27.09.1976

FERNSEHENNet nobl gnua

„Die Leute von Feichtenreut“. Fernsehspiel nach dem Roman von Hannes Burger. Regie: Franz-Peter Wirth. ARD. Dienstag, 28. 9. 76, 21.00 Uhr.
Welch eine Gaudi! Da wird zu Anfang und am Ende kräftig gebumst, da feiert ein ganzes Dorf zünftig Leichenschmaus. Natürlich gibt es handfeste Prügeleien nach Landessitte, und nächtens geht gar ein Gehöft farbenfroh in Flammen auf. Das Leben im Bayerischen Wald ist bunt.
Kontrastprogramm: Abgewirtschaftete Bauern ernten auf ihren vergammelten Anwesen nicht mal mehr das Existenzminimum, verarmte Holzhauer werkeln für ein dürftiges täglich Brot. Die Jungen wollen das Dorf für den Fremdenverkehr aufputzen, die Alten blocken ab: "Wem"s net nobl gnua is bei uns, der kann ja abhauen." So veröden die Nester. Grauer Alltag im Bayernwald.
Kann ein Fernsehspiel zugleich Remmidemmi zeigen und soziologische Aufklärung betreiben? Lassen sich die ökonomischen Sorgen einer bundesdeutschen Außenseiter-Region mit Einblicken in kriminalistisch aufgepäppelten Familientratsch illustrieren? Geht das zusammen -- Feature, "Tatort", "Komödienstadel"?
Bislang hat sich das deutsche Fernsehen stets schwergetan mit dem Heimatfilm für mündige Bürger. "Paule Pauländer", die Geschichte vom geschundenen Bauernburschen, hat bewiesen, daß eine glaubwürdige Handlung ohne scheinfolkloristische Mätzchen durchaus die Last von Zuschauerbelehrung tragen kann.
Jahrelang hat der Drehbuch-Ko-Autor Hannes Burger als Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" den Bayerischen Wald "kommunal- und strukturpolitisch durchrecherchiert". Für "jeden Typ" seines 1973 erschienenen Romans "Feichtenreut", einer fiktiven Story über journalistisch abgesichertem Raster, weiß er an Ort und Stelle ein leibhaftiges "Belegexemplar" beizubringen. In der TV-Version entpuppen sie sich nun als Muster ohne Wert.
Nach einer Faschingsfeier fährt der Florian mit der Hilde bei nächtlichem Glatteis den erzkonservativen und stockblauen Dorfbürgermeister Stiegler über den Haufen. Da er fürchtet, die Leute und Polizisten von Feichtenreut würden das tödliche Unglück (Stiegler war vor den Wagen getorkelt) als vorsätzliche Tat an seinem kommunalen Erzfeind deuten, verabreden Florian und Hilde Stillschweigen.
Nach Stieglers Tod kommt im Dorf frischer Wind auf. Nach jahrelangem Geraufe um eine moderne Kanalisation wollen die Jungbauern nun für die Touristik aufrüsten. Dem Bau eines mondänen Beton-Hotels. Schandfleck in der schönen Landschaft. widersetzen sie sich allerdings. Da fangen sie, der traurigen Realität zum Trotz, lieber klein an und modernisieren erst einmal das Dorfwirtshaus.
So weit, so brauchbar. Doch durch die anschauliche Geschichte vom Reformeifer der Hinterwäldler ziehen sich bleiern die Schicksalsfäden. wie sie weiland der Ganghofer Ludwig in seinen alpenländischen Melodramen verhäkelt hat. Denn der Unglücksfahrer Florian verliebt sich ausgerechnet in die ahnungslose Tochter. die Mitwisserin Hilde in den Sohn des Toten. So lasten Schuld und Sühne schwer über dem Weiher. und als dann auch noch eine Münchner Bardame und, ihr folgend, ein messerflinker Zuhälter ins Spiel kommen, droht ein Ende mit Schrecken.
Zu früh gebibbert: Alles wendet sich zum Guten, Herz findet zu Herz. liebende Bande und Abwässerprobleme münden in ein weiß-blaues Happy-End voll glücklicher Menschen in Dirndl und Trachten, mit Spanferkel-Essen, Blasmusik und nächtlicher Fensterl-Partie.
So verpufft alle Information im platten Jux, in den überdehnten Keilereien werden die letzten Reste Kommunalpolitik kaputtgeschlagen. Man kann eben nicht mit der einen Hand gesellschaftskritisch Protokoll führen wollen und sich mit der anderen unentwegt auf die Krachlederne schlagen.
Klaus Umbach
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 40/1976
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