23.08.1976

Geheimauftrag für Guillermo

In einem guten Jahr hatte Wilhelm Canaris geschafft, was ihm seit seinem Amtsantritt am Tirpitz-Ufer erstrebenswert erschienen war: mitzuspielen im Zentrum deutscher Macht, teilzuhaben an den Entscheidungen der Herrschenden. Allein 17 Hitler-Canaris-Besprechungen verzeichneten die Wachbücher der Reichskanzlei für die Zeit zwischen Dezember 1935 und März 1936.
Wo immer Hitler einen neuen Schachzug plante, wo immer er das Ausland mit einem unerwarteten Streich herausforderte und die Gegenmaßnahme der anderen Seite konterkarierte, war der Admiral Canaris nicht fern.
Er ging für seinen Führer auf geheime Mission in fremde Länder. Er öffnete der Expansionspolitik Hitlers die Länder des Südens. Er erkundete für ihn das Potential des Gegners und versorgte die Reichskanzlei mit vertraulichen Dossiers -- so bei Hitlers erstem außenpolitischen Überraschungscoup, der Wiederbesetzung der linksrheinischen Gebiete im März 1936.
Canaris und Hitler rückten so eng aneinander, daß selbst oberflächlichen Beobachtern auffiel, wie gut sich die beiden verstanden. Wenn ihn mißtrauische Kameraden vor Hitlers Unberechenbarkeit und Launenhaftigkeit warnten, wehrte Canaris ab: "Man kann mit ihm reden."
Er beherrschte diese seltene Kunst wie kaum ein anderer Besucher der Reichskanzlei. Hitler ließ sich gerne von Canaris vortragen; die leise und ruhige Stimme des Admirals, seine sachlichen und präzisen Formulierungen gefielen Hitler, zumal es der geniale Menschenbehandler Canaris verstand, heikle Themen geschmeidig zu umgehen. Canaris glaubte allen Ernstes: "Er ist ansprechbar und sieht etwas ein, wenn man es ihm nur richtig vorträgt."
Zudem war etwas zwischen ihnen. was den gegenseitigen Umgang erleichterte. Beide hatten eine tiefverwurzelte Abneigung gegen regelmäßige Schreibtischarbeit und eine schier unstillbare Reiselust. Wie Canaris oft von einer Abwehrstelle zur anderen jagte, so hastete Hitler mit seinem Gefolge
© 1976 DER SPIEGEL und Verlag C. Bertelsmann, München
von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf -- im Wagen, in der Eisenbahn. im Flugzeug. Auch die Distanz zum Familien- und Privatleben. das seltsam kühle, fast unerotische Verhältnis zu den Frauen hatten Hitler und Canaris gemeinsam.
Ihre stärkste Gemeinsamkeit freilich trennte sie eher: Beide waren Meister der Verstellungskunst, jeder von ihnen besaß die Fähigkeit, die Farbe der jeweiligen Umgebung anzunehmen und jedem neuen Gesprächspartner das Gefühl zu geben, einen kongenialen Zuhörer gefunden zu haben.
Das hinderte Canaris lange Zeit, Hitler zu durchschauen, während Hitlers sonst so untrüglicher Gefahreninstinkt im Falle von Canaris völlig versagte: Bis zum Schluß hielt er den Admiral für einen unwandelbar treuen Gefolgsmann.
In den ersten Jahren des Regimes indes stand Canaris" Hitler-Treue außer Zweifel. Der Abwehrchef dokumentierte in Wort und Tat, daß es für ihn keinen höheren Sinn gab. als dem Führer und dem Staat zu dienen. Canaris vor Abwehroffizieren: "ich verlange von Ihnen, daß Sie ohne Einschränkung auf dem Boden des
nationalsozialistischen Staates stehen und in dessen Sinne handeln."
Für ihn stand unerschütterlich fest: "Die Gedankengänge Adolf Hitlers -- sind durchblutet von diesem Geist des Soldatentums: Ehre und Pflichtgefühl, Mut, Wehrbereitschaft, Einsatz- und Opferbereitschaft, Führertum, Kameradschaft."
Wer so dachte, versah nur allzugern in engster Anlehnung an Hitler seinen Dienst. Canaris suchte die Nähe Hitlers -- so eifrig, daß sich andere Militärs vom Zugang zu ihrem Führer ausgeschlossen sahen. Auch Parteifunktionäre beobachteten den wachsenden Einfluß des Admirals mit Unbehagen.
Selbst der wohlwollende Abwehrpolizeichef Best sprach dunkel von "einer schwachen Stunde des Führers", auf die es zurückgehe. daß Canaris eine so wichtige Rolle spiele. Und 150prozentige Nazis wie der ehemalige Gestapobeamte Gerhard Fischer monierten gar in ihren Memoiren, Hitlers "Gentlemanverhältnis zu Canaris" habe den Abwehrchef zum "extremsten Exponenten des Hitlerismus" gemacht.
Canaris war in der Tat zugleich Nutznießer und Opfer des Hitler-Kults, der alle Bereiche der deutschen Gesellschaft erfaßt hatte. Auch Canaris erlag dem braunen Cäsarenwahn, auch er war von dem Begeisterungstaumel angesteckt, mit dem sich ein ganzes Volk um Verstand und Mündigkeit brachte.
Canaris war im Grunde zu politikfremd, um die ganze Raffinesse des nationalsozialistischen Herrschaftssystems zu durchschauen, das mit seinen plebiszitären Wahlen, seinen gigantomanischen Führerkundgebungen, seinen Massenaufmärschen und rauschenden Fahnenwäldern eine scheinbar unzerstörbare Allianz zwischen Hitler und den Deutschen zementierte.
Gewiß, über die Minderwertigkeit der Partei, die Deutschland seit 1933 beherrschte, machte sich Canaris keine Illusionen. Der "Massenrummel" des Nationalsozialismus stieß ihn ab, er witterte in der NSDAP sozialistische Elemente, die die bürgerliche Gesellschaftsordnung umstürzen und eine Art "zweite Revolution" (nach der ersten des 30. Januar 1933) erzwingen wollten.
Nicht selten kam in vertrauter Runde aus seinem Mund das Wort vom "braunen Bolschewismus", und selbst in seinen offiziellen Reden warnte er vor den "Gefahren einer sachlich unerwünschten Belastung der Abwehr durch innerpolitische Machtkämpfe sozialistischer Prägung".
Das waren freilich nicht, wie arglose Canaris-Biographen wähnen, Anzeichen eines beginnenden Widerstandes gegen das NS-System, sondern nur natürliche Vorbehalte eines Konservativen, den im übrigen kein Bedenken davon abbringen konnte, dem Staat zu dienen. Der Hitler-Kult enthob zumindest hohe Funktionsträger der Pflicht, alle Aspekte der NS-Herrschaft gutzuheißen, denn der Hitlerismus reichte weiter als die Partei.
