26.07.1976

„Ich schäme mich, Afrikaner zu sein“

Der Auszug der Afrikaner hat nicht nur die Olympischen Spiele, sondern auch die afrikanischen Athleten getroffen. Ostblock-Funktionäre versuchten, die Afrikaner zum Bleiben zu bewegen. Moskau ist an einer Teilung des Weltsports nicht interessiert: Die Russen wollen auch künftig lieber Siege über Amerikaner als über Afrikaner.
Es war fünf Minuten vor zwölf und drei Stunden vor Eröffnung der Spiele von Montreal. Da kehrte der Marokkaner Mohammed Benjelloun in den Sitzungssaal des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Hotel "Queen Elizabeth" zurück und meldete: "14 afrikanische Länder wollen abreisen.
Als der Einmarsch ins Olympia-Stadion begann, fehlten 16 von 112 angereisten Mannschaften. Wie viele Regierungen ihre Athleten tatsächlich zurückbefahlen, klärte sich erst nach drei weiteren chaotischen Tagen: insgesamt 24 afrikanische und arabische Staaten, dazu Taiwan und Guayana verließen Montreal, zusammen ungefähr 600 Sportler.
"Die völlige Mißachtung der Afrikaner" durch fortdauernden Sportverkehr mit dem rassistischen Südafrika machte der nigerianische Delegationschef Generalmajor Fumi Olutoye für die Amputation am olympischen Wettkampf und Geist verantwortlich. Er leitete den afrikanischen Exodus ein. Der aktuelle Anlaß schien läppisch: Neuseelands Rugby-Mannschaft rauft in Südafrika.
Doch "eiskalt" -- so ein Mitglied -- nahm das IOC den Beschluß der Afrikaner hin, an dem es, erpreßbar wie es war, ist und bleibt, nichts ändern kann. Funktionäre aus 15 Ländern, darunter auch Polen, Russen und Bundesdeutsche, bemühten sich flink um die frei werdenden Apartments im überbelegten olympischen Dorf.
Athleten rechneten emsig, wieviel näher sie einer der etwa 40 Medaillen gerückt seien, die sonst anderen, wie dem 400-Meter-Hürden-Olympia-Sieger und Favoriten John Akii-Bua aus Uganda, zugefallen wären.
Anders als bisher ließen Ostblock, Asiaten und Lateinamerikaner die Afrikaner im sportpolitischen Gewitter allein. Die UdSSR möchte keinesfalls ihr Olympia 1980 in Moskau gefährden.
Südafrika war 1964 mit Ostblock-Unterstützung suspendiert, später aus der olympischen Bewegung ausgeschlossen worden. 1968 schickte Mexiko den formal startberechtigten Rhodesiern keine Einladung. 1972 vertrieben die Afrikaner die gemischtrassige rhodesische Equipe aus dem Olympischen Dorf in München.
"Im Sport hat sich Afrika am besten organisiert", freute sich der Kongolese Jean-Claude Nganga, Generalsekretär des Obersten Afrikanischen Sportrats. So trachteten die Afrikaner in Montreal wie zuvor in München, durch eine neue sportpolitische Machtdemonstration abermals Prestige-Punkte zu sammeln. Sie wären hochwillkommen, denn Afrika, einig gegen die Weißen, ist unter sich tief zerstritten:
Algerien kämpft gegen Marokko und Mauretanien um den Einfluß auf die Phosphat-Lager in der ehemals Spanischen Sahara. Libyens Staatschef Gaddafi versucht, die nach seinem Geschmack im Nahost-Konflikt zu lauen Staatschefs Sadat in Ägypten und Numeiri im Sudan auszuhebeln. Der schwelende Streit zwischen Idi Amin in Uganda und dem größeren Nachbarn Kenia brach nach der israelischen Befreiungsaktion in Entebbe offen aus.
Die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) vermochte keinen der Brände zu löschen. Zum Juli-Gipfeltreffen auf Mauritius einigte sie sich nur auf den kleinsten, gemeinsamen Nenner: Gegnerschaft zu Südafrika.
Aber nur Gastgeber Mauritius, Madagaskar und Tansania mit seinem 1500-Meter-Favoriten, dem Weltrekordler Filbert Bayi, folgten unverzüglich der Empfehlung, Montreal zu boykottieren, falls Neuseeland teilnähme.
Bei der Wahl des Buhmanns vergriffen sich die Afrikaner offensichtlich: In den letzten Monaten beteiligten sich keineswegs nur neuseeländische, sondern Sportler aus 26 Ländern an Wettkämpfen mit Südafrikanern. Südafrikaner spielten in Wimbledon und Hamburg Tennis. Bei der Trampolin-Weltmeisterschaft stiegen Sowjetrussen, Bundesdeutsche und Südafrikaner gemeinsam aufs Siegertreppchen. Im olympischen Gastgeberland Kanada spielt zur Zeit eine südafrikanische Cricket-Mannschaft, Kanadas Golfer spielten in Südafrika um die Commonwealth-Trophäe.
