09.08.1976

Der Tod ist keine Lösung

Der Tod ist keine Lösung", sagt Fritz Lang in Jean-Luc Godards 1963 gedrehtem Film "Le Mepris" (Die Verachtung), in dem Fritz Lang einen alten Regisseur, sich selbst, spielt. Das heißt, ich lese in einem Gespräch mit Fritz Lang, wie ihm dieser Satz aus "Le Mepris", den er selbst in den Dialog des Films eingefügt hat, einfällt, in einem anderen Zusammenhang.
Fieberhaft telephoniere ich daraufhin einen halben Tag lang in Deutschland herum, ob es irgendwo eine Kopie dieses Films gibt. Ich will diesen Satz, an den ich mich nicht erinnere, gesprochen hören, den Zusammenhang wissen, in dem er vorkommt. Aber es stellt sich heraus, daß es in Deutschland wohl jetzt keine Kopie dieses Films gibt.
Ich war dabeigewesen, alles zu lesen, was ich mir von und über Fritz Lang hatte besorgen können, und je tiefer ich da hineingeraten war, um so größer wurde mein Zorn über diesen schizophrenen Zustand, daß da einer geachtet werden sollte, weil er nun tot war, der hier nicht geachtet worden war, während er gelebt hatte. Jetzt, wo er tot ist, will man ihn schnell zum Mythos machen. Scheiße. Sein Tod ist keine Lösung. Wahr ist, daß Lang in Deutschland schlecht behandelt worden ist.
Aus Deutschland kommend, wo ich vor Goebbels davongelaufen war, der mir die Führung der deutschen Filmindustrie angeboten hatte, war ich sehr sehr glücklich, hier leben zu dürfen und ein Amerikaner zu werden. Zu jener Zeit weigerte ich mich, auch nur ein Wort Deutsch zu reden. Ich war schrecklich verletzt, nicht persönlich, von dem, was Deutschland passiert war, und von dem, was man der deutschen Sprache angetan hatte. Ich las nur noch Englisch."
Fritz Lang hat nicht nur seine ersten, er hat auch seine letzten Filme hier gemacht, zwischen 1958 und 1960. Er hat sie unter falschen Voraussetzungen gemacht: "Ich habe diese Filme nicht gemacht, weil ich sie für wichtig hielt, sondern weil ich hoffte, daß ich, wenn ich jemandem einen großen finanziellen Erfolg machen würde, wieder die Chance haben würde, so wie bei "M', ohne irgendwelche Einschränkungen zu arbeiten. Ein Fehler."
"Nach l4monatiger Arbeit dort habe ich schließlich definitiv die Idee aufgegeben, noch einmal einen Film in Deutschland zu machen. Die Leute, mit denen man da arbeiten muß, sind wirklich unerträglich. Nicht nur, daß sie keine Versprechen halten, schriftlich oder nicht, es ist auch noch so, daß die Filmindustrie (wenn es überhaupt noch möglich ist, den kümmerlichen Rest dessen, was das Land einmal in seiner Filmproduktion weltberühmt gemacht hat, so zu nennen) heute geleitet wird von ehemaligen Rechtsanwälten, SS-Männern oder Exporteuren von Gott weiß was. Ihre Hauptarbeit besteht darin, Koproduktionen unter solchen Bedingungen zustande zu bringen, daß ihre Kassenbücher bereits Überschüsse aufweisen, bevor man den Film überhaupt angefangen hat."
Vielleicht gibt es hierzulande wirklich ein schlechtes Klima für diese Kunst, die halt auch eine Industrie ist, vielleicht ist eben dies gerade der Vorbehalt.
"Bei den Dreharbeiten zu "Dr. Mabuse' verlor Lang ein Auge ... Das eine, das starre, das Kinoauge' sieht mehr als das Paar, das auf jeden Reiz reagiert. Henry Fonda monierte, daß Lang bei Dreharbeiten mehr durch die Kamera aufs Geschehen schaut als direkt. Einen eigenen Blick haben, eine eigene Perspektive, und Bilder machen können, die identifizierbar sind, von Vorgängen, die bis dahin der Darstellung sich entzogen" (Frieda Grafe). In einem Interview erzählte er, daß in jedem seiner Filme seine Hände vorkamen. Wohl zumeist in Inserts, wenn eine Hand eine Zeitung oder ein Buch hält. Ich kann ihn mir seitdem besser vorstellen.
Von seinen Filmen habe ich viele nicht gesehen. Die ersten, die ich überhaupt gesehen habe, habe ich in Paris gesehen, da waren sie mir sehr fremd. Zumindest fremder als das amerikanische Kino oder das französische. Weil: Diese Filme waren deutsche Filme, und die wollten nicht in meinen Kopf, der schon voll war von anderen Bildern und anderer Bewunderung: Von anderen Vätern als diesem. Es sträubte sich alles in mir gegen diese kühlen und scharfen Bilder, diese sichtbar gewordenen Gedanken. Deutlicher als jemals in anderen Filmen wurde mir der Begriff der Einstellung. Jemand hatte eine Einstellung zu den Dingen, jemand hatte sich auf etwas eingestellt, etwas stellte sich ein, etwas wurde eingestellt, die Dinge und die Zeit. Oft ist einem etwas fremd, weil es einem zu nah ist.
In "im Lauf der Zeit" ist Lang anwesend, es wird von den "Nibelungen" geredet, man sieht zwei Photos von ihm, eines davon aus "Le Mepris", ich hatte das nicht im Sinn. In diesem Film über das Bewußtsein von Kino in Deutschland hat sich der verlorene, nein, der verpaßte Vater von selbst eingestellt.
Was weiß ich schon über Lang? Einen Satz aus "Clash by Night", den Barbara Stanwyck sagt: "Home is where you get, when you run out of places."
In meiner Ratlosigkeit rufe ich in Los Angeles an, bei Samuel Fuller. Er wohnte nicht weit weg von Lang, ich wußte, daß er mit ihm befreundet war. Meine blödsinnigen Fragen nach Lang schneidet er mit einem lakonischen "I liked him" ab.
Aber dann erzählt er mir, wie er die Nachricht von Fritz Langs Tod erfahren habe. Er sei auf der Straße Gene Fowler jr. begegnet, der Lang in seinen letzten Tagen Gesellschaft geleistet habe. "Was Gene also machen wird, weil es halt keine große Beerdigung gibt, er wird alle alten Freunde von Fritz Lang zusammenkriegen, und wir werden alle eine Menge trinken und eine Wache halten" ("...have a wake").
Auf meine Frage antwortet er: "Wake ist ein alter irischer Ausdruck. When you talk and have fun and laugh and tell stories about the dead man. Das werden wir an einem der nächsten Tage machen."
Nach dem Gespräch bin ich erleichtert. Ein paar alte Männer an der Westküste wurden alles richtigstellen, diese Nachrufe und den Scheiß, würden sich betrinken und sich an eine Menge Geschichten erinnern. Death is no solution.

DER SPIEGEL 33/1976
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