25.07.2005

STRAFJUSTIZGibt es eine Erklärung dafür?

Im „Pascal-Prozess“ steht die Glaubwürdigkeit höchst widersprüchlicher Aussagen auf dem Prüfstand. Das Gericht stößt an die Grenzen seiner Sachkunde. Von Gisela Friedrichsen
Die Entscheidung, ob ein Angeklagter sich vor Gericht äußern soll oder ob man ihm besser rät zu schweigen, ist für einen Verteidiger außerordentlich schwierig. Es ist die vielleicht schwierigste Frage in einem Mandat überhaupt. Denn es geht nicht nur um die Überlegung, ob der Mandant sich glaubwürdig darzustellen vermag oder sich um Kopf und Kragen zu reden droht. Es ergeben sich auch Gewissensfragen, die der Anwalt mit sich selbst ausmachen muss: Sagt mir der Mandant die Wahrheit? Kann ich ihn auch noch gut verteidigen, wenn er mich anlügt? Darf, soll, muss ich versuchen, einen Freispruch selbst dann zu erringen, wenn ich weiß oder ahne, dass dann eine Straftat ungesühnt bleiben wird?
Im "Pascal-Prozess" vor dem Landgericht Saarbrücken, in dem aufgeklärt werden soll, ob der fünfjährige Pascal am 30. September 2001 in einem Abstellraum einer Trinkbude namens "Tosa-Klause" im Stadtteil Burbach sexuell missbraucht und ermordet wurde - man hat inzwischen den 57. Verhandlungstag erreicht -, hat sich in der vergangenen Woche erstmals die als Hauptangeklagte geltende Wirtin Christa W., 52, geäußert. Bis dahin hatte sie, wie die meisten der insgesamt 13 Angeklagten, geschwiegen. Nur 3 Angeklagte machten Angaben - so man jenes Kaleidoskop aus Selbstbezichtigung und Beschuldigung anderer, aus verzerrter Erinnerung, ungehemmter Phantasie und Nachplapperei denn so nennen mag (SPIEGEL 47/2004).
Die angeklagte Putzfrau Erika etwa, nur ein Beispiel, wurde jüngst erneut gefragt, ob sie wirklich gesehen habe, wie der tote Pascal in der Tosa in einen blauen Müllsack gesteckt und weggebracht worden sei. Ja. Nein. Ja. Schließlich: "Ich weiß nicht, ob ich das gesehen habe."
Der Vorsitzende Ulrich Chudoba, kurz vor einem Wutausbruch: "Man weiß doch, ob man so etwas gesehen hat oder ob man es nicht gesehen hat!" Man weiß das, gewiss. Doch nicht Erika. Sie ist nicht "man".
Sie gehört zu jenen leicht zu verunsichernden Menschen ohne Selbstwertgefühl, bei denen Erlebtes, Gehörtes, Vermutetes und Zusammenphantasiertes durcheinander gehen. Nicht, dass Erika lügt, sie glaubt gewiss, was sie dahersagt. Sie ist dabei nicht die einzige unter den Angeklagten, die daherredet, ohne das Widersprüchliche zu bemerken oder gar erklären zu können. Dass solche Menschen suggestibler sind, als man es ist, liegt auf der Hand. Und dass sie ihre Umwelt damit zur Verzweiflung treiben können, ebenso.
Hat es Christa W. vielleicht deshalb nicht mehr ausgehalten mit dem Schweigen? Oder hat ihr Anwalt Walter Teusch sie erst jetzt reden lassen?
Schweigt ein Angeklagter, darf ihm das nicht zum Nachteil gereichen. Es ist sein Recht, das ihn allerdings nicht vor der Gefahr schützt, die Vorurteile des Publikums zu bestärken: Wenn man nichts zu verbergen hat, so Volkes Stimme, kann man das doch sagen, oder?
