06.09.1976

FILMKosmischer Interruptus

"Der Mann, der vom Himmel fiel". Spielfilm von Nicolas Roeg. Großbritannien 1976; Farbe; 119 Minuten.
Nicolas Roegs "Mann, der vom Himmel fiel" ist auf dem besten Wege, auch in Deutschland ein Kult-Film zu werden: ein Film also für eine Gemeinde, die mit verzücktem Augenaufschlag und halboffenem Mund sich ein Lebensgefühl von der Leinwand saugt.
Zwei Gründe prädestinieren das Science-fiction-Werk zu diesem Trip auf der Zuschauergunst. Einmal die Besetzung der Hauptrolle mit dem Spät-Rockstar David Bowie, zum anderen die modische Häcksel-Technik Roegs ("Wenn die Gondeln Trauer tragen"), der Banalitäten so schick durcheinander schneidet, daß sie den Eindruck von Tiefsinn und Drive vermitteln.
Der Stoff des Films hätte dabei die Chance geboten, neugierig oder erschrocken auf unsere "Brave New World" zu blicken: Auf der Erde, genauer in einer Kleinstadt in New Mexico, landet ein Besucher von einem anderen Stern. Er ist als Kundschafter auf die Erde gekommen, denn auf seinem Planeten herrschen Dürre und Wassernot, so daß er bei uns die Möglichkeit für ein interplanetarisches Exil der dürstenden Sternbewohner erkunden soll.
Da der Besucher genügend Schmuck und einige umwälzende technische Patente mitbringt, kann er rasch einen
* Mit Candy Clark und David Bowie.
Multikonzern aus dem Boden stampfen und geht daran, ein Raumschiff für die Rückreise zu bauen. Doch die irdischen Verhältnisse, die sind nicht so: Andere. bösere Multis vernichten den jungen Mann, der schließlich, ohne Hoffnung auf Heimkehr, als eine Art verstörter Tramp auf der Erde bleibt.
Leider ist Roeg ebensowenig wie sein Marsmännchen an der Erde interessiert. Er nimmt sie bestenfalls so wahr, wie die Zigarettenreklame sie wahrnimmt, macht aus ihr schicke Exotik, indem er Landleben nach Gutsherrenart und Industrieboß-Einsamkeit im Rücksitz des Cadillacs zu einem schier ewigen Werbespot aneinanderleimt.
Seit er damit in den "Trauernden Gondeln" reüssierte, scheint dieser Filmemacher eine geradezu obsessive Vorliebe für den filmischen Coitus interruptus zu haben. Immer wieder schweben seine Figuren in sexual-gymnastischen Übungen unter heftigem Gestöhne auf- und voneinander, wobei die Zeitenfolge des Liebesspiels im Starmix durcheinandergequirlt wird.
Man hat den Eindruck, der außerirdische Gast sei nur zwecks Erlernung dieser Liebestechnik aus allen Wolken gefallen. Und der ganze interplanetarische Rummel finde nur deshalb statt, damit der Fremde bei seinem irdischen Seitensprung mit einer Kellnerin Gewissensqualen darüber erleidet, seine Frau nebst ihren zwei reizenden Kindern interplanetar zu betrügen. Statt Lichtjahren hätte da auch die Strecke zwischen Lüneburg und Winsen gereicht. Es bleibt jedenfalls eine Handelsvertreter-Ballade, auch wenn der Fremde keine Bürsten in seinem Warenkoffer mit sich führt, sondern statt
David Bowle
dessen mit Patenten für Photoapparate, Elektronik und Raumschiffe hausiert.
Am deutlichsten verrät der Film seinen Trick, seine Tante-Emma-Laden-Gefühle in einem blitzenden Supermarkt zu verhökern, gegen Ende. Hier wohnt dann der von bösen irdischen Mächten Gequälte nur noch in Theaterdekorationen und spielt auch irgendwann ohne ersichtlichen Grund mit seiner Partnerin Pingpong: Man konnte ihn für eine Einstellung in einen Gatsby-Look stecken und auch noch Antonionis metaphysisches Tennis-Match aus "Blow up" nachspielen.
David Bowie lohnt den optischen Trip in die Welt eines enthemmten Kameramannes dennoch. Die Anziehungskraft dieses Schauspielers liegt in seiner fast ängstlich aggressiven Abkapselung gegen die Außenwelt, der sexuelle Appeal resultiert absurderweise aus einer verschwommenen Zwischengeschlechtlichkeit. Bowie verkörpert einen Zeittyp, dessen Attraktionen sich eigentlich nur paradox beschreiben lassen: Er ist ein "Softy", der Härte ausstrahlt, ein Narziß ohne Selbstgenuß.
Die schönsten Szenen des Films ergeben sich so auch in einem Motel, als er die Kellnerin kennenlernt. Dem Fremden wird es im Lift übel, worauf ihn das Mädchen (Candy Clark) in sein Zimmer tragen muß, um an seinem Bett Krankenwache zu halten. Wie hier aus einer Mischung von trivialer handfester Herzlichkeit bei ihr und verstörter Abwesenheit bei ihm eine selbstverständliche Gemeinsamkeit entsteht -- das zumindest macht den Film für Augenblicke zu einer neugierigen Expedition in eine fremde Welt: Es ist die Welt der mit Fernsehgeräten, Schnapsflaschen und Öde vollgestopften, vollklimatisierten Schlafstädte.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 37/1976
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