27.09.1976

KIRCHEBlüte auf der Felsenfeste

In der Mönchsrepublik Athos wird nie jemand geboren. Weil mehr Männer starben als neue kamen, schien das Ende in Sicht. Nun aber sind die Klosterbruder wieder guter Nachwuchs-Hoffnung.
Ein Holländer, Dozent für Statistik aus Den Haag, hatte von Zahlen die Nase voll.
Ein Sproß wohlsituierter Bürger aus Peru mochte in Paris das Malen nicht mehr lernen.
Ein indischer Jung-Guru hatte auf Schweden-Tournee urplötzlich eine Erleuchtung.
Auf einer pittoresken nordgriechischen Halbinsel, dem Heiligen Berg Athos mit seinen 20 Klöstern und unzähligen Einsiedeleien, endeten ihre Wege und kreuzten jenen des griechischen Paters Nikodemos, der vor kurzem noch Gymnasialprofessor war, oder jenen des jungen Theologen Pater Elissäos, der die Aussicht auf ein Bischofsamt in den Wind schlug, um, wie die anderen Neuzuzügler auch, das asketische Leben eines griechisch-orthodoxen Mönchen zu führen.
Was sich da in der 321 Quadratkilometer großen Felsrepublik der Athos-Mönche vollzieht, ist nach Ansicht des Paters Elissäos "ein historisches Phänomen".
Athos, das größte Museum der Welt. der Heilige Berg, auf dem Menschen nur sterben, nie aber geboren werden. schien vor wenigen Jahren noch zum Aussterben verurteilt, war "zu einer riesigen Totenstadt geworden" (so die Athener Zeitung "Akropolis").
Um die Jahrhundertwende lebten dort noch über 6000 Mönche, 1926 an die 5000, doch 1971 waren es nur noch 1145. Etwa 20 Neuzugänge registrierte die 1013 Jahre alte Klosterrepublik bis dahin jährlich -- viel weniger, als es dem Herrn gefiel, alte Diener in sein himmlisches Reich heimzuholen.
Klöster und Einsiedeleien verwaisten, Kirchen verfielen, Archive verkamen, immer häufiger verschwanden Kunstschätze aus Mangel an Aufsichtsmönchen.
Professor Ioannis Exarchos von der Universität Saloniki rechnete den Mönchen vor, daß zur Jahrtausendwende wohl nur noch 44 der ihren auf dem Berg weilen wurden, ein Synodalausschuß der griechischen Kirche setzte das beängstigende Datum der Auszehrung gar für 1985 an.
Seit drei Jahren jedoch können die frommen Insassen wieder hoffen -so lange hält der Trend schon an, daß mehr als doppelt soviel Neue kommen wie zuvor, 50 Männer jährlich, überwiegend zwischen 22 und 45 Jahre alt.
Wohl ist die Mönchsgemeinde mit derzeit 1450 immer noch nicht üppig, aber Pater Theodossios, 80. Sekretär im Kloster Pavlos, sieht für Athos eine neue "Blütezeit". Denn rekrutierten sich die Neusiedler früherer Jahrgänge meist aus griechischen Bauern, Arbeitern und Handwerkern, so streben derzeit fast ausschließlich Studenten und Akademie-Absolventen -- Theologen und Philologen, Ärzte und Juristen, Mathematiker und Physiker -- aus verschiedenen Ländern und Kontinenten in die Weltabgeschiedenheit des Athos-Berges. Nicht alle Klöster profitieren davon. Denn den Nachwuchs, darunter auch katholische, protestantische und buddhistische Konvertiten, zieht es zu Äbten mit starker Persönlichkeit. Die Klöster Simonos Petra, Filotheou und Stavronikita sind solche Magneten, die binnen drei Jahren die Zahl ihrer Mönche verfünffacht haben.
Wer in einem der Klöster -- die Probezeit beträgt drei Jahre -- als Mönch aufgenommen wird, erhält automatisch die griechische Staatsbürgerschaft. Verheiratete, die dem weltlichen Getriebe ade sagen wollen, brauchen die Genehmigung der Gattin. "Das eine Sakrament", so Abt Gabriel, 90, vom Kloster Dionysiou, "darf das andere nicht zerstören.
Sechs Athos-Klöster dulden Privatbesitz und zahlen ihren Mönchen ein Jahresentgelt von durchschnittlich 1000 Mark. Die Neumönche jedoch entscheiden sich in der großen Mehrheit fürs klösterliche Kommuneleben der anderen vierzehn Stätten. nehmen mittelalterliche Lebensbedingungen in Kauf, wochenlange Fastenzeiten, bis zu zehn Stunden Gebet am Tag, fünf davon vor Sonnenaufgang. Sie arbeiten auf dem Feld, in der Küche oder in der Bibliothek, malen Ikonen, wachen als Pförtner und dienen den Äbten
Fast scheint es. als wollten die Novizen es mit den mönchischen Tugenden noch ernster nehmen als die zum Teil schon 70 Jahre auf Athos lebenden Mönchsgreise.
