18.10.1976

ZENTRALAFRIKA44 Küsse

Präsident Bokassa laßt Diebe totschlagen, Mitstreiter häuten und kungelt mit Südafrika. Besonders gern läßt er sich als „Frankreichs bester Freund in Afrika“ feiern.
Paris-Match" hatte mitgezählt: "Elfmal hat er ihn umarmt, und jedesmal waren es vier Schmatzer. Macht zusammen 44 Küsse." Und jedermann in Bangui wußte: Wieder war eine französisch-zentralafrikanische Krise vorüber.
Die 44 Küsse des Diktators Jean-Bedel Bokassa ("Papa Bok" waren Frankreichs Staatschef Giscard d'Estaing rund 20 Millionen Dollar wert. Mit dieser Zuwendung rettet Paris die Verwaltung der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) vor dem Kollaps. Einzige Bedingung: Französische Finanzinspektoren überwachen die Auszahlung der Beamtengehälter.
Ein paar Wochen nachdem er die Franzosen zu einem "Volk von Schwulen und Ganoven" herabgewürdigt hatte. war Bokassa wieder "Frankreichs bester Freund in Afrika (Giscard) -- und Paris hatte seine 1960 in die Unabhängigkeit entlassene Kolonie wieder fest am Bande.
In der ZAR-Hauptstadt Bangui bleibt keiner ungeküßt, wenn er mit vollen Taschen kommt. Bokassas Staat ist dermaßen pleite, daß ihm jeder willkommen ist. wenn er nur Bares mitbringt. Der wegen seiner Vorliebe für Orden auch "Göring Afrikas" genannte Präsident erhöhte letzte Woche seinen Statuswert. Per Dekret ernannte er seine letztgeborene Tochter zur Prinzessin und sich selbst sogar zum Kaiser.
Seit einiger Zeit flirtet Papa Bok mit "ganz sonderbaren Bettgenossen (so die Monatsschrift "Africa"). Südafrikaner sollen ihm bei der Sanierung der maroden Wirtschaft seines Staates zur Hand gehen, der zu den 25 ärmsten Ländern der Welt gehört.
Eine südafrikanische Hotelkette baut in Bangui eine 500-Betten-Burg. Ingenieure vom Kap sollen die noch aus deutscher Kolonialzeit stammende Kamerun-Bahn bis Bangui verlängern. Außerdem hat sich die Regierung in Pretoria erboten, bei der Erschließung der auf 8000 Tonnen geschätzten Uranvorkommen bei Bakouma zu helfen.
Im März dieses Jahres landete Südafrikas Außenminister Hilgard Muller zu einem geheimen Besuch in Bangui. Um die Anonymität des delikaten Gastes zu wahren, ließ der Präsident den Flughafen zwei Tage lang sperren. Inzwischen hat sich das Interesse an der Verschleierung des süd-zentralafrikanischen Tete-á-téte mehr in Richtung Pretoria verlagert.
Bokassas Absichtserklärung. als einziger schwarzafrikanischer Staatschef der Unabhängigkeitsfeier des südafrikanischen Marionettenstaates Transkei beizuwohnen, stiftete in Pretoria Verwirrung. "Er hat ein so mieses Image". wußte die in Johannesburg erscheinende "Rand Daily Mail", "daß Vorster ihn nicht dabeihaben will." Mitte August wurde der ungebetene Gast unter fadenscheinigem Vorwand kurzerhand ausgeladen.
Tatsächlich hält sich die gesamtafrikanische Reputation des Feldmarschalls Jean-Bedel Bokassa etwa ranggleich mit der des ugandischen Revolverpotentaten und Feldmarschalls Idi Amin. Und nicht zufälligerweise sind die beiden Präsidenten eng befreundet.
Papa Bok trat im Sommer 1972 mit einer selbstgemachten Strafrechtsreform ins Bewußtsein der nichtafrikanischen Öffentlichkeit. Zur Abschreckung ließ er 46 Diebe mit Knüppeln zusammenschlagen ("Pro Dieb ein Soldat. Schlagt sie ruhig tot!") und anschließend die Toten und Schwerverletzten fünf Stunden lang in glühender Sonne den Bewohnern von Bangui präsentieren.
Schlimm ergeht es auch Bürgern, die in Verdacht geraten, sich gegen Bokassa zu verschwören, der 1966 selbst durch einen Putsch gegen seinen Vetter David Dacko an die Macht gekommen war: Bokassas Schergen stachen dem Geheimpolizeichef Jean-Baptiste Mounoumbaye in Gegenwart seiner Familie die Augen aus.
Seinem Putschgefährten Oberst Alexandre Banza zog Bokassa in Gegenwart des gesamten Kabinetts eigenhändig mit einem Rasiermesser die Haut von der Brust. Dann ließ er Ranza das Rückgrat brechen und ihn durch die Straßen der Hauptstadt schleifen. Taschendieben werden in der ZAR die Ohren abgeschnitten.
Als UN-Generalsekretär Kurt Waldheim die Strafmethoden in der Zentralafrikanischen Republik tadelte. schnaubte Bokassa: "Waldheim, dieser Zuhälter und Ausbeuter, soll besser das Maul halten."
Bokassas Säuberungspraktiken erinnern in Ursprung und Methode an die Idi Amins. Den harten Umgang mit Andersdenkenden, den Big Daddy als Briten-Soldat während der kenianischen Mau-Mau-Rebellion lernte, brachten die Franzosen Bokassa im Indochina-Krieg bei.