Im Fall "Pascal" gibt es für die Anklage keinen handfesten Beweis. Keine Leiche, keinen Blutspritzer, keine Faser. Nicht einmal ein sogenannter Kernbereich, also ein für eine Verurteilung brauchbares Minimum an Übereinstimmung innerhalb des Aussagenwusts der drei Angeklagten, schält sich bei kühler Betrachtung heraus.
Das schmälert allerdings nicht die Überzeugung der Öffentlichkeit, die bereits weit vor Prozessbeginn abgeschlossen war. Vor allem die Rolle Christa W.s, die im Hinterzimmer der Kneipe angeblich Kinderschänderei und Prostitution förderte, die als Teil eines Netzwerks Pornofilme verhökert haben soll, stand fest: Sie ist eine geld- und sexgeile "Folterhexe", die ihre verluderte Kundschaft ausbeutete und in Bann hielt. Als sie zu Prozessbeginn unter den Blitzlichteinschlägen der Medien in den Saal humpelte, begafft von geiferndem Publikum - da gab es keinen Zweifel, warum so eine den Mund hält.
Es kann Taktik der Verteidigung sein zu warten, bis Beweise der Staatsanwaltschaft in sich zusammenfallen oder sich selbst zerstören wie in Saarbrücken, ehe man den Mandanten reden lässt. Doch Christa W. habe sich nicht deshalb eingelassen, sagt ihr Verteidiger Teusch, sondern weil sie tatsächlich nicht mehr länger still sein konnte. Weil sie die angeblichen Geständnisse, die manchmal im gleichen Satz schon widerrufen wurden, dieses wirre Hin und Her - es ist den geistig behinderten Angeklagten nicht vorzuwerfen, sie können nichts dafür - nicht mehr länger ertrug.
Sie blieb bei dem, was sie auch im Ermittlungsverfahren ausgesagt hatte: dass der 30. September vor vier Jahren ein "ganz normaler Sonntag" war, dass kein Kind in der Tosa je geschändet und dass Pascal dort nicht getötet wurde.
Auf manche Fragen des Gerichts blieb sie die Antwort schuldig, etwa wer an jenem Tag Gast in der Klause war. Sie erinnert die nahe Kirmes und dass viel los war. Dass mittags Dart-Spieler und später zahlreiche Kirmesbesucher kamen, dass Zigeuner
um Kleingeld baten. Sie beschreibt die enge Abstellkammer, in der laut Anklage Männer Schlange standen zum Vergewaltigen Pascals. Christa W.: "Was glauben Sie, wenn da auch nur ein einziges Mal ein Kind missbraucht worden wäre, das hätte sofort ganz Burbach gewusst!"
An den nächsten Tag hingegen, sagt sie, erinnere sie sich besser. Da habe nämlich helle Aufregung geherrscht ob des verschwundenen Jungen. "Gibt es eine Erklärung für die Beschuldigungen?", fragt der Vorsitzende. Was soll sie antworten? Sie ist keine Psychologin, die eine Aussageentwicklung zu analysieren versteht.
Christa W. redet nicht ausschweifend. Ihre Antworten sind knapp, ihren Lebenslauf schildert sie nur kursorisch. Dass sie als Kind bis zur Pubertät 13-mal an der Hüfte operiert wurde, dass sie seitdem behindert ist, übergeht sie. "Mussten Sie nicht mal eine Klasse wiederholen", fragt der Vorsitzende, "bei den langen Abwesenheiten?" Nein. "Wie kamen Sie mit den Mitschülern aus?" "Gut, wenn ich da war."
Unter den Prozessbeobachtern hat die Runde gemacht, dass Christa W. einen Intelligenzquotienten von 138 haben soll, also wohl weit intelligenter ist als der Durchschnitt. "Die ist so clever, dass sie jedem ein X für ein U vormacht", sagt ein Journalist abschätzig, "die manipuliert jeden." Da ist es schon wieder, das Bild der Hexe. Doch die Fähigkeit zu manipulieren hängt nicht vom IQ ab, wie man von Betrügern und Hochstaplern weiß.
