13.09.1976

„Filmen ist Detektivarbeit“

Kubrick hat nach drei Science-fiction-Filmen ("Dr. Seltsam“, „2001“, „Uhrwerk Orange") einen historischen Roman verfilmt: „Barry Lyndon“ nach Thackerays Roman aus dem Siebenjährigen Krieg. Das Drei-Stunden-Opus ist von angelsächsischen Kritikern als Meisterwerk gefeiert worden: „Kubrick demonstriert Qualitäten, die Thackeray Überbieten“ ("Time"). Der Film, der einem das 18, Jahrhundert in nie gesehener Weise nahebringt, startet am 17. September in Deutschland.
SPIEGEL: Nachdem Sie sich in drei Science-fiction-Filmen immer mit gegenwärtigen Problemen beschäftigten, haben Sie jetzt einen Roman verfilmt, der im 18. Jahrhundert spielt. Was bestimmt Ihre Stoffauswahl?
KUBRICK: Ich kann darauf nur sehr unbefriedigend antworten -- unbefriedigend nicht nur für andere, sondern auch für mich. Ich kann nur ein paar banale Dinge beschreiben: Ich lese viel, ich versuche dabei nicht zu zielbewußt zu lesen, ich halte mich so weit wie möglich offen und vertraue darauf, früher oder später etwas zu lesen, das mich genug aufregt und beschäftigt, daß ich für die Verfilmung mehrere Jahre meines Lebens opfere. Im Laufe der Zeit habe ich eine Reihe von Thackerays Romanen gelesen und sie sehr bewundert. Aber Barry Lyndon war der einzige, in den ich mich verliebt habe. Manche Kritiker glauben, daß ich, weil ich einige Filme über gegenwärtige soziale Probleme gemacht habe, in erster Linie von sozialen Themen der Geschichte angezogen war. Wahr ist jedoch, daß, obwohl ich natürlich an den sozialen Ideen und Themen interessiert war, meine Auseinandersetzung mit den Geschichten ein viel breiteres Spektrum von Interessen wider-
* Mit Marisa Berenson.
spiegelte. Ich weiß, daß ich Ihrer Frage ausweiche, aber im Grunde ist das doch so, als ob man die Frage zu beantworten hätte: Können Sie mir erklären, warum Sie sich in Ihre Frau verliebt haben?
SPIEGEL: Hat Sie an "Barry Lyndon" der Held oder die Atmosphäre des 18. Jahrhunderts interessiert?
KUBRICK: Ein Film kann Atmosphäre besser umsetzen als jedes andere Medium. Für die Zuschauer ist es leicht und vergnüglich, diese Atmosphäre zu genießen, aber für den Filmemacher bedeutet ihre Herstellung viel Anstrengung. In Büchern bewirkt Atmosphäre und Beschreibung immer eine Verlangsamung der Erzählung, und der Autor muß ein Gleichgewicht zwischen Beschreibung und Handlung finden, Im Film existiert beides gleichzeitig. Ich sehe die Faszination, einen Film zu machen, darin, eine neue Umgebung zu erforschen und darzustellen, für mich ist das wie Detektivarbeit.
SPIEGEL: Sind Sie bei Ihren Filmen eher ein Maler als ein Erzähler?
KUBRICK: Ich sehe mich selbst als Filmemacher, was im besten Falle bedeutet, daß Schreiben, Schauspielerregie, Photographie und Montage vereint sind. Ich denke, man kann mit Recht sagen, daß Filmemachen im wesentlichen Geschichtenerzählen ist, obgleich man im selben Augenblick zugeben muß, daß die Geschichte, wie viel sie auch immer zur Wahrheit des Themas beitragen mag, im Grunde ein Trick ist, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer festzuhalten, während sich subtilere Dinge ereignen.
SPIEGEL: Im Roman erzählt Barry Lyndon seine Geschichte selbst, warum haben Sie für Ihren Film einen Erzähler in der dritten Person erfunden?
KUBRICK: Weil ich glaube, daß Thackeray davon fasziniert war, Barry seine Geschichte auf eine verquere und manchmal sogar falsche Weise erzählen zu lassen. Er überließ es dabei dem Leser, die Wahrheit herauszufinden. Im Roman schafft dies eine Ebene ironischen Humors, im Film jedoch, so glaubte ich, wäre der Gegensatz zwischen der objektiven, sichtbaren Wirklichkeit und der subjektiven Verwirrung, die im Roman stattfindet, so groß gewesen, daß das Ganze nicht mehr funktioniert hätte -- es sei denn in Form einer überdrehten Komödie. Und das war der Stoff für mich nicht.