Er schlug auch Deutsche in seinen Bann, die es weit von sich gewiesen hätten, Anhänger des Nationalsozialismus zu sein. Drei Jahre nach der Machtübernahme hatte Hitler die Masse der Nation hypnotisiert. Wie kein deutscher Staatsmann vor und nach ihm genoß er eine Autorität, die selbst das Gottesgnadentum monarchischer Regime übertraf.
Abstriche von solchem Bekennertum ließ Canaris nicht gelten. Wer jetzt noch in einer unpolitischen Haltung verharre, erklärte er, verübe "eine Sabotage und ein Verbrechen". Seine Offiziere ermahnte Canaris. "auch nur den leisesten Anschein einer sogenannten reaktionären Gesinnung zu vermeiden, die gar nicht vorhanden ist, oder die dort, wo sie etwa an wenigen einzelnen Stellen vorhanden sein sollte -- meist nur aus Dummheit -, vernichtet werden muß". Immer wieder betonte er: "Wer ein wirklich guter Soldat ist, der wird auch ein guter Nationalsozialist sein."
Canaris" Stimme war nur eine und nicht einmal die grellste im Chor derer. die dem neuen Messias ihre Reverenzen erwiesen. Hitlers Appelle an den Nationalismus, seine sozialdarwinistisch-antisemitische Ideologie, seine Brandreden gegen das Unrecht von Versailles und die Visionen von einem Großdeutschen Reich fanden ein vieltausendstimmiges Echo. Canaris wird ein Wortführer der Wehrmachtspitze.
Allerdings: Die geistige Öde des neuen Deutschlands, der Zwang zur Reglementierung aller Lebensbereiche störte auch manchen der Angepaßten. die wachsende Macht des Polizeiapparates und das System der Konzentrationslager wirkten abschreckend. Doch das Gift der totalitären Verführung lähmte bereits jeden offenen Protest.
Nicht einmal die Verfolgung der Juden, die nun als das Böse schlechthin galten, provozierte lauten Widerspruch. Die antisemitischen "Säuberungen" in allen Positionen des öffentlichen Lebens, die Ächtung der Juden durch die sogenannten Nürnberger Gesetze -- nichts vermochte die seit Jahren an das judenfeindliche Klima gewöhnte Gesellschaft zu alarmieren.
Auch Canaris, aufgewachsen in der Atmosphäre des "gemäßigten" Antisemitismus in Ruhr-Bürgertum und Marine, glaubte an die Existenz eines "Judenproblems"; wie viele, die aus Überzeugung oder Opportunismus die Formeln der nationalsozialistischen Propaganda nachbeteten, wollte er "das Bewußtsein für die ewigen Werte des Glaubens, der Rasse, des Volkstums geweckt" sehen.
Er förderte sie so nachhaltig, daß Ex-Nazis später behaupteten, Canaris sei Antisemit, ja, der eigentliche Erfinder des Judensterns gewesen, jenes grausigen Kains-Zeichens, das die Juden im Zweiten Weltkrieg zu Aussätzigen stempelte und auf dessen Einführung die physische Vernichtung von Millionen Menschen unmittelbar folgte.
Tatsächlich schlug Canaris 1935/36 vor, die deutschen Juden durch einen David-Stern als Bürger besonderer Art zu kennzeichnen, die im Reich nur Gastrechte besäßen. Da es dem Nationalisten Canaris eine Selbstverständlichkeit schien, daß England und Frankreich eines Tages die 1919 "geraubten" deutschen Kolonien zurückgeben würden, wollte er in dem dann entstehenden neuen deutschen Überseereich einige Gebiete reservieren, in denen Juden angesiedelt werden und einen eigenen Staat schaffen sollten. Wer von den Juden einstweilen noch in Deutschland blieb, sollte sich durch Tragen eines Judensterns als Bürger dieses jüdischen Staates legitimieren -- nicht zuletzt zum Schutz gegen die Übergriffe nazistischer Rassenfanatiker.
Eben dies veranlaßte Canaris-Freunde nach dem Krieg, in dem Vorschlag des Abwehrchefs eine Geste zum Schutz der Juden zu sehen; Canaris habe sich -- so hieß es -- damals "noch bemüht, bremsend auf die NS-Führung einzuwirken".
Die Freunde übersahen dabei, daß Canaris später noch einmal, in einer weit bedrohlicheren Stunde des Judentums, den berüchtigten Stern einführen wollte: Im Sommer 1941 beantragte Canaris bei Gauleiter Goebbels, die Berliner Juden in einen separaten Stadtbezirk umzusiedeln und sie durch einen Judenstern kenntlich zu machen, da die Abwehrführung meinte, zahlreiche Juden der Reichshauptstadt spionierten für die Alliierten. Ironie der Zeitgeschichte: Goebbels lehnte damals. am Vorabend des Beginns der mörderischen "Endlösung", den Vorschlag von Canaris als "mittelalterliche Maßnahme" ab, wie der Hitler-Forscher Werner Maser in den von ihm bearbeiteten und demnächst erscheinenden Memoiren Lina Heydrichs feststellt*.
Ob in der Judenfrage oder in der Außenpolitik -- Canaris sah sich anfangs im Einklang mit Hitler. "Seien Sie überzeugt", schärfte er seinen Offizieren ein, "daß in der Regel die höheren Führer der Partei Entgleisungen unterer Führer oder sonstiger Personen (gegenüber der Wehrmacht) mißbilligen."
Solche Äußerungen schufen eine special relationship zwischen Hitler und seiner Wehrmacht, die den Offizieren suggerierte, in einem besonderen Vertrauensverhältnis zum Führer zu stehen. Canaris" Interpretationen machten freilich zugleich deutlich, daß er selbst zu einem maßgeblichen Wortführer der Wehrmachtspitze aufgestiegen war.
Canaris galt als der intelligenteste und taktisch versierteste Abteilungschef des Reichskriegsministeriums, seit Generalmajor Walter von Reichenau, der engste Berater des Reichskriegsministers Werner von Blomberg und eigentliche politische Kopf der Wehrmachtführung" im August 1935 seinen Posten als Chef des Wehrmachtamtes verlassen hatte.
Der Reichskriegsminister zog Canaris jetzt häufig zur Erörterung wehrmachtpolitischer Fragen heran. Cana-
* Lina Heydrich: "Leben mit einem Kriegsverbrecher". Verlag W. Ludwig Pfaffenhofen; 350 Seiten: 29 Mark.
ris kam auch zugute, daß dem Amtschef Reichenau der phantasielos-pedantische Generalmajor Wilhelm Keitel gefolgt war, ein unpolitischer Bürosoldat. dem jede Geschicklichkeit fehlte, die Interessen des Militärs im Spannungsfeld zwischen Hitler, Partei und Wehrmacht erfolgreich zu vertreten.
