23.08.1976

AUSLÄNDERGraue Wölfe

Mit Messern und Fäusten tragen Türken in der Bundesrepublik einen politischen Zwist aus. Die Behörden sehen gleichwohl keinen Anlaß, in die blutigen Händel einzugreifen.
Aus Verehrung für Bülent Ecevit, Führer der oppositionellen Republikanischen Volkspartei in der Türkei, hatte der Gastarbeiter Ah Askara über seinem Bett im Mannesmann-Wohnheim in Hilden ein Photo des sozialdemokratischen Politikers aufgehängt. Das Gesicht paßte einigen Mitbewohnern nicht, und sie forderten den Landsmann auf, "das Bild des Kommunisten" zu entfernen.
Als Askara sich weigerte, zog einer ein Messer und stach den Ecevit-Fan in den Oberschenkel.
Für Osman Cetin, einen Metallarbeiter aus Duisburg, gehörte die liberale Zeitung "Milliyet" zur bevorzugten Lektüre. Als er jedoch von Landsleuten an einer Bushaltestelle beim Lesen des demokratisch orientierten Blattes gesehen wurde, gab es Hiebe. Blutend, mit Beulen, blieb der "Milliyet"-Leser auf der Strecke.
Regelmäßig besuchte der Münsteraner Gastarbeiter Abdul Manavlar* die Versammlungen des "Türkischen Arbeiter- und Studentenvereins Münster". Doch der Gang zu den mit westdeutschon Gewerkschaften kooperierenden Genossen wurde ihm verleidet: "Wenn du da weiter hingehst", so bekam er von Türken zu hören, "dann schlagen wir dich tot."
Fußtritte und Faustschläge, Messerstiche und Drohungen sind gängige Waffen in einem Türken-Krieg, der in der Bundesrepublik ausgetragen wird und in dem es um politische Bekenntnisse geht: Anhänger der rechtsradikalen türkischen "Partei der Nationalistischen Bewegung" (MHP) prügeln und knüppeln, wann immer ihnen links oder liberal scheinende Landsleute über den Weg laufen.
Ob in Duisburg, wo sich ein Ecevit-Anhänger sogar am Arbeitsplatz in der Kokerei 4/8 der August Thyssen-Hütte türkischer Rechtsausleger erwehren mußte, ob in Rüsselsheim, wo unlängst das Büro des Türkischen Arbeitervereins demoliert wurde -- es gedeiht "nackter Terror" (so der sozialdemokratische "Vorwärts"), durch den der türkische DGB-Sekretär Mete Atsu "alle unsere Bemühungen zur Integration türkischer Arbeitnehmer" gefährdet sieht.
Teilnehmer eines Seminars in der Evangelischen Akademie Mülheim (Ruhr) appellierten in einer Petition an das Europäische Parlament, "sich für die Grundrechte der in der Bundesrepublik lebenden Türken" einzusetzen. Der Juso-Bundesvorstand rief nach "geeigneten Schutzmaßnahmen" für die türkischen Arbeitervereine.
Doch dazu sah Nordrhein-Westfalens FDP-Innenminister Burkhard Hirsch bislang ebensowenig Anlaß wie sein hessischer Amtskollege Hanns-Heinz Bielefeld der mit der starken Frankfurter Türken-Kolonie zu schaffen hat. Wohl hat das Innenministerium des volkreichsten Bundeslandes. wo
Die Namen der Gastarbeiter wurden von der Redaktion geändert.
153 800 Türken beschäftigt sind, von Anfang 1975 bis Mai 1976 156 "Fälle von Gewalttätigkeiten" oder deren Androhung unter Türken registriert -- mit hoher Wahrscheinlichkeit nur ein Bruchteil der wahren Deliktziffer. Aber politische Hintergründe konnten die Ministerialen nicht erkennen.
Was die Düsseldorfer und Wiesbadener nicht zu orten vermochten, ist für DGB-Boß Heinz-Oskar Vetter längst sichtbar; Öffentlich warnte er mit Blickrichtung auf die türkischen MHP-Aktivisten "ausländische Arbeitnehmer vor dem Austragen ihrer innenpolitischen Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik".
