24.05.1976

„Christen für den Sozialismus“

In der Kirche des Apenninen-Dorfes Serramazzoni sangen Pfarrer und Gläubige: "Großer Gott, wir loben dich." Nicht weit davon entfernt, im Hotel Olimpic, stimmten etwa 200 Arbeiterpriester -- mit erhobenen Fäusten -- ein ganz anderes Lied an: die "Internationale".
Denn die Arbeiterpriester, die in Serramazzoni tagten. stehen fast durchweg der Sozialistischen oder Kommunistischen Partei nahe. Sie werfen den italienischen Bischöfen vor, sie mißbrauchten Glaubensargumente, um den Kapitalismus und die Christdemokraten zu unterstützen. Pfarrer Sirio Politi: "Wir hingegen kämpfen mit den Arbeitern für eine klassenlose Gesellschaft."
Erklärungen wie diese sind in Italien derzeit häufiger denn je zu hören -- von Arbeiterpriestern, von der Vereinigung "Christen für den Sozialismus" wie in den sogenannten Basisgemeinden. Diese drei Gruppen bilden den Kern einer wachsenden Protestbewegung, die mit Amtskirche und Heiligem Stuhl, aber auch mit dem Katholizismus als italienischer Staatsreligion nichts mehr anfangen kann. Zum Vormarsch der Linksparteien -- auf Kosten der DC -haben die aufsässigen Katholiken wesentlich beigetragen.
Den progressiven Basisgemeinden, so schätzte ihr Hausblatt "Com-Nuovi Tempi", gehören zwischen 50 000 und 300 000 Mitglieder an. fest steht, daß die Basisgruppen sowie die "Christen für den Sozialismus" über insgesamt 10 000 Aktivisten verfügen.
"Wir haben den Marxismus als Instrument gewählt", erläutert Marcello Vigili vom Hauptquartier der "Christen für den Sozialismus", "weil er uns bei der Analyse der Wirklichkeit wie auch hei deren Veränderung hilft." Andere Linkskatholiken schwärmen, den "großen Kampf für die Befreiung des Menschen" müsse man "ohne ideologische Scheuklappen" führen, Seite an Seite mit den Kommunisten.
Im Gefolge der linkskatholischen Rebellen könnten bei den Neuwahlen weitere Hunderttausende katholischer Stammwähler von der DC abfallen.
Dabei war Politik gar nicht das ursprüngliche Motiv der Basisgemeinden gewesen. Sie hatten sich vielmehr zunächst als religiöse Erneuerungsbewegung verstanden. So wird in der "Comunità" San Paolo zu Rom, die eine ausrangierte Fabrikhalle als Kirche benützt, auf traditionelle, zum Teil jahrhundertealte Kirchenpraxis verzichtet. Die beiden dort tätigen Rebellen-Pfarrer (drei weitere wurden suspendiert) weigern sich, Trauungen amtlich zu verzeichnen, weil dafür nur das Standesamt zuständig sei. Sie spenden auch die Erstkommunion nicht mehr wie üblich im feierlichen Rahmen, weil "dies kein herausragendes Ereignis für den einzelnen ist".
Getauft und geheiratet wird in San Paolo grundsätzlich während der Sonntagsmesse' damit jeder sieht, wie sehr diese Sakramente der Gemeinschaft zugehören. Registriert wird nichts, denn Don Giovanni Battista Franzoni, Gründer dieser Gemeinschaft, betont: "Christentum braucht keine Dokumente."
Franzoni, prominentester unter Italiens kritischen Katholiken, war einst Abt des Benediktinerklosters bei der Basilika San Paolo fuori le mura. Vor zehn Jahren begann er, neue Formen der Messe und der Gemeindearbeit auszuprobieren. Der Gegensatz wurde ihm bewußt zwischen dem Rom der Kirche und dem Rom jener Menschen, die in öden, chaotischen Neubauvierteln am Stadtrand oder gar in Baracken leben.
Papst Paul VI. und die 300 köpfige italienische Bischofskonferenz sind über den Linksdrall der Dissens-Katholiken beunruhigt. Denn mit der Bewegung der Christo-Marxisten steht -- vor der Haustür des Vatikan -- die Macht der Kirche in Italien auf dem Spiel. Unermüdlich mahnen deshalb die Kirchenoberen, Christentum und Marxismus seien letztlich unvereinbar -- Erfolg hatten sie damit bislang nicht.
Etwa gleichzeitig mit Franzoni und mit dem suspendierten Florentiner Priester Don Mazzi, der das Evangelium als Soziallehre interpretierte, forderten andere junge Pfarrer der römischen Elendsviertel eine gerechtere Gesellschaft, drängten auf Systemveränderung.
Franzoni selbst warf in einem Hirtenbrief der Amtskirche vor, sie profitiere von der römischen Bauspekulation. Er trat als Abt von San Paolo zurück, inzwischen verdient er als Autor und Redner in linken Christenzirkeln seinen Lebensunterhalt.

DER SPIEGEL 22/1976
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