Erste Kontakte zum italienischen Geheimdienst.
Auch Keitel brauchte Canaris, der alles zu haben schien, was dem Generalmajor fehlte: Weltläufigkeit, überzeugendes Auftreten und rhetorische Geschicklichkeit. Keitel wurde in kurzer Zeit immer mehr von den Ratschlägen, Meldungen und Andeutungen des Abwehrchefs abhängig, obwohl er später schrieb, Canaris sei ihm im Grunde "ein Rätsel und ein Buch mit sieben Siegeln" geblieben. Keitel: "Mein Vertrauen zu Canaris sollte mir später noch teuer zu stehen kommen."
Keitel und Blomberg hatten nichts dagegen einzuwenden, daß Canaris bei seinen Besuchen in der Reichskanzlei auch Wehrmachtbelange vertrat, die über seinen geheimdienstlichen Aufgabenbereich hinausgingen. Immerhin war der Abwehrchef in der engeren Umgebung Hitlers wohlgelitten und verstand sich auch mit den Führern des Polizeiapparates gut.
Er wußte vor allem Hitler und dessen außenpolitischen Chefberater, den Sonderbotschafter Joachim von Ribbentrop, für die Länder des Mittelmeeres zu interessieren, in denen Canaris künftige Bundesgenossen des Reiches, Helfer auf dem Weg zu neuer deutscher Weltgeltung sah.
Canaris nannte immer wieder
zwei Länder, die er für natürliche Bundesgenossen Deutschlands hielt: Italien und Spanien. Er glaubte seit langem, beide Länder könnten dazu beitragen, das Reich aus der außenpolitischen Isolierung zu befreien.
Das deckte sich mit den Vorstellungen Hitlers, der seit 1922 Italien einen zentralen Platz in der deutschen Revisionspolitik einräumte: Es gelte, so lautete Hitlers Konzept, die imperialen Ambitionen Italiens im Mittelmeer und damit einen baldigen Zusammenstoß dieses Landes mit der Hegemoniemacht Frankreich zu fördern; ein Konflikt mit Frankreich werde Italien zur Anlehnung an das stärkere Deutschland zwingen, was wiederum für England, den Partner Frankreichs, den Bündniswert des Reiches erhöhen werde und die Briten zu einem Partnertausch verlocken könne. Ergebnis: Frankreich gerate in die Isolierung, Deutschland erhalte seine volle außenpolitische Bewegungsfreiheit zurück.
Das waren freilich nur Gedankenspiele, die Wirklichkeit sah anders aus. Italiens Führung machte keine Miene, Hitlers ausgestreckte Hand zu ergreifen. Mussolini fürchtete die deutsche Macht und Hitlers Annexionspläne gegen Österreich, Puffer zwischen den beiden Staaten; lange Zeit war der Duce sogar Wortführer einer diplomatischen Anti-Hitler-Front gewesen.
Auch ein Besuch Hitlers bei Mussolini 1934 war unglücklich verlaufen. Erst Italiens Krieg gegen Abessinien ein Jahr später hatte die reservierte Haltung Mussolinis aufgeweicht. Jetzt benötigte er in seinem diplomatischen Kampf gegen Briten und Franzosen, die sich Italiens Expansion entgegenstemmten. einen kräftigen Bundesgenossen. Wieder bot sich Hitler an, doch noch zögerten die Italiener.
Da half Canaris dem Führer auf seine Art: Er ließ die konspirativen Verbindungen spielen, die ihn mit italienischen Militärs und deutschen Mittelsleuten verknüpften. Zur Verfügung stand ihm ein buntes Sortiment von Helfern, zu denen der Geopolitik-Professor Karl Haushofer ebenso gehörte wie der italienische Geheimdienstmajor Giuseppe Renzetti, ferner ein alter Kumpan aus Kapp-Putsch-Tagen, Ex-Major Waldemar Pabst, mittlerweile Direktor der "Gesellschaft zum Studium des Faschismus", und der deutsche Botschafter in Rom, Ulrich von Hassell, der in den zwanziger Jahren als Generalkonsul in Barcelona Canaris bei geheimen Operationen in Spanien assistiert hatte.
Zum effektivsten Transporteur deutscher Wünsche erwählte sich Canaris den Obersten Mario Roatta, Chef des Servizio Informazioni Militari (SIM). wie sich der geheime Nachrichtendienst des italienischen Heeres nannte.
Im September 1935 waren sich die beiden Abwehrchefs in München zum erstenmal begegnet. Sie waren sich recht ähnlich: Roatta war im gleichen Jahr (1887) wie Canaris geboren, er galt als ebenso undurchsichtig wie sein deutscher Kollege und teilte -- Abkömmling im 15. Jahrhundert vertriebener spanischer Juden -- das Interesse des Admirals für Spanien.
Das gemeinsam interessierende Thema Spanien ließ die Partnerschaft Canaris/Roatta immer enger werden, denn im Sommer 1936 brach in Spanien ein Bürgerkrieg aus: Im Zeichen eines antikommunistischen Kreuzzuges fanden sich Deutschland und Italien zu einer "Achse" zusammen. griff die Führung des Dritten Reiches zum erstenmal über die deutschen Grenzen hinaus. Und kein einzelner Deutscher außer Hitler hatte daran größeren Anteil als der kleine Mann in der abgewetzten blauen Marineuniform.
Der Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges konnte Canaris nicht überraschen. Seit Wochen hatten die Außenposten der Abwehr im Mittelmeerraum und in Frankreich Signale aufgefangen, die auf Sturm deuteten: Spanien, seit 1931 demokratisch-parlamentarische Republik, driftete immer mehr in ein Chaos von Straßenunruhen, politischen Morden, Brandstiftungen und Massenstreiks, kaum noch gebändigt von den meist doktrinären Führern der Linksparteien, die sich unter Einschluß der Kommunisten zu einer Volksfrontregierung zusammengefunden hatten.
Das Militär aber, von alters her eine eiserne Klammer der zahlreichen zentrifugalen Kräfte Spaniens, fühlte sich in seinem festverwurzelten Aberglauben bestärkt, Demokratie und Parlamentarismus seien Schrittmacher von Anarchie und Staatsauflösung. In der Armee bildete sich eine geheime Offiziersgruppe unter dem Namen "Unión Militar Espanola" (UME), entschlossen, die Republik durch einen Militärputsch zu stürzen.
Abwehr-Agent Niemann beschattet Franco.