Wie Idi Amin die britische Queen verehrt, vergöttert Bokassa den verstorbenen Charles de Gaulle. Als er vom Hinscheiden des Franzosen erfuhr, brach er schluchzend zusammen und stammelte: "Papa ist tot. Papa ist tot."
Der 1,62 Meter große schwarze Frankophile, der sich vom einfachen Soldaten zum höchstdekorierten schwarzen Offizier der französischen Kolonialarmee hochdiente' regiert seine zwei Millionen Zentralafrikaner nach straffem Barras-Regiment. Schlaffe Moral wird auf der Stelle bestraft.
Einen dösenden Straßenkehrer schickte er im Schnellverfahren für fünf Jahre ins Arbeitslager, ohne sich auch nur, aus dem Fond seines weißen Mercedes 600 zu erheben. Zwei Protokollbeamte, die auf einer Jagdparty im Osten der Republik durch laxe Disziplin auffielen, mußten unter Militäraufsicht ohne Wasser und Proviant zu Fuß nach Bangui zurück.
Zwei Drittel seiner Minister haben während Bokassas Amtszeit mindestens einmal im Gefängnis gesessen. Denn der "Patriarch mit dem Rohrstock' (so das Nachrichtenmagazin "Jeune Afrique") ahndet sogar ministerielle Nachlässigkeiten häufig mit Arrest.
Zuchtmeister Bokassa scheut "auch nicht die Öffentlichkeit, wenn er seine Exzellenzen beutelt. Im Dezember vergangenen Jahres tat er durch großformatige Anzeigen im Pariser "Monde" und der Schweizer "Tribune de Genève" aller Welt kund, daß seine Regierung künftig nicht mehr für die Schulden ihrer Auslandsvertreter aufkommen werde. Dem Bonner Auswärtigen Amt liegen unbezahlte Rechnungen von Bokassa-Diplomaten in einer Gesamthöhe von 178 000 Mark vor.
Damit die Administration allzeit bereit ist, die Befehle des Chefs zu empfangen. müssen höhere Beamte in der Zentralafrikanischen Republik stets ein Transistorradio bei sich führen. Der Präsident kann sich jederzeit in das staatliche Rundfunkprogramm einschalten, wenn er einen Domestiken zu sehen wünscht.
Die Allmacht des Staatschefs macht vor nichtweltlichen Instanzen nicht halt. Der Bischof von Bangui gab wider alle Kirchendogmen seinen Segen zu präsidentieller Bigamie, nachdem ihm der Landesvater mit Amtsenthebung gedroht hatte. Seitdem ist Katholik Bokassa mit zwei Frauen verheiratet. Auf Reisen hat er sie meist beide mit dabei, außerdem eine ausgesuchte Schar von schwarzen und weißen Animierdamen.
Auch die in Bangui akkreditierten ausländischen Exzellenzen sind nicht durch diplomatische Immunität gegen Züchtigungen gefeit. Bonns Botschafter Ueberschaer etwa mußte vor eigens zu diesem Zweck zusammengerufenen diplomatischen Korps eine rüde Philippika über sich ergehen lassen, nachdem die Deutsche Welle kritisch über Soldatenpräsident Bokassa berichtet hatte. Hochgestellte Gäste müssen Staatsempfängen oft widerwillig bis in die Morgenstunden beiwohnen, weil der Gastgeber einfach die Türen verschließen läßt.
Dabei haben Bokassas Feste anerkannt Format. Zur Hochzeit mit der Rumänin Gabrielle ließ er einen dreistrahligen Jet voll Leckereien aus der französischen Hauptstadt einfliegen. Die Bewirtung von über tausend Hochzeitsgästen kostete rund eine halbe Million Mark.
Zum Staatsbesuch Giscard d'Estaings im März 1975 schmiß Feldmarschall Bokassa im "Palais de la Renaissance" in Bangui ein Galadiner für 3000 Gäste. Es gab zwölf Gänge, dazu Feuerwerk und erlesene Weine aus Frankreich. Ein Mädchenchor intonierte eine eigens für das Fest komponierte Hymne auf den Präsidenten. Refrain: "Großer Marschall Bokassa, die Mütter lieben dich."
Anschließend stampften nackte Pygmäen den "Elefantentanz" aufs Parkett. Die Damen der einheimischen Gesellschaft trugen zu Ehren des hohen Gastes farbige Wickelkleider mit einem Doppelporträt Giscards und Bokassas auf dem Gesäß. Der Franzose bedankte sich artig mit der Enthüllung eines Denkmals.
Der aufwendige Lebensstil des regierenden Lebemanns kostet die Zentralafrikanische Republik nach Schätzungen von Landeskennern zwischen 30 bis 35 Prozent ihres jährlichen Staatsbudgets. Während die staatliche Fluggesellschaft ihre Routen mit 20 bis 30 Jahre alten Propellermaschinen bedient, stehen dem Präsidenten zum Shopping-Flug nach Paris ständig zwei Caravelle-Jets zur Verfügung. Der Privatflughafen auf seinem Landsitz etwa 150 Kilometer westlich der Hauptstadt ist für vierstrahlige Düsenmaschinen geeignet.
Für die Wechselfälle des Lebens -- bei Afrikas Regierenden meist Putsche -- und die alten Tage hat Frankreich-Freund Bokassa vorgesorgt: Der Soldatenpräsident erwarb eine Villa an der Riviera, ein Rittergut im Departement Loir-et-Cher und ein Schloß im feudalen Jagdrevier Sologne.

DER SPIEGEL 43/1976
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