Christa W. hat nur den Hauptschulabschluss. Ihre Mutter hätte sie gern "in die Fabrik" geschickt. Sie arbeitet ein paar Monate fürs Diakonische Werk und für die Commerzbank, dann wird sie schwanger. Heirat, der erste Sohn, nach wenigen Monaten schon wieder Ende der Herrlichkeit, sie kehrt ins Elternhaus zurück. Sie arbeitet in einer Boutique, in einer Taxizentrale, dann die erste Kneipe. Zwölf Jahre später heiratet sie einen Stammgast.
Auch diese Verbindung glückt nicht. Sie eröffnet eine neue Gaststätte, heiratet wieder, der zweite Sohn. Wieder Scheidung.
Eines Tages bringt ihr Bruder eine Prostituierte an, Andrea, obdachlos, ob sie bei ihr bleiben könne. Fortan kümmert sich die gehbehinderte Christa W. um die geistig behinderte Andrea, übernimmt die Betreuung für sie und deren später geborenes fünftes Kind (vier Kinder hatte man Andrea gleich nach der Geburt weggenommen). Sie kocht für die aus der bürgerlichen Gesellschaft Ausgestoßenen, die ihre Kneipen anlaufen, sie gibt Menschen aus der Gosse Arbeit und so etwas wie ein Zuhause. Jetzt sitzt sie mit diesen auf der Anklagebank.
Christa W. hat dann noch einmal, das vierte Mal, geheiratet, einen wesentlich älteren Mann, den man ins Altersheim abgeschoben hatte. Sie holt ihn heraus, es ging auch um Versorgung, um seine Rente. "War das mit ehelichen Pflichten verbunden, wie das der Normalmensch ab und zu noch kennt?", fragt Oberstaatsanwalt Josef Pattar. Nein. "War damit die Erlaubnis verbunden, mit anderen Männern geschlechtlich zu verkehren?" Ja. Pattar erkundigt sich nach weiteren Intimpartnern und ob es auch mal "Überschneidungen" gegeben habe. Als Staatsanwalt hat man halt ein Aufklärungsinteresse, ja geradezu eine Pflicht zu solchen Fragen.
Es war ein merkwürdiges Leben, in das diese hochbegabte, durch ihr Humpeln schwer beeinträchtigte Frau geraten war. Gelegenheit, einen ihrer intellektuellen Potenz angemessenen Platz zu finden, hatte sie nie. Für ihre emotionalen Bedürfnisse blieben Penner, Säufer und eine wie Andrea, die an ihr hing wie ein Kind. Sorgen bereitete der ältere Sohn, er dealte, wurde inhaftiert. Sie schmuggelte Hasch ins Gefängnis: "Er sagte, er liege mit einem auf der Zelle, der von seiner Schwester Heroin erhalte. Wenn er von mir nichts bekäme, nähme er eben das harte Zeug."
Dann kommt es auch noch zu einem Zerwürfnis mit ihrem Bruder: Er wollte 100 000 Mark von ihr, nachdem der Vater ihr und nicht ihm ein Haus überschrieben hatte. Er schwärzt sie beim Jugendamt an, der Sohn von Andrea verwahrlose in dieser Gesellschaft von Säufern und Verrückten.
"Das Übliche eben", sagt sie. Immer wieder diese Wendung. Es ist die Erfahrung ihres Lebens.
Der Kleine wird weggenommen, kommt von einer Pflegemutter zur nächsten, eine Beratungsstelle wird bemüht, weil er inzwischen auffällig ist. Ob er seine Mutter mit fremden Männern im Bett beobachtet hat? Möglich. Irgendwann ist man erwartungsgemäß beim sexuellen Missbrauch, die Lawine bricht los, das Übliche eben.
Hier stockt Christa W., Tränen treten in ihre Augen. Es ist kein dramatischer Ausbruch, nur die Stimme folgt ihr nicht mehr. Dann: dass sie mit Andrea den Jungen damals zu finden versuchte, dass sie den Kindergarten ausfindig machten - und dass sich das Kind jubelnd in die Arme seiner Mutter warf und nicht mehr wegwollte.
