13.09.1976

„Der Papst brachte das Chaos“

SPIEGEL: Frau Doktor Gerstner, Sie kämpfen seit 1962, seit Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils, an der Spitze der katholischen Traditionalisten gegen Veränderungen in der Kirche. Warum?
GERSTNER: Weil es an der 2000 Jahre alten katholischen Kirche nichts Wesentliches mehr zu verändern gibt. Die katholischen Lehren sind längst definiert; die katholischen Wahrheiten endgültig. Natürlich kann es Reformen geben, aber nur, wenn sie die Tradition bewahren.
SPIEGEL: Sind Sie nicht auch gegen Reformen am Unwesentlichen, beispielsweise gegen Reformen am Ritus der Messe?
GERSTNER: An der Messe gibt es nichts Unwesentliches. Jede Kniebeuge, jede Verneigung, jedes Kreuzzeichen, jedes Gebet, jede Handlung -- alles ist bezogen auf die wesentlichen Wahrheiten unseres Glaubens. Wer die Formen der alten Messe zerstört, hat damit auch den alten Glauben zerstört.
SPIEGEL: Immerhin ist es der Papst selbst, der eine neue Meß-Form befohlen hat. Müßten Sie ihm als Katholik nicht gehorchen?
GERSTNER: Einem wirklichen Papst würde ich den Gehorsam nie verweigern. Aber für viele von uns ist es eben fraglich, ob es überhaupt einen legitimen Papst Paul VI. gibt. Ein Papst, der den Glauben verrät, ist nach der Lehre früherer Päpste eo ipso nicht mehr Papst. Alles, was er fortan sagt und tut, ist für die Kirche nicht mehr verbindlich.
Bei der Tradition Miste-Messe am 5. September in der Privatkapelle des evangelischen Kölner Barons von Stein
SPIEGEL: Dann glauben Sie also nicht an die Dogmen von der obersten Leitungsgewalt und der Unfehlbarkeit des Papstes?
GERSTNER: Aber selbstverständlich. Um für den Primat und die Unfehlbarkeit des Papstes sein zu können, muß man unter Umständen gegen einen bestimmten Papst sein.
SPIEGEL: Wer der richtige Papst ist und wer nicht, entscheiden dabei Sie?
GERSTNER: Das entscheiden die geheiligten Traditionen der Kirche. An ihnen muß sich ein Papst messen lassen. Hält er ihnen nicht stand, ist jeder Katholik zum Ungehorsam verpflichtet.
SPIEGEL: Solche Gewissensfreiheit hat auch das letzte Konzil den Katholiken empfohlen. Aber diese Konzilsempfehlungen gelten bei Ihnen als liberalistische Irrlehren. Widersprechen Sie sich da nicht?
GERSTNER: Wenn ich mich an die Traditionen der Kirche halte, ist das keine Gewissensfreiheit. sondern strikter Gehorsam gegen Gott.
SPIEGEL: Es gibt also zur Zeit für Sie keinen Papst?
GERSTNER: Wahrscheinlich schon seit 1958, seit dem Tode Pius" XII., nicht. Denn mit dem Konzilspapst Johannes XXIII. begann die unselige Destruktion alles dessen, was uns heilig ist. Und mit Papst Paul erreichte das Chaos seinen Höhepunkt.
SPIEGEL: In den Augen der Progressiven ist Papst Paul aber ein Erzkonservativer.
GERSTNER: Ein Papst, der zum Gefangenen seiner schlechten Berater und zum Opfer des Zeitgeistes wird, ist keine Papst-Figur. Ein Papst, der Freimaurer zu Kardinälen und Bischöfen macht und in edelkommunistischen Kreisen der ganzen Welt seine Freunde hat, macht sich suspekt. Ein Papst, der sich am rechten Glauben vergeht, hat sich selbst gerichtet.
SPIEGEL: Aber auch der nächste Papst wird nicht Lefebvre heißen?
GERSTNER: Erzbischof Lefebvre ist unser geistiger Führer. Ihm verdanken wir den Durchbruch. Von ihm erhoffen wir, daß er die vielen Splittergruppen der Traditionalisten eint. Und zu ihm stehen wir, solange er mit Rom keine Kompromisse eingeht. Aber Lefebvre ist nicht unser Papst und nicht unser Papst-Kandidat. Wohl sollte er während der nächsten Konklave eine Gegenkonklave aufstellen, mit Kandidaten aus unseren Reihen.