SPIEGEL: Da Sie bei Ihren letzten Filmen auch Ihr eigener Drehbuchautor, bisweilen auch Ihr eigener Kameramann und Cutter waren was ist für Sie die wichtigste Phase des Filmens?
KUBRICK: Alles ist wichtig. und man kann keinen guten Film machen, wenn nicht alle diese Arbeiten sachgerecht geleistet werden. Ich kann nicht sagen, was der wichtigste Part ist, aber ich kann sagen, wann der gefährlichste Augenblick des Filmens ist: wenn man eine Szene am Drehort zum erstenmal zu proben beginnt. Trotz aller sorgfältiger Überlegungen, die man beim Schreiben anstellte, hört man jetzt die Schauspieler erstmals den Text sprechen, sieht sie sich zum erstenmal im Bild bewegen. Jetzt muß man sicher sein, daß etwas geschieht, was das Filmen lohnt. Und oft heißt das: Man muß das Geschriebene ändern -- tatsächlich schreibt man in diesem Augenblick die Szene für die Schauspieler neu. Denn auf einmal sieht man Sachen, von denen man vorher nicht ahnte, daß sie zu der Szene gehörten -- beispielsweise Eigenschaften des Charakters, die der Schauspieler weder in der Geschichte noch im Drehbuch entdeckt hat. Manchmal erscheinen Momente, die man für sehr subtil gehalten hat, als allzu aufdringlich, und andere, von denen man annahm, daß sie genügend Gewicht hätten, haben auf einmal zuwenig Substanz. All diese Elemente müssen in ein Gleichgewicht gebracht werden. Wie dem auch sei: Ist dies einmal ausgestanden, und man hat auch noch gute Schauspieler (man sollte, während man filmt, nicht auch noch eine Schauspielschule betreiben müssen), dann wird das Drehen ziemlich leicht und entspannt.
SPIEGEL: Wie konzipieren Sie Ihre Filme?
KUBRICK: Das Beispiel, das ich ständig vor Augen habe, ist das von Chaplin und Eisenstein. Eisensteins Filme sind vor allem Stil und haben im allgemeinen einen ziemlich vordergründigen und schwerfälligen Inhalt, während Chaplins Filme nur sehr wenig Stil haben, dafür aber einen extrem subtilen und intelligenten Inhalt. Beide Regisseure haben große Filme auf eine total unterschiedliche Art und Weise gedreht, aber wenn man wählen müßte -- und man muß wählen -, würde ich viel Inhalt und keinen Stil viel Stil und keinem Inhalt vorziehen.
SPIEGEL: Ihre Filme sind nach Romanen gedreht, wollen Sie nicht einmal ein Originaldrehbuch schreiben?
KUBRICK: Natürlich will ich, wenn ich je eine Idee haben sollte, die gut genug ist. Eine gute Filmgeschichte ist eine Art Wunder. Sie muß große erzählerische Qualitäten haben, ohne dabei auf unehrliche Tricks oder melodramatische Schwindeleien zurückgreifen zu müssen. Sie muß Intensität haben, ohne die Wahrheit zu verlieren.
SPIEGEL: In "Barry Lyndon" taucht das Jahr 1789 unvermittelt als eine Art Signal auf einem Scheck auf.
KUBRICK: Ich denke, daß ein Film voll von Details sein sollte, die den Zuschauer fragen lassen, ob der Regisseur sie bewußt oder unbewußt verwendet hat. Das Datum 1789 gehört zu dieser Kategorie von Details. Natürlich ist das Revolutionsjahr ein Aspekt der historischen Wahrheit des Romans von Thackeray, und als solches gehört es zum Grundmuster der Geschichte, aber ich gehe nicht von einer simplen Prämisse aus, die ich dann wie eine auf den Kopf gestellte Pyramide ausbaue. Wenn man dergleichen mit dem Werk eines so wichtigen Autors wie Thackeray täte, wurde man ihm einen schlechten Dienst erweisen und den Inhalt des Buches zu stark vereinfachen.

DER SPIEGEL 38/1976
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