01.11.1976

SPIELEPlopp und Doiing

Elektronisches Bildschirm-Pingpong soll aus der Kneipe nun ins deutsche Fernseh-Heim wandern. Fast alle Hersteller bieten neuerdings TV-Gerate mit eingebauter Spiele-Elektronik.
Blaupunkt propagiert es als "aktiven Bildschirmspaß", für Siemens bedeutet es "erhöhten Freizeitwert durch Eigenunterhaltung", und Nordmendes Marketing-Mann Jürgen Klein spricht bereits von "einer neuen Phase des Mediums" -- Deutschlands TV-Geräte-Hersteller haben ihren Kunden wieder was Neues zum Spielen eingebaut: Pingpong (oder Squash, Pelota, Eishockey) auf der Mattscheibe.
Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft sollen Farbfernseher mit integriertem Spiele-Programm auch jene wieder in die Läden locken, die das TV-Programm der Sender immer häufiger langweilt: Durch "tv-action", so nennt Blaupunkt das, "bestehen alle Aussichten, daß die Spiele im trauten Familienkreis wieder aufleben", die nämlich, die der Fernseher einst vertrieb.
Ganz so neu ist diese "große gewinnbringende Neuheit", wie Nordmende seinen Händlern verspricht, nicht: Die bisherigen Zusatzgeräte jedoch waren teuer und umständlich.
Bei Blaupunkt und Siemens kostet die eingebaute Gamble-Elektronik nur noch gut 100, bei Nordmende -- allerdings in Farbe und inklusive eines Photozellen-Gewehrs für diverse Schießspiele -- etwa 230 Mark. Die Technik ist bei allen bisherigen Teleplay-Systemen für das Heim identisch:
In jedem Fall wird ein über den Bildschirm hin und her irrlichternder Punkt (der Ball) von anderen, über zwei Handregler zu dirigierenden Lichtsignalen (den Schlägern oder Spielern) reflektiert; das Gerät zählt derweil die Punkte und tönt dazu "Piep" und "Plopp" und "Doiing"; Schnelligkeit des Balles, Abprallwinkel und Schlägergröße können verändert werden.
"Diese Spiele nach dem Pingpong-Prinzip", sagt Nordmendes Klein entschuldigend, "sind natürlich noch ziemlich primitiv -- aber sie sind ja nur der Anfang."
Auf dem Markt der gewerblichen Video-Games, in Automaten-Spielhallen, ist dieser Anfang indes schon am Ende: "Pingpong, in welcher Form auch immer, ist tot", sagt Irma Schulz-Kaiser von Deutschlands größtem Automaten-Importeur Seevend in Hamburg, "von solchen Dingern haben wir den ganzen Keller voll."
Seevend ("Die Freizeitmacher") verkauft seit zwei Jahren nur noch TV-Automaten der zweiten Generation: Für eine Mark Münzeinwurf lassen sich auf Flughäfen und in Kneipen heute nur noch Schießspiele wie "Outlaw" (der Spieler tritt mit einem Lichtrevolver zum Showdown gegen Billy the Kid an), Kriegsspiele wie "Tank" oder "Dog Fight" (zwei Panzer oder Flugzeuge versuchen sich gegenseitig abzuschießen) oder die diversen Autorennen an den Mann bringen.
In den USA, wo in diesem Jahr über drei Millionen TV-Spiele abgesetzt werden sollen, gibt es bereits Heim-Geräte, an denen die Spieler die Wahl zwischen Hai-Jagd und Ski-Slalom, aber auch allerlei Strategie-Spielen haben.
Zur nächsten Funkausstellung im August 1977 bereits werden auch in Deutschland Video-Spiele einer neuen Generation erwartet. Nur was sie bringen werden, weiß noch keiner genau.
"Es werden Intelligenzspiele sein müssen", mutmaßt Klein, "ob Schiffchen versenken oder Dame, Mühle, Schach -- für die Elektronik ist das alles kein Problem."
"Man wird ganz neuartige Spielkategorien erfinden müssen", glaubt Blaupunkt-Sprecher Werner R. Jänicke, "denn das Video-Spiel lebt doch von der Bewegung."
Die Zurückhaltung der deutschen Industrie gegenüber einer noch unklaren TV-Spiele-Zukunft hat, natürlich, auch einen handfesten wirtschaftlichen Grund: "Wir müssen leider für diese Dinge", so erklärt Klein die "relativ kleine Serie" von Nordmendes "Spectra-SK-2-Color-Teleplay"-Geräten, "einen Preisverfall einkalkulieren wie bei Taschenrechnern -- die Technik ist ja so ziemlich dieselbe."

DER SPIEGEL 45/1976
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