09.08.1976

DDR-GRENZEHärteste Prüfung

Der Tod des italienischen Fernfahrers Benito Corghi ist neues Indiz: Die DDR macht die Grenze noch dichter und höher, noch schneller wird geschossen.
Der Fernfahrer Benito Corghi war einer von vielen, die an der DDR-Grenze starben; aber sein Tod wiegt für das ostdeutsche Regime schwerer als der aller anderen. Ein italienischer Arbeiter mit "antifaschistischem Leumund". eingeschriebenes Mitglied der KPI -- daraus ließ sich partout kein Fall von "Agententum", "Provokation" oder "Republikflucht" machen.
Die DDR bedauerte denn auch offiziell, zum erstenmal. Aus Ost-Berliner Sicht war es so etwas wie eine blutige Panne -- und nach Westen hin der bislang augenfälligste Beweis für einen "pathologischen Verfolgungswahn, der die Grenze zu einer Art Allerheiligem verklärt", wie die "Frankfurter Rundschau" unlängst schrieb.
Seit dem Mauerbau im Jahre 1961 sind in Berlin und an der deutsch-deutschen Grenze mindestens 167 Menschen umgekommen, von Minen zerrissen, durch Zielschüsse verletzt oder durch Todesautomaten getroffen worden. Allein im vergangenen Jahr, als Ost und West sich in Helsinki um Entspannung bemühten, wurden 125 "Zwischenfälle" registriert; jedesmal waren irgendwo am Metallgitterzaun oder hinter Sperrgräben DDR-Grenzer mit Waffen in Aktion getreten.
Im Laufe der Jahre hat die Grenze nichts von ihrer Gefährlichkeit verloren, im Gegenteil. Die Sperranlagen wurden immer weiter ausgebaut, die Signalanlagen immer weiter perfektioniert, immer längere Abschnitte mit Todesautomaten bestückt; und seit der ehemalige DDR-Häftling Michael Gartenschläger im Frühjahr dieses Jahres vom Westen aus zwei Selbstschußanlagen abmontierte, wird die Grenze wieder einmal dichter gemacht.
Erst vor kurzem errichteten Pioniere im Norden, entlang der Absperrung zu Schleswig-Holstein, weitere Erdbunker und Beobachtungstürme, montierten schwenkbare Scheinwerfer, bestückten Metallgitterzäune alle 30 Meter mit einem zusätzlichen, von der mittleren Zaunhöhe auf den oberen Zaunrand gerichteten Todesautomaten. Dieser zusätzliche Schußapparat läßt sich vom Westen her nicht mehr entschärfen -- was nötig wäre, falls jemand vom oberen Zaunrand einen Selbstschußautomaten montieren wollte.
Noch mehr Grenze auch gegenüber niedersächsischem Gebiet: Südlich von Schnackenburg plätteten Pioniere die Gewinde an den Halterungen der Selbstschußgeräte. so daß sich die Automaten nicht mehr abschrauben lassen. An anderen Stellen erhöhten Bautrupps den 3,20 Meter hohen Zaun: teils durch Stacheldrahtaufsätze, teils durch Metallgitterplatten, West-Neigung 45 Grad. Die oberste Reihe der Selbstschußgeräte blieb jedoch auf der Höhe von drei Metern; selbst mit einer Leiter sind sie von Westen her nicht mehr erreichbar.
Zugleich mit dem Umbau wurde der Streifendienst der DDR-Grenztruppen verstärkt. Wo früher höchstens alle halbe Stunde per Motorrad, Geländewagen, Lkw oder zu Fuß eine Streife patrouillierte, wird jetzt alle zehn Minuten kontrolliert; die Grenzer bleiben dabei unnahbar und unansprechbar wie eh, so daß einem bayrischen Zollbeamten nach vergeblichem Kontakt-Versuch jüngst der Satz entfuhr: "Mensch, Kollege, sag wenigstens mal Scheiße." Sein DDR-Gegenüber knöpfte wortlos die Pistolentasche auf, der Bayer verstummte.
Die doppelte Bewaffnung des DDR-Mannes -- Kalaschnikow plus Pistole -- deutete darauf hin, daß da ein spezieller Typ von Wächter beim Schweigen war: einer von 1500 sogenannten Grenzaufklärern. Diese Spezialisten sind zwar schon seit der Neugliederung der DDR-Grenztruppen im Jahre 1971 tätig, ihre besondere Rolle fiel im Westen allgemein aber erst auf, als vier oder fünf von ihnen dem Todesautomaten-Knacker Gartenschläger vor dem Grenzzaun, wo sich kein gewöhnlicher Grenzer aufhalten darf, auflauerten und ihn aus dem Hinterhalt tödlich verletzten.
Zu den Aufgaben der Grenzaufklärer gehören im besonderen:
>Absicherung von Grenzbaustellen; > Kontrolle und Überwachung der Grenztruppenangehörigen und der Zivilbevölkerung innerhalb des DDR-Grenzgebietes;
* intensive Beobachtung des Bundesgebietes, insbesondere der Grenzschutzbeamten, des Zolls und der Grenzbesucher;
* Schwerpunkt-Einsatz gegen westliche "Grenzverletzer" (DDR-Jargon).
Für diese Tätigkeiten und Aufgaben werden zumeist Unteroffizier-Dienstgrade ausgewählt, die in einer von drei Spezialschulen einen halbjährigen Lehrgang zu absolvieren haben. Zum Pensum gehören Härte- und Nahkampf-Training; sie lernen das Photographieren und betreiben so etwas wie Agentenkunde.
Tatsächlich sind sie über einen Verbindungsoffizier der Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit in der Ost-Berliner Normannenstraße fachdienstlich zugeordnet. Sie haben nichts zu tun mit jenen "Aufklärern", die in den Grenzkompanien stationiert sind, aber als Angehörige des Staatssicherheitsdienstes nur Erkundung und Spionage gegen die Bundesrepublik betreiben.
