25.07.2005

MANAGERSchöner pinkeln

Chinas Elite will die Welt möglichst unauffällig erobern. Deshalb lässt sie sich von einem Schweizer Unternehmer westliche Manieren beibringen.
Andy Mannhart, 52, legt den Suppenlöffel zur Seite. Dann schließt er kurz die Augen und horcht auf seine Tafelrunde. Der Moment der Wahrheit rückt näher: Haben die chinesischen Geschäftsleute die westlichen Tischsitten verinnerlicht, die er ihnen gegen Gebühr gerade eingetrichtert hat?
Keiner schläft. Niemand spuckt aus. Selbst die herzhafte deutsche Kartoffelsuppe wurde weitgehend geräuschlos gelöffelt, anders als die chinesische Nudelsuppe, die nur dann als besonders gut gilt, wenn sie richtig geschlürft wird. Mannhart nickt erleichtert, auch wenn ihm dann doch wieder etliche Verstöße gegen die westliche Etikette auffallen.
Da ist beispielsweise der Ingenieur, der seinen Kopf fast in der Suppe versenkt. "Den Löffel hinauf bis zum Mund heben", mahnt Mannhart. Und noch ein Rat darf nicht fehlen: "Ellbogen hoch und gerade sitzen!" Mit einem Ruck drücken alle Kursteilnehmer ihre Oberkörper durch.
Je strenger der Sitten-Experte die Chinesen in westlichem Benehmen unterweist, desto zufriedener wirken sie. Zwar sind sie es nicht gewohnt, bei Tisch zurechtgewiesen zu werden. In Shanghai zählen sie zum Mittelstand, zur Elite. In ihren Firmen sind sie häufig diejenigen, die andere zur Ordnung rufen, etwa die Dame aus der Personalabteilung eines Autokonzerns oder der selbstbewusste Manager eines Maschinenbauers. Doch Chinas Weg in die Globalisierung führte sie zu Andy Mannhart, dem Benimmtrainer.
Sie wollen nicht auffallen. Sie wollen ihren ökonomischen Feldzug möglichst still vorantreiben. Sie haben gelernt, dass man dazu nicht nur kapitalistische Tricks braucht, sondern auch das Auftreten des alten Klassenfeinds. Wirtschaft ist auch Psychologie.
Als Mannhart, gelernter Koch und Chef eines Vertriebs für Hotelküchenbedarf, erstmals die Volksrepublik besuchte, ahnte er nicht, dass chinesische Bosse massenhaft als Firmenaufkäufer in den Westen reisen würden. Aber schon bei Geschäftsessen in westlichen Restaurants witterte der Schweizer die Marktlücke des Gegen-Transfers von Benimm-Know-how: Vom Halten der Gabel bis zum korrekten Spaghetti-Verzehr ("Nicht mit dem Messer schneiden!") registrierte Mannhart bei Tischnachbarn Regelverstöße en masse.
Inzwischen predigt er im neunten Stock eines Büroturms in Shanghai korrektes Benehmen hauptberuflich. Seine Dienstleistung vermarktet er in exklusiven Kursen für jeweils sechs bis acht Manager. Selbst Beamte und Parteikader gehören zur lernbegierigen Klientel, auch wenn sein Grundkurs etwas ungewöhnlich beginnt.
Höflich lädt er die Schüler ein, seine Toiletten zu besichtigen. Damit verknüpft er ein höheres Lernziel seines Kurses: Zwar mühen sich Partei und Staat seit Jahren, den Mangel an sauberen öffentlichen Klos im Reich der Mitte zu lindern. Aber selbst ausgeklügelte Kampagnen können keine so gepflegten Örtlichkeiten mit Kerzenschein und Aromablüten hervorzaubern, wie Mannhart sie als Beispiel westlicher Lebensart präsentiert. Zur Sicherheit rät er seinen männlichen Teilnehmern: "Bitte nicht vorbeipinkeln. So was macht keinen guten Eindruck."
Solch unverblümte Ratschläge sieht Mannhart als Berufung: "Wen sollen Chinesen denn fragen, wie sie sich bei Terminen mit westlichen Geschäftsleuten verhalten sollen?"
Zwar kann der Sittentrainer auf Vorkenntnisse aufbauen: So kichern die Kursteilnehmer kollektiv, als er ein Video vorspielt, in dem ein Schweizer Ehepaar sich im Restaurant vorbeibenimmt: Die Frau bläht ihren Kaugummi auf, der Mann bohrt in der Nase. Doch schon beim Thema Handy beginnt für Mannhart der Kulturkampf: Die Chinesen dürften ihre stolzen Fortschrittssymbole ja gern benutzen, sagt er, aber doch bitte nicht bei offiziellen Geschäftsessen.
Dann berichtet der Schweizer von eigenen Erlebnissen in der Shanghaier U-Bahn, wo viele Fahrgäste um die Wette in ihre Handys brüllen. Und plötzlich ahnt man, was der Etikette-Experte in Chinas boomender Goldgräberstadt noch so alles ertragen muss: Taxifahrer, die kraftvoll aus dem Seitenfenster spucken und rotzen, oder Konsumenten, die sich im Supermarkt einfach an der Kasse vordrängeln.
Chinas Alltag ist ein Kampf mit langer Geschichte: Zu Zeiten der Kulturrevolution gewöhnten sich viele Genossen an, durch besonders lautstarkes proletarisches Verhalten nicht als Klassenfeinde aufzufallen. In Jahrzehnten sozialistischer Mangelwirtschaft lernte das Milliardenvolk zudem, dass die Ersten in der Schlange am ehesten überleben.
Kein Wunder, dass Mannharts eintägiger Intensivkurs manche Teilnehmer ermüdet. Nach dem gemeinsamen Mittagessen legt die Angestellte eines Maschinenbauers erschöpft den Kopf auf die Tischplatte. Doch dann geht das Pauken von Anstandsregeln weiter.
"Wie führen wir Small Talk bei Cocktailpartys?", fragt der Trainer und gibt gleich selbst die Antwort - richtig, das unverfänglichste Thema ist fast immer das Wetter -, bevor er seine Kunden am Ende mit einer der wichtigsten Weisheiten überrascht: Nur wer die Benimmregeln kennt, weiß auch, wann er sie mal brechen darf. WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 30/2005
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