28.06.1976

HANDELKungel um Sumpf

Aller Parteienhader war vergessen, als zwei rheinische Honoratioren mit einer Supermarkt-Firma verhandelten.
Die unkontrollierte Ansiedlung von Verbrauchermärkten auf der grünen Wiese", beklagte sich unlängst der CDU-Abgeordnete Hansheinz Hauser im Bundestag. sei von der Regierung in ihrem Mittelstandsbericht "völlig übergangen worden".
Keine fünfzehn Autominuten von Bonn, in der rheinischen Provinzstadt Siegburg. brüstet sich ein anderer Christdemokrat, der ehrenamtliche Bürgermeister Adolf Herkenrath, "die Ansiedlung eines Massa-Marktes bei uns" sei "exemplarisch" für die gesamte Republik.
Herkenrath, der im Hauptberuf die bundesweiten Geschäfte der Kommunalpolitischen Vereinigung der CDU und CSU besorgt, praktizierte genau das, was Parteifreund Hauser den Sozialliberalen anlastete. Geschickt nutzte er den kommunalen Klüngel. um sich mit Massa ein Denkmal zu setzen und die Stadtkasse mit höheren Gewerbesteuern zu füllen.
Unbelastet von Recherchen über Kaufkraft und Rücksichten auf Mittelständler. genehmigten sieh die Provinzpolitiker für ihre 50 000-Seelen-Stadt einen Verkaufsbunker an der Peripherie. Auf 28 000 Quadratmetern will Massa vom Affen bis zum Zementmischer den eingesessenen Fachhandel mit Billigpreisen unterbieten und ihm 70 Prozent seines Umsatzes abjagen.
Gemeinsam mit dem geplanten Suma-Markt des bayrischen Strauß-Freundes Hurler, der vier Kilometer entfernt im Nachbarort St. Augustin hochgezogen wird, bieten die beiden Scheunen den rund hunderttausend Bauern und Beamten soviel Verkaufsfläche wie alle Supermärkte und Großdiscounter in der Millionenstadt Köln.
Warnungen der Kölner Handwerkskammer, schon jetzt habe Siegburg zuviel Verkaufsfläche, konnten Herkenrath und seine Räte ebensowenig schrecken wie die SPD-Minderheit im schwarzen Siegburger Stadtrat.
Die Genossen nämlich hatten ähnliche Pläne. Ihnen schien das Angebot ihres Parteifreundes Albert Schwidden verlockend, der dafür plädierte, auf dem Gelände der von der BASF geschluckten und 1972 liquidierten Phrix-Werke einen 8000 Quadratmeter großen Supermarkt der Veba-Tochter Divi zu bauen.
Schwidden, einst Phrix-Betriebsratsvorsitzender, verlor dabei den eigenen Vorteil nicht aus dem Auge. Zuvor nämlich hatte er mit zwei Kompagnons für etwa fünf Millionen Mark der BASF das 100 000 Quadratmeter große Phrix-Gelände abgekauft.
Schwiddens Aktivitäten ermunterten Haus- und Grundbesitzer Herkenrath zu neuen Vorstößen. Der diplomierte Bauer kungelte alsbald mit der umsatzschweren Schaper-Gruppe aus Hannover. Weil das Stadtoberhaupt kein geeignetes Gelände mehr fand, bot es einen Sumpf an.
Als dann zu Jahresbeginn Divi wegen Schaper und Schaper wegen zu hoher Erschließungskosten absprangen,
* Bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch den Landrat des Rhein-Sieg-Kreises Franz Möller.
war der parteipolitische Weg frei für den dritten und größten Bewerber, den ein Kompagnon Schwiddens ins Spiel gebracht hatte: Karl-Heinz Kipp, Chef von zwölf Massa-Märkten, die stattliche 1,3-Milliarden umsetzen.
Der Massa-Mann wollte gleich das ganze Ex-Phrix-Gelände kaufen. Und Bürgermeister Herkenrath fand nun engen Kontakt zu Grundbesitzer Schwidden.
Gemeinsam standen die beiden Massa-Freunde die Angriffe der Massa-Gegner durch.
Und daran fehlte es nicht, Honorige Händler paktierten mit überzeugten Jusos; Betriebsräte der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen legten sich mit ihren DGB-Genossen an, die -- in seltener Eintracht -- mit CDU- und SPD-Mitgliedern für Massa votierten.
Seine Stadträte brachte Bürgermeister Herkenrath mit einem schon mehrfach erprobten Verfahren seines Gesprächspartners Kipp auf Massa-Kurs: Er charterte bei seinem Ratskollegen, dem Busunternehmer Schäfer, auf Kipps Kosten einen mit geistigen Getränken wohlausgestatteten Bus und karrte den Stadtrat nebst Damen "zur Besichtigung der Innenstadt" an den Stadtrand von Alzey, zu Kipps Zentrale. Die Fahrt sei, schrieb Herkenrath in seiner Einladung, "als private Informationsreise gedacht".
In Kipps Kantine vergaßen die Besucher schnell ihren offiziellen Reisezweck: Eigentlich nämlich hatten sie in Alzey die ilehauptung Siegburger Händler prüfen wollen, daß Supermärkte auf den Äckern die Städte veröden ließen. Ins Zentrum von Alzey kamen sie erst nach Geschäftsschluß.
Siegburgs Ratsherren schwenkten vollends auf Kipps Kurs, als sie in einer 69 Seiten dicken Expertise des Saarbrücker Handelsforschers Professor Bruno Tietz lasen, daß Massa auf Siegburgs Handel "keine negativen Auswirkungen habe, ja "zentralitätsfördernd" wirke". Das Tietz-Honorar hatte Kipp vorsichtshalber selber übernommen.
Mit 31 gegen sieben Stimmen stimmte Siegburgs Stadtrat für Massa. Für Herkenrath fiel derweil neue Ehre ab: Anfang Juni bekam der Massa-Ansiedler "besonders wegen seines Wirkens als Bürgermeister" das Bundesverdienstkreuz verliehen. Der Ordensmann hatte sich nach eigener Ansicht die Auszeichnung verdient: "Orden sind wie Bomben. Sie treffen Schuldige und Unschuldige."

DER SPIEGEL 27/1976
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