24.05.1976

MEMOIRENAch, wie gut

Nun vermarktet auch Daniel Cohn-Bendit seine Gedanken und Erinnerungen: Er sei, entzaubert sich der Apo-Altstar, im Pariser Mai 1968 vom „Höhenrausch“ gepackt worden und habe angefangen „durchzudrehen“.
Als der Soziologie-Student Marc Daniel Cohn-Bendit, damals 23, in Paris auf die Barrikaden ging und mit seiner "Bewegung des 22. März 1968" den Aufstand gegen de Gaulles Fünfte Republik zündete, ereilte ihn gleichsam über Nacht Weltruhm: "Dany le Rouge", "Dany the Red", "Danyil Rosso".
In Frankreich erhielt der sommersprossige Apo-Star binnen weniger Wochen 29 Heiratsanträge, in Schottland nominierten ihn Studenten für das Amt des Glasgower Uni-Rektors. Und von Belgien bis Venezuela verhängten verängstigte Politiker Einreiseverbote gegen den "germanischen Danton" (so der Pariser "Combat"), den "intellektuellen Condottiere" (die Hamburger "Zeit"), den "französischen Rudi Dutschke" ("New York Times").
Acht Jahre später freilich beurteilt der gefeierte Vorkämpfer der 68er Revolte seine damalige Rolle völlig anders: Er sei kein Barrikaden-Held gewesen, sondern nur ein "Megaphon" des Protests, ein Wortführer mit gewissen "narzißtischen. schauspielerischen Neigungen", der in den Mahlstrom der Mai-Ereignisse gerissen worden sei -- und der schließlich, fasziniert von den Folgen seines Ruhms, seine Genossen im Stich ließ, um ein "parasitäres Leben" zu führen.
Derlei Bekenntnisse legt Cohn-Bendit in sympathischer Offenheit in einem Buch ab, das Ende dieses Monats im Münchner Linksverlag "Trikont" erscheint* -- ein bißchen Manifest, ein bißchen Memoiren: "Der große Basar" (Titel), ein "Gemischtwarenladen für linke Erkenntnisse", enthält mancherlei Gedanken über Gastarbeiter und Filmemacher, Judentum und Kindergärten -- doch "am aufschlußreichsten" ist, wie Kritiker der französischen Ausgabe im letzten Jahr urteilten, was der Apo-Altstar über seine Rolle im Pariser Mai schreibt.
Der Aufstand, der Frankreich an den Rand des Bürgerkrieges brachte, ist für ihn, dem "die Rolle des Stars ja auch gefallen hat", zuvörderst "ein großes Erlebnis gewesen", "In der Schule habe ich sehr viel Theater gespielt; das macht mein Verhalten im Mai 68 besser verständlich. Ich war immer das Rumpelstilzchen: "Ach, wie gut, daß niemand weiß...' Ich hatte die ganze Bühne für mich, durfte darauf herumspringen und schreien. Das hat mir ungeheuer gut gefallen."
Daß solche Neigung zu Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung, gepaart mit flinkem Intellekt, den "kleinen Dicken mit den roten Haaren" (Cohn-Bendit über Cohn-Bendit) dazu prädestinierte, zur Galionsfigur des antiautoritären Aufstands erklärt zu werden; daß Funk, Fernsehen, Presse zunehmend an den Provokationen des Show-Talents Gefallen fanden -- er selber scheint es eher komisch gefun-
* Daniel Cohn-Bendit: "Der große Basar". Trikont Verlag, München; ca 200 Seiten; ca. zehn Mark
den zu haben, daß er so ernst genommen wurde.
Belustigt berichtet der "geniale Mülltonnen-Agitator", wie er einmal im SPD-"Vorwärts" genannt wurde, über so manch eine seiner Reden, "die stark eingeschlagen hat, ohne daß ich etwas besonders Bedeutsames gesagt hätte".
Bei Massendemonstrationen allerdings hielt er sich schließlich lieber versteckt -- "sehr, sehr groß" war bei ihm, Sohn eines 1933 vor den Nazis nach Frankreich geflohenen Berliner Anwalts, die "Angst" vor den Gewalttätigkeiten der Flics. Einer hatte ihn einmal, erinnert er sich, auf dem Kommissariat angebrüllt: "Schade, daß du nicht mit deiner Sippschaft in Auschwitz krepiert bist."
Das "Rampenlicht" der Fernsehstudios, die Blitzlichtgewitter der Photographen hingegen behagten ihm -- auch "wegen der Kohlen", die interviewwillige Verlage und Rundfunkstationen zahlten, auch wegen des "Dufts der großen weiten Welt", den er genoß, wenn er zu TV-Diskussionen nach England oder nach Kanada flog.
"Ich war", bekennt er nun im "Basar", "ein Bürokrat geworden. Ich hatte ein persönliches Interesse daran, ein Star zu bleiben ... Das high-life gefiel mir ... Hier zahlte das Fernsehen, dort ein Verleger, hier eine Einladung von einer Gruppe, dort von einem Verband. Alles, was wir früher an den Bürokraten ... kritisiert hatten, die sich auf internationalen Kongressen tummelten, erlebte ich jetzt selbst."
