30.08.1976

BRANDTNr. F 2019

Die Herkunft der Legende, Willy Brandt sei in seiner Jugend Kommunist gewesen, ist jetzt geklärt: Es war, wie aus verloren geglaubten Akten hervorgeht, die Version der Gestapo.
Der stellvertretende Leiter der Gestapo in Kiel, Dr. Gerhard Littschwager, beschäftigte sich am 28. April 1938 mit Schreibtisch-Routine. Er formulierte Ausbürgerungsanträge, die an das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin zu richten waren.
Littschwager diktierte: "Betrifft: Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit des deutschblütigen Herbert Ernst Kart Frahm, geb. am 18. 12. 1913 in Lübeck, letzter inländischer Wohnsitz Lübeck, jetziger Aufenthalt Oslo". Dazu setzte Littschwager das Geschäftszeichen "II B 3 -- F 2019", unter dem Herbert Frahm seit 1933 in Gestapo-Akten registriert war.
Zur Begründung des Antrages schrieb der Gestapo-Mann: "Da Frahm, ein ehemaliger kommunistischer Jugendredner, der jetzt in Oslo wohnt, vom dortigen Flüchtlingskomitee unterstützt wird und unter dem Decknamen "Willy Brandt' Mitarbeiter der marxistischen Tageszeitung "Arbeiderbladet" ist, sich als Kurier zwischen den Emigrantenorganisationen in Frankreich und den nordischen Ländern betätigt, sind die Voraussetzungen für die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit des Frahm ... erfüllt."
Und weiter ließ Littschwager schreiben·. "Vor der Machtübernahme hat sich Frahm zuerst in der SAJ (Sozialistische Arbeiterjugend) und später in dem KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands) betätigt. In dem letzteren Verband tat sich Frahm besonders als Jugendredner hervor."
Littschwagers Originalschreiben ist verschwunden, aber einen beglaubigten Durchschlag fand der Historiker Hans Georg Lehmann bei Recherchen für eine Monographie über die Ausbürgerungspraxis des Dritten Reiches, die soeben als Buch erschienen ist*.
Professor Lehmarm, Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Bonn und seit seiner Arbeit als Mitherausgeber der "Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945" für seine akribischen Forschungen bekannt, stützt sich auf zahlreiche bisher unveröffentlichte Dokumente. Er schildert das Schicksal, das der NS-Staat mindestens 38 766 deutschen Ausgebürgerten zuteil werden ließ, am Beispiel eines einzelnen -- Willy Brandts.
Hans Georg Lehmann: "In Acht und Bann. C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung, München: 320 Seiten; 2980 Mark.
Denn Brandt nahm zur Zeit seiner Ausbürgerung eine Mittelstellung zwischen den wenigen prominenten Expatriierten und den vielen namenlosen Antifaschisten im Exil ein. Sein Ausbürgerungsfall ist mithin repräsentativ für fast alle. Zudem fanden sich noch relativ viele Materialien über Brandts Exilzeit und Ausbürgerung.
Das von Lehmann in einem Schleswiger Archiv aufgestöberte Littschwager-Dokument, in dem die Gestapo Brandt als Kommunisten registriert, scheint noch einmal die Legende zu erhärten. Brandt sei in seiner Jugend Kommunist gewesen, mit der extreme Brandt-Gegner jahrelang hausierten. Das Gestapo-Papier steht freilich in striktem Gegensatz zu Willy Brandts eigenen Erklärungen.
Brandt dementierte immer wieder in Schriften. Interviews und Reden die Kommunisten-Version. 1962 beschwor er, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, sogar vor Gericht, er habe "zu keinem Zeitpunkt einer kommunistischen Organisation angehört oder die Auffassung einer solchen vertreten".
Dazu Autor Lehmann: "Das Dokument wird durch diese Zeugenaussagen nicht schon deshalb widerlegt oder entwertet, weil es von der Gestapo stammt. Auch die deutsche Gesandtschaft in Norwegen hat Frahm/Brandt nach seiner Ankunft in Oslo als "kommunistischer Agitator" eingestuft, und zwar aufgrund von Auskünften der norwegischen Fremdenpolizei und Pressemeldungen, unabhängig somit von der Gestapo und ihren Quellen."
Der Ex-Kanzler, den der Autor unlängst nach dem wirklichen Sachverhalt befragte, meint heute freilich, es müsse wohl ein Tippfehler vorliegen, denn er sei Mitglied des SJVD (Sozialistischer Jugendverband Deutschlands) gewesen. Dem KJVD habe er weder angehört noch sich darin als Jugendredner betätigt.
Doch an Tippfehler, wiewohl auch "denkbar", mag Lehmann nicht so recht glauben. Der Professor hält es für wahrscheinlicher, daß die Gestapo irrtümlich annahm, Herbert Frahm habe sich als Kommunist betätigt.
