29.11.1976

Mond vom Magneten

TV-Bildstörungen als Kunstprinzip: Video-Pionier Nam June Paik stellt in Köln aus.
Der Mond ist aufgegangen, und zwar massenweise. Gleich elfmal leuchtet, in wechselnden Phasen, das Image des Trabanten von einer Bildschirm-Reihe in den dunklen Raum -- ein stimmungsvolles, sinniges Arrangement zum Fern-Sehen. Denn der "Mond", so betitelt der koreanische Künstler Nam June Paik seine Inszenierung, "ist das älteste TV".
In diesem Fall zählt das Gestirn zu den Sachen, die man getrost auch mal belachen darf. Halb oder ganz zu sehen, immer ist es nur ein Blendwerk des Kunst-Erfinders Paik. Ohne Kamera, Film oder Videoband hat er das Bild durch bloße technische Manipulation auf die Monitoren getrickst.
Das ist, wie Paik, 44, es versteht, nichts anderes als zeitgemäße Malerei, Musik und Collage-Kunst in einem. Schon 1965 hat er vorausgesagt, "eines Tages" würden "Künstler mit Kondensatoren, Widerständen und Halbleitern arbeiten wie heute mit Pinsel, Violinen und Abfall". Nun denn, für Paik ist dieser Tag gekommen.
Paik-Arbeiten in anderen Techniken, wie sie der Künstler früher hervorgebracht hat und wie sie jetzt in der bislang größten Paik-Werkschau beim Kölner Kunstverein* mit ausgestellt sind, haben deutlich Patina angesetzt -- seien es ramponierte, mit allerlei Kleinkram benagelte Klaviere, sei es eine Presse-Lese zum Tod der Marylin
* Bis 9. Januar, Katalog 168 Seiten; 20 Mark.
Monroe. Aktuell nimmt sich alles aus, was mit Fernsehen und Videotechnik zu schaffen hat.
Das ist, außer der "Mond"-Installation, etwa ein Set von acht "TV-Aquarien": Durch Glaskästen mit lebenden Goldfischen blickt der irritierte Besucher auf wunderschön bewegte Video-Bilder wiederum von Fischen, dann auch von Flugzeugen oder ziehenden Wolken.
Ein anderes Stück rahmt die live auf einen winzigen Monitor übertragene Straßen-Szene durch eine gravitätische Fernsehtruhe ("Zenith"); ein weiteres konfrontiert einen Abguß der Rodinschen "Denker"-Skulptur seinem Video-Abbild, ebenso einen Buddha dem seinen und stellt drittens beider Bildschirm-Porträts einander gegenüber.
Da kann man, durch Tritt auf ein Pedal, ein Fernseh-Bild bizarr verformen, dort läuft eine Paiksche TV-Produktion aus Show- und Interview-Sequenzen in unablässig changierenden Farbtönen und Silhouetten.
Für den Künstler, einen freundlichen Herrn mit roten Samtpantoffeln und wollener Magenbinde, sind so, teils spaßhaft, diverse Erkenntnis-, Medien- und Kommunikationsfragen eingefangen, von denen er sich als Pendler zwischen den Disziplinen und Kontinenten unmittelbar betroffen fühlt.
Paik, der außer genuscheltem Einfach-Englisch und -Deutsch sowie seiner koreanischen Muttersprache noch Japanisch, Chinesisch und Französisch meistert, hat Verständigung als Problem empfunden, seit seine wohlhabende Familie 1950 kriegshalber aus Seoul nach Tokio übersiedelte. 1956 kam er dann für sieben Jahre nach Deutschland, die Zeit seit 1964 hat er überwiegend in New York verbracht.
Was Paik unterdes an Künsten trieb, ging von der Musik aus, die er schon in Tokio und dann weiter an deutschen Hochschulen (München, Freiburg) studierte. In sie ließ er neben elektronischen Klängen auch Aktion einfließen, bisweilen gewalttätige: "Das Klavier ist ein Tabu. Es muß zerstört werden", erklärte Paik und handelte danach.