Zur UME zählte auch der Oberst Juan Beigbeder Atienza, der als spanischer Militärattaché in Berlin engen Kontakt zu Canaris hielt. Von ihm erfuhr der Abwehrchef andeutungsweise, was sich in Spanien zusammenbraute. Zum erstenmal klang die Frage auf, die Canaris von nun an immer wieder von seinen spanischen Freunden hörte: Wird Deutschland das "alzamiento national", den Nationalen Aufstand, unterstützen? Canaris dürfte zunächt dilatorisch geantwortet haben.
Doch Beigbeder ließ nicht locker, Ende Februar 1936 stellte er Canaris einen illustren Besucher vor: General José Sanjurjo Sacanell, den "Löwen des Rif", einst Spaniens populärster Kolonialkrieger, der nach einem gescheiterten Militärputsch im August 1932 ins portugiesische Exil gegangen war. Canaris empfing den Gast erwartungsvoll, denn er wußte mittlerweile, daß Sanjurjo zum Führer des bevorstehenden Militärputsches auserwählt worden war. Der General benutzte einen Besuch der Winterolympiade in Garmisch-Partenkirchen dazu, mit den Deutschen ins Gespräch zu kommen.
Canaris führte seine beiden spanischen Besucher durch deutsche Rüstungsfabriken und stellte ihnen Waffenhilfe des Reiches im Falle eines Militärputsches in Aussicht.
Die Erzählungen Sanjurjos und Beigbeders von den anarchischen Zuständen in Spanien erinnerten ihn an seine Freikorpszeit nach dem Ersten Weltkrieg; ihm war, als erlebe er noch einmal die qualvollen zwanziger Jahre in der ungeliebten Republik: hier wie dort -- so schien es ihm -- ein Offizierskorps, das an die ewigen Werte von
Vaterland und Nation glaubte, abhold aller Parteipolitik, nur ausgerichtet auf Staatsräson und Ordnung, aufgebrochen, den gleichen Feind zu bekämpfen -- Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus.
Und bezeichneten nicht die Namen der führenden Verschwörer, die Canaris erfuhr, Wegstrecken seines eigenen Lebens? Kindelan, Jordana, Magaz, Martinez Anido -- jeden von ihnen kannte er. mit jedem verknüpften ihn gemeinsame Erlebnisse oder zumindest verwandte Wertbegriffe.
Da konnte er, der deutsche Abwehrchef, nicht länger zurückstehen, bedeutete doch jeder Name einen unüberhörbaren Appell an ihn, nun zurückzuzahlen, was ihm das geliebte Spanien im und nach dem Ersten Weltkrieg an Lebensfreude und Farbe gegeben hatte.
In solcher Schwarzweißoptik war Canaris nur allzugern bereit, die antidemokratischen Thesen der reaktionären spanischen Militärs zu akzeptieren. Auch für den Ultrakonservativen Canaris vergröberte sich die innenpolitische Krise in Spanien zu einem dreisten Anschlag des bolschewistischen Weltfeindes auf ein Juwel abendländischer Kultur.
Sanjurjo konnte in der festen Überzeugung abreisen, der Spanienfreund Canaris werde helfen. Bei seiner Heimkehr fand der General schlechte Nachrichten vor: Nahezu alle leitenden Verschwörer waren von der Regierung in Madrid ihres Postens enthoben und nach entlegenen Garnisonen abgeschoben worden. Eine Vorahnung kommender Gefahren hatte die Regierung veranlaßt, den Generalstabschef Franco auf die Kanarischen Inseln, den Luftwaffen-Oberbefehlshaber Goded auf die Balearen und den General Mola nach Pamplona zu versetzen.
Vor allem Francisco Franco, am 12. März auf Teneriffa, der größten der Kanarischen Inseln, eingetroffen, fühlte sich auf Schritt und Tritt beobachtet. Der Zivilgouverneur hatte Order, jede verdächtige Bewegung des Generals zu melden.
Franco wußte freilich nicht, daß ihn auch zwei wohlwollende Augen verfolgten, die Augen des kaufmännischen Angestellten Niemann, der in der Firma des deutschen Exporteurs und Wahlkonsuls Sauermann in Las Palmas auf der Nachbarinsel Gran Canaria arbeitete und Canaris zugleich als V-Mann diente. Er war nur einer von vielen Agenten und Nachrichtenhändlern, die Canaris mit dem Auftrag alarmiert hatte, jede Änderung in dem kritischen Verhältnis zwischen Armee und Regierung Spaniens zu registrieren.
Trotz aller Beschattung setzten die UME-Frondeure ihre Putschvorbereitungen fort. Mola in Pamplona übernahm die Organisation des Staatsstreiches und knüpfte Verbindungen zu allen wichtigen Garnisonen im Lande. Zugleich trafen sich seine geheimen Sendboten mit den Führern der zersplitterten Rechtsparteien, vor allem der faschistischen Falange, die sich nur allmählich für ein gemeinsames Aktionsprogramm gewinnen ließen.
Die Meldungen aus den Garnisonen offenbarten, daß nicht alle Einheiten der 115 000-Mann-Armee den Putsch unterstützen würden. Voller Verlaß war nur auf die beiden Armeekorps in Spanisch-Marokko, die den Kern des Heeres ausmachten: die Fremdenlegion und die maurische Eingeborenentruppe, insgesamt 34 000 Mann stark.
Diese Verbände mußten, falls der Putsch nicht glatt ablief, sofort in die Kämpfe im spanischen Mutterland eingreifen. Wie sie aber über die Meerenge von Gibraltar hinüberbringen? Franco wußte einen Weg. Am 11. Mai erschien in Santa Cruz de Tenerife ein spanisches Flottengeschwader, dessen Oberbefehlshaber, Admiral Javier de Salas, von Franco in die Putschpläne eingeweiht wurde. Der Admiral sagte seine Unterstützung zu und versprach, das Geschwader werde zur Stelle sein, um die Afrika-Armee nach Spanien zu transportieren.
Noch verhandelte Mola mit den Rechtsparteien, da forderte der politische Terror in Spanien sein prominentestes Opfer. Am frühen Morgen des 13. Juli drangen Polizisten, aufgebracht über die Ermordung eines ihrer Offiziere durch Falangisten, in die Wohnung des monarchistischen Oppositionsführers, Jost Calvo Sotelo, ein; sie verhafteten Calvo Sotelo und erschossen ihn bei einer Autofahrt.
Die Bluttat entsprach ganz dem Feindbild der konservativen Militärs. Die Mörder waren Angehörige sozialistisch-kommunistischer Jugendorganisationen gewesen, die Verhaftung nicht ohne Einverständnis des Ministerpräsidenten und das Verbrechen wahrscheinlich auf direkte Anweisung der Zentrale der Kommunistischen Partei erfolgt.
Jetzt mochte Mola nicht mehr länger warten. Er drängte die Politiker zur Eile, kurz darauf brachten seine Kuriere jedem führenden Mitglied der Verschwörung eine kurze Botschaft: "Am 17. um 17". Das hieß im Klartext: Am 17. Juli 1936 um 17 Uhr sollten die Verschwörer in allen Provinzen und Kolonien Spaniens losschlagen.
