29.11.1976

„Des hat uns grad ne g?fehlt!“

Zum 200. Geburtstag Hölderlins, 1970, hielt Martin Walser vor der Hölderlin-Gesellschaft in Stuttgart einen Vortrag des Titels "Hölderlin zu entsprechen", in dem er bekannte: "Ich habe das Gefühl, ich hätte jetzt unendlich viel über Hölderlin gelesen. Aber eh habe dadurch nur erfahren, daß jeder Versuch, diesen Dichter durch mehr als das dankbare Gefühl zu verstehen, gefährdet wird von zuwenig oder zuviel Unmittelbarkeit. Offenbar ist es wirklich schwer, diesen Gedichten gegenüber weder zu befangen noch zu kühn zu werden."
Peter Härtling kennt diesen Vortrag auch, aber nicht Walsers Skrupel. Kühn, zu kühn nannte er also seinen neuen Roman "Hölderlin"*. Nicht "Diotima" (das gab es schon einmal), licht "Scardanelli" (so überschrieb Stephan Hermlin 1970 ein Hölderlin-Hörspiel), nicht "Bellarmin" oder sonstwie, nein, so lapidar wie möglich: "Hölderlin". Dieser Titel erhebt einen Anspruch, dem kein Autor genügen könnte.
* Peter Härtling: "Hölderlin. Ein Roman". Luchterhand Verlag Darmstadt. 604 Seiten; 32 Mark.
Der Erfolg aber, den Härtlings Buch hat, scheint ihm und seiner Unbefangenheit erst einmal recht zu geben. Die Deutschen verlangen offenbar immer noch nach Hölderlin, allerdings auch immer noch nach einem präparierten, einem dem Zeitgeist angepaßten Hölderlin. Und kein anderer Dichter läßt sich anscheinend so leicht für jede Laune des Zeitgeists reklamieren.
Nun, was für ein Hölderlin ist 1976 gefragt und geboten? Rekapituliert man das Verhältnis der Deutschen zu Hölderlin -- wie das der französische Germanist Robert Minder in seinem Essay "Hölderlin unter den Deutschen" unternommen hat -, kommt einem leicht das Gruseln. Einerseits von Anfang an als deutschester unter den deutschen Dichtern gefeiert und gleich auch so etwas wie Religionsersatz, waren Ablehnung und Verkennung andererseits seine ständigen Begleiter.
Das begann mit Goethe, der Hölterlein -- so schreibt er den Namen in einem Brief an Schiller! -- riet, doch lieber kleinere, niedliche Gedichte statt der ausufernden hymnischen zu verfertigen. Und das ging weiter mit Friedrich Theodor Vischer, der über Hölderlin befand: "Sein Geist hatte zu wenig vom Harten; es fehlte ihm als Waffe der Humor; er konnte es nicht ertragen, daß man noch kein Barbar ist, wenn man Philister ist" (Nietzsche hat Vischer darauf beißend geantwortet: "Ersichtlich will der Ästhetiker uns sagen: Man kann Philister sein und doch Kulturmensch ...").
Nach den Philistern waren es die Übermenschen, die Elitebewußten, in deren Hände Hölderlin fiel: Vor allem der George-Kreis stilisierte ihn zum entrückten deutschen Parsifal; und nachdem sein erster wissenschaftlicher Editor, Norbert von Hellingrath, vor Verdun gefallen war, avancierte Hölderlin zum Symbol des vaterländischen Opfertodes.
Als dieses mußte er noch einmal im 2. Weltkrieg herhalten, wo die Landser neben der Feldpostausgabe von Rilkes "Cornet" auch die des "Hyperion" im Tornister nach Rußland schleppten. im festen Glauben, Hölderlins Welt gegen die anstürmenden bolschewistischen Barbaren zu verteidigen. Aber sie fielen nicht für Hölderlins Vaterland, sondern für den faschistischen Führer, dem Hanns Johst zum 50. Geburtstag aus dem "Hyperion" zitieren mußte.
Freilich, auch Stauffenberg berief sich auf Hölderlin, als er die Waffe gegen Hitler richtete, aber auch das Vaterland, das er und seine Freunde wollten, hätte mit dem Hölderlins (der geschrieben hatte, es sei "die erste Bedingung alles Lebens und aller Organisation, daß keine Kraft monarchisch ist") aber auch gar nichts zu tun gehabt.