Als "Krönung des Ganzen" zahlte der Rowohlt-Verlag dem Studenten, der bis dahin von einer 322-Mark-Waisenrente gelebt hatte, 1968 über 100 000 Mark für ein Taschenbuch, das er zusammen mit seinem Bruder Gabriel binnen sechs Wochen in einem Allgäuer Hotel verfaßt hatte. Cohn-Bendit im nachhinein über den Inhalt: "Dreiviertel dieses Buches sind aus Zeitschriften abgeschrieben."
Zwangsläufig führte der Star-Rummel zum Gunstverlust beim anarchistischen Fußvolk. Die Genossen versuchten, ihrem geschäftstüchtigen wie publicitybewußten Wortführer klarzumachen, "daß ich nicht Brigitte Bardot bin" -- was, so Cohn-Bendit, "inzwischen notwendig war": "Ich fing langsam an durchzudrehen. Ich verlor jeglichen Sinn für die Realität."
Als die Revolte gescheitert und der Konflikt mit der Basis nicht mehr zu vermeiden war, begab sich Cohn-Bendit nach West-Berlin -- nicht etwa, weil er den Pariser Protestgeist nach Deutschland exportieren wollte, sondern vor allem, weil er "absolut nicht" mehr wußte, "wie ich weitermachen sollte". Zu diesem "Fluchtmotiv" gesellte sich "Eitelkeit": "Die Vorstellung, nun als "Führer' nach Berlin zurückzukehren, faszinierte mich stark."
Zum endgültigen Bruch mit den "Genossen in Paris" kam es, als Cohn-Bendit sich schließlich weigerte, ihrer Bitte zu folgen, "daß ich möglichst schnell nach Frankreich zurückkehre". Er zog es vor, mit einer BBC-Journalistin, die "hübsch war", durch Deutschland zu reisen ("Es war zwar kein Rolls-Royce, wie verschiedentlich behauptet wurde, sondern ein Mercedes Diesel"); "mir kam es auf einen Tag nicht an". Genossen zeigten für solche Extratouren kein Verständnis: "Wir haben uns angeschrien."
Anfang 1969 führte die "Jet-Set-Spazierfahrt durch Europa" den Ex-Revoluzzer nach Italien, wo er dem Regisseur Jean-Luc Godard die "fixe Idee" vortrug, gemeinsam mit einigen Mitstreitern einen Western zu drehen, in dem der Hamburger "Stern"-Redakteur Manfred Bissinger, die italienische Schauspielerin Carla Gravina sowie ein Pferd, das Mao zitiert, Hauptrollen spielen sollten.
Daraus wurde nichts: " Wir waren ein Haufen, der vom Kino keine Ahnung hatte. Wir wollten uns amüsieren. Godard gegenüber war das eine ziemliche Sauerei. Er hatte erwartet, daß es wenigstens zu Diskussionen, zu einem Meinungsaustausch käme; wir waren unfähig dazu. Wir verlebten das Geld vom Film wie verwöhnte Kinder reicher Eltern."
Solches Verhalten trug ihm bald den neuen Necknamen "Dany the Bourgeois" ("Time") ein: In der sardinischen "Bucht der Engel" und in römischen Nachtklubs vergnügte er sich mit Filmstars, in Frankfurter Buchmesse-Nächten ließ sich der "junge Star" von westdeutschen Society-Damen hätscheln. "Ich lebte auf den Wellen der Ideen, die ich einmal repräsentiert und für die ich einmal gekämpft hatte."
Dabei hatte er sich, von der französischen Regierung des Landes verwiesen, im Herbst 1968 in Westdeutschland mit dem Gedanken angesiedelt, "dem Starkult ein Ende zu machen". Doch auch bei den Frankfurter Genossen fand der Verbannte, der weder vorgab, "die Zukunft zu kennen" noch "Patentrezepte zu wissen", nur wenig Anklang: "In Deutschland gelte ich als der Witzbold in akademischen Debatten, und mein Stil hat sich niemals durchgesetzt."
Erst in den letzten Jahren wurde der Witzbold, auf seine Weise. seriös: Er schloß sich in Frankfurt einer Gruppe "Revolutionärer Kampf" an, kümmerte sich um Ausländer, Wohnkommunen und Kindergärten und gründete gemeinsam mit sieben Genossen eine "Karl-Marx-Buchhandlung".
Seither macht der rundlich gewordene 31jährige, dem Frankfurts lederbejackte Sonderkommando-Polizisten zuweilen ein "Grüß dich, Daniel" zurufen, nur selten noch Schlagzeilen -- etwa wenn er, wie 1973 geschehen, auf einer Haupteinkaufsstraße Fußball spielt und dabei einen Polizisten umrempelt, oder wenn er sich, so 1974, beim Verlesen eines richterlichen Beschlusses im Justizgebäude unter den Tisch legt und ein Liedchen summt.
Gleichwohl ist Frankreich noch immer nicht bereit, ihm die Einreise zu gestatten -- was ihn, wie die meisten Reaktionen auf seine Aktionen, amüsiert: "Offenbar geht man davon aus, daß ich nur über eine französische Autobahn zu fahren brauche, und schon entzündet sich allenthalben hinter mir die Fahrbahn."

DER SPIEGEL 22/1976
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