Auch Franco erreichte die Mola-Botschaft. Sofort entzog er sich seinen Aufpassern. Unter dem Vorwand, an der Beerdigung des gerade gestorbenen Kommandanten von Las Palmas teilnehmen zu müssen, fuhr Franco am 17. Juli frühmorgens mit seinen wichtigsten Offizieren auf die Nachbarinsel und quartierte sich im Hotel "Madrid" in Las Palmas ein. Dann wartete er ab.
Um 3 Uhr am 18. Juli klopfte es an seiner Tür. Ein Offizier reichte ihm eine Meldung, die die Funkstation Teneriffa aufgefangen hatte. Franco las: "Melilla. General Solans an General Franco: Unsere Armee hat die Waffen gegen die Regierung erhoben und alle Kommandoeinrichtungen besetzt. Viva Espana!" Die Garnison von Melilla im nordöstlichen Spanisch-Marokko hatte einen der blutigsten und langwierigsten Bürgerkriege europäischer Geschichte ausgelöst.
Franco flog mit einer in England gecharterten Maschine nach Tetuan, der Hauptstadt Spanisch-Marokkos, und übernahm die Führung der Afrika-Armee. Doch als er in seinem neuen Hauptquartier die ersten Meldungen überflog, wußte er, daß zum Jubel kein Anlaß war. Das Alzamiento war nahezu gescheitert, nur ein Teil der Armee den Parolen der Verschwörer gefolgt; außer Marokko kontrollierten die "Nationalen" kleinere Partien Südwestspaniens und Teile des Nordwestens. Zentralspanien und der gesamte Osten des Landes waren dagegen fest in der Hand der Regierung. Und das republikanische Regime zögerte nicht, das Volk gegen die Putschisten zu mobilisieren und seine internationalen Freunde in Ost und West zu alarmieren.
Am 20. Juli erreichte Franco eine neue Hiobsbotschaft: Sanjurjo, der Titularchef des Putsches, war in Portugal bei einem mißglückten Start seines Flugzeuges ums Leben gekommen. Drei Tage nach Beginn des Putsches hatte die Verschwörung ihre Symbolfigur verloren, waren die einzigen profilierten Führer der Bewegung, Franco und Mola, durch Hunderte von Kilometern voneinander getrennt.
Mehr noch: Auf den Schiffen der Flotte, die Francos Armee nach Spanien transportieren sollte, brach eine Gegenrevolte der Mannschaften und Unteroffiziere aus; binnen weniger Stunden lagen 70 Prozent des spanischen Marineoffizierkorps ermordet auf den Schiffsplanken.
Franco wußte nur zu gut, was das bedeutete: Die Afrika-Armee saß fest, tatenlos mußte sie zusehen, wie die Regierung ihre Truppen und Freischaren gegen die Rebellen in Marsch setzte.
Der Sozialistenführer Indalecio Prieto spottete: "Ich weiß gar nicht, was die Rebellen wollen. Sie sind verrückt. Wer, glauben Sie, kann sie noch retten?"
Franco jedoch kannte solche Retter:
* Der spanische General Moscardo hei einem Empfang anläßlich der Rückkehr der Legion Condor nach Berlin; Juni 1939.
die faschistischen Mächte. Da er wußte, daß bereits ein paar Flugzeuge genügen würden, die Afrika-Armee nach Spanien zu bringen, bat er Mussolini, ihm sofort einige Maschinen zu überlassen. Der Duce hatte schon früher Waffenhilfe für den Fall eines antirepublikanischen Putsches versprochen.
Doch ehe Francos Emissär am 21. Juli in Rom eintraf, hatte Mussolini auf das Telegramm, das ihm Francos Wünsche signalisierte, mit dem Blaustift ein Wort geschrieben: "Nein!" Ihm war das ganze Unternehmen zu riskant.
Daraufhin schickte Mola einen Kurier seines Vertrauens nach Rom, um Mussolini an dessen alte Versprechungen erinnern zu lassen. Der Kurier war noch in der Luft, als der Canaris-Partner Beigbeder intervenierte. Er hatte seinen Berliner Posten verlassen und war nach Marokko versetzt worden, wo er das Amt für Eingeborenenangelegenheiten leitete.
Beigbeder berichtete Franco, was Anfang des Jahres mit Canaris besprochen worden war. Der Name Canaris war Franco nicht unbekannt: Er hatte den Abwehrchef im Sommer 1935 in Madrid kennengelernt -- bei Gesprächen zwischen Canaris und Spaniens Kriegsminister Gil Robles über deutschspanische Waffengeschäfte, zu denen Franco hinzugezogen worden war.
Am 22. Juli schickte Beigbeder über das Deutsche Konsulat in Tetuan ein Telegramm an den ihm bekannten Generalmajor Kühlental, Militärattaché an der Deutschen Botschaft in Paris, mit der Bitte, das Schreiben an das Reichskriegsministerium weiterzuleiten -- sicherlich in der Überzeugung, das Telegramm werde Canaris schon richtig erreichen. Inhalt des Beigbeder-Kabels: Bitte um dringende Entsendung von zehn Transportflugzeugen durch deutsche Privatfirmen.
Franco gab sich indes damit nicht zufrieden, er suchte einen eigenen Kontakt zu Berlin. Der General erinnerte sich an einen Deutschen, der ihm bei der Landung auf dem Flugplatz von Tetuan aufgefallen war. Franco erfuhr, der Mann sei ein Kaufmann namens Johannes Bernhardt, der in der Export-Import-Firma Wilmer in Tetuan sitze und Küchenherde an die spanische Armee verkaufe. Den Ehrgeiz des ehemaligen ostpreußischen Zuckerhändlers, der in den zwanziger Jahren ins Ausland gegangen war, wollte Franco für sich ausnutzen.
Was Bernhardts dürftiger Existenz in der deutschen Kolonie von Tetuan etwas Farbe verlieh, war die Tatsache, daß er nebenberuflich als Pressewart und Wirtschaftsstellenleiter der Auslandsorganisation (AO) der NSDAP fungierte. Vor der Besprechung mit Franco konsultierte er seinen Chef: Adolf Langenheim, den Leiter der NS-Ortsgruppe Tetuan.
Die beiden Nationalsozialisten griffen begierig die Chance auf, die ihnen der General bot: mit einem spanischen Offizier, Hauptmann Arranz, nach Berlin zu reisen und dort zwei Handschreiben Francos zu überreichen, das eine an Hitler und das andere an Göring gerichtet. Mündlich erläuterte Franco seinen Helfern, was in den Briefen stand: Die Armee benötige dringend Deutschlands militärische Unterstützung.
