30.08.1976

LITERATURBlonder Traum

In Amerika erschien eine erste umfassende Raymond-Chandler-Biographie. Sie zeigt den Klassiker des harten Detektivromans als weichen und „ungemein schwierigen Menschen“.
Ja, ich bin genauso wie die Gestalten in meinen Büchern. Ich bin ein ruppiger Bursche und bekannt dafür, daß ich ein Wiener Hörnchen mit bloßen Händen zerbreche", knurrte er einst auf die bewährte ironisch-sarkastische Raymond-Chandler-Tour.
Aber manche Zeitgenossen sahen den Klassiker des harten amerikanischen Detektivromans durchaus richtig: Auf seinen englischen Kollegen und Bewunderer J. B. Priestley wirkte er "eher schüchtern und grüblerisch". andere Zeitgenossen behielten ihn als "professoralen Typ". als "nervösen" und "äußerst sensiblen", als "ungemein schwierigen und offenbar zutiefst unglücklichen Menschen" in Erinnerung.
Scheu, gehemmt, von Existenzkrisen bedroht, so bestritt Chandler sein problematisches Dasein -- er hat es als einer der fleißigsten Briefeschreiber des Jahrhunderts oft kommentiert. Doch wie brüchig und zuletzt tragisch grotesk sein Leben tatsächlich war. wird erst jetzt, in einer Biographie des amerikanischen Literatur-Professors Frank MacShane, richtig deutlich*.
Er hatte die 50 bereits hinter sich, als er 1939, im "Großen Schlaf", seinen legendären Spürhund Philip Marlowe erstmals durch die Nachtschatten kalifornischer Großstädte schnüffeln ließ
* Frank MacShane: "The Life of Raymond Chander". Verlag E. P. Dutton, New York; 306 Seiten; 12,50 Dollar.
-- einen gefährlichen Mann mit trockenem, unverfrorenem, oft auch zynischem Witz, ein schlagfertiges Rauhbein, mit dem er wahrhaftig nicht viel Ähnlichkeit zu haben schien.
Und dennoch, ganz verleugnen kann dieser Einzelgänger auf schmutzigen Straßen, dieser redliche Held in einer düster-melodramatischen Welt voller Mord. Verrat, Laster, Korruption und Erpressung, dieser ritterliche Beschützer verfolgter Blondinen seine Herkunft nun auch wieder nicht: Er ist -- gleich seinem Autor -- ein Moralist von puritanischer Strenge, dazu ein unverbesserlicher Romantiker, vor allem aber ein einsamer Außenseiter in einer von ihm herzlich verachteten Gesellschaft.
Als "Mann ohne Heimat", als Fremdling im Exil, so jedenfalls hat sich Chandler stets in der amerikanischen Westküsten-Zivilisation empfunden, deren Abseiten er derart eindringlich beschwor; und in herber Nostalgie träumte er über die Jahrzehnte hinweg von seinem England, das er einfach nicht vergessen konnte.
Denn hier war er, 1888 in Chicago geboren, ja aufgewachsen, seit er siebenjährig seinen "unsagbaren Schweinehund" von Vater für immer aus den Augen verlor und mit seiner gerade geschiedenen Mutter die USA verließ. Hier hatte er sich auf einer Public School die feine englische Art zu eigen gemacht, hatte ein ödes halbes Jahr in einem Büro der Britischen Admiralität verbracht und melancholisch-entsagungsvolle Gedichte über kornblumenblauäugige Damen veröffentlicht, bevor er mit 23 ins unbekannte Land seiner Geburt zurückkehrte und "voll Dünkel gegen die Eingeborenen" in Kalifornien sein Glück versuchte.
Er wurde Buchhalter; nach dem Ersten Weltkrieg (an dem er im kanadischen Expeditionskorps teilnahm) arbeitete er sich sogar zum Direktor mehrerer Erdöl-Gesellschaften empor. Doch Leben -- soviel war ihm mittlerweile klar -, das bedeutete "heute einen Klaps auf die Schulter, morgen einen Tritt in die Zähne". Als die Depression kam und private Depressionen ihn in den Alkohol und zu allerlei Dummheiten trieben, saß er plötzlich auf der Straße.
