29.11.1976

„... die führende Klasse und basta“

Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns wurde am vorvergangenen Freitag der Schriftsteller und Lyriker Jürgen Fuchs, 25, aus dem Personenwagen von Robert Havemann heraus verhaftet. Der Jenaer Schriftsteller hatte die letzten Monate beim DDR-Kritiker Robert Havemann in Grünheide bei Berlin gewohnt, nachdem er 1975 wenige Tage vor Abschluß seines Studiums der Sozialpsychologie an der Universität Jena exmatrikuliert und aus SED und FDJ ausgeschlossen worden war -- unter anderem wegen kritischer literarischer Reflexionen über seine Dienstzeit bei der Nationalen Volksarmee. Fuchs, verheiratet und Vater eines Kindes, arbeitete zuletzt in einem Kinderheim. DER SPIEGEL veröffentlicht einige bisher ungedruckte Texte von Jürgen Fuchs:
Der Anblick
Du stehst an der Straße, willst zum Bus oder zum Konsum, und siehst nur diesen Autos nach: Wie lange noch, wieviel Zeit haben wir noch: Geschütze, Panzerwagen, Feldküchen und Mannschaftsfahrzeuge rollen vorbei. Grau und grün und in irgendein Manöver, in irgendeinen Spaß oder Ernst. Wer ist es heute? Unsere oder die anderen, die Freunde, die Sieger. Ist es wichtig, wer da vorbeifährt? Und wohin, und in welchen Frieden?
Hinter dem riesigen Lenkrad sitzt ein sehr junger Soldat mit großen Augen und kurz geschorenen Haaren, neben ihm ein Offizier, der raucht oder aus dem Wagenfenster lehnt. Dort fährt die Rote Armee vorbei, auf einer deutschen Asphaltstraße. In fremdem Land. Wie unsere Väter, nur friedlicher, wollen wir hoffen. Wenn ihr aufmuckt, kommen die Panzer, das wollen wir hier nicht sagen und nur an der Straße stehen auf dem Weg zum Konsum und den Kindern zusehen, die rufen und winken.
Das Kind
Manchmal haben wir nichts Schlechtes empfunden, sondern gar nichts.
Auf den mußt du aufpassen, das ist ein ganz Scharfer, dabei sieht er noch ziemlich kindlich aus, kein Bartwuchs und so eine Stimme, aber der schleift dich bis zum Gehtnichtmehr. Hinter seinem Rücken nannte man ihn: das Kind. Wenn wir die Gasmasken aufsetzen mußten, schien er aufzuleben: Los, los, dalli, dalli, keine Müdigkeit vortäuschen -- gellte sein dünnes Stimmchen über den Platz. Wir waren immer froh, nicht von ihm beaufsichtigt zu werden. Die anderen Unteroffiziere belächelten seinen Diensteifer.
Das ist Quälerei, sagten wir, und mußten zusehen, wie einer zusammenbrach, in den Straßengraben fiel, mußten zuhören, wie ihn dieser dünne, hellblonde Mensch beschimpfte.
Es war auf dem Weg zurück in die Kaserne, wir trugen Gasmasken und rannten in voller Ausrüstung unseren Unterkünften entgegen. Die Luft wurde knapp, einige blieben zurück oder wurden mitgeschleift. Die Unteroffiziere verschossen ihr letztes "Imitationsmaterial", Knallkörper und Stinkbomben flogen uns vor die Füße. Als wir die Masken abnehmen durften, warf dieser Mensch noch immer mit Feuerwerkskörpern um sich, er brannte die Zündschnüre an und wartete besonders lange, ehe er die Ladungen wegwarf.
Sein Schreien war weithin zu hören, er wälzte sich auf der Straße, die Hände vor dem Gesicht: Ein Knallkörper war explodiert, als er ihn noch in den Händen hielt, und hatte ihm das Gesicht verbrannt. Fr schrie um Hilfe und nach seiner Mutter.
Ich habe gesehen, daß einige Soldaten lachten. Ich habe gehört, daß einige sagten: Geschieht ihm recht, das hat er davon. Wenn ich heute sagen soll, was ich empfunden habe: nichts. Ich habe einen Menschen leiden sehen und nichts empfunden. Andere haben gelacht.
Eintragung 1. Juli
1
