24.05.1976

Rechtfertigung von Gewalt

Die Bedeutung des Graphikers Klaus Staeck ist die seiner Resonanz, und darin hat er es weit gebracht. Welcher deutsche Künstler außer ihm käme auf 300 Ausstellungen im Jahr, wer sonst brächte ein so großes und gemischtes Publikum auf die Beine, hätte eine derart ausgiebige Presse?
Das alles ist für Staeck weniger schmeichelhaftes Echo als Bestandteil seiner Kunst. Die nämlich handelt immer auch von Kommunikations- und Vermittlungsfragen -- speziell also davon, wie eher kunstlose Plakate durch Betrachter und Nachrichtenmedien reflektiert werden. Prominenz des Autors kann da selbst Kunst-Mittel sein.
Aber immer deutlicher erfährt Staeck zugleich einen mißlichen Effekt seines Bekanntheitsgrads: Oft fällt, bei bloßer Namensnennung, die Scheuklappe statt des Groschens. Bei der politischen Rechten steht Staeck pauschal als "Hetzplakat-Graphiker" ("Rheinischer Merkur"), seine Arbeit als "politische Pornographie" (Richard Stücklen) angeschrieben, und weiter ist von seinen Produkten nicht die Rede.
Den vorläufigen Gipfel der Blind-Reaktion markierten CDU/CSU-Abgeordnete Ende März, als sie Staeck-Plakate hektisch von der Wand fetzten und mit Füßen traten. In der Bonner "Parlamentarischen Gesellschaft" war ein Saustall ohnegleichen angerichtet, und ein ausländischer Diplomat ahnte (laut "Newsweek"): "Als nächstes werden sie Bücher verbrennen."
Von dem schlechthin unentschuldbaren, strafwürdigen Treiben seiner Fraktionskollegen mochte sich Bonn-Abgänger Hermann Höcherl noch milde distanzieren. Doch meidet auch er, vom SPIEGEL um eine Besprechung der jüngsten Staeck-Publikation gebeten, jedes Eingehen auf die Gegenstände christdemokratischen Zorns (siehe Seite 202). Dabei wären schon einer oberflächlichen Betrachtung der Abbildungen mancherlei Gesichtspunkte und Argumente abzugewinnen, einschließlich solcher gegen Staeck.
Ein Plakat etwa, das in Bonn besondere Wut erregte, gibt ein Pressephoto aus dem zum KZ umfunktionierten Stadion von Santiago wieder, ergänzt durch das Wort des einstigen CDU-Generalsekretärs Bruno Heck, das Leben dort sei "bei sonnigem Wetter recht angenehm" und Staecks polemischer Folgerung: "Seit Chile wissen wir genauer, was die CDU von Demokratie hält." Der Vorwurf logischer Sprünge läge nahe: Weder Demokratie und angenehmes Leben noch Heck und CDU sind unter allen Umständen identisch.
Doch Fraktionsgeschäftsführer Philipp Jenninger, der für Photographen mit diesem Plakat wie mit einer Jagdtrophäe posierte, ließ sich auf nichts ein. "Politische Pornographie" -- basta! Und der mitrandalierende Carl Otto Lenz, Vorsitzender des Bundestags- Rechtsausschusses (sic), steuerte nur den goldenen Spruch bei: "Auf Eigentum kommt es hier nicht an."
Nachträglich brachte Lenz seine Erregung in einen schwer durchschaubaren Zusammenhang mit der Ehre seiner naziverfolgten Familie. Diese eigentümliche Familienehre, die es gebietet, Plakate abzureißen, erfordert es aber offenbar nicht, sich von dem unsäglichen Heck-Zitat zu distanzieren.
