06.09.1976

Das Fernseh-Duell

2. September: Auf einer Bundespressekonferenz lehnt Helmut Schmidt endgültig die Zweier-Diskussion mit seinem Rivalen Helmut Kohl ab. Statt dessen schlägt er vier Dreistunden-Diskussionen unter der Beteiligung von Strauß und Genscher vor. Schmidt: "Jetzt werden wir sehen, wer kneift." Kohl: "Cinemascope-Kanzler."
3. September: Emnid ermittelt, daß 63 Prozent der männlichen CDU-Wähler nach wie vor für das Zweier-Gespräch, dagegen 70 Prozent des protestantischen Kleingewerbes für die Vierer-Runde sind. Schmidt wirkt, wie aus dem Allensbach-Institut verlautet, in einem Duell auf weibliche Wechselwähler zwar energisch, auf pensionierte Landwirte dagegen rechthaberisch, während es bei Kohl so ist, daß seine Glaubwürdigkeit in dem Maße bei den Anhängern von Dregger abnimmt, je mehr Gesprächspartner mit ihm diskutierten. An Sonntagen ist es allerdings umgekehrt.
4. September: Nachdem die Demoskopen herausgefunden haben, daß es Genscher schadet, wenn er glaubt, daß es ihm schade, falls Schmidt und Kohl allein diskutieren, wird von den Koalitionspartnern erwogen, Schmidt erklären zu lassen, daß er bereit sei, fünf Vierstunden-Gespräche mit Kohl zu führen. Die fünf Gespräche sollten für den "Herrn Ministerpräsidenten durchaus Belehrungscharakter haben" und sollten daher unter dem Titel "Kleines Seminar über die große Politik" laufen.
5. September: Auf einer Koordinationskonferenz von ARD und ZDF streichen die beiden Sender in Hinblick auf die Entwicklung vorsorglich zwei Drittel des vorgesehenen Programmangebots bis zum 3. Oktober: "Wir sind für jede Entwicklung offen."
6. September: Wickert erfährt durch eine Blitzumfrage, daß in der Bevölkerung über die Frage, wer vor wem kneife, eine Pattsituation herrscht.
7. September: Die CSU entwickelt den Plan der totalen Fernsehkonfrontation. So sollen Montag, Mittwoch und Freitag die Kanzlerkandidaten, Dienstag, Donnerstag und Samstag die Vizekanzlerkandidaten jeweils im Abendprogramm beider Kanäle diskutieren. Der Sonntag ist für Vierer-Runden vorgesehen. Auf diese Weise bekomme man auch die Politiker von den immer gefährlicher werdenden Straßen. "Unsere Bürger sind, was Maß und Mitte anbetrifft, dazu mündig genug", erklärt Kohl dazu: "Duell oder Sozialismus."
8. September: Die SPD sieht in der Auswahl der Wochentage durch die CSU "eine üble demagogische Manipulation".
9. September: Die ARD veranstaltet eine Zweier-Diskussion zwischen Klaus Bölling und Gerd Bacher. Titel: "Das Duell über das Duell -- Argumente, Analysen, Perspektiven".
2. Oktober: Die vier Parteien haben sich geeinigt, die Bundestagswahl zu verschieben. Dies sei im Hinblick darauf geschehen, daß die Vorrunden zur Vordiskussion, ob Schmidt mit Kohl allein diskutieren solle, frühestens im Dezember abgeschlossen werden können. "Duell statt Demoskopie"?", die allabendliche open-end-Diskussion, wird, laut Infas, von 77 Prozent aller CDU-Wähler und 83 Prozent aller Koalitionssympathisanten gesehen. Die Zuschauerurteile schwanken von "energisch" bis "allergisch".
Von Daniel Doppler

DER SPIEGEL 37/1976
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