20.09.1976

GRIECHENLANDKrücke für Chrike

Franz Josef Strauß und seine CSU unterstützen in Griechenland eine rechtsextremistische Junta-Partei.
Die Regierung des Konservativen Konstantin Karamanlis fühlt sich bedroht: von einer ausländischen Schwesterpartei, die sich der politischen Erben der gestürzten Militärdiktatur angenommen hat. Nach ergebnislosen Protesten hat Athen eine Untersuchung über die Aktivitäten der bayrischen CSU an der Ägäis begonnen.
Die Fährtensucher wurden vielfach fündig. Zu offen pflegte die CSU ihre Kontakte zu hellenischen Rechtsextremisten; sie reichen bis in die Anfänge der Obristendiktatur zurück.
Strauß persönlich hatte nach dem Putsch in Athen 1967 die Drachme zur "heute stabilsten Währung der Welt" ernannt -- ein willkommenes Zitat, mit dem die Putschisten Investoren aus aller Welt anzulocken suchten.
Sein persönlicher Referent Marcel Hepp reiste mehrmals zu politischen Beratungen nach Athen. Und Franz Sackmann, Staatssekretär im bayrischen Ministerium für Wirtschaft und Verkehr, sicherte Junta-Gesprächspartnern schon 1969 zu, Bayern werde gegenüber Athen eine von Bonn unabhängige Politik betreiben.
Publizistisch stand dem von der westlichen Presse fast durchweg kritisch beurteilten Obristen-Regime von Anfang an der "Bayernkurier" bei. Mitarbeiter Peter Hornung wurde für juntafreundliche Artikel laut Quittungen, die dem Athener Rechnungshof vorliegen, 1972 vom griechischen Presserat an der Botschaft in Bonn, dem Geheimdienstmajor Emmanouil Assariotis, mit tausend Mark honoriert**.
Häufiger Junta-Gast aus Bayern war auch der Würzburger Berufs-Abendländer Professor Friedrich August von der Heydte. Bei einem Besuch im Mai 1970 -- zusammen mit neun CSU-Abgeordneten des Bayerischen Landtags sowie zwei CSU-Bundestagsmitgliedern samt Frauen auf Spesen der Militärregierung -- rechtfertigte sich von der Heydte: "Wenn man nach Moskau fahren kann, kann man auch nach Athen."
Dafür empfing der Freiherr gerührten Dank von einem der drei Junta-Führer, dem damaligen Vizepremier Oberst Nikolaos Makarezos (der jetzt eine lebenslängliche Strafe für Hochverrat im Kordyallos-Gefängnis von Piräus absitzt).
Makarezos an den "lieben Baron": "Das griechische Volk und seine nationale Regierung sind Ihnen zu besonderem Dank verpflichtet ... Mit dem gesamten Ansehen Ihrer hervorragenden Persönlichkeit unterstützen Sie unsere aufrichtigen Bemühungen, die ungünstigen Auswirkungen einer ungerechten und -- was noch schlimmer ist -- falschen Politik gegenüber Griechenland zu mildern."
Bei Makarezos, ehemals Militärattaché in Bonn, saß auch jener Mann, der ständige Verbindung zwischen den Rechten in Athen und München hielt:
Ingenieur Fotios Gouras, Mitglied der Münchner CSU ("Ich bin ein persönlicher Freund von Strauß"), der schon wenige Wochen nach dem Athener Obristenputsch in Bayern eine sogenannte "Nationale Bewegung der Griechen in der Bundesrepublik Deutschland" (E.K.E.) gegründet hatte.
Die E.K.E. schmückte sich offen mit dem Putschisten-Emblem, einem Phönix mit bajonettbewehrten Soldaten. Die von Gründer Gouras auf die "von Gott inspirierte Anleitung des nationalen Führers Georgios Papadopoulos" eingeschworenen E.K.E.-Kader bespitzelten griechische Gastarbeiter, terrorisierten gegen die Militärs demonstrierende griechische Studenten und Wissenschaftler im Ausland.
Die Agenten-Bewegung konnte sich eines noblen "Förderers" rühmen -- des CSU-Abgeordneten Prinz Konstantin von Bayern, der damit offenbar alte
* Im Nachtlokal Kavo d'Oro.
** Aus dem Jahr 1972 liegen dem griechischen Rechnungshof ferner Abrechnungen vom Presseattaché der Kgl. Griechischen Botschaft in Bonn ans Athener Generalsekretariat für Presse und Information vor, in denen 1000-Mark-Zahlungen für genau mit Daten, Titeln und Medien angeführte juntafreundliche Artikel an folgende deutsche Journalisten neben Hornung aufgezählt werden: Peter Meyer-Ranke ("Die Welt-), Paul Pucher ("Münchner Merkur'), Karl-Ludwig Bayer ("Report"). Wolfgang Höpker ("Deutsche Zeitung">. Werner Karl Merten ("Europress"), Winfried Martini ("Nürnberger Zeitung"), Joachim Kannicht ("Stuttgarter Nachrichten"). Norbert Matern ("Deutsche Tagespost"), C. H. Pierk ("Regensburger Bistumsblatt")' G. v. Reth ("Rheinischer Merkur"), K. L. Bendix ("Sudetendeutsche Zeitung").
bayrische Tradition fortsetzen wollte: Als die Griechen vor anderthalb Jahrhunderten das Joch der türkischen Besatzung abgeschüttelt hatten, holten sie den Bayernprinzen Otto als König ins Land. Zwar jagten die rebellischen Untertanen den ungeliebten Witteisbacher bald wieder fort, doch die weiß-blauen Nationalfarben behielten sie bis heute bei.
1968 ging Gouras als Berater ins Makarezos-Ministerium nach Athen und spann emsig Fäden zwischen seinem Chef und der CSU-Spitze. Ziel: Bayrische Hilfe beim Aufbau einer rechten Junta-Partei, die vermittels späterer Wahlen das Obristen-Regime vor der Welt legimitieren sollte.
Gouras gelang es, ein Treffen von Strauß mit den Junta-Oberen in Athen zu arrangieren -- zur peinlichen Überraschung des damaligen deutschen Botschafters in Athen, Peter Limbourg.
Makarezos beauftragte seine Vertrauten Ioannis Rodinos-Orlandos und Ioannis Nassoufis, die CSU und deren Satzung genau zu studieren und auf ihre Eignung als Vorbild bei der Gründung der rechten Christenpartei in Griechenland zu prüfen.
Da putschte im November 1973 in Athen der Militärpolizei-General Dimitrios Ioannidis gegen seine politisierenden Kameraden; der Traum von einer zivilen Junta-Partei zerrann -- vorerst.
Nach dem jähen Ende der Militärdiktatur im Gefolge der türkischen Zypern-Invasion im Sommer 1974 pausierten die bayrisch-hellenischen Brüder in Christo. Doch schon im Frühsommer 1975 eilte Franz Josef Strauß wieder nach Athen, um dem demokratisch gewählten Premier Konstantin Karamanlis seine Ansichten über die richtige Politik im östlichen Mittelmeer kundzutun.
Strauß, so Karamanlis-Vertraute: Griechenland müsse wieder voll in der Nato mitarbeiten, die Junta-Obristen sollten im Interesse des inneren Friedens nicht verfolgt werden. Das reichte für den Griechen-Premier, Strauß fortan zu schneiden.
Unverdrossen wandte sich der Bayer daraufhin den Freunden von früher zu. CSU-Genosse Gouras, einst vom Junta-Zweiten, dem glatzköpfigen Panzergeneral Pattakos, für "hervorragende Arbeit im Namen der nationalen Revolutionsregierung" belobigt, gründete noch im Sommer 1975 eine "Christdemokratische Partei Griechenlands" (Chrike).
Im -- weiß-blauen -- Chrike-Programm heißt es: "Die Partei strebt die Schaffung eines Rechtsstaates an ... die Partei glaubt an die christdemokratische Ideologie, die sich auf den christlichen Humanismus und die christliche Gesellschaftsordnung stützt, die fundamentale hellenisch-christliche Werte darstellen" -- ein Phrasengeklingel, das CSU-Weisheiten mit Junta-Sprüchen nahtlos vermischt.
Und Strauß ist immer wieder dabei. Er speist und trinkt mit Freund Gouras in dem einst von den Obristen gern besuchten Nachtlokal "Kavo d'Oro" in Piräus, er konferiert mit den hellenischen Gesinnungsgenossen in Griechenland wie zu Hause in Bayern.
Eine Strauß-Visite im März dieses Jahres schildert die Athener Zeitschrift "Anti" wie folgt:
Montag, der 15. 3. 1976, ein Uhr morgens. Auf dem Athener Flughafen Ellinikon landet eine Privatmaschine, die Franz Josef Strauß bringt. Er wird von Gouras ins Hotel "Caravel" begleitet, wo Strauß übernachtet. Am nächsten Morgen um zehn holt Gouras Strauß ab und bringt ihn zu seiner Villa im Vorort Psychikon, Yakinthonstraße 15. Um elf Uhr treffen auch die Papadopoulos-Minister Pavlos Manolopoulos (Arbeitsminister der Junta> und Alexandros Matthaeou (Landwirtschaftsminister, Schwager von Makarezos) ein. Die Viererrunde tagt bis Mittag, 13.30 Uhr ... Am gleichen Tag um 16 Uhr fliegt die Maschine mit Strauß wieder ab.
Bei diesem Besuch wurde ein weiteres Treffen, einige Monate später in Nürnberg, vereinbart. Anläßlich eines Europatages der Jungen Union reiste auch eine Chrike-Delegation dort an. Gouras und die beiden Exminister trafen in Nürnberg nebst Strauß auch andere CSU-Größen, darunter MdB Friedrich ("Old Schwurhand") Zimmermann.
Die griechische Regierung betrachtete ein solches Zusammenspiel der bayrischen Christen mit den Junta-Erben "mit Mißbehagen", so ein Regierungssprecher. Karamanlis beschwerte sich in einem persönlichen Schreiben an Strauß über dessen Aktivitäten in Athen. Strauß antwortete, so Freunde der Briefpartner, mit einem langen Brief, in dem er betont, er werde sich so lange in Griechenland betätigen, solange dies Moskau über seine Botschaft und die KP tue.
Als die Athener Zeitung "Vima" Anfang September Straußens Krücken für die Griechen-Christen durchleuchtete, vergatterte der Chefbayer seine griechischen Gesinnungsgenossen zu Diskretion. Er selbst erklärte alle Berichte für "blühenden Blödsinn". Er kenne die Partei, die er angeblich unterstütze, gar nicht.
Doch die Chrike-Genossen sind viel zu stolz auf ihren bayrischen Freund, als daß sie ihn verleugnen würden. Allenfalls wollen sie bis zu den deutschen Wahlen leisetreten, aber "ab 4. Oktober stehe ich Ihnen zur Verfügung", antwortete Exminister Manolopoulos, nach den CSU-Kontakten befragt.
Die Karamanlis-Regierung forscht unterdessen nach den -- offenbar reichlich sprudelnden -- Geldquellen der Junta-Erben. Und sie ortete im August schon wieder einen prominenten Bayern in Athen: den CSU-Generalsekretär Gerold Tandler.

DER SPIEGEL 39/1976
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