Denn in der überschaubaren Hansestadt Lübeck war der junge Frahm Anfang der dreißiger Jahre trotz unehelicher Geburt und proletarischer Herkunft kein Unbekannter mehr. Er mauserte sich damals mehr und mehr zum linksradikalen Bürgerschreck. Aber auch die älteren seiner sozialdemokratischen Parteigenossen, die auf Bebel und Breitscheid bauten, erschraken vor dem linksgerichteten Ungestüm des Pennälers Frahm:
* Er trug bei einer Mai-Demonstration ein Transparent durch die Straßen, auf dem geschrieben stand: "Republik, das ist nicht viel -- Sozialismus ist das Ziel".
* Er wurde nach einer abendlichen Keilerei mit Nationalsozialisten wegen Körperverletzung angeklagt, vom Gericht jedoch freigesprochen - aus Mangel an Beweisen.
* Er wagte es noch als Schüler, den als dynamisch geltenden Lübecker SPD-Vorsitzenden Julius Leber öffentlich einen Reaktionär zu schimpfen.
Auch Frahms Familie verfolgte die politische Entwicklung des jungen Rebellen mit Unbehagen. Die Mutter, der Großvater, bei dem der Junge aufgewachsen war, dann sein Stiefvater -- alle gehörten der SPD an. Und so war auch Herbert Frahm wie selbstverständlich über sozialdemokratische Kindergruppen und die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) in die Partei geraten (1930).
Alle, Verwandte und Freunde, waren konsequente Gegner der Nationalsozialisten -- auch der SPD-Chef Leber, der später als Wegbereiter des 20. Juli hingerichtet wurde. Trotzdem erachteten ihn 1930 die Linken seiner Partei, unter denen Herbert Frahm bald das große Wort führte, als rechten Opportunisten, ja sogar als "Militaristen". Sie verfolgten Leber mit maßlosen Angriffen. beschuldigten ihn des Verrats an den Grundsätzen des Sozialismus, weil er das bejahe, was sie den bürgerlich-kapitalistischen Klassenstaat nannten.
Mitte 1930 band Frahm und dessen linke Freunde innerlich nichts mehr an die SPD. Daß er nicht zu den Kommunisten überwechselte, lag wohl nur daran, daß sieh damals die eben gegründete Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) zwischen SPD und KPD ansiedelte. Fast die Hälfte der Lübecker SAJ-Mitglieder, Frahm vorneweg, schwenkte zur SAP über.
Um zu verhüten, daß sich die Sozialistische Arbeiterjugend in Lübeck vollends zerstritt, berief Leber im Oktober 1931 eine Vollversammlung ein, die der Aussöhnung zwischen den streitenden Flügeln der SPD dienen sollte. Doch statt Kompromiß gab es Keile. Die Linken sprengten die Versammlung: sie ging in Tumulten und Gebrüll unter.
Anderntags zürnte das SPD-Blatt. der "Lübecker Volksbote", dessen Chefredakteur Leber war: "Und es standen als Anführer inmitten des wilden Haufens der Student Peters und der Schüler Frahm, die beide zu den Spaltern gehören. Auch einige junge Kommunisten hatten sich dazwischengeschmuggelt und kreischten eifrig mit."
Wohlgefällig betrachteten die Braunen die Selbstzerfleischung der Roten, aber der vom sozialistischen Sendungsbewußtsein besessene Frahm agierte weiter gegen die alte Partei. Ein Vierteljahr später schrieb er trotzig im SAP-Organ: "Der Wandlungsprozeß in uns hat sich soweit vollzogen, daß wir der SPD nicht mehr näherstehen als irgendeiner anderen proletarischen Partei. Im Gegenteil, vielleicht stehen wir der SPD am wenigsten nahe."
Daß Frahm vor seinem Eintritt in die SAP, als er mit der SPD schon nichts mehr anzufangen wußte, auch Versammlungen der Kommunistischen Partei besucht hat, hält Lehmann für ebenso wahrscheinlich wie sein dortiges Auftreten als Diskussionsredner: "Dabei beobachtet, wurde er vermutlich von der Politischen Polizei irrtümlich als Mitglied des KJVD registriert oder als solches später bei der Gestapo denunziert."
Nach Lehmanns Ansicht scheidet eine Mitgliedschaft Frahms im KJVD jedoch mit Sicherheit aus: "Sie hätte sich nicht verheimlichen lassen und ihn zunächst zur Zielscheibe sozialdemokratischer Angriffe. nach dem Wechsel zur SAP vor allem aber kommunistischer Angriffe gemacht."
Auch nach dem Kriege, berichtet der Historiker, hätten gezielte Nachfragen unter den Lübecker Bekannten Brandts keine Indizien für eine KP-Zugehörigkeit erbracht. Lehmann: "Es ist ausgeschlossen, daß sie alle -- Freunde und Feinde -- eine solche Episode verheimlicht hätten."
Die Gestapo. die gemeinhin über fast alle Regimegegner, auch wenn sie sich im Ausland aufhielten, gut informiert war, hatte sich mit Brandt in Lübeck offensichtlich nicht viel Mühe gemacht. Im Dossier über F 2019 heißt es. "Nach der Machtübernahme betätigte sich Frahm in Lübeck nicht mehr im politischen Sinne. Am 14. 6. 1933 emigrierte er nach Dänemark."
