21.06.1976

STUDENTENGut im Geschäft

Neue Burschenherrlichkeit registrierten die studentischen Verbindungen auf einem Treffen in der Pfalz. Vaterländisches kommt in deutschen Universitäten wieder an.
Sie haben die alten, klangvollen Namen wie "Alania Aachen" und "Germania Göttingen", "Brandenburgia Berlin" und "Krusenrotter Kiel". Sie kämpfen wie stets für "unser deutsches Vaterland" und "Wehrhaftigkeit", neuerdings aber auch gegen Verfassungsfeinde und den "Ungeist der jungen Generation" -- deutsche Burschenideale, fast vergessen, werden wieder notiert: "Unser jüngstes Mitglied", sagt Burschenschafter Ernst Wilhelm Wreden von "Alemannia Heidelberg", "ist Bundesbruder Trend."
Denn erstmals seit 1968, als an bundesdeutschen Universitäten parallel zum Aufschwung der Linken ein Niedergang der Burschenschaften begann, haben schlagende und nichtschlagende Verbindungen wieder Zulauf. Vergangenes Jahr, so zogen Waffenstudenten auf dem "Deutschen Burschentag" im pfälzischen Landau vorletztes Wochenende Bilanz, keilten ihre Korporierten an den Hochschulen der Republik 400 Füchse und steigerten den Mitgliederstand um 15 Prozent auf 2900.
Das personelle Plus verdanken die Burschenschafter, die für Hamburgs "Zeit" letzthin noch "den deutschen Michel in seiner schmählichsten Gestalt" verkörperten, nach eigenem Urteil einem nationalliberalen Konzept, das sie sich in der Zeit des Niedergangs zurechtgezimmert haben. Zwar isolierten sich die Akademiker mit Brustband und Bierzipfel durch klare Abgrenzungen nach links -- Kommunisten und Wehrdienstverweigerer wurden geschaßt -- jahrelang vom hochschulpolitischen Geschehen. Doch das Bemühen, den Mund mit Martialischem nicht mehr ganz so voll zu nehmen, scheint bei konservativ gestimmten Jungbürgern anzuschlagen.
Und seit in der Bundesrepublik Freiheit statt Sozialismus aus Liebe zu Deutschland proklamiert wird, klingt der an Hochschulen recht fremd wirkende Burschenschafter-Wahlspruch "Ehre -- Freiheit -- Vaterland" wieder ganz vertraut. "Da gibt es", sagt Altbursche Wreden, "schon einen Zusammenhang."
Es gibt da allerdings noch andere Zusammenhänge: Unter dem stärkeren Druck auf den Stellenmarkt hoffen Jungakademiker wieder, so beobachtet der Ex-Korporierte Josef Schmid, Soziologe an der Münchner Universität, "ihre Berufsaussichten besser zu gestalten, indem sie ein ordentliches Studentendasein nachweisen und nicht in irgendwelchen Basisgruppen unangenehm auffallen". Sagt Wreden, einer von 25 000 alten Herren: "Seit die Chaoten und Kommunisten auf dem Rückzug sind, sind wir wieder gut im Geschäft."
Korporierte kandidieren mit Erfolg für Studentenparlamente und Fachschaftsbeiräte, veranstalten "Kneipen", aber auch Rhetorik-Kurse und Führungs-Seminare. Verbindungen, die jahrelang mangels Masse darniederlagen, können -- wie etwa "Rhenania Halle-Düsseldorf" -- wieder activitas vorweisen: Burschenschafter, die Schläger, Quart und Paukboden abgeschworen hatten, mögen auch auf die Mensur nicht mehr verzichten -- "ein psychologisches Erlebnis besonderer Art".
Nach solch unverhofften Erfolgserlebnissen wollen die Bundesbrüder, so kündigte der Münchner Alemanne Albert Röhm in Landau an, "auch wieder stärker politisch auftreten". In der Pfalz bezeugten 300 Burschen und 220 alte Herren aus der Bundesrepublik und Österreich "Hochachtung vor Michael Gartenschläger" (der an der DDR-Grenze Schießautomaten abmontierte) und hielten Polens Parteichef Gierek "die menschenunwürdige Behandlung der Deutschen in den polnisch besetzten Ostgebieten" vor.
Nun soll, um die "allgemein günstige Grundstimmung" (Wreden) auszunutzen, der ideologische Rückschwung an den Universitäten organisatorisch in Griff genommen werden. Mit einer Adressenkartei und einem bundesweiten Werbefeldzug im nächsten Semester will Wreden neben denen, die aus eigenem Antrieb kommen, all die Studenten einfangen, "die in der vermaßten anonymen Universität nach Nestwärme und Geborgenheit suchen".

DER SPIEGEL 26/1976
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