02.08.1976

MEDIZINNoch diesseits

„Von chemischen und biologischen Manipulationen im Grenzbereich zum Inhumanen“, warnte Olympiafunktionär Willi Daume, „geht mehr Gefahr für die Olympischen Spiele aus als von den Querelen der Politik.“
Der Vortrupp der Hochleistungssportler hat sich schon im Niemandsland verirrt, hat unsichtbare Grenzen gekreuzt. Die aus den Fugen geratenen Gnome im Fliegengewicht und die Muskel-Monster in der Koloß-Klasse. die Riesenfrauen am Basketball-Korb und die Gummikinder auf dem Schwebebalken huldigten befehlsgemäß dem numerus fortius. Frankensteins Olympia feierte Triumphe.
"Wir stehen noch diesseits", bekräftigte Deutschlands Willi Daume. Noch? Und wie lange noch?
Es muß nicht immer Doping sein: "Kein Athlet geht heute ohne Vitamingabe an den Start", bekannte Olympia-Arzt Professor Dr. Josef Nöcker, "wir sind verpflichtet, unseren Sportlern anzubieten, was andere auch bekommen." Schmerzstillende Spritzen für Verletzte vor wichtigen Starts gehören zum Athleten-Alltag.
Das pharmazeutische Angebot erreichte den Ruder-Favoriten Peter-Michael Kolbe fünf Tage vor dem olympischen Finale: eine vor den Spielen an Schwimmern erprobte und in Montreal an Radlern bewährte Mixtur aus Cocarboxylase und Thioctinsäure, vitaminnahe Stoffe, die "sowieso im Körper sind" (Nöcker). Sie greifen in den Stoffwechsel ein und erhalten den Ausdauer-Sportlern ausreichenden Sauerstoff-Nachschub für die Muskeln, "ein Mittel gegen Vergaserverstopfung" (Nöcker).
Rudermann Kolbe spürte gerade eine leichte Erkältung. Einen Tag vor dem Endkampf verlangte er, was die anderen Ruderer, was die siegreichen Vier von der Radrennbahn auch bekommen hatten. Er ruderte seinen Mitfavoriten, Joachim Dreifke aus der DDR und Sean Drea aus Irland, auf sechs Sekunden und drei Bootslängen davon und peitschte seine Skulls bis zu 36mal pro Minute durch das Wasser. Verglichen mit vorausgegangenen Rennen, war er sich selbst um zwei Schläge voraus, ohne es wahrzunehmen.
Etwa 250 Meter vor dem Ziel der 2000-Meter-Strecke waren seine Reserven verpulvert. "Ich war noch nie so erschöpft", bekannte Kolbe. Da überholte ihn der Finne Pertti Karppinen, ein Außenseiter, mit dem er nicht gerechnet hatte. Ein psychischer Schock verdoppelte die Wirkung der körperlichen Erschöpfung. Kolbe: "Ich konnte mich kaum noch bewegen."
Sowenig es sich im Fall Kolbe um Doping gehandelt hatte, so überraschend war aber doch ruchbar geworden, daß bundesdeutsche Athleten sich ähnlichen Prozeduren unterziehen, die sie sonst der DDR vorwerfen. Der Leverkusener Leichtathletik-Trainer Gerd Osenberg lehnte die Vitaminspritze ab: "An meine Athletinnen kommen die nicht ran." Dafür kamen seine Mädchen nicht an Medaillen ran.
Noch schlüpfen Kraftsportler durch die Lücken der Doping-Kontrolle. Anabolika. muskelbildende männliche Hormone, sind nicht nachzuweisen, solange der Athlet sie zwei Monate vor dem Test absetzt. Die Folgen, verheerend, besonders bei Frauen: konvexe Muskelberge da, wo man sie bequem vermissen kann, unter dem Oberarm und auf der Rückenpartie, konkave Leere dort, wo das Ewig-Weibliche sich normalerweise konvex darbietet in Brusthöhe. Schlimmer noch: Die Stimme wird tiefer, der Haarwuchs an Bein und Brust stärker -- Kennzeichen der Roboterriege von DDR-Schwimmerinnen. Als ein Reporter fragte, warum sie alle so tiefe Stimmen hätten, antwortete ihr Trainer: "Die sind doch nicht zum Singen hier."