Ein Transportmittel für die Delegation war rasch gefunden. Die Rebellenbehörden in Las Palmas hatten die Lufthansa-Maschine D-A POK beschlagnahmt und zur Beförderung von hohen Funktionären benutzt. Dieses Flugzeug sollte nun Bernhardt, Langenheim und Arranz nach Berlin bringen. Am 24. Juli startete die Maschine, noch am gleichen Tag landeten die drei Emissäre auf dem Flughafen Tempelhof.
Doch den Besuchern wurde ein kühler Empfang bereitet. Der Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, Hans Heinrich Dieckhoff, hatte zuvor dem Reichskriegsministerium erklärt, die Franco-Leute dürften "von keinen amtlichen militärischen Stellen empfangen werden
Sein Argument: Eine Unterstützung Francos könne für die Deutschen in Spanien, den deutschen Export und Schiffsverkehr im Mittelmeer "außerordentlich nachteilige Folgen" haben. Die Offiziere pflichteten Dieckhoff bei, ließen freilich manches offen, denn Blomberg und Canaris waren nicht im Amt, sondern mit ihrem Führer bei den Bayreuther Wagner-Festspielen.
Auch dem AO-Chef und Gauleiter Bohle hatte Dieckhoff "dringend davon abgeraten", die Sendboten "mit parteiamtlichen Stellen zusammenzubringen und ihre Pläne hier irgendwie zu fördern". Doch das Drängen der Parteigenossen aus Tetuan veranlaßte Bohle, den Fall seinem nächsthöheren Vorgesetzten, dem Parteiadministrator Rudolf Heß, vorzutragen. Heß entschied, das Schreiben Francos müsse der Führer augenblicklich sehen. Drei Amtsleiter der AO reisten mit Francos Delegation nach Bayreuth; am späten Abend des 25. Juli erreichten sie die Stadt.
Nach Wagners "Walküre" Entscheidung für die Intervention.
Hitler hatte just das "absolute Klangerlebnis, das Wilhelm Furtwängler in der "Walküre' aufblühen läßt" (so ein Kritiker des "Völkischen Beobachter") hinter sich und wollte sich in sein Appartement im "Haus Wahnfried" zurückziehen, als ihm die Besucher aus Spanien gemeldet wurden. Er las Francos Brief und ließ sich erklären, was der General von Deutschland wolle. Dann verabschiedete Hitler die Besucher.
Kaum aber hatten sie den Raum verlassen, da rief er drei seiner Berater zu sich, die eben noch mit ihm im Bayreuther Festspielhaus gesessen hatten: Göring, Blomberg und Canaris.
Von jedem der drei Männer wollte er wissen, ob es opportun sei, Franco und seinen Leuten zu helfen. Blomberg verhielt sich dilatorisch, Göring aber will sich sofort für eine deutsche Spanien-Hilfe engagiert haben. "Der Führer überlegte sich", so berichtete Göring später, "ich drängte lebhaft, die Unterstützung unter allen Umständen zu geben."
Dann sprach Canaris. Hätte es noch eines Anstoßes bedurft" den Admiral für Franco zu engagieren, so bot ihn die Nachricht von der Ermordung der spanischen Marineoffiziere. Meuterei auf der Flotte -- so hatte es auch 1918 in Deutschland angefangen.
Mit aller Entschiedenheit plädierte daher Canaris für seine spanischen Freunde. Stalin wolle in Spanien. so etwa argumentierte er, einen bolschewistischen Staat errichten; gelinge ihm das, so gerate auch Frankreich, das bereits eine Volksfrontregierung habe, in den kommunistischen Sog, und es könne der Tag kommen, an dem das Reich zwischen einem roten Westeuropa und einem roten Rußland in die Zange genommen werde.
Folglich spreche alles für eine Unterstützung der antikommunistischen Aufstandsbewegung in Spanien. Zudem verdiene General Franco, den er persönlich kenne, das deutsche Vertrauen; er sei ein guter Soldat, umsichtig, diszipliniert und zuverlässig.
Als sich Hitler gegen vier Uhr am Morgen des 26. Juli von seinen Ratgebern trennte, war die Entscheidung gefallen: Das Dritte Reich half den spanischen Putschisten. Zwei Tage zuvor hatte Hitler nach befürchtet, eine Intervention in den spanischen Bürgerkrieg (mit Kriegsschiffen zum Schutz der Deutschen in Spanien) könne das Reich in einen unübersehbaren "Zwischenfall" verwickeln, jetzt kannte er keine Bedenken mehr.
Ihn beherrschte nur noch ein Gedanke: Die Entwicklung in Spanien mußte Mussolinis imperiale Mittelmeerambitionen herausfordern, Italien in die Konfrontation mit Frankreich, dem Schutzherrn der spanischen Republik, und schließlich in die Arme der Deutschen treiben.
Hitler war von dieser Idee so elektrisiert, daß sich Canaris. Göring und Blomberg auftragsgemäß am Vormittag des nächsten Tages beeilen mußten. den Sendboten Francos die Entscheidung des Führers mitzuteilen. Für lange Erörterungen blieb keine Zeit mehr. Schon am Nachmittag trat im Reichsluftfahrtministerium ein "Sonderstab W" zusammen, der eine Luftbrücke nach Spanisch-Marokko organisieren sollte.
Ein paar Stunden später lief das "Unternehmen Feuerzauber" an -- so der Deckname der deutschen Hilfsaktion. Am 27. Juli hohen die ersten Ju52-Maschinen vom Tempelhofer Flughafen ab, weitere folgten: Hitler hatte zunächst 20 dieser Transportflugzeuge genehmigt. In ihrem Cockpit saßen Piloten der Lufthansa, die Tetuan auf dem schnellsten Kurs anflogen. Am 28. Juli landeten sie in Marokko und begannen, Soldaten von Francos Afrika-Armee zu verladen. Canaris ist schneller informiert als Franco.
Woche um Woche flogen die deutschen Maschinen von Tetuan nach Sevilla, eine Truppeneinheit nach der anderen wurde ins spanische Mutterland gebracht. Bis Mitte Oktober waren 13 000 Soldaten und 270 Tonnen Versorgungsgüter in Andalusien ausgeladen. Endlich konnte Franco mit seiner Armee in die Kämpfe eingreifen -- der Bürgerkrieg nahm seinen mörderischen Lauf.
Inzwischen hatte eine zweite Welle deutscher Hilfslieferungen eingesetzt. In der Nacht vom 31. Juli zum 1. August verließen 86 Soldaten der Luftwaffe, in Zivil gekleidet und als Mitglieder einer "Union Reisegesellschaft" getarnt, an Bord des Dampfers "Usaramo" den Hafen von Hamburg. Das Schiff hatte Kriegsmaterial für Franco geladen: sechs Jagdflugzeuge des Typs Re 51 und 20 Flugabwehrgeschütze.