Mit demselben Eifer wie die Alten wehren sich die Jungen gegen elektrisches Licht und Straßenbau. Der einzige Bus, der den Hafen Dafni mit dem Hauptort Kariä und dem Kloster Iwiron verbindet, holpert über die einzige, unasphaltierte Straße, die 1963 eigens dazu gebaut wurde, um König Paul den Jubiläumsbesuch auf dem 1000jährigen Mönchsberg zu ermöglichen. Als Athen kürzlich 20 Millionen Drachmen zu Straßenbauzwecken andiente. lehnten die Mönche ab.
Allzu sehr fürchteten sie, daß Besucher ihre beschauliche Ruhe stören könnten, wenn es bequemer gemacht wird, die Halbinsel zu durchstreifen. Billig ist es allemal: Zehn Mark Pauschale für Kost und Logis für mehrere Tage im Gästehaus, bei Unterkunft in Klöstern wird lediglich eine Spende erwartet.
Selbst bei der geringen Besucherzahl -- es gibt keinerlei Arrangements für Interessierte -- jammern die Klosterbrüder bereits, sie seien "Kellner" geworden, und zitieren ihren einstigen Oberhirten, den ökumenischen Patriarchen Athenagoras: "Athos braucht Pilger, keine Touristen."
Besorgt um ihre Keuschheit, haben sie bis heute weibliche Personen mit dem "Abaton", dem Zutrittsverbot, belegt. Es wurde im 11. Jahrhundert verhängt, nachdem die Frauen nomadisierender Hirten die Mönche zu orgiastischen Ausschweifungen verführt hatten. Auf dem der Jungfrau Maria geweihten Berg Athos gilt das Abaton aber auch für Hennen, Ziegen und Mutterschafe, Kinder und Eunuchen.
Von Versuchung sind sie damit zwar nicht völlig frei, denn zuweilen nähert die sich in Gestalt des Bruders. Abt Gabriel vom Dionysiou-Kloster weiß das. Darum: "Ich verbiete meinen Mönchen, sich gegenseitig zu besuchen. Jeder gehört in seine Zelle." Ansonsten tröstet sich die fromme Athos-Gemeinde mit der biblischen Weisheit, daß es schließlich "auch unter den zwölf Jüngern Jesu einen Verräter" gegeben habe.
Vergeblich suchte kürzlich ein Athener Parlamentarier. das Abaton der Athos-Mönche zu lockern. Regierung ("Heilige Aufsicht") und Parlament ("Heilige Gemeinde") der autonomen Mönchsrepublik konterten vielmehr mit Verschärfungen. Wieder einmal bewiesen sie ihrem zivilen Schutzherrn Griechenland, daß allein sie auf Athos bestimmen:
* Um, wie geschehen in diesem Sommer, Bikini-Badenixen das Anpirschen zu Wasser zu verwehren, droht der Mönchsstaat künftig allen Kreuzfahrtschiffen, Jachten und Motorbooten. welche die 500-Meter-Bannmeile vor der Küste verletzten, mit strafrechtlichen Sanktionen.
* Um den Fremdeinfluß einzudämmen, dürfen griechische und andere orthodoxe Gläubige fortan nur noch eine Woche, Ausländer anderer Konfessionen mit Genehmigung nur noch vier Tage auf der mönchischen Felsenfeste bleiben -- sofern sie überzeugend "religiöse oder wissenschaftliche Zwecke" nachweisen. Außerdem sollen höchstens zehn Gäste pro Tag zugelassen werden.
In der Hoffnung auf eine monastische Renaissance ihrer Männerrepublik hingegen machen die Athos-Mönche Konzessionen.
Ausländer. vor altem Glaubensbrüder aus dem kommunistischen Osten, waren ihnen lange Zeit suspekt. Drei Klöster, einst vom zaristischen Rußland, von Serbien und Bulgarien beschickt, waren nahezu ausgestorben.
Aus Angst vor Spitzeln und kommunistischer Propaganda schlug Griechenlands Junta noch vor wenigen Jahren die Bitte des Moskauer Patriarchen Pimen ab, den Mönchsbestand des russischen Athos-Klosters Panteleimon aufzustocken. Mit 2999 Zellen ist es das größte auf Athos, die Zahl seiner Mönche war von gut 2000 zur Jahrhundertwende auf zehn geschrumpft.
Im vergangenen Monat zogen die ersten 15 von 22 angekündigten Moskau-Mönchen auf den Heiligen Berg. Auch Bulgarien plant jetzt. sein Zografou-Kloster mit Jung-Asketen zu versorgen.
Entzückt vom Nachwuchs. der so unverhofft zusammenströmt, ist die Heilige Gemeinde bereit, andersgläubige Mönche für bestimmte Zeit auf Athos beten und arbeiten zu lassen -- Anträge aus Japan, Peru und arabischen Ländern liegen vor.
Und sogar einen seltsamen Heiligen würde man aufnehmen. Pater Theodossios vom Kloster Pavlos korrespondiert schon geraume Weile mit einem Anwärter, der gerade eine lebenslängliche Strafe im Piräus-Gefängnis Korydallos absitzt, viel und inbrünstig betet, sich gleichwohl trotz der Athos-Seelsorge noch nicht entschieden hat: Es ist der glatzköpfige Panzergeneral a. D. Stylianos Pattakos, 63, Athener Junta-Vizechef von 1967 bis 1973.
"Ich würde mich freuen", so Brieffreund Theodossios, "wenn er sich fürs Mönchsleben entscheiden und sich auf dem Heiligen Berg niederlassen würde."

DER SPIEGEL 40/1976
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