Jeder der 216 an der Westgrenze stationierten DDR-Grenzkompanien sind auch vier bis zehn Grenzaufklärer zugeteilt. Anders als die regulären Soldaten, die in Grenznähe kaserniert sind, wohnen die Aufklärer häufig unter der Zivilbevölkerung in den Grenzorten, manche sogar mit Familie -- auf diese Weise sind sie mit Land und Leuten bestens vertraut. Mitunter verrichten sie im Hinterland Schnüffeldienst in Zivil: Getarnt als Forstarbeiter, Landarbeiter oder Pilzesammler, halten sie Ausschau nach fluchtverdächtigen DDR-Bürgern, dann und wann schleusen sie vermutlich auch Agenten durch den Zaun nach Westen.
Anders auch als gewöhnliche Grenzsoldaten haben sie jederzeit zu sämtlichen Grenzeinrichtungen Zutritt. Allerdings dürfen sie auf der Westseite der Sperren nur zu zweit tätig werden -- einige dieser Elite-Wächter setzten sich, als sie noch allein patrouillieren durften, in den Westen ab.
Ihre Doppelstreifen sind neuerdings so häufig wie nie zuvor vom Westen aus, diesseits der Grenzsperren, zu sehen. Zur Ausrüstung gehören mal Kamera samt Stativ, mal ein Infrarot-Nachtsichtgerät, aber auch Recorder mit Richtmikrophonen und Sprechfunkgerät; Schäferhunde sind schon mal dabei.
Was von den gewöhnlichen DDR-Grenzern verlangt wird, erwartet das Regime im besonderen von seinen Aufklärern: ständige Wachsamkeit beim Grenzdienst, der "härtesten Prüfung eines Menschen", wie die Soldatenzeitung "Volksarmee" vor einiger Zeit schrieb. Denn, so Oberstleutnant Erhard Dix von der Grenztruppe: "Keine Stunde ist unsere Grenze mit Halbheiten zu schützen. Sie verlangt den ganzen Soldaten!"
In einem vom Ost-Berliner Militärverlag herausgegebenen Band kommen einige Grenzsoldaten, die offenbar besonders linientreu sind, selber zu Wort -- etwa mit ihrem "Haß gegen alles, was unseren Frieden und Fortschritt gefährdet". Da ist von Kommandeuren und Gefreiten die Rede, die bei 19 Grad Minus für mehrere Stunden an der zugefrorenen Elbe in Stellung liegen, weil "von drüben" eine "Provokation" signalisiert worden sei.
Wie solche DDR-Grenzer mit dem "Feind", dem "Provokateur" fertig werden, der in den Armee-Erzählungen stets vom westdeutschen Grenzschutz gedeckt wird, liest sich beispielsweise so. "Verrechnet! Bursche! denkt Leutnant Walter, du hast geglaubt, wir kommen von vorn, und dann hättest du leichtes Spiel gehabt. Du hättest uns abgeknallt wie Hasen. Drüben würden sie dich als Held feiern. Verrechnet, mein Lieber! Er läßt noch einige Sekunden verstreichen. Erst, als sich wenige Meter hinter dem Provokateur ein Zweig der verkrüppelten Weide bewegt, springt er entschlossen aus dem Graben: "Werfen Sie die Waffe weg! Stehen Sie auf! Jeder Widerstand ist zwecklos!"'
Und schießt womöglich. Längst sind die offiziellen Dienstvorschriften für die Grenztruppen "durch einige Geheimbefehle, die nur den Kompanieführern zugänglich sind, verschärft worden", wie das vom Bonner Ministerium für innerdeutsche Beziehungen herausgegebene DDR-Handbuch feststellt. Grenzverletzer sind demzufolge "festzunehmen", einleuchtenderweise. "oder zu "vernichten"', schlimmerweise' "und Provokationen in das Gebiet der DDR gegebenenfalls mit der Schußwaffe zu verhindern".
Auf solches Reagieren werden die Grenzsoldaten psychologisch eingeschworen. und dafür zeigt sich das Regime auch erkenntlich.
Bei der Rückkehr ins zivile Leben genießt der bewährte Grenzer sozialistische Privilegien. Seit Februar vergangenen Jahres werden Studienplatzvergabe und Bereitstellung angemessener Arbeitsplätze für ehemalige Soldaten durch eine spezielle "Förderungsverordnung" geregelt, die erst vor wenigen Monaten veröffentlicht wurde.
Besonders Grenzoffiziere, die nach der Verordnung "als bewährte und erprobte Kader", zu gelten haben, werden bevorzugt mit Studienplätzen versorgt. Dabei erhalten sie Stipendien, die wenigstens 70 Prozent ihres letzten Monatsnettoverdienstes betragen sollen, mindestens aber 600 Mark. Und wer als Hauptmann wieder in die Fabrik einzieht, soll nicht weniger als 900 Mark brutto (DDR-Durchschnittsverdienst. 850 Mark) verdienen.
Wer an der Grenze, schreibt die Ost-Berliner "Armee-Rundschau" unverblümt, "mehr als das gesetzlich Verlangte für den militärischen Schutz des Sozialismus leistet, hat verständlicherweise auch größere Rechte". Dazu gehören: "Öffentliche Würdigung", Orden, Beförderung, Geld -- bis zu 5000 Mark und 14 Tage Sonderurlaub dem, der einen "Flüchtigen" oder einen "Grenzverletzer" stellt, lebend oder tot.

DER SPIEGEL 33/1976
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