Selbst als alles in Scherben lag, 1945, ging noch ein Sturm der Entrüstung durch das deutsche Bildungsbürgertum, als Günter Eichs Gedicht aus dem Gefangenencamp bekannt wurde, in dem sich Hölderlin auf Urin reimte. Da zog man doch Heideggers Hölderlin-Geraune vor, den Seher wollte man sich auf keinen Fall rauben lassen -- und sei es nun auch einer des Untergangs.
Mit dem vermeintlich revolutionären Aufbruch von 1968 änderte sich prompt auch das Hölderlin-Bild: Jetzt entdeckte man plötzlich (mit Hilfe des französischen Germanisten Pierre Bertaux) den Jakobiner Hölderlin, und der "schönheitstrunkene Schwärmer" (Eduard Spranger) wurde abserviert.
Peter Weiss benützte Hölderlin in seinem gleichnamigen Theaterstück sogar als ideologiekritische Keule gegen Goethe, Schiller, Hegel und Fichte -- und man merkte nicht, daß der von ihm zum "linken Schmerzensmann" (Reinhard Baumgart) umfrisierte Hölderlin nur eine neue Variante des alten idealistischen Hölderlin-Bilds darstellte.
Weiss ging dabei übrigens von einem Thomas-Mann-Satz aus, der besagt, "gut werde es erst stehen um Deutschland, und dieses werde sieh selbst gefunden haben, wenn Karl Marx den Friedrich Hölderlin gelesen haben werde". Was Weiss übersah: daß Thomas Mann 1928, als er das im Aufsatz "Kultur und Sozialismus" schrieb, mit Hölderlin die "konservative Kulturidee" gegen den "revolutionären Gesellschaftsgedanken" von Marx gestellt hatte -- die angepeilte Synthese war nicht als revolutionäre gedacht.
Und nun also ein Hölderlin von 1976. Wie ist er beschaffen, acht Jahre nach 1968, in der Zeit des postrevolutionären Katzenjammers? Konzentriert Härtling sich vor allem auf den verhinderten, gescheiterten Revolutionär, der sich vor der deutschen Misere "in die heilige Nacht des Wahnsinns gerettet" hat (wie es 1839 Georg Herwegh formulierte, der die eine Ausnahme in der Hölderlin-Rezeptionsgeschichte des 19. Jahrhunderts darstellt), oder auf den Privatmann und Poeten, den Liebhaber und Freund? Ist Hölderlin ein neues Innerlichkeitsrätsel oder eine reine Kunst- und Spielfigur Peter Härtlings?
Die Antwort lautet: Er ist von alledem etwas, Härtling hat alles, was die Quellen hergeben, benützt, aber hauptsächlich ist Hölderlin ein Landsmann Peter Härtlings. Sein Buch beginnt so: "Am 20. März 1770 wurde Johann Christian Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren -- ich schreibe keine Biographie. Ich schreibe vielleicht eine Annäherung." Annäherung, was immer das heißen mag, sicher ist, daß Annäherung nur auf einer gemeinsamen Ebene stattfinden kann -- und die ist für Härtling im Falle Hölderlins eine geographische, landsmannschaftliche.
"Wie er geatmet hat, weiß ich nicht", bekennt Härtling auf der ersten Seite, dabei ließe sich das wohl noch am leichtesten vorstellen, -- aber wie er in Nürtingen gelebt und gedacht hat, das glaubt Härtling zu wissen, denn: "In Nürtingen habe ich dreizehn Jahre lang gelebt, länger als Hölderlin!"
Mit Tübingen ist Härtling schon vorsichtiger: "Hölderlins Tübingen war ein anderes als meines." Aber doch nicht ganz so anders: "Mein Blick hat vielleicht eine ähnliche Herkunft und Erinnerung: Er mißt das Neue an dem, was er kennt. Und das kenne ich auch: die Silhouette der Schwäbischen Alb von Nürtingen, von Tübingen aus." Manche der Städte, in denen Hölderlin lebte, kennt Härtling nicht, wie er freimütig bekennt. Jena zum Beispiel, aber soviel weiß er doch: "Die Stadt glich Tübingen nicht."
Dafür hat Härtling wiederum eine andere Gemeinsamkeit mit Hölderlin, auf die er stolz ist, nämlich den Dialekt. Nun will es das Pech. daß Hölderlin nie im Dialekt gedichtet hat, es bleiben Härtling für diesen also nur Floskeln wie "i woiß" oder "i woiß net" oder "des hat uns grad no g"fehlt", die er gleichmäßig über die 600 (!) Seiten seines Buches verteilt.