Vor der großen Fabrik traf ich P. ... Ich geh weg, sagt sie, ich hab" die Schnauze voll: Das Hetzen und den Meister und die Intrigen und immer wieder dasselbe Schräubchen drehen, das hab" ich satt, wenn du verstehst, was ich meine: Du warst Student und konntest kommen und gehen, wann du wolltest. Ich hab" nicht mal einen Passierschein, wenn sie mich jetzt schnappen, bekomme ich Minuspunkte. Gärtner wäre ich gern oder Tänzerin. Oder ganz anderes in anderen Betrieben, denn der hier gehört nicht den Arbeitern, das ist gelogen, sagt sie in der Mittagspause auf der Asphaltstraße hinter der großen Fabrik, am Hintereingang. Sie hat einen kurzen blauen Arbeitskittel an und ist ganz jung.
2
Die sehen uns vielleicht gar nicht, wenn sie der Chauffeur im Wagen vorbeifährt. Die sind in Eile oder ganz woanders mit ihren Gedanken. Aber wenn ich mit den anderen halb fünf aus dem Werktor komme, sehen wir bestimmt nicht wie Eigentümer aus und haben seit sieben gearbeitet.
3
Mein Vater wollte was Besseres aus mir machen, auf Schule sollte ich gehen und möglichst studieren. Er ist ein hohes Tier an der Universität. Vor kurzem sagte er mir, daß die Arbeiter doch ziemlich faul sind und ihre Arbeitszeit nicht auslasten. Das hätten ihm seine Studenten erzählt, die paar Wochen in den Sommerferien arbeiten gehen. Soll er doch kommen, soll er sich doch an die Maschine setzen, nicht bloß paar Wochen, für immer. Den möchte ich erleben. Und alle anderen auch, die große Reden halten über die Arbeiterklasse und scharf drauf sind, jedem zu sagen, daß ihr Vater oder Großvater richtig mit den Händen gearbeitet hat, die sollen alle kommen und lange bleiben, dann wird ihnen das Quatschen schon vergehen.
4
Stell dich nur mal früh ans Tor und sieh genau hin, wer da aus den Bussen steigt, wie die aussehen. Nicht die vom Büro, die anderen.
5
Zitat: "Die Arbeiterklasse ist bei uns die führende Klasse und basta."
An der Universität hab ich ganz schlaue Vorlesungen halten hören über die Arbeiterklasse und so weiter. Sie lasen oft aus Büchern vor und wußten genau, wo was steht.
Mein Vater kam meist um fünf nach Hause und ist dann in Sessel gefallen und war fertig. Er hat noch "ne Flasche Bier getrunken, wenn eine da war, und sich über die laute Musik aufgeregt im Radio. Er hat keine Reden mehr halten können über seine führende Rolle im Betrieb, von der er nichts wußte, weil er den ganzen Tag gearbeitet hatte und ihm abends alles auf die Nerven ging: Das Radio und der Zank mit meiner Mutter, der Garten, in dem das Unkraut wuchs, und meine langen Haare.
Er hat dann gegessen und ist oft vorm Fernseher eingeschlafen, egal ob der Osten oder der Westen seine Schau abzog.
Ich weiß, wie die herrschende Klasse früh zur Arbeit hetzt, und wie sie abends nach Hause kommt, in welchen Häusern sie gewöhnlich wohnt, und wie es dort nach Scheißhaus riecht an manchen Tagen. Ich weiß das alles, und trotzdem hab ich mitgepinselt in diesen Vorlesungen, damit ich was nachplappern konnte zur Prüfung und endlich hochkam. Nicht so wie mein Vater und viele, die am Abend genauso im Sessel hängen und sich nur wünschen, daß der Sohn es schafft oder die Tochter.
Na gut, alles hab ich nicht nachbeten können, was die da vorn predigten, aber wenn das hier einer liest, der den ganzen Tag rackern muß und dann noch mitbekommt, daß ich mir 'ne dicke Karriere verscherzt habe mit solchen Schreibereien, wird er sich am Kopf fassen und fragen, ob ich 'nen reichen Onkel habe oder nicht weiß, wo"s hier langgeht.

DER SPIEGEL 49/1976
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DER SPIEGEL 49/1976
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