Brandt dagegen gibt an, er habe an Demonstrationen und Widerstandsaktionen zugunsten des am 1. Februar 1933 verhafteten Leber teilgenommen, bevor er "nicht ohne Gefahr" Anfang April 1933 mit einem Fischkutter von Travemünde nach Rödbyhavn "geflohen" sei.
Die Differenz zwischen beiden Terminen -- immerhin zehn Wochen -- beruht auf einer Falschinformation der Gestapo. Lehmann kann belegen, daß Brandts Einlassung zutrifft, er habe Anfang April Deutschland verlassen.
Aber auch Brandts Version ist zumindest lückenhaft: Er entging nicht. wie er meint, durch seine Flucht einer drohenden Gefahr. Lehmann weist nach, daß von einer Flucht nicht gesprochen werden kann. Brandt wurde von der Polizei im Frühjahr 1933 keineswegs beschattet, denn sonst hätte sie entweder die Emigration verhindern oder den richtigen Abreisetermin zu den Akten nehmen können. Lehmann: "So aber vergingen zweieinhalb Monate, bis die Polizei überhaupt merkte oder nachträglich recherchierte, daß er verschwunden war."
Was immer Frahm nach dem 30. Januar 1933 in Lübeck unternommen hat -- der Polizei fiel es nicht auf. Sie merkte auch nicht, daß Frahm Mitte März an einem geheimen Reichsparteitag der SAP in einer Dresdener Vorstadtkneipe teilnahm. Über den Parteitag wußte die Politische Polizei hingegen gut Bescheid: sie verschaffte sich sogar Einblick in die Protokolle.
Der junge Lübecker erhielt auf diesem Parteitag den Auftrag, die Flucht des Genossen Paul Frölich, eines führenden SAP-Funktionärs, von der Insel Fehmarn aus nach Norwegen vorzubereiten. Doch Frölich wurde am 21. März auf Fehmarn verhaftet.
Frahm befürchtete nun, daß auch er bald gefaßt würde, Genossen wollten schon wissen, wegen der Verteilung illegaler Flugblätter fahnde die Polizei nach ihm. So mußte Frahm froh sein, daß ihn gerade in diesen Tagen die SAP-Reichsleitung beauftragte, in Oslo ein SA P-Büro einzurichten. Vermutlich glaubte auch die Zentrale, Frahm werde bald eingesperrt.
Der Travemünder Fischer Paul Stooß versteckte Frahm auf dem Kutter "TRA 10". Dann tuckerte er los wie jede Nacht, wenn er fischte, nur steuerte er diesmal Dänemark an. Doch bis er in Rödbyhavn angelegt hatte, überstand Frahm "die schlimmste Fahrt, die ich je mitgemacht habe". Denn, so erinnert er sich. "Das Wetter war fürchterlich, die Qualen der Seekrankheit erschienen mir unerträglich."
Fischer Stooß hingegen fielen weder tobende Elemente noch ein leidender Frahm auf: Das Wetter, meinte Stooß später, war klar und die See ruhig.
In Olso brauchte Frahm, der sich nun Willy Brandt nannte und unter diesem Namen fleißig für das "Arbeiterbladet" und andere linke Blätter schrieb, keine Not zu leiden. Brandt weiß. "Nur in den ersten Wochen all meiner Auslandsjahre brauchte ich von Unterstützung zu leben. Nachher konnte ich mich mit meiner journalistischen Arbeit durchschlagen und während der letzten Jahre sogar anständig leben."
Die Gestapo, die Herbert Frahm in Deutschland nicht beachtet hatte, hielt ihn nun im Ausland unter Beobachtung, ohne zu ahnen, daß Frahm mit Brandt identisch war.
Es dauerte vier Jahre, bis Willy Brandt enttarnt werden konnte, und es war nicht die Gestapo, die ihm auf die Spur kam. Am 27. Mai 1937 meldete Gesandtschaftsrat Kühn von der Deutschen Botschaft in Paris: "Als Kurier für Emigrantenorganisationen reist ein gewisser Herbert Frahm zwischen Frankreich und den nordischen Ländern." Kühn zählte dann die exakten Personaldaten Frahms auf.
Die Gestapo konnte mit dieser Information des Auswärtigen Amtes und selber gesammelten Daten über Frahm! Brandt das Rätsel lösen: Frahm war Brandt. Knapp ein Jahr später leitete die zuständige Kieler Gestapo das Verfahren für seine Strafausbürgerung ein.
Am 5. September 1938 wurde "dem deutschblütigen Herbert Frahm" zusammen mit 47 anderen Emigranten die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Lehmann kommentiert: "Aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen, sollten sie lebenslang geächtet sein: als vogelfreie Staatenlose, die Volk und Vaterland verraten haben."

DER SPIEGEL 36/1976
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