25.07.2005

NAHOST„Abbas ist schwach“

Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri, 38, über den Bruch des Waffenstillstands mit Israel und die Konkurrenz der Palästinensergruppen untereinander
SPIEGEL: Hamas-Kämpfer haben vergangene Woche wieder Raketen gegen Israel gefeuert. Das Ende der Waffenruhe?
Abu Suhri: Wir stehen zur Vereinbarung über eine Ruhephase, aber wir mussten auf israelische Provokationen reagieren. Die israelische Armee war wieder in Tulkarm einmarschiert. Später tötete sie mit gezielten Raketenangriffen sieben Palästinenser. Einen unserer Anführer ermordeten sie sogar vor seiner Haustür. Wenn diese Aggressionen aufhören, halten wir still.
SPIEGEL: Wollen Sie Israels Armee sogar beim Abzug aus dem Gaza-Streifen unter Beschuss nehmen?
Abu Suhri: Wir wollen, dass der Abzug gelingt. Aber wenn die Israelis provozieren, werden wir reagieren.
SPIEGEL: Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas wirft der Hamas vor, sie habe die Absprache gebrochen und schade palästinensischen Interessen.
Abu Suhri: Warum greift er nur uns an? Alle bewaffneten Gruppen feuern auf israelische Ziele, einschließlich der Aksa-Brigaden seiner eigenen Fatah. Der Islamische Dschihad hat mit dem Selbstmordattentat in Netanja etwas viel Gefährlicheres getan als wir.
SPIEGEL: Die Hamas lieferte sich jetzt sogar Feuergefechte mit der palästinensischen Polizei auf offener Straße. Warum fordern Sie die Autonomieführung heraus?
Abu Suhri: Die Hamas und die palästinensische Führung stehen in Konkurrenz miteinander. Sie versucht uns zu treffen, sie hetzt gegen uns, vor allem Innenminister Nasr Jussif. Seinetwegen sind die Ereignisse explodiert. Gegenüber seinen aggressiven Sicherheitskräften müssen wir uns verteidigen.
SPIEGEL: Jussif sagt, er wolle Recht und Ordnung mit allen Mitteln durchsetzen. Auch Angriffe auf Israel sollen nun gestoppt werden.
Abu Suhri: 1996, noch unter Jassir Arafat, wurden unsere Leute massenweise verhaftet. Wir werden nicht erlauben, dass sich das wiederholt. Dann werden wir uns verteidigen.
SPIEGEL: War der Überfall Ihrer Milizen auf einen palästinensischen Polizeioffizier ein Vorgeschmack darauf?
Abu Suhri: Der Offizier ließ auf unsere Leute schießen, nachdem sie Raketen auf Israel abgefeuert hatten. Doch war das kein Mordanschlag, wie es die Regierung darstellt, die Schüsse fielen im Kampf.
SPIEGEL: Sie werfen der Autonomieführung vor, dass sie einen neuen Kurs eingeschlagen hat?
Abu Suhri: Bisher haben die Sicherheitsdienste uns immer gebeten, das Raketenfeuer einzustellen, meist reagierten wir dann positiv. Jetzt schießen sie auf uns. Aber ich glaube nicht, dass Abbas persönlich die Konfrontation mit uns sucht. Er hat jedoch Leute um sich, die ihn dazu drängen.
SPIEGEL: Halten Sie ihn für schwach?
Abu Suhri: Er ist sehr schwach, er hat bisher nichts erreicht, weder gegen die Besatzung noch innenpolitisch. Die Wirtschaft liegt am Boden, überall blüht die Korruption. Der Abzug der Israelis aus Gaza hat ja auch nichts mit ihm zu tun, er ist das Ergebnis des Widerstandskampfes. Abbas wäre gar nicht in der Lage, eine wirkliche Auseinandersetzung mit uns führen.
SPIEGEL: Versuchen Sie, gegen die Autonomieführung zu putschen?
Abu Suhri: Wir wollen keinen Umsturz. Die Hamas gewinnt durch Wahlen.

DER SPIEGEL 30/2005
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