Wenn Hölderlin "albert" (wo Härtling dieses Wort wohl im Schwäbischen gehört hat?) und sich als Student beim Tübinger Lammwirt besäuft, muß er natürlich schwäbeln: "Woisch, Neuffer, jetzt könnt i in hohem Boge d'r Berg nonter bis in de Neckar brunze."
Die einzig authentisch überlieferten Dialekt-Sätze Hölderlins läßt Härtling natürlich nicht aus; sie stammen von dem kranken Dichter im Tübinger Turm, bei dem eine Frage nach Diotima einen Übertragungsmechanismus auslöste: "Ach meine Diotima! Reden Sie mir nicht von meiner Diotima; dreizehn Söhne hat sie mir geboren: der eine ist Papst, der andere Sultan; der dritte Kaiser von Rußland. Ond wisset Se, wies no ganga ischt? Närret isch se worde, närret, närret, närret." Daß der Dialekt, der hier als erlittene grauenvolle Gegenwart in die Traumwelt einbricht, nach den von Härtling erfundenen Dialektszenen schon seine Überraschungs-Gewalt verloren hat, ja, von deren Albernheit angesteckt wird, fiel Härtling nicht auf.
"Reden Sie mir nicht von meiner Diotima!" Daß sich ein Härtling daran nicht halten kann, war zu befürchten, zumal Erotik und Sexualität wieder einmal Erfahrungen sind, die er glaubt mit Hölderlin gemeinsam zu haben. Und also läßt er Hölderlin zusammen mit Susette Gontard Diotima zunächst eine Beschreibung der Fiordimona im "Ardinghello" lesen, danach Susette Hölderlins Hand zu ihrer Brust führen (auch alle Frauen, die Hölderlin früher begegneten, hatten jeweils seine Hand zu ihrer Brust zu führen) und fragen: "Sind sie wie die von Fiordimona?" "Nein", antwortet Hölderlin. Ist sein Verlangen nach ihr also nicht groß genug? Doch, aber "die angespannte Stille, die sie ihm entgegenhält, ist stärker"! Dabei ist Diotima pflichtgemäß "erhitzt, ihr Haar hat sich aufgelöst" -- aber es hilft alles nichts.
Später, schon auf der langen Wanderung nach Bordeaux, nimmt eine französische Bäuerin Hölderlin in ihrem Hause auf, weckt ihn aber in der Nacht: "Mach"s, sagt sie. Er schüttelt den Kopf ... Warum macht euch der Krieg alle zu Steinen? Ja, wir sind Steine, sagt er ... Steine, flüstert sie, verdammte Steine."
Auch Auguste von Hessen-Homburg hat bei Hölderlin kein Glück, aber: "Aus ihrem unerfüllten Begehren abstrahierte sie ihren Hyperion, er seine Diotima." Wie da, aus Augustes Begehren Hölderlins Diotima? Wieder einmal kann etwas nicht stimmen, wie so oft in diesem Buch.
Weil es Härtling gelegentlich selbst auffällt, daß es mit der Annäherung nicht so glatt klappt. wie er es gerne hätte, unterbricht er sich immer wieder einmal, um treuherzige Fragen zu stellen: "Ist so Leben? Kann ich es so beschreiben? Erreiche ich ihn, wenn ich ihn denke und wie von selbst in seine Gedanken gelange?" oder: "Wäre es nicht sinnvoller, ein Tagebuch zu schreiben?" Aber das sind nur gespielte Zweifel, und es geht danach jedesmal um so unaufhaltsamer und wie von selbst weiter.
Härtlings Prosa hat man flott, lebendig, gekonnt, einfühlsam und sogar virtuos genannt -- als ob das nicht lauter Todesurteile wären für ein Buch, das "Hölderlin" heißt! Tatsächlich ist diese Prosa meist nur schlicht, allerdings verschmockt schlicht, peinlich preziös, und am liebsten ist sie platt, platt wie Sonntags-Reden.
Was tut bei Härtling die Orgel? Sie braust. Was der Krieg? Er hinterläßt seine Spuren. Was die Wunde? Sie schließt sich nicht. Was die Zeit? Sie reißt auseinander oder bringt zusammen. Was ist die halbe Stadt? Auf den Beinen.
