26.07.1976

WERBUNGTotal verkauft

Kein Medaillenspiegel und keine Nationenwertung führt sie auf. Dennoch sind auch sie Gewinner der Olympischen Spiele: die großen Firmen.
Guy Demers wollte nicht erkannt werden. Vielmehr segelte er mit böser Absicht unter falscher Flagge, als er am vergangenen Mittwoch die Suite im 5. Stock der Ramada Inn von Montreal betrat -- das Hauptquartier der Sportartikel-Hersteller adidas aus Herzogenaurach in Bayern.
Beiläufig erkundigte sich der junge Mann, der vorgab, ein kanadischer Sportler zu sein, ob er nicht ein Paar schöne Sportschuhe haben könne -- ohne zu zahlen, versteht sich.
Doch Demers hatte seine Gegner unterschätzt. Die Funktionäre von adidas sagten höflich nein -- denn sie hatten den vermeintlichen Sportler erkannt -, er ist Justitiar beim Olympischen Organisationskomitee, genannt: Cojo.
Das kindische Maskenspiel war vorläufiger Höhepunkt einer olympischen Disziplin in Montreal, bei der es ganz unverhüllt um Dollars geht, das einzige Rennen, das ohne olympischen Geist auskommt.
Demers hatte gehört, was in Montreal viele glauben: daß adidas, größter Sportschuh-Hersteller der Welt, im Ramada Inn, gleich gegenüber dem olympischen Dorf, Schuhe und andere sportliche Ausrüstung großzügig verteile -- an Sportler, versteht sich.
Genau das aber dürfte sie nicht -- so Gerry Snyder, Stadtrat von Montreal und Präsidiumsmitglied des Organisationskomitees, der über weitere Späher, die unerkannt blieben, genügend Beweise für die Großzügigkeit der Olympia-Schuster zu besitzen glaubt.
Snyder hat am vergangenen Freitag gerichtliche Schritte gegen den angeblichen Vertragsverstoß eingeleitet. Er beruft sich dabei auf einen über 50seitigen Vertrag mit adidas, freilich auch auf eine mündliche Zusatzabmachung, die nach Ansicht Snyders Bestandteil des Vertrages ist und eine Schutzzone von einer Meile rund ums olympische Dorf vorsieht, in der keine Sportartikel kostenlos abgegeben werden dürfen. Bei den adidas-Konkurrenten Unitsuka (Marke "Tiger") und Puma ist dieser entscheidende Passus allerdings schriftlich fixiert.
Dieser Ärger ist keine Ausnahme: Snyder singt ein vielstrophiges Lied vom olympischen Mammon und von den Folgen, die seine Geschäftstüchtigkeit haben wird: "Nach den Spielen werden wir noch mindestens zwei Jahre prozessieren."
Vertragsbrüche?" Ausnutzung von Grauzonen", meint Ray Schiele, Chef von adidas-Kanada, "wir sind doch nicht dämlich."
Dämlich freilich war auch Cojo nicht. Noch nie wurde Olympia von seinen Machern so total verkauft und auf so ausgeklügelte und raffinierte Weise. Allein 114 "official suppliers", sozusagen olympische Hoflieferanten, zählt Montreal -- Firmen, die für kostenlose Lieferung von wesentlichem und unwesentlichem Ausrüstungsmaterial das Symbol der Olympischen Spiele in ihrer Werbung einsetzen dürfen und, dies vor allem, den besagten Titel führen. dürfen.
Das kostet allerhand. adidas zum Beispiel kleidet Cojo-Personal mit 7000 Uniformen ein, stellt 5000 Paar Schuhe zur Verfügung, liefert Fuß- und Handbälle kostenlos -- was die Firmen zwei Millionen Dollar kostete; General Motors stellt 3500 Personenwagen für das Organisationskomitee zur Verfügung.
Dabei sind diese im Bericht des Organisationskomitees aufgeführten offiziellen Summen nur der Eintrittspreis für weitere Aufgaben der Firmen. Coca-Cola etwa, "offizieller Getränkelieferant der Olympischen Spiele" (wie schon in Rom, Mexiko und München), liefert einerseits Saft und Ausrüstung im Werte von 1,3 Millionen Dollar kostenlos an Athleten, Funktionäre und Journalisten.
Doch was außerdem für Promotionen und Produkte ausgegeben wird, bleibt gut gehütetes Geheimnis: Max Schmeling, Cola-Konzessionär aus Hamburg, der am Stammtisch des Deutschen Hauses am Boulevard Cremazy mit Berthold Beitz Coca-Cola trinkt und die Flasche dezent ins Blickfeld rückt, gehört ebenso zu solchen Sonderausgaben wie beispielsweise die Dinner Show, die Coca-Cola für die Prominenz veranstaltete.
Dafür ließen die Cola-Brauer den Nachtclub-Star Marlene Charell mitsamt acht ihrer Kolleginnen aus Paris einfliegen. Ein Ehrentisch war für sowjetische Funktionäre freigehalten worden. Das ist Cola-Diplomatie, darauf gerichtet, den nächsten Veranstaltern der Spiele (1980 in Moskau) den Vorsatz auszureden, die Konkurrenzfirma Pepsicola zum offiziellen Lieferanten zu erheben -- was naheliegt, weil Pepsi über ein eigenes Abfüllwerk in der Sowjet-Union verfügt.
Das Hoflieferanten-System, schon bei den vergangenen Spielen angewandt, wurde in Montreal zur Perfektion weiterentwickelt. Vom offiziellen Salz- und Pfeffer-Lieferanten über Shell, die die Finndingis der Segler zur Verfügung stellt, über Hubschrauber, Fahrräder, Haartrockner und Fernsehgeräte, bis hin zum offiziellen Senf-Lieferanten ist alles dabei.
30 Millionen Dollar nimmt das Organisationskomitee aus dem Geschäft mit Olympia ein -- freilich nicht nur von den Hoflieferanten, deren Anteil bei Cojo auf 14,74 Millionen Dollar veranschlagt wird.
Denn "wir haben nichts ausgelassen", sagt Gerry Snyder. Mit einer Geschicklichkeit, die man den Organisatoren dieser Spiele sonst gewiß nicht vorwerfen kann, wurde angezapft, was anzuzapfen war.
Sehr zum Verdruß der Gralshüter aus dem IOC. Kanadas adidas-Chef Schiele, dessen Firma selbst mit harten Bandagen kämpft, weiß schon jetzt, daß es zu neuen Eklats kommen wird: "Dann haben wir uns wieder mal den Arsch verbrannt."

DER SPIEGEL 31/1976
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