Außerdem: Neuseeland hat seine etwa 250 000 Maoris mit vollen Rechten integriert. Vor Jahren sagte der neuseeländische Rugby-Verband eine Südafrika-Tournee ab, weil der Apartheid-Staat Maoris als Gegner nicht akzeptierte. Im jetzigen neuseeländischen Team spielen sechs Maoris.
"Neuseelands schlimmstes Verbrechen ist es. ein kleines Land zu sein schrieb der "Montreal Star". Ein Rache-Boykott gegen die Industriestaaten USA, Großbritannien oder die Bundesrepublik verbot sich, weil Afrika auf Hilfe aus diesen Ländern dringend angewiesen ist.
"Wir sind arm und hungrig", erklärte Afrikas Sportrats-Präsident Ordia in Montreal, "wir müssen andere Regeln schaffen, als sie die Weißen eingeführt haben." Doch über neue Regeln herrscht unter den Afrikanern kaum Einigkeit. Noch in Montreal berieten sie eine Woche lang täglich viele Stunden. Die afrikanischen IOC-Mitglieder wie Ade Ademola, einst höchster Richter in Nigeria, sprachen gegen den Boykott, "Wenn wir alle ausschließen, die mit Südafrikanern Sport treiben", fürchtete der Ägypter Touny, "schaden wir uns auch wirtschaftlich und kulturell."
In den Katakomben des olympischen Dorfes schrillten Telephone und tickerten Fernschreiber mit Nachrichten für Afrikas Delegations-Chefs. Am schnellsten hatten sich die Militärregierungen Nigerias, Ghanas und Äthiopiens verständigt. Sie befahlen ihren Athleten den Verzicht.
Weder IOC noch Montreals Organisations-Komitee COJO wußten am Eröffnungstag, wer einmarschieren würde. Schon Algerien fehlte. Marocko dagegen marschierte vor Königin und Killanin auf. Die meisten anglophonen Länder Afrikas fehlten, die meisten frankophonen feierten mit.
Hinter den Kulissen beschworen Sportpolitiker aus der UdSSR und dem übrigen Ostblock afrikanische Funktionäre zu bleiben. Die Moskauer und ihre Verbündeten sehen die Volksrepublik China als treibende Kraft hinter dem afro-arabischen Olympia-Eklat. Der Präsident des Deutschen Sporthundes, Willi Weyer, teilt diese Ansicht.
An eine Kursänderung der sowjetischen Sportpolitik glaubt beispielsweise der erfahrenste bundesdeutsche Sportpolitiker, IOC-Mitglied Willi Daume: Vor allem die Sowjets und die DDR wollen keine Spaltung des Weltsports, wie sie Afrikas Politik heraufbeschwört. Für Siege gegen Malawi und Somalia lohnen sich keine Millionen-Zuwendungen an den Leistungssport. Die UdSSR will gegen die USA siegen, die DDR gegen die Deutschen von hüben.
Die Lage spitzte sich chaotisch zu. Ägyptens IOC-Mitglied Touny telephonierte mit seinem Staatschef Sadat. "Wir nehmen doch teil", freute er sich vor dem IOC. Ägyptische Boxer siegten -- bald aber erhielten auch sie den Befehl zur Heimreise.
Im olympischen Dorf trockneten sich afrikanische Athleten verstohlen ihre Tränen. "Vier Jahre Arbeit umsonst", klagte für viele Kandia Quaba, ein 800-Meter-Läufer aus Obervolta.
Die schärfste Kritik übte Philip Ndoo, Sportchef der bedeutendsten kenianischen Zeitung "Daily Nation", außerdem für den Marathonlauf qualifiziert. Er zitierte einen empörten Äthiopier: "Ich schäme mich, Afrikaner zu sein." Dagegen unterstützte der Amerikaner Lee Evans, der 1968 während der Siegerehrung mit Black-Power-Gesten im Olympia-Stadion demonstriert hatte, den Boykott. Evans trainiert Nigerias Leichtathleten." Als wir in Mexiko demonstrierten, taten wir es für alle Schwarzen", sagte er. "und die Botschaft ist bei den Afrikanern angekommen"
Außerhalb Afrikas zerstörte die Boykott-Botschaft jedoch eher Sympathie und Verständnis. Das IOC will bei seiner nächsten Session 1977 in Prag über Sanktionen beraten. "Jetzt unter Emotionen und ohne vollständige Information und Abstimmung mit den Fachverbänden wäre das nicht gut", erklärte Daume.
Seine Chance auf die Olympischen Spiele 1984 hat Algerien jedenfalls eingebüßt. Auch den alle acht Jahre stattfindenden Olympischen Kongreß soll 1981 statt Algier nun die Bundesrepublik ausrichten.

DER SPIEGEL 31/1976
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