Wenn Hölderlin "aufgewühlt" ist, ist es sofort auch das Meer ("So antwortete die Natur ... seinem Befinden"), wenn Hölderlin Schiller trifft, werden wir belehrt: "Größe ist nicht unbedingt sichtbar", wenn Hegel auftaucht, geht es nicht ohne die Mitteilung ab, er sei "der wichtigste Denker seiner Zeit" geworden, wenn Revolutionäre auftreten, versichert Härtling: "Hölderlin stand zwischen den reinen Denkern und denen, die handeln wollten", und wenn es von Hölderlin heißt: "Manchmal war er ohne Grund den Tränen nah" (ein
* Aquarell von Martha Jelin um 1850.
Satz, der mich an einen aus dem alten Brehm erinnert: "Manchmal reißt das Nashorn ohne jeden Grund den Boden bis zu drei Metern auf"), dann weiß man, aha, jetzt wird der Dichter bald in Umnachtung versinken.
Hölderlin wird von Härtling auch, weil offenbar Ausgewogenheit sein muß, manchmal schulmeisterlich gerüffelt, so wenn er als Schüler ein devotes Gedicht auf das zu Besuch weilende herzogliche Paar verfaßt ("So mag ich ihn nicht"), wenn er bei Frauen nicht zur Tat schreitet ("Wieder idealisierte er die Geliebte, um ihr fernbleiben zu können") oder wenn er Onanie für ein gefährliches Laster hält ("Er konnte es nicht besser wissen, weil es seine Zeit nicht anders wußte, wissen wollte").
Will man Härtling trotz alledem wohl und sucht nach einer Erklärung, was ihn bewogen haben mag, diesen "Hölderlin" zu schreiben, so findet man sie vielleicht in den bekenntnishaften Sätzen: "Ich will ihn nicht als Helden, und dennoch ist er eine Ausnahme. Deshalb kümmere ich mich so nachdrücklich um seinen Alltag."
Härtling will also Hölderlin verwendungsfähig machen und ihm dennoch seine Größe lassen, er will diese aus seiner Lebensbedingung ableiten, denn alles hat Ursachen -- auch ein Hölderlin-Gedicht.
Und hier beginnt Härtlings Denkfehler. Denn so unbestreitbar richtig diese Überlegung auch ist, so sicher ist es auch, daß sich der Weg von einem Hölderlin-Gedicht zurück zu seiner Verursachung nie mehr anders beschreiben läßt als durch eben dieses Gedicht selbst.
Das Ergebnis von Härtlings Unternehmen ist deshalb keine Erklärung Hölderlins, sondern seine permanente Verkleinerung: Hölderlin wird zu einer Figur wie du und ich.
An den ebenfalls dichtenden Pfarrersfreund Neuffer schrieb Hölderlin einmal: "Dein Selbstgefühl ruht auch noch auf anderer glücklicher Tätigkeit, und so bist du nicht vernichtet, wenn du nicht Dichter bist." Diesen Satz hat Härtling, dessen Selbstgefühl ja auch noch auf so viel anderer Tätigkeit als Dichten beruht, nicht kapiert.
Hölderlin kennt sich (und sein Gegenüber) erst im Gedicht, er (es) existiert nur da. Wirkliche Annäherung an Hölderlin ist also nur möglich, wo die gleiche existentielle Situation besteht, nicht durch Identifikation. Mit Hölderlin kann man sich sowenig identifizieren wie mit Mozart oder wie mit Pflanzen (an Neuffer und Diotima hat Hölderlin von seinem "Pflanzenleben" geschrieben).
Robert Walser, dem auch das Pflanzenhafte nachgesagt wurde und der sich wie Hölderlin in der zweiten Hälfte seines Lebens in die Krankheit rettete, hat 1928 in seinem "Geburtstagsprosastück" geschrieben: "Hölderlin hielt es für angezeigt, d.h. für taktvoll, im vierzigsten Lebensjahr seinen gesunden Menschenverstand einzubüßen, wodurch er zahlreichen Leuten Anlaß gab, ihn aufs unterhaltendste, angenehmste zu beklagen."
Der Satz sagt mehr über Hölderlin aus als dicke Hölderlin-Bücher -- und auch etwas über die Rolle des jeweiligen Peter Härtling -- morgen heißt er schon wieder anders -- vor Hölderlin. Man ließe so einen Peter Härtling viel lieber angenehm unterhaltend weiter klagen, wenn er sich einen anderen Gegenstand als gerade Hölderlin zum Antrieb seines Prosamotors wählen würde.
Von Peter Hamm

DER SPIEGEL 49/1976
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