Der Türken-Terror ist in der Tat die deutsche Variante jener Gewaltpolitik. die der MHP in der Türkei zugeschrieben wird. Obwohl in der Nationalversammlung zu Ankara nur mit drei Abgeordneten vertreten, beteiligte Ministerpräsident Süleyman Demirel die MHP letztes Jahr an einer Regierung der "Nationalen Front" und machte MHP-Führer Alparslan Türkes zu einem seiner Stellvertreter. Seither läßt Türkes seine etwa 8000 Mitglieder starke Jugendorganisation "Ülkücüler" (Idealisten) marschieren.
In Ausbildungslagern paramilitärisch gedrillt, stürzen sich die Schwerbewaffneten (Schlachtruf: "Hier kommen Türkes' Graue Wölfe") auf ihre Gegner. Mal sind es Zionisten und Kommunisten, mal Freimaurer oder Anarchisten.
Vor "fremden Ideologien, die den türkischen Staat vernichten wollen", glaubte Türkes alsbald auch "unsere Rassenbrüder im Ausland" schützen zu müssen. Vor allem die in Westdeutschland arbeitenden Landsleute -- derzeit eine halbe Million -- will er auf Kurs bringen: "Folgt mir. Wenn ich umkehre, erschießt mich. Erschießt auch den, der von meinem Weg abgeht."
Binnen kurzem überzogen die strenggläubigen Türkes-Anhänger das Bundesgebiet mit MHP-Filialen, nachdem die Faschistenpartei beim Ordnungsamt in Kempten angemeldet worden war -- als scheinbar harmloser Verein. Staatssekretär Gerhardt Baum aus dem Bonner Innenministerium weiß von "sechs autonomen Sektionen in Berlin, Hannover, Köln, Mannheim, München und Stuttgart" und von fünfzig örtlichen Stützpunkten.
Längst übertreffen die Aktivitäten der "Grauen Wölfe" auch die oft ebenfalls blutigen politischen Kontroversen unter jugoslawischen Gastarbeitern oder zwischen persischen Studenten und Aufpassern des Schahs. Der Parteiapparat, dirigiert von einem "Europarat" und organisiert von regionalen Bezirksausschüssen, fand denn auch Türkes' Beifall. Als der Parteichef im vergangenen Jahr zum MHP-Generalkongreß in Ludwigshafen kam, lobte er "Fleiß und Tatkraft" seiner mittlerweile rund 2000 Fremdenlegionäre in Deutschland.
Die Türkes-Aktivisten treffen sich regelmäßig zur Schulung, etwa im Gelsenkirchener Lokal "Paprika", und treten nach außen meist als Mitglieder von harmlosen religiösen Vereinigungen auf. Im "Islamischen Verein" in Stuttgart beispielsweise oder im Frankfurter "Verein für den Bau und Unterhaltung der Fatih-Moschee" wird jenes Bewußtsein gepflegt, das, so ein DGB-Funktionär aus Düsseldorf, "zu Terror, Gewalt und Totschlag" führt.
Angefeuert werden die MHP-Leute von der in Frankfurt gedruckten rechtsradikalen Türken-Zeitung "Tercüman" (Auflage: 65 000). Beistand bekommen sie von islamischen Vorbetern, die, wie ein Imam in Frankfurt, auch schon mal Gewalt predigen: "Wer einen Kommunisten tötet, kommt ins Paradies."
Für den Gewerkschafter Atsu ist es "kein Wunder, daß in Gastarbeiter-Wohnheimen Angst und Schrecken" herrschen -- zumal Hilfe nicht mal mehr vom Essener Generalkonsulat zu erwarten ist. Als unlängst zwei türkische Studenten vor dem Konsulatsgebäude antifaschistische Flugblätter verteilten, wurden sie von Konsulatsbeamten ins Gebäude gezerrt und dort, wie der Essener Rechtsanwalt Jürgen Glückert später in einer Strafanzeige formulierte, "regelrecht verprügelt".
Kaum zu erwarten, daß es unter Westdeutschlands Türken künftig weniger handfest zugeht. Denn die MHP hat von den Behörden nur wenig zu fürchten: Staatssekretär Baum mag sie lediglich den ausländischen Vereinigungen zurechnen, "bei denen die Gefahr eines Überschreitens der Grenze zur Gewalt besteht".

DER SPIEGEL 35/1976
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