SPIEGEL: Haben Sie Kandidaten?
GERSTNER: Es gibt in fast allen Ländern Kardinäle und Bischöfe. die auf unserer Seite stehen. Leider haben sie nicht den Mut, das offen zu bekennen. Es ist manchmal ekelerregend, wie feige die Bischöfe sind. In der Öffentlichkeit buhlen sie um die Gunst der Reformer. Und hinter vorgehaltener Hand wünschen sie uns Erfolg.
SPIEGEL: Auch deutsche Bischöfe?
GERSTNER: Ja. Aber ich möchte keine Namen nennen.
SPIEGEL: Bischof Graber von Regensburg?
GERSTNER: Er ist ein beunruhigter Traditionalist. Aber ihm fehlt das Rückgrat. Es wäre höchste Zeit, daß er für die Wahrheit offen eintritt, die er längst erkannt hat.
SPIEGEL: Stehen Sie nicht längst außerhalb der Kirche?
GERSTNER: Das hieße die Tatsachen auf den Kopf stellen. Wir sind die wahre Kirche, die Restkirche, die Kirche der Katakomben. Die Konzilskirche dagegen, die Kirche Pauls VI., steht außerhalb. Sie hat den totalen Glaubensabfall, Schisma und Häresie, längst vollzogen.
SPIEGEL: Bereits vor acht Jahren haben Sie vor dem Amtsgericht Ihren Kirchenaustritt erklärt und Ihren Mitgliedern seither erfolgreich empfohlen, das gleiche zu tun.
GERSTNER: Um der nachkonziliaren Schein-Kirche die Kirchensteuer zu verweigern, bleibt uns keine andere Wahl. Aber mit diesem staatlichen Akt treten wir nicht wirklich aus der Kirche aus. Wir brauchen die eingesparten Kirchensteuern für den Aufbau einer eigenen Organisation. da uns die Kirche jegliche Mittel vorenthält.
SPIEGEL: Die Mehrheit der Katholiken betrachtet Ihr Unternehmen eher als Kuriosum denn als Weg zur Wahrheit.
GERSTNER: Die Wahrheit muß nicht auf seiten der Mehrheit sein. Wir haben die Elite: die Frömmsten und die Intelligenz. Die breite Masse aber ist der Gehirnwäsche des Konzils erlegen. Wenn der Papst den Leuten morgen befiehlt, in der Messe einen Kopfstand zu machen, dann tun sie das. Je dümmer die Leute sind, desto eher fallen sie auf den Progressismus herein, den ihnen die sogenannten modernen Theologen servieren.
SPIEGEL: Sie haben eine schlechte Meinung von modernen Theologen?
GERSTNER: Sie sind die Totengräber des wahren Glaubens geworden. Nehmen Sie einen Irrlehrer wie den Tübinger Theologieprofessor Küng: Es gibt fast kein Dogma, das er unangetastet ließ. Und doch darf er weiter Priester ausbilden. Der Papst hatte nicht einmal den Mut, seine Häresien zu verurteilen.
SPIEGEL: Küng hat ein neues Konzil vorgeschlagen.
GERSTNER: Küng möchte da doch nur seine Irrlehren sanktionieren lassen. Er nannte auch bereits die Themen: Geburtenregelung, Ehescheidung. Abtreibung, Papstwahl, Aufhebung des Zölibats, Anerkennung der Protestanten -- ein solches Konzil wurde zu einer Katastrophe für die Kirche.
SPIEGEL: Sie haben etwas gegen Protestanten?
GERSTNER: Die Protestanten sind mir lieb und teuer, auch die Juden. Aber sie leben im Irrglauben, und sie müssen bekehrt werden.
SPIEGEL: Muß sich eine Bewegung, die sich so konsequent intolerant gibt und sich allein im Besitz der Wahrheit wähnt, auf Dauer nicht isolieren und bedeutungslos werden?
GERSTNER: Die Verheißungen des Heiligen Geistes sind auf unserer Seite. Um die Zukunft unserer Bewegung machen wir uns deshalb keine Sorgen.

DER SPIEGEL 38/1976
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