Mittlerweile haben weitere Angeklagte Aussagen widerrufen. Gabi G. zum Beispiel: "Die Situation der Vernehmung habe ich für mich damals als bedrohlich empfunden ... Die beiden Polizisten haben mich so eindringlich befragt, dass ich immer unsicherer wurde. Als ich gemerkt habe, dass man mir nicht glaubt, dass ich erst nach dem 30. 9. 2001 in die Tosa-Klause gekommen bin und auch sonst nichts von Kindesmissbrauch in der Tosa bemerkt habe, habe ich damit begonnen, auf die Fragen so zu antworten, wie ich dachte, dass es von mir erwartet wurde oder wie es nach dem, was ich schon gehört hatte, meiner Vorstellung nach auch gewesen sein könnte."
Oder Tanja K., Mutter von drei Kindern, die ab und zu in der Tosa aushalf. Sie wurde am 14. Oktober 2004 erstmals vom Gericht gehört. Sie ist die einzige Zeugin, die angeblich einen blauen Müllsack in der Tosa sah. Am 11. Juli wurde sie noch einmal vorgeladen, weil sie sich inzwischen ihrem Anwalt Karlheinz Eibes geoffenbart hatte: Sie habe als Zeugin gelogen aus Angst, dass sie ihre Kinder nicht wiedersehen würde. Sie habe weder Pascal gesehen noch einen Müllsack.
Auch Tanjas Kinder waren von der Verdachtslawine erfasst worden. Man nahm sie der Mutter just an dem Tag weg, als sie erstmals von der Polizei vernommen wurde. "Die Wahrheit! Die Wahrheit!", bedrängt man sie. Tanja ist eine leicht einzuschüchternde, einfache Frau. Eibes: "Von ihr kriegt man jede Aussage, wenn es um die Kinder geht."
7 der 13 Verteidiger in Saarbrücken haben nun, sachverständig beraten durch den forensisch erfahrenen Psychologieprofessor Burkhard Schade, ein aussagepsychologisches Gutachten zur Glaubwürdigkeit von Andrea beantragt. Auch Erikas Aussagen sollen wissenschaftlich untersucht werden. So etwas ist üblich bei kindlichen Zeugen, der Montessori-Prozess in Münster und die drei großen Wormser Missbrauchsprozesse vor dem Landgericht Mainz haben da Rechtsgeschichte geschrieben. Die Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Angeklagten aber ist im Normalfall allein Sache des Gerichts.
Doch im "Pascal-Prozess" ist nichts normal. Worauf kann sich das Gericht stützen? Zu beurteilen, wann es zu unstreitig bewussten oder irrtümlichen Falschaussagen gekommen ist und wie sich im Normalfall zulässige Vernehmungsmethoden bei einer Andrea, Erika oder Gabi auswirken können und hier unstreitig ausgewirkt haben - die Sachkunde des erfahrensten Richters stößt dabei an Grenzen.
"Das wird ausgehen wie das Hornberger Schießen", sagen manche Beobachter schon. Die Frage, wo Pascal ist, werden die Richter nicht beantworten können. Der Montessori-Prozess aber brachte die Erkenntnis, dass Kinder auch Dinge, die sie nicht erlebt haben, bisweilen tatsächlich erlebt zu haben meinen. Seit den Wormser Prozessen weiß man, dass seelisch bedrängte, verunsicherte Kinder bestrebt sind, sich im Sinne ihrer jeweiligen Bezugspersonen zu äußern.
Brächte der "Pascal-Prozess" die Erkenntnis, dass man mit geistig beschränkten, beschädigten Personen, Kindern durchaus ähnlich, nicht "wie üblich" verfahren kann, sondern dass man dann auch bei der Beurteilung von Angeklagten sachverständiger Hilfe bedarf: Der Prozess könnte ein Lehrstück für die Justiz werden.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 30/2005
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