Ohne Anabolika, deren mögliche Spätwirkungen noch nicht endgültig abzusehen sind, gibt es kaum noch Weltrekorde in Gewichtheben. Kugelstoßen oder Diskuswerfen. Aber die Angst vor der Doping-Kontrolle hielt die Muskelträger der Nationen zurück. Der entscheidende Pharma-Schub fehlte. Im olympischen Wettkampf in Montreal glückte nur wenigen wie dem Sowjetrussen Wassilij Alexejew eine Weltbestleistung, seine 78. "Symptome einer Entziehungskur", resignierte Heber-Experte Karl-Adolf Scherer.
Einziges Problem für Alexejew in Montreal: Er blieb bei der Doping-Kontrolle auf der zu eng gebauten Toilette stecken. Als nicht schnell genug Entsatz kam, entfaltete der olympische Übermensch seine Kraft. Die Wände barsten;
Der Duisburger Gewichtheber-Weltrekordler Rolf Milser, eine der bundesdeutschen Medaillen-Hoffnungen, scheiterte beim Olympiakampf, weil er sich in eine niedrigere Gewichtsklasse hungerte.
Sechs Tage vor dem Wettkampf wog der muskelbepackte, austrainierte Heber immer noch drei Kilo zuviel. Er aß so gut wie nichts mehr, trank kaum und hielt sich vorwiegend in der Sauna auf. Wasser- und Mineralhaushalt gerieten durcheinander. Doch erst nach dem offiziellen Wiegen, 75 Minuten vor dem Start, versuchte er das Gleichgewicht durch Salztabletten und Kalziumgaben wieder auszugleichen.
Zu spät: "Eine halbe Stunde nach dem Wiegen begann das Ziehen in den Beinen", erzählt Milser. Gestörter Stoffwechsel führte zum Krampf der Muskeln. Milser brach beim Reißen an der Hantel zusammen.
Der finnische Langstreckenläufer Lasse Viren, der in Montreal seinen Erfolg von München wiederholte und seit Oktober 1975 schon 7000 Trainings-Kilometer zurückgelegt hatte, mehr als die Entfernung von Frankfurt bis New York, hatte sich vor dem Wettbewerb sein Blut austauschen lassen -- ein neuer Viren.
Die Sportmedizin markiert vorerst nur eine der Grenzen, an denen die Menschennorm mit jedem Rekord ein bißchen mehr verschwimmt. Sortenauswahl und Kindertraining markieren eine andere. Die russische Basketball-Spielerin Uljana Semjonowa braucht dank leiblicher Abnormität (Körpergröße: 2,10 Meter) nur noch in Korbnähe zu warten, um dann unangefochten den Ball einzuschaufeln.
Im Turnen, Abteilung weiblich, blieb das Edelmetall in Montreal Kindern mit schier unbegrenzt biegsamer Wirbelsäule und erfrorenem Lächeln vorbehalten, wie der Rumänin Nadia Comaneci, 14. Das Frauen-Turnen wurde begraben. Die Russen ließen sogar eine Dreizehnjährige an Barren und Balken. Pferd und Boden unglaubliche Leibesbiegungen machen: Marija Filatowa, nur 1,31 Meter groß.
Wer eine Sportkarriere, die sechs Stunden Training am Tag vorsieht, ohne Schäden an Rückgrat, Gelenken oder Füßen unbeschadet übersteht, zählt medizinisch zu den Ausnahmen. Bei den meisten Turnerinnen, so Medizin-Professor Frohwalt Heiß, kann man "ausgedehnte subkutane Blutergüsse am Unterleib nahe der Schamgegend feststellen, die durch das Aufprallen auf den Holm am Stufenbarren entstanden sind".
In Montreal konnte Nadia Comaneci in ihre eigene Zukunft blicken: Olga Korbut, 21, die Olympiasiegerin von München, die sich 1972 selbst als Kind zum Liebling der Zuschauer aufgeschwungen hatte, tauchte in Montreal in den Schatten der neuen Turnierkinder. "Spätestens mit 22 Jahren", sagte sie, "ist eine Turnerin vom Fenster weg." Dauerschäden sind die bleibende Erinnerung an die Spiele der Welt.
Bert Brecht behielt Recht: "Der große Sport beginnt da, wo die Gesundheit aufhört."

DER SPIEGEL 32/1976
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