Die "Freiwilligen" bildeten den Voraustrupp immer größerer Einheiten deutscher Soldaten. und schon bald ging das Gerücht um, das Reich wolle nicht nur mit Piloten und Ausbildern. sondern auch mit Heerestruppen in Spanien eingreifen.
* Mit dem spanischen Hauptmann Arrani (l.) vor der Maschine. mit der sie am 24. Juli 1936 von Tetuan nach Berlin flogen.
Deprimiert beobachteten die Legationsräte des Auswärtigen Amtes, daß Außenseiter das Reich in eine unkalkulierbare Interventionspolitik stürzten, die es in eine harte Konfrontation mit den demokratischen Westmächten führen mußte.
Ohne Rücksicht auf das AA verknüpften Canaris und Göring das Dritte Reich mit dem Schicksal einer unsicheren Bürgerkriegspartei; wieder einmal hatte ein Wochenendcoup Hitlers die Bedenken, ja sogar die bloße Existenz der Diplomaten ignoriert.
Canaris fühlte sich in seinem Element: Keiner sollte ihn daran hindern, einen haltbaren Bund zwischen Deutschland und dem neuen, Francos Spanien zu schaffen. Noch vor der Abreise der Franco-Delegation ersuchte Canaris den NS-Ortsgruppenleiter Langenheim, der schon früher für die Abwehr gearbeitet hatte, ihm regelmäßig zu berichten; der Parteigenosse sollte in der Nähe Francos bleiben und den Abwehrchef über wichtige Ereignisse im Stab des Mannes informieren, der immer mehr zum anerkannten Führer der Aufstandsbewegung wurde.
Aber auch den Franco-Partner Mola ließ Canaris nicht aus den Augen, zumal ein Freund von Canaris, Oberst Juan Vigón, als Generalstabschef der Nordarmee Molas fungierte. V-Mann Seydel berichtete aus Molas Hauptquartier, während ein Canaris-Vertreter an der Deutschen Botschaft in Paris, Kapitän zur See Lietzmann, die Sendboten anderer Putschgenerale kontaktierte, wobei er sich "an immer wechselnden dritten Orten, unter Anwendung aller Vorsichtsmaßregeln trifft, um jede Kompromittierung eines Mitglieds der Botschaft zu vermeiden", wie der Missionschef registrierte.
Der deutsche Abwehrchef war zuweilen schneller informiert als Mola und Franco, die -- noch immer durch einen Streifen republikanischen Territoriums getrennt -- oft nicht wußten, was der andere trieb.
"Da zuverlässige Verbindung mit Franco gegenwärtig nicht immer gewährleistet scheint" (so Seydel in einer Meldung an Canaris), ließ Mola einen Teil seiner Nachrichten für Franco an den Abwehrchef übermitteln, der sie dann über einen Berliner V-Mann an den General im Süden weiterreichte.
Was Canaris in Molas und Seydels Meldungen las, trieb den Abwehrchef zu neuer Aktivität. Schon am 2. August war ihm aus Paris eine detaillierte Liste zugegangen, aus der zu ersehen war, wie rasch Frankreich die Truppen der spanischen Republik mit Waffen und Munition versorgte; in allen demokratischen Ländern Europas und in der Sowjet-Union meldeten sich Freiwillige zur aktiven Bekämpfung dessen, was sie oder die linke Propaganda für Faschismus hielten.
Den Streitkräften der Rebellen hingegen fehlten Waffen und Munition. Seydel meldete: "Nordgruppe hat dringendsten Bedarf an Flugzeugen, besonders Jagd(maschinen), Bomben, Gewehr- und Maschinengewehrmunition, Handgranaten und Seitengewehren."
Kurz darauf brach Canaris im Auftrag Blombergs auf, die Italiener zum Mitmachen zu bewegen. Am 4. August traf er sich mit Roatta in Bozen; die beiden Spanien-Freunde einigten sich rasch, zumal auch Mussolini inzwischen seine ablehnende Haltung revidiert hatte. Die Aussicht, auf Kosten des blutenden Spaniens die italienische Macht am Mittelmeer auszubauen, verlockte den Duce dazu, den scheinbar so schwachen Franco zu unterstützen.
Gleichwohl war Roatta gehalten, seinem deutschen Partner lediglich zu erklären, Italien werde "inoffiziell" die Sache Francos unterstützen; Canaris erfuhr dabei, daß am 30. Juli zwölf italienische Flugzeuge und ein Dampfer mit Munition nach Marokko entsandt worden waren.
Die Auskünfte reichten Canaris, um nun seinerseits die Führer des Reiches zu neuen Kriegsmateriallieferungen für Spanien anzuspornen. Franco wünschte 20 weitere Kriegsflugzeuge und Unmengen von Munition. Canaris beeilte sich, die Forderungen des Generals nachhaltig zu unterstützen.
Hitler hörte auf Canaris. Mochte auch das Reich offiziell der unter den europäischen Mächten verabredeten Nichteinmischung in den Bürgerkrieg Beifall spenden -- insgeheim gab Hitler der nationalistischen Rebellenbewegung Schützenhilfe (wie andere Mächte "ihrer" Bürgerkriegspartei). Am 24. August erließ Hitler die Weisung, "General Franco weitgehendst materiell und militärisch zu unterstützen, wobei jedoch eine aktive Kampfbeteiligung vorerst ausgeschlossen" bleiben solle. Einen Tag später nahmen drei deutsche Dampfer mit 28 Flugzeugen, Munition und anderen Kriegsgütern Kurs auf Südspanien.
Und wieder wurde Canaris ausgesandt, engste Kooperation mit den Italienern zu sichern. Am 27. August saß er erneut Roatta gegenüber und handelte mit ihm eine Übereinkunft aus, die die Spanien-Hilfe beider Staaten regelte.
Danach sollte die Rüstungshilfe Deutschlands und Italiens möglichst in gleichen "feilen erfolgen und nur Franco zugute kommen; das Kriegsmaterial müsse von deutschem und italienischem Personal bedient und gewartet werden, das jedoch nicht offen an Kriegshandlungen teilnehmen dürfe. Dieses Verbot könne nur durch einen ausdrücklichen Gegenbefehl aufgehoben werden, der die Zustimmung beider Staaten habe.
Ohne es zu ahnen, hatten Canaris und Roatta den ersten Schritt zum deutschitalienischen Bündnis getan, das Hitlers Weg ins außenpolitische Abenteuer beschleunigen sollte.
Canaris reist als Guillermo nach Salamanca.
Je fanatischer die beiden Bürgerkriegsparteien aufeinanderschlugen, je mehr Krieg und Terror das Land verwüsteten, desto leidenschaftlicher nahm Canaris an dem spanischen "Kreuzzug" teil. Er las jede Meldung seiner Agenten vom spanischen Kriegsschauplatz. schier unerschöpflich waren seine Anfragen und Aufträge an die V-Männer.
