29.11.1976

FRAUEN-PRESSEKampf um Emma

Zwietracht säte Alice Schwarzers geplante Frauenzeitschrift schon vor ihrem Erscheinen. Eine starke Gruppe in der Frauenbewegung verhängte Informationsboykott.
Frißt die Emanzipation ihre Kinder -- als erstes ihr Wunderkind Alice Schwarzer?
Zumindest brodelt es in der Bewegung, seit die Bestseller-Autorin ("Der kleine Unterschied", 140 000 verkaufte Exemplare) mit ihrem Projekt ernst macht, eine auflagenstarke Zeitschrift "von Frauen für Frauen" auf den Markt zu bringen.
Eröffnet wurde die Diskussion von der West-Berliner Frauenzeitschrift "Courage". "Mit den immer zahlreicher werdenden Frauenprojekten", hieß es dort Mitte Oktober, tauche ein Problem auf, das zwar in der Frauenbewegung neu, ansonsten aber so alt sei wie der Kapitalismus: "die Konkurrenz".
Bislang haben sich alle Publikationen, die aus der Frauenbewegung kamen, mit kleinen Auflagen und einem an Insiderinnen orientierten Markt, abseits der großen Medien, begnügen müssen. Zum Beispiel "Mamas Pfirsiche" mit dem Schwerpunkt Literatur, "Clio", eine "periodische Zeitschrift zur Selbsthilfe", ferner die "Lesbenpresse" und die "Hexenpresse" sowie eine Reihe von selbstgemachten Informationsblättchen einzelner Frauengruppen.
Alice Schwarzer ging, mit einem Startkapital von 200 000 Mark aus verdientem und erpumptem Geld, gleich in die Vollen: "Emma" -- so der Titel des geplanten Magazins -- soll mit 200 000 Exemplaren Auflage, 64 Seiten stark, allmonatlich zum Preis von drei Mark an den Kiosken hängen, erstmals Ende Januar 1977.
"Die anderen Publikationen". so grenzt die Jungverlegerin ihr Objekt gegen bislang übliche Bewegungs-Blätter ab, "werden überwiegend von nichtprofessionellen Frauen gemacht, verharren mehr in dem, was die Bewegung im engeren Sinn ist, richten sich nicht so sehr nach außen." Dagegen wolle sich "Emma", nach dem Vorbild der amerikanischen "Ms.", in die harte Konkurrenz des Medien-Marktes begeben. Dort freilich ist nun die "Courage" schon vorgeprellt; das Blatt wird mit einem ähnlichen Konzept vertrieben -- und wurde vom Erfolg geradezu überrumpelt. "Courage" konnte seine Auflage innerhalb von drei Nummern von 12 000 auf 22 000 steigern.
Auch die Zielgruppe ist offenbar die gleiche wie bei dem Projekt der Alice Schwarzer." Emma" will "Frauen schlechthin" ansprechen, "vor allem die, die sich sagen, irgendwie haut"s nicht mehr hin, ich fange an. sauer zu werden". Die West-Berliner "Courage" möchte sich auch "jenen mitteilen können, die noch nicht aktiv in der Bewegung sind, aber doch ihre Situation ändern wollen" -- wahrhaftig ein kleiner Unterschied, wenn überhaupt einer.
Unterdes wird das Schwarzer-Vorhaben von Feministinnen mit Mißtrauen verfolgt. Eine starke Gruppe in der Frauenbewegung hat "bis zum Erscheinen der Nummer eins" zum Informationsboykott der "Emma"-Redaktion aufgerufen. Aktionsziel: Es gelte, "für Alice Schwarzers Projekte nicht weiter instrumentalisiert zu werden".
Die Schwarzer-Gegnerinnen beanstanden unter anderem, daß die "Emma"-Chefin einen Rundbrief mit der Bitte um Material, Ideen, Anregungen, Beiträge und "nicht zuletzt Geld" an die Frauenzentren geschickt habe, ohne daß den Zulieferinnen die Möglichkeit gegeben sei, ihrerseits Einfluß auf das Blatt zu nehmen.
Dazu Alice Schwarzer: "Wir informieren, wir stellen uns, wir wollen das Ding nicht stur durchziehen, aber wir öffnen doch nicht allen Tür und Tor. die eine andere Meinung haben." Es gebe verschiedene politische Strömungen innerhalb der Frauenbewegung, und "an mir werden sie besonders gern festgemacht".
Besonders scharf formulierten die West-Berliner Feministinnen Brigitte Classen und Gabriele Goettle ihre ·Bedenken gegen "Emma": Zwar wolle man "Frau S." eine "gewisse journalistische Fertigkeit und das echte Anliegen" nicht absprechen, doch "marktfreundlicher Journalismus" und die Interessen der Frauenbewegung seien letztlich unvereinbar.
Überhaupt, so argumentieren die beiden Autorinnen in dem von ihnen herausgegebenen Frauenheft "Die schwarze Botin" (Auflage: 3000), seien Frauen schlecht beraten, wenn sie glaubten, daß "alles, was Frauen denken, sprechen, schreiben und arbeiten, unter dem Aspekt einer neuen Weiblichkeit für die Emanzipation brauchbar, wenn nicht gar gut" sei.
Für sie beginne die Frauenbewegung erst da, "wo der klebrige Schleim weiblicher Zusammengehörigkeit sein Ende hat".

DER SPIEGEL 49/1976
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