Chandler, dieser Mann der fragmentarischen Karrieren, war ein Versager in der Lebensmitte, als er aus purer Selbsterhaltung erste Detektivgeschichten für billige Magazine verfaßte. "Wohlüberlegt experimentierend", so Priestley" erhob er dann in sieben bis heute berühmten Romanen das Krimi-Genre zu "literarischer Hochform". Und seine Cissy, fast 18 Jahre älter als er, stand ihm dabei hilfreich zur Seite. Sie war, laut MacShane, eine weitgewandte, attraktive, erotisch anziehende Frau von 48, als Chandler sie kennenlernte. Aber sie war eben auch eine Frau, die, so jugendlich schick und übertrieben weiblich sie sich gab, zusehends alterte, die im Lauf der Jahre immer häufiger kränkelte und ihren "Raymio" mit Zank und Eifersucht des öfteren zur Verzweiflung, zur Flasche und zu wilden Ausbruchsversuchen aus dieser Ehe trieb. In MacShanes Biographie präsentiert sich bisweilen ein Chandler, der mit dem Verfasser autobiographischer Briefe nur noch wenig gemein hat, der sich -- etwa als hochbezahlter Drehbuchautor im Hollywood der vierziger Jahre -- durch die Partys trank, der hübschen Statistinnen nach jagte und gefälligen Sekretärinnen das Unglück seiner Ehe und seines Alterns klagte.
Freilich, er kehrte, wie es sich für einen fanatischen Moralisten gehörte, von seinen Eskapaden jedesmal wieder in die Weltabgeschiedenheit zur alten Cissy zurück., zurück zu den langen Abenden unermüdlicher Briefeschreiberei, zum enthaltsamen "Leben für die Syntax", zurück zu Philip Marlowe, der all den blauäugig blonden Wesen begegnen darf, von denen sein Autor meist nur träumen konnte.
Cissy, sie war die Bewacherin seiner alkoholfreien Schreibtisch-Isolation, die Hüterin seines Talents. Sie war, wie er ihr reumütig nach rief, "30 Jahre lang der Schlag meines Herzens".
Als sie 84jährig 1954 starb, brach Chandlers Leben, katastrophenanfällig seit je, auseinander; es wurde zum Alptraum. Sein langer Abschied von der Welt begann, begann mit einem Selbstmordversuch, dem noch viele Selbstmordandrohungen folgten, und zog sich dahin durch unendliche Whiskyräusche, durch kurze Perioden der Euphorie, die unweigerlich in Krankheit und schwärzester Verzweiflung, in Kliniken und Sanatorien endeten.
Der Witwer Chandler, frei, aber kläglich einsam, liebebedürftig, doch alt und verschlissen. reiste mehrere Male in sein geliebtes England. wo er nicht -- wie in Amerika -- als Autor schäbiger Krimis abgetan, sondern als berühmter Schriftsteller gebührend gefeiert wurde.
Das literarische London lud ihm zu Ehren zum Dinner, ein ansehnlicher Zirkel mehr oder weniger junger Freundinnen sorgte sich um sein Wohlergehen -- kein ganz leichtes Unterfangen bei einem querköpfigen alten Mann, der, so die Schriftsteller-Ehefrau Natasha Spender. "ziemlich wild zwischen Hochstimmungen und Depressionen wechselte" und auch vor "emotionaler Erpressung" nicht zurückschreckte, wenn er seine Trösterinnen mitten in der Nacht zu sich rief.
Zuletzt verwandelte er sich in eine Art Philip Marlowe, der so manche Dame aus vermeintlich mißlicher Lage zu retten, natürlich auch zu heiraten versuchte. Doch der blonde, kornblumenblaue Traum seines Lebens blieb "unverwirklicht.
Chandler starb, nach vielen Zusammenbrüchen und Krankenhausaufenthalten. 1959 in La Jolla, Kalifornien. an Lungenentzündung. "Wir harten Jungs", hat er einmal gesagt, "sind doch alle hoffnungslos sentimental."

DER SPIEGEL 36/1976
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