26.07.1976

BETRÜGEREIENSieg oder schieb

Mogeleien gehören seit altersher zum olympischen Wettkampf. Der russische Olympiasieger Boris Onischtschenko war nicht der erste, der mit Tricks siegen wollte.
Vielfach verstärkt tönte das Versprechen des Athleten durch das Stadion in Montreal: "Im Namen aller Wettkämpfer gelobe ich, daß wir an diesen Olympischen Spielen teilnehmen, indem wir die für sie geltenden Regeln respektieren und einhalten, in echtem Sport-Geist und zur Ehre unserer Mannschaften.
Zu diesem Zeitpunkt, am vorletzten Sonnabend, hatte der sowjetrussische Fünfkämpfer Boris Onischtschenko. 38, seinen Degen bereits präpariert. Der Polizeimajor aus Kiew, Olympiasieger und Weltmeister im Modernen Fünfkampf (Reiten, Fechten, Schwimmen, Schießen. Laufen). verbarg im Griff seiner Waffe ein siegbringendes Geheimnis.
Onischtschenkos an die elektrische Trefferanlage angeschlossener Degen besaß einen zusätzlichen Kontaktknopf. Jedesmal, wenn der Fechter mit dem Ringfinger daran tippte, leuchtete bei der Trefferansage ein farbiges Licht auf, auch dann, wenn Onischtschenkos Gegner gar nicht getroffen worden war. Normalerweise muß mindestens mit einem Druck von 750 Gramm ein Körperteil des Gegners im Kampf berührt werden, damit die Trefferleuchte aufblitzt. Doch in einer mit Kork sorgfältig isolierten Höhlung des "Gauner-Degens", so West-Berlins "BZ", befand sich der verbotene Kontaktknopf; mit Wildleder so geschickt überzogen, daß er nicht einmal bei der Waffenkontrolle vor dem Wettkampf auffiel.
Erst der englische Fünfkämpfer Jeremy Fox schöpfte Verdacht: "Vor mir kämpfte Onischtschenko mit Adrian Parker aus unserer Mannschaft und besiegte ihn." Obwohl Fox keinen Treffer bei Parker gesehen hatte, flammte das Licht auf. Als Fox selbst gegen den Russen kämpfte, ging ohne Grund wieder das Licht an.
Die Untersuchung bestätigte den Verdacht. Onischtschenko wurde auf Lebenszeit gesperrt und anderntags heimgeschickt. UdSSR-Fünfkämpfer Pawel Lednew, um das Gold in der Mannschaftswertung gebracht, rügte den Landsmann: "Es war so, als habe er mich selbst durchbohrt." In Deutschland ahnte "Bild" noch Schlimmeres: "Degen-Betrüger ab nach Sibirien?"
Der "verdiente Meister des Sports" war nicht der erste Schieber bei Olympia oder internationalen Meisterschaften. Schon zu Zeiten des Boxweltmeisters Jim Corbett um 1890 härteten Faustkämpfer ihre Schlaghände mit Eisenstücken und Bleikugeln.
1904 in St. Louis benutzte der Marathonläufer Fred Lorz auf den 42,5 Kilometern bis sechs Meilen vor dem Ziel ein Auto. Er erreicht das Stadion zuerst, wurde jedoch entlarvt und disqualifiziert.
Je häufiger Wettkämpfer nach der Devise Sieg oder schieb die Kampfstätten betraten, um so inniger glaubten oder machten Veranstalter und Verbandsfunktionär glauben, der sportliche Wettkampf werde von den Siegern ebenso wie von den Verlierern mit unbeflecktem Anstand ausgetragen.
Bei den Deutschen Fechtmeisterschaften 1958 in Bad Dürkheim fiel dem Physikstudenten Roland Steffen vom Olympischen FC Bonn auf, daß die mit Metallfäden durchzogene Fechtweste des Elektromeisters Tomec Constantin vom Frankfurter TV 1860 auch dann nicht Kontakte an der Treffertafel anzeigte, wenn der Träger sichtbar getroffen war.
"Du mogelst", erklärte Steffen und bat Constantin zur Untersuchung. Constantin lehnte ab und begann eilig, seine Weste und vor allem den Fechthandschuh wegzupacken. Die Schiebung wurde aufgedeckt. Constantin flog aus dem Fechterbund.
Auch die Rennrodler erwischten bald Schwindler. Bei der Weltmeisterschaft 1967 wurde DDR-Fahrer Horst Hörnlein disqualifiziert" weil er die Kufen seines Schlittens erhitzt und damit bessere Gleitfähigkeit erzielt hatte.
Ein Jahr später beim Winter-Olympia in Grenoble prüfte der polnische Kontrolleur Lucian Swiderski die Kufen einiger DDR-Schlitten. Dreimal war der Befund positiv. Die Kufen waren noch nach dem Wettkampf so heiß, berichtete Swiderski, daß darauf gehäufter Schnee "zischte und sich in graue Perlen" auflöste. Die Medaillenanwärterinnen Ortrun Enderlein, Anne-Marie Müller und Angela Knösel wurden disqualifiziert.
Der nächste Zwischenfall trug sich 1971 in Wien zu, wo die Fechtweltmeisterin aus der UdSSR, Galina Gorochowa, bei einer Manipulation ertappt und auf Lebenszeit gesperrt wurde. Mit einer Rumänin hatte sie Siege regelrecht ausgetauscht, die beiden Fechterinnen ohne Risiko zum Einzug ins Finale verhalfen.
"Sogar Länderkämpfe wurden verkauft", verriet der deutsche Fechtpräsident Dr. Elmar Waterloh. Den Preis für Siege bei Aufstiegskämpfen gab er mit etwa 20 Dollar pro Spiel an. Ein Tauschgeschäft mit Siegen trug auch der ungarische Trainer Pal Schmitt dem deutschen Bundestrainer Emil Beck bei der Weltmeisterschaft 1975 an. Beck lehnte ab.
Im "männlichsten Hobby", wie der Ungar Dr. Istvan Mona einmal den Modernen Fünfkampf genannt hat, setzt die Unterschiedlichkeit der fünf Disziplinen, Reiten, Fechten, Schießen, Schwimmen und Laufen, die Wettkämpfer besonders starken Belastungen aus. Als einzige erlauben die Fünfkampffunktionäre sogar Doping. Bis heute wurden die Namen von 14 Fünfkämpfern nicht preisgegeben, die 1972 in München bei Dopinguntersuchungen ertappt worden waren.
Immer mehr verwischen die Grenzen von Geschick und Betrug. Die CSSR-Ruderer polierten ihre Boote in Montreal mit einer Fettpaste gleitfähiger. Die bundesdeutschen Radfahrer entwickelten windschlüpfige Rennanzüge aus Lack und Seide. Alle Utensilien verbot die Wettkampfleitung.

DER SPIEGEL 31/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BETRÜGEREIEN:
Sieg oder schieb

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht