vor. Für die "Zeit" war das "Sub-Kontur" geheißene Getöse aus Blech und Pauken schlicht "ein Fäkalienstück".
Gleichfalls in Donaueschingen schrie und stöhnte eine Sopranistin nach Weisung des Franzosen Marc Monnet in einem Kasperltheater, fing Fliegen, pustete einen Ballon auf und hing sich, zum Muhen von Kühen, eine Glocke um den Hals.
Tonschöpfer Monnet zu seiner "Vocis Imago": "Das ist das Bild, aber welches Bild und welche Stimme, welche Stimme des Bildes, und dann all die Illusionen des Gesprochenen ... und auch des Echos, das Bild des Echos oder des Echos der Stimme oder das Bild des Echos der Stimme ..." Papperlapapp.
Fünfmal lud Karlheinz Stockhausen, Deutschlands Neutöner-Guru, kürzlich an die 300 Zuhörer ins Berliner Planetarium. "Für die Bewohner von Sirius", verkündete er unter dem Sternenhimmel, "ist die Musik die höchste Form aller Schwingungen. Die von mir komponierte Musik überträgt einige musikalische Form- und Gestaltungsprinzipien auf unseren Planeten."
Alsbald dröhnte allerlei elektronisches Ufo-Gesause um die Köpfe der irdischen Lauscher, und die Interpreten, in ihrer Weltraum-Kluft vom Meister exakt in die vier Himmelsrichtungen gestellt, hoben an, zu lallen und zu blasen.
"Wir erreichen den Fluß, Deutsche Oper.
"Hier", so ließ dazu der All-Mächtige predigen, "will Ich für alle künftigen Zeiten und Ewigkeiten Mir völlig ähnliche Kinder erziehen, die zusammen mit Mir dereinst beherrschen die ganze Unendlichkeit." Nach 62 Minuten endete Stockhausens Höhenflug "Sirius", den die Bundesregierung für die 200-Jahr-Feier der USA bestellt und bezahlt hat, in "kosmisch dimensioniertem Kitsch" ("Stuttgarter Zeitung").
Doch nicht jedem Klangkünstler kommt die Erleuchtung von oben. Um zu zeigen, "wie das Eis schmilzt -- wie die Zeit vergeht -- wie die Grasstücke absacken", ließ der Amerikaner Allan Kaprow hei der Bremer "Pro Musica nova '76" massenweise Rasenbrocken und Eisklötze "116 Meter in der Länge, in den Richtungen der Windrose" auf einer Wiese stapeln. Als dann das Eis krachte, das Gras rutschte und ein paar Geräusche vernehmbar wurden, empfand Kaprow die "Erfüllung in der Situation" und, anders als manche Zuschauer, den "Moment eines klaren Bewußtseins".
Manchmal geht die neue Musik auch richtig baden. Zur Aufführung seiner aus verschiedenen Sinustönen gemixten "Underwater Music" bat Kaprows Landsmann Max Neuhaus die Hörer ins Bremer Zentralbad, wo sie zum richtigen Empfang der vierstündigen Dauerwellen ein Ohr ins Naß tauchen und das andere in die Schwimmhalle richten mußten.
In seiner heim "Maggio Musicale" Florenz uraufgeführten Oper "La Partenza dell"Argonauta" ließ der römische Komponist Marcello Panni die Darsteller. teilweise in Nachthemden gewandet, schreiend in beidseitig neben der Bühne stehende Trüge voll Wasser oder, im Ensemble, unter Duschen springen. Mit dieser Planscherei, tönte Panni, könne die moderne Musik "wieder beim Nullpunkt anfangen".
Die komponierende Avantgarde muß wieder zur Besinnung kommen. Denn die Mätzchen zu Lande, zu Wasser und in der Luft sind fad, die einstigen Bahnbrecher müde geworden.