Ferner blieb die Paik-Auffassung, eine Kombination so "hübscher Dinge" wie Musik und Sex müsse ähnlich erquickend wirken wie die von "Frankfurter Würstchen und Bohnen", nicht ohne Folgen. Ihr berühmtester Interpret wurde die amerikanische Cellistin Charlotte Moorman, die in Paik-Aktionen (ab 1964) häufig topless auftrat.
Grenzüberschreitungen von Hör- zu Sichtbarem hatte Paik auch schon 1963 in der Wuppertaler Galerie Parnass mit einer "Exposition of music" demonstriert, zu der etwa die nun in Köln gezeigten Klaviere gehörten. Und in einem Extraraum war, wenig beachtet, ein Grundstock der fortan wichtigsten Paik-Produktion zu besichtigen: elf Fernseher mit planvoll, jeweils anders gestörtem Bild.
Paik. damals im Musikstudio des Westdeutschen Rundfunks aktiv, hatte Prinzipien der elektronischen Klangmanipulation ins Bildliche übertragen. Der Künstler, der unter "etwas Lebensgefahr" zum versierten Elektronik-Bastler wurde, zog sich mit gebrauchten TV-Apparaten in ein Geheimatelier zurück und entwickelte unter anderem "ein Gerät mit einem Mikrophon, so daß sich die Fernsehzeile bewegte, wenn man sprach". Joseph Beuys, berichtet Paik, habe eine ganze Nacht damit gespielt.
Später in Amerika baute Paik mit dem japanischen Ingenieur Shuya Abe einen "Video-Synthesizer", der von einem großen Schaltpult aus die mannigfaltigsten Verfremdungen des Fernsehbildes erlaubt. Ausstellungsbesucher brachten den Künstler darauf, daß auch Magneten kräftig dazwischenfunken können.
Paiks ganzes Trachten dabei war genau konträr zu dem der Fernsehprofis: Er führte Störungen ein, gegen die sie ihre Geräte gerade abzuschirmen suchten, so daß das 1965 erdachte "Mond"-Stück mit Fernsehern von heute nicht mehr möglich wäre. In erklärter Parallele zur abstrahierenden Malerei geht Paik -- um die Elektronik "bewußter für die Problematik des Quellenmaterials zu machen" auf "niedrige Wiedergabetreue" aus.
Ein typisches, dabei populäres Ergebnis Paikscher Videoproduktion ist das Band "Global Groove", das auch schon mehrfach über öffentliche US-Stationen gesendet worden ist. Es bietet genug an flotten, psychedelisch entstellten Tanz- und Gesangsnummern, um tatsächlich etwas wie einen "globalen Rausch" zu simulieren und auch seriöse Einsprengsel mit Statements von Charlotte Moorman oder dem Paik-Anreger John Gage ohne Langeweile zu verkraften. Nur: daß solcher Elektronik-Wirbel, der zur Not auch aufgeschlossenen Show-Regisseuren zugänglich wäre, die Kunst der Zukunft sein soll, mag man nicht glauben.
Da sagt Paik rasch: "VT (Videotape) ist nicht TV" -- nicht auf das Produkt, auf den Prozeß kommt es ihm an und auf das Medium selbst mit seinen Tücken und Chancen.
Deswegen hat er auch der Rockefeller Foundation eine "Medienplanung für das nachindustrielle Zeitalter" entworfen, in dem statt Energie die Information entscheidend werde. Deswegen knobelt er an dem Projekt eines "multilateralen Informationszentrums" -- damit gleichsam nicht immer Buddha nur den Denker, sondern der Denker auch den Buddha anschaut.
Einen anderen Blick zurück hat Paik schon jetzt provoziert: Der WDR, bei dem er einst zu experimentieren angefangen hat, dreht einen Fernsehfilm über den Videokünstler.

DER SPIEGEL 49/1976
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