29.11.1976

VERHALTENSTHERAPIESchnelle Truppe

Die Verhaltenstherapeuten suchen nach neuen Wegen, um nicht nur die Symptome psychischer Störungen „wegzutherapieren“, sondern auch deren soziale Ursache zu beseitigen.
Das Mädchen war vierzehn Jahre alt und wog nur noch 60 Pfund. Als es in die Klinik gebracht wurde. bestand Lebensgefahr. Die Diagnose: "Anorexia nervosa" -- Magersucht.
Die Patientin wurde in ein Zimmer gesperrt, in dem es nichts -- absolut nichts -- gab, womit sie sich hätte beschäftigen können: keinen Radioapparat, kein Fernsehgerät, kein Buch. Niemand hatte die Erlaubnis, sie zu besuchen.
Therapeutischer Sinn der Tortur: Es gab für das Mädchen nur eine einzige Möglichkeit, der totalen Isolation zu entrinnen -- essen. Jede Viertelstunde Musikhören, jede halbe Stunde Fernsehen, jeder Besuch der Mutter mußten durch Nahrungsaufnahme "verdient" werden. Bei der Entlassung aus der Klinik zeigte die Waage eine Gewichtszunahme von zehn Pfund an.
Als der Fall jüngst auf dem Jahreskongreß für Verhaltenstherapie in Berlin vorgetragen wurde, regte sich Protest, obgleich den anwesenden Fachleuten klar war, daß Magersüchtige sich zu Tode hungern können -- wenn man sie läßt.
Die kritische Reaktion aus den eigenen Reihen machte deutlich, daß die Verhaltenstherapie dabei ist, sich neu zu orientieren. "Sie hat", so resümierte Professor Jarg Bergold, "den Menschen als denkendes und nicht nur als reagierendes Wesen entdeckt."
Im Sinne der Verhaltenstherapie jedoch war die Methode, nach der das Mädchen behandelt wurde, geradezu "klassisch". Gelernt haben das die Meister des "Behaviorismus" an Pawlows Hunden und Skinners Tauben. In einem der berühmt gewordenen Experimente steht zum Beispiet eine Taube auf einem elektrisch geladenen Rost. Irgendwann einmal pickt sie gegen ein Fenster. Das bewirkt, daß der Strom eine Weile unterbrochen wird, so daß sie schließlich, so oft sie nur kann, gegen die Scheibe pickt -- ähnlich wie das magersüchtige Mädchen auf ihr "äußeres Reizmilieu" mit einer Änderung ihres Verhaltens reagierte.
Ausgerüstet mit einem technisch perfekten "Know-how" über das Zusammenspiel von Reiz und Reaktion innerhalb der Funktionseinheit Mensch, können die Verhaltenstherapeuten Gewohnheiten ändern und Ängste beseitigen, ohne die Ursachen des jeweiligen (Fehl-)Verhaltens anzugeben: Rauchen und Trinken, Fettsucht und Magersucht, Stottern, Bettnässen und mangelndes Selbstbewußtsein -- es gibt nichts, woran Verhaltenstherapeuten ihre Methoden nicht schon erprobt hätten.
Sie gelten auf psychotherapeutischem Gebiet als die schnelle Truppe bei der Beseitigung von Störungen, gerade weil sie sich auf die akute Situation beschränken. Wo der Psychoanalytiker noch in die Tiefe fragt, kann der Verhaltenstherapeut oft schon erste Erfolge melden -- zumindest, soweit sie die sichtbaren Defekte betreffen.
Es könne jedoch nicht nur darum gehen, so die Hamburger Verhaltenstherapeutin Dr. Frauke Teegen, "etwas wegzumachen", sondern es müsse auch "etwas aufgebaut werden". Zum Beispiel sei es nicht damit getan, einer putzwütigen Frau den Zwang wegzutherapieren; sie müsse danach auch etwas Sinnvolles mit ihrer Freizeit anfangen können.
Mehr und mehr gehen die Verhaltenstherapeuten deshalb dazu über, Anleihen bei anderen Therapieformen zu machen, etwa bei der Gesprächstherapie oder der Gruppentherapie.
Die Verhaltenstherapeuten "öffnen sich nach allen Seiten" (Frauke Teegen), weil sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß der Abbau des Fehlverhaltens oft den Weg für weitergehende kausale Behandlungsmethoden ebnet.
Bei Magersucht zum Beispiel, so polemisierte die Psychiaterin Hilde Bruch vom Texas Medical Center in Houston, sei die Verhaltenstherapie geradezu gefährlich. Sie habe anhand von 50 Fällen festgestellt, daß es den Patientinnen nach einer kurzfristigen durch Verhaltungstherapie erzielten Gewichtszunahme schlechter gegangen sei als zuvor. Hilde Bruch: "Die essen sich doch nur ihren Weg aus der Klinik."

DER SPIEGEL 49/1976
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