29.11.1976

„Ich kann nicht Kultusminister werden“

SPIEGEL: Herr Kagel, an neuer Musik ist kein Mangel, wohl an Hörern dafür. Liegt das an der neuen Musik oder am dummen Publikum?
KAGEL: Ich glaube nicht, daß die Töne neu oder die Hörer dumm sind. Als die Leute, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, ausgehungert waren nach Informationen, haben sie auch das Zeitgenössische einfach mehr in Anspruch genommen. Heute ist das anders.
SPIEGEL: Heute redet die Musikwelt lieber über den Bayreuther "Ring" von Chéreau oder den "Zauberflöte"-Film von Bergman.
KAGEL: Das finde ich völlig normal. Der Anspruch, schon zu Lebzeiten die Verbreitung der "Zauberflöte" erreichen zu wollen, ist ungesund. Das bringt keine besseren Werke. Im Gegenteil: Man muß starrköpfig und ehrlich schreiben, alles andere führt zu Banalitäten. Hätte ich nur in der Hoffnung komponiert, möglichst viel aufgeführt zu werden, wäre ich heute nicht Kagel.
SPIEGEL: So sind Sie ein Kagel für die Elite -- ist das gesund?
KAGEL: Ich kenne keine elitäre Musik. Ich kenne nur Verbreitungsformen und Kulturinstitutionen, die Erben des 19. Jahrhunderts sind und immer noch alles in elitäre Kanäle lancieren.
SPIEGEL: Beispiele, bitte.
KAGEL: Wenn eine Musik von mir in einer neo- oder pseudotonalen Sprache, die viele Menschen verstehen würden, statt um 19.30 Uhr um 23.10 Uhr gesendet wird, dann bin ich an diesem Zustand nicht schuld. Mit dieser automatischen Ausschaltung des Hörvolks habe ich nichts zu tun. Auf diese Weise wird die Musik elitarisiert.
SPIEGEL: Haben aber diese Kulturbeamten nicht die Masse des Publikums hinter sich?
KAGEL: Die Verbreitung von dem, was wir machen, könnte durch dynamischere Institutionen gefördert werden. Aber das geschieht nicht, weil die jetzigen Institutionen einen Identitätsverlust und einen Verlust an direkten materiellen Möglichkeiten fürchten.
SPIEGEL: Hat denn Ihr Kollege Henze nicht deshalb beachtliche Resonanz, weil er vergleichsweise traditionell komponiert?
KAGEL: Ich kenne das Werk Henzes zu wenig, um das zu beurteilen. Er hat die eminent bürgerlichen Formen wie Oper, Ballett gepflegt, was den Betrieb in Gang hält, und dafür den hohen Preis eines betonten Eklektizismus bezahlt. Dieser Weg ist doch klar.
SPIEGEL: Führt vielleicht ein Weg über das politische Engagement eines Komponisten, wie bei Luigi Nono, der in Italien Musik für Arbeiter schreibt?
KAGEL: Das Anprangern der Misere in der Welt und das Verkleiden dieser Misere mit Musik hat mit Politik nichts zu tun. Die Brisanz eines Werkes hängt von der politischen Situation eines Landes, nicht vom Werk ab: Tschaikowskis Ouvertüre "1812" kann in einem afrikanischen Staat eine Revolution entfachen und hierzulande verpuffen. Ich finde es merkwürdig, daß man -- wie Nono -- Musik für die Arbeiterschaft schreiben will und dabei eine Musiksprache wählt, die tatsächlich nur die große Elite der neuen Musik versteht.
SPIEGEL: Also doch elitär, kompliziert, unverständlich?
KAGEL: Die Werke, die eine Musiksoziologie der zeitgenössischen Musik rechtfertigen, habe ich geschrieben, nicht Nono und nicht Henze.
SPIEGEL: Und Nono irrt?
KAGEL: Mit pseudo-progressiven Kantaten erreicht man nichts. Das ist ein kulturpolitischer Kurzschluß, das ist naiv. Die Arbeiterschaft von Venedig versteht das nicht und will nichts davon wissen.
SPIEGEL: Versteht die Arbeiterschaft von Köln Mauricio Kagel?
KAGEL: Die Arbeiterschaft dieser Stadt ist in wenige große Betriebe wie Ford, Klöckner-Humboldt-Deutz, Bayer konzentriert. Einige dieser Betriebe haben Kulturabteilungen, die mächtiger sind als viele mittelgroße Städte. Um die Arbeiter dieser Betriebe zu erreichen, muß man zu den Arbeitern gehen. Es ist Hochmut zu glauben, sie kämen zu uns, denn sie werden von all den Institutionen abgeschreckt, die die Kultur des 19. Jahrhunderts repräsentieren.
SPIEGEL: Gehen Sie denn zu den Arbeitern?
KAGEL: Ich kann mich nicht um aktive Kulturpolitik kümmern, kann nicht Kultusminister werden. Wann soll ich Musik schreiben?
SPIEGEL: Wenn man nun zu den sogenannten Leuten ginge?
KAGEL: Das Problem ist, daß diese Leute, wenn man sie wirklich einmal erreicht hätte, das Fernsehen einschalten und dann viel glücklicher sein würden als mit der Musik von Mauricio Kagel. Das hat mit der Sehnsucht nach idealer Entspannung zu tun -- eine Folge der Existenzangst der Menschen in dieser Gesellschaft.
SPIEGEL: Ihr Freund, der Cellist Siegfried Palm, hat gesagt: "Es wird wieder mehr Musik gemacht." Haben Sie demnach jahrelang bloß Krach produziert?
KAGEL: Sicher nicht. Palm wollte wohl sagen, daß durch tonalitätsbezogene Elemente und eine Pseudo-Tonalität vieles möglich geworden ist auf eine kommunikative Weise, die sehr direkt ist. Nicht mehr.
SPIEGEL: Glauben Sie an eine Rückkehr der Komponisten zu C-Dur und Dreiklang.
KAGEL: Das ist nicht nur denkbar, das ist schon geschehen.
SPIEGEL: Mit Harmonie zurück zum großen Publikum?
KAGEL: Arnold Schönberg hat schon vor über 60 Jahren gesagt, daß ein C-Dur-Dreiklang eines der komplexesten Ereignisse in der Musik ist. Deshalb muß man sehr ökonomisch damit umgehen.

DER SPIEGEL 49/1976
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