Im September hatte ihn eine lang erwartete Meldung erreicht: Am 12. war Franco von einem Generalsrat zum Generalissimus und Staatschef Nationalspaniens gewählt worden vorgeschlagen von dem alten Canaris-Bekannten Kindelan.
Manche der anderen Meldungen lautete freilich weniger günstig. Der Vormarsch der Franco-Truppen auf Madrid kam nur langsam voran, von Woche zu Woche wurde der Widerstand der Regierungstruppen härter. Zudem machte sich auch der Einsatz ausländischer Freiwilliger bemerkbar.
Schon am 17. August hatte V-Mann 110, einer der zuverlässigsten Canaris-Agenten im republikanischen Gebiet, gemeldet, "daß seit einigen Tagen begonnen hat truppweise Überführung französischer Freiwilliger zu spanischer roter Miliz. Täglich 100 bis 170 Mann. Gesamtzahl etwa 30 000".
Auch sowjetische Panzer und Flugzeuge waren inzwischen in Spanien eingetroffen. Am 29. Oktober erreichte Berlin eine Meldung aus Barcelona: Ankunft zwanzig russische Flugzeuge, Jagdeinsitzer und Bombenflugzeuge in Cartagena mit russischem Personal einschließlich Mechaniker und Monteure."
Die Nachrichten über die wachsende Waffenhilfe der Sowjet-Union und die zögernde, nur auf Sicherheit bedachte Kriegführung Francos veranlaßte Blomberg, seinen Abwehrchef nach Spanien zu schicken. Ende Oktober 1936 startete Canaris in Zivil, ausgestattet mit falschen Papieren, die ihn als den argentinischen Staatsbürger Guillermo legitimierten. Ziel der Reise: Salamanca' die neue Residenz Francos. Canaris sollte die militärische Lage der Aufstandsarmee erkunden und Franco notfalls verstärkte deutsche Hilfe in Aussicht stellen.
Nach seiner Landung in Salamanca fuhr Canaris zum Bischofspalais, in dem Franco seine Befehlszentrale eingerichtet hatte. Der General ging Canaris entgegen und umarmte ihn. Was immer auch der Caudillo von den Deutschen hielt, wie sehr er später Distanz zum untergehenden Dritten Reich halten sollte -- niemals würde er, Francisco Franco y Bahamonde, vergessen, was der deutsche Admiral Canaris für die Sache des unsterblichen, konservativen Spaniens getan hatte. Auch Canaris begegnete Franco mit Zuneigung, später wird er als einziges zeitgenössisches Politikerporträt ein Photo Francos in seinem Arbeitszimmer aufstellen und den Spanier für einen der größten Männer seiner Zeit halten.
Für Gefühle blieb freilich in Salamanca wenig Zeit. Canaris fand den Generalissimus in düsterer Stimmung, denn just eben, am 29. Oktober, hatten seine Verbände an der Südfront Madrids eine arge Schlappe erlitten: 200 Panzer, 12- und 18-Tonner frisch aus den Produktionsstätten der Sowjet-Union, waren plötzlich unter dem Kommando des russischen Generals Pawlow durch die engen Straßen des Städtchens Esquivia gebrochen und hatten Francos Kavallerie buchstäblich zermalmt.
* Auf der Ehrentribüne Hitler, zu beiden Seiten tragen Hitler-Jungen Schilder mit den Namen gefallener Legionäre.
Als reiche eine Hiobsbotschaft noch nicht, erhielt Canaris am 30. Oktober eine Weisung Blombergs, die ihn anhielt, von Franco demütigende Zugeständnisse zu verlangen, ehe er, Canaris, weitere deutsche Hilfe zusage. Das Reich, so sollte Canaris dem General ausrichten, werde ein Luftwaffenkorps nach Spanien entsenden, wenn Franco sich zuvor damit einverstanden erkläre, daß es allein von einem deutschen Kommandeur geführt und ihm jede deutsche Militärperson in Spanien unterstellt werde.
Auch dies sollte Franco den Deutschen versprechen: "Planmäßigere und aktivere Führung des Krieges in Erd- und Luftoperationen und im Zusammenwirken beider zur beschleunigten Inbesitznahme der für den russischen Nachschub bedeutungsvollen Häfen".
Außenminister von Neurath schickte Canaris ebenfalls eine Instruktion: "Angesichts der möglicherweise vermehrten Hilfe für die Roten hält die Reichsregierung die weißspanische Kampftaktik am Boden und in der Luft nicht für erfolgversprechend."
Doch Canaris verstand es, die Arroganz der deutschen Forderungen zu verschleiern. Er bewog Franco, nur das Positive der deutschen Geste zu sehen: Das Reich kam den Nationalspaniern mit einer eigenen Truppe zu Hilfe. Vier Bomber-Staffeln, vier Jagd-Staffeln, je eine Staffel Marineflugzeuge und Aufklärer, eine Versuchsstaffel, außerdem Flug- und Panzerabwehreinheiten, dazu 32 Panzer -- das bedeutete eine erhebliche Verstärkung der Franco-Armeen. Der Caudillo akzeptierte.
Am 6, November stand die neue 6500-Mann-Truppe ("Legion Condor") in Sevilla einsatzbereit, befehligt von Generalleutnant Hugo Sperrle. Die Legion griff bald so erfolgreich in die Kämpfe ein, daß Franco ihrem Kommandeur die Leitung auch der spanischen Luftstreitkräfte übertrug.
Je mehr deutsche (und italienische) Soldaten für Franco kämpften, desto stärker wurde Canaris zu einem unentbehrlichen Helfer des Caudillo. Wo Konflikte drohten oder sich neue Engpässe auftaten, stets sprang Canaris ein. Franco litt unter dem Größenwahn des ersten deutschen Botschafters Faupel -- Canaris sorgte dafür, daß er zurückberufen wurde. Die herrisch-bullige Art Sperrles ging Franco auf die Nerven -- ein Bericht an Canaris genügte, den General abzulösen.
Als die Legion Condor im Juni 1939 nach dem Ende des Bürgerkrieges triumphierend durch die Straßen Berlins marschierte, konnte der auf der Ehrentribüne stehende Wilhelm Canaris ihren Sieg auch als seinen persönlichen feiern. Doch ihm war zum Jubeln nicht zumute. Hitlers Vabanquepolitik am Abgrund des Krieges verdüsterte die Szene: Der Diktator hatte den Krieg gegen Polen beschlossen.
Im nächsten Heft
Canaris und der deutsche Widerstand -- Legende und Wirklichkeit
Von SPIEGEL-Redakteur Heinz Hähne

DER SPIEGEL 35/1976
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