Ob beim Warschauer oder Steirischen Herbst, in Donaueschingen oder Royan, ob auf Studiobühnen, in Staatstheatern, Sendesälen oder den Nachtprogrammen des bundesdeutschen Hörfunks -- überall rauscht, zirpt, plärrt und scheppert Altbekanntes. Überall spucken Scharlatane große Worte, überall nehmen sich Kraftmeier mit diffusem Getön und mörderischem Krach wichtig.
Immer noch gelten Stockhausen, Kagel, Henze und Boulez als Vorbeter der Zunft. Aber Kagel, polemisierte die "Weltwoche", versteige sich "bisweilen zur infantilen Spielerei", und Stockhausen fungiere bei seinem "heute erreichten Stand der Verdummung" als "Ideologe eines Irrationalismus nachgerade schon faschistoider Tendenz".
Seit seiner Flucht ans Dirigentenpult hält sich Boulez mit Selbstgemachtem zurück, während der marxistische Schöngeist Henze immer noch seine narzißtische Vergangenheit bewältigt.
Unter dem Schirm dieser Hohenpriester tummeln sich die zahllosen Jünger. Kein Festivai, wo sie nicht lautstark den Schnee von gestern herumwirbeln. "Die jungen Leute", klagt der Komponist Yannis Xenakis, "benehmen sich wie Schmarotzer. Das meiste von dem, was sie machen, ist oberflächlich, und sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen."
Bei dieser Monotonie stumpft auch das gutwillige Publikum ab. Die Kundschaft der Neutöner droht zu einer Sekte selbsternannter Eingeweihter zu schrumpfen, die hinter jedem elektronischen Piepser den Atem der Musikgeschichte zu vernehmen glauben.
Selbst jenen Interpreten, die sich jahrelang unverdrossen mit den enormen Schwierigkeiten zeitgenössischer Partituren herumgeschlagen haben, verlieren langsam die Lust. Als der Komponist Michael Gielen in seinem Stück "Mitbestimmungsmodell" den Orchestermusikern weitgehend überließ, was sie tun und lassen wollten, wollten und taten sie wenig.
Bei diesem Ausstoß von "kompositonischem Tagesjournalismus" sieht "Die
* Neuhaus-Werk bei Radio Bremen.
Welt" die "musikalische Kulturrevolution" am Ende. "Die Avantgarde", bilanzierte der "Kölner Stadt-Anzeiger", "tritt auf der Stelle." "Die Zeit" über die Musik der Zeit: "Stagnation allenthalben."
Indes -- heimlich, still und leise setzen junge Komponisten, noch meist Außenseiter, zur Flucht in die musikalische Vergangenheit an. Eine Tendenzwende rückwärts wird unüberhörbar:
So verspürte die "New York Times" beim Festival in Tanglewood, dem Donaueschingen der USA, "eine frische Brise" nostalgischer Klänge und vernahm den "deutlichen Versuch, dem Ohr wieder zu schmeicheln".
Die "Neue Zürcher Zeitung" beobachtete einen ungewohnten Drang "zum "schönen" Klang, zur unverfremdeten Instrumentalwirkung und zu Werten der Tradition". Beim "Ersten Frankfurter Musikforum" forderten junge Tonsetzer sogar einen Rückgriff auf Wohllaut und Volksnähe der Wiener Klassik: "Laßt die Klänge klingen!" "Es wird", so Siegfried Palm, der Cello-Anwalt der Modernen, "wieder mehr Musik gemacht."
Selbst am Nabel der Avantgarde" in Donaueschingen. Dort fand jüngst das Cellokonzert des DDR-Komponisten Paul Heinz Dittrich, ein Stück in traditioneller Bauweise, voll melodischer Einfälle und effektvollem Solopart, begeisterte Zustimmung. Und der Pole Zygmunt Krauze ließ gar ein Klavierkonzert hören, das unverhohlen dem musikalischen Ahnherr des Landes huldigte: Zurück zu Chopin!

DER SPIEGEL 49/1976
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