29.11.1976

MEDIZINGefräßige Keime

Erstmals wurden Tripper-Erreger isoliert, bei denen Penicillin nicht wirkt. Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor der Gefahr einer weltweiten Epidemie.
Die erste Alarmmeldung kam von Luftwaffen-Medizinern der Travis Air Force Base in Kalifornien.
Ein junger Mann vom Bodenpersonal, der auf den Philippinen stationiert war, hatte sich auf dem Straßenstrich Manilas offenbar mit einer besonders exotisch anmutenden Form von Gonorrhöe (Tripper) angesteckt: Auch mit noch so hohen Gaben von Penicillin, so stellten die Militärärzte verwundert fest, ließ sich das Liebes-Leiden nicht beheben.
Damit war eingetreten, was die Spezialisten für Geschlechtskrankheiten schon seit Anfang der sechziger Jahre befürchtet hatten. Parallel zu einer globalen Zunahme der Tripper-Infektionen nämlich -- allein in den USA wurden letztes Jahr drei Millionen Neuerkrankungen verzeichnet; weltweit wird ihre Zahl auf 100 Millionen geschätzt -erwiesen sich die peinigenden Erreger zusehends als tückischer.
Typische "Go"-Merkmale wie Harnröhrenentzündung und Ausfluß treten, hauptsächlich bei Patientinnen, in vielen Fällen hinter chronische. symptomarme Infektionen zurück. Und auch gegen Penicillin, jahrzehntelang verläßliches Mittel der Wahl, leisten die Gonokokken langsam, aber sicher Widerstand. Von der "Münchener Medizinischen Wochenschrift" jüngst empfohlene Mindestdosis zur "Einmalbehandlung": vier Millionen Einheiten Penicillin.
Am Ende dieser Entwicklung, so hatte der US-Forscher Stanley Falkow von der University of Washington letztes Jahr vorhergesagt, stehe womöglich ein störrischer Erregertyp, der gegen Penicillin "völlig unempfindlich ist".
In einem "Prozeß von natürlicher "Gen-Manipulation"", so lautete Falkows Prognose, würde ein Gonokokkenstamm entstehen, der sich aus dem Erbgefüge anderer, gegen Antibiotika schon resistenter Keime so lange Informationen einverleiben werde, bis er selbst genügend abgehärtet sei.
Nun aber beweisen neue Meldungen von Penicillin-unempfindlichen Gonorrhöe-Erregern, daß der Mutant von Travis Air Force Base die Befürchtungen von Falkow sogar noch übertrifft.
Der neugebackene Erregerstamm ist nicht nur in der Lage, Penicillin mit Hilfe eines Enzyms namens Penicillinase aufzuspalten und so "buchstäblich zu fressen" ("Time") -- er scheint es sogar als Delikatesse zu schätzen. Ärzte am Londoner St. Thomas Hospital haben beobachtet, daß die Gonokokken-Variante von den Philippinen erst recht gedeiht, wenn den Patienten routinemäßig Penicillin verabreicht wird.
Den resistenten Keimen, so mahnte die Genfer Weltgesundheitsorganisation (WHO) Ende Oktober, sei "höchste Priorität" beizumessen; neue Erkrankungen hätten gezeigt, daß sie "epidemiologisch zu einer Gefahr geworden" seien.
So registrierte das amerikanische Center for Disease Control in Atlanta (Georgia) seit dem ersten Fall in Kalifornien in elf Bundesstaaten 32 Neuerkrankungen, und auch nach Europa wurde der gefährliche Erreger mittlerweile schon eingeschleppt.
Neben einigen Fällen in England hat die dänische Chefärztin Dr. Alice Reyn vom Staatlichen Seruminstitut in Kopenhagen "auch in den Abstrichen schwedischer und norwegischer Seeleute" penicillinresistente Gonokokken aufgespürt. Expertin Reyn, die im WHO-Auftrag ein Tripper-Forschungszentrum unterhält, über die Exoten: "Sie sehen ganz normal aus -- wie Kaffeebohnen."
Tröstlich stimmt die Chefärztin, daß zumindest eines der derzeit gängigen antibiotischen Medikamente der "latenten Gefahr" (Reyn) begegnen kann: Spectinomycin-hydrochlorid (das von dem amerikanischen Pharmakonzern Upjohn in der Bundesrepublik unter dem Namen Stanilo vertrieben wird) ist auch gegen die neuen Erregerstämme noch voll wirksam.
Auf einen Nachteil der Stanilo-Behandlung verwies letzte Woche das Fachblatt "Selecta": Anders als Penicillin vermag das Ersatzmittel keine "eventuell gleichzeitig mit der Gonorrhö erworbene Syphilis" zu heilen -- eine Ansteckungsart, die vor allem in den Hafenkrankenhäusern relativ häufig beobachtet wird.
Darüber hinaus wird eine Infektion mit den penicillinfressenden Go-Mikroben für den Patienten auch noch besonders teuer: Eine Stanilo-Dosis kostet das Doppelte einer Penicillin-Ampulle, und "grundsätzlich", so betont die WHO, sei dabei stets "ein bis zwei Wochen später eine Nachbehandlung vorzunehmen".

DER SPIEGEL 49/1976
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