Was sonst noch unter die Parlamentarier-Hacken geriet, macht den Exzeß nur makabrer. Denn was eigentlich kann gegen Staecks bittere Feststellung eingewandt werden, 25 Jahre der proklamierten Menschenrechte seien zugleich 25 Jahre der Folter gewesen? Und welchen Grund hat wohl die CDU. dabei getroffen aufzuschreien? Das, bitte, soll doch rasch mal einer erklären, ehe er so außer sich gerät, daß er weder Eigentumsrecht noch Kunst- noch Meinungsfreiheit mehr kennt.
Die Praxis des Künstlers (und Rechtsanwalts) Klaus Staeck ist reich an Streitfällen von beklemmender Komik. "Holger, der Kampf geht weiter", zitierte Staeck etwa im Bildplakat eine Mauer-Inschrift zum Tod des Häftlings Meins; darunter ließ er, einmontiert, Franz Josef Strauß den Zusatz kleben: "bis zum Endsieg der CDU/CSU".
Die leicht faßliche Quintessenz -- Terror von links stärkt die Rechte -- konnte indes Niedersachsen-MdL Diedrich Osmers (CDU) nicht an der Behauptung hindern, Staeck "verherrliche" oder "verharmlose" Terroristen. Dagegen klagte der Künstler vergebens; das Landgericht Hannover hielt die Graphik für "auslegungsfähig".
Hingegen darf Staeck das unbestritten authentische Lenz-Zitat von der Unmaßgeblichkeit des Eigentums zur Zeit nicht auf Plakaten und Postkarten vertreiben, weil er dabei (laut einstweiliger Verfügung des Bonner Landgerichts) den "Gesamtkomplex" vernachlässige. Und ein Stuttgarter Landrichter verweigerte einem Untersuchungshäftling die Aushändigung eines Staeck-Plakats mit dem Entscheid, diese Graphik (Filbinger vor dem "Kreuz im Gebirge") beschimpfe die Religion. Man staunt kaum noch, den Slogan "Politpornographie" wie ein Präzedenzurteil herangezogen zu finden.
Erst die Häufung der Indizien gibt dem permanenten Fall Staeck sein Gewicht. Sie macht ihn zum Beispiel dafür, wie das Unbehagen an einer Person, die sich außerhalb des akzeptierten politischen Stellenplans aggressiv politisch artikuliert, in eine Kampagne und in den Versuch der Kriminalisierung mündet, ja selber kriminell wird.
Man braucht CDU/CSU-Politikern nicht einmal vorzuwerfen, daß sie sich weigern, Staeck als Künstler zu akzeptieren. Er selbst hält an diesem Aspekt seiner Arbeit, die ebenso intensiv wie mit Wahlkampf auch mit Umwelt- und Denkmalschutz befaßt ist, gewiß nicht nur taktisch fest: Der Irritationseffekt, mit dem er die Alltagsbildwelt etwa der Litfaßsäulen unterwandert, hat reichlich Anknüpfungspunkte in der aktuellen Kunst.
Wahr ist natürlich, daß Staeck seinen Gegnern nicht schmeichelt; kein Satiriker tut das. Doch noch das giftigste Plakat formuliert eine diskutable These, wenn nicht ein hartes Faktum. Carstens auf einem Rindvieh reitend, diese Montage ist kaum ein erhebender Anblick. Aber ist sie mehr als das sichtbare Äquivalent jener dümmlichen Carstens-Denunziation, Heinrich Böll habe "unter dem Pseudonym Katharina Blüm" eine "Rechtfertigung von Gewalt" unternommen?
Mit solchen Entlarvungen macht sich keiner beliebt, erst recht, wenn er sich selbst wenig gefallen läßt. Als Staeck Anfang 1975 einen Genscher-Ukas gegen Zuschüsse für eine Londoner Ausstellung mit Staeck als "Zensur" anprangerte, konnte er noch als beleidigende Leberwurst erscheinen. Doch heute muß Genscher jedem Anti-Staeck-Vorurteil als Kronzeuge dienen.
Auch Angriffe, bis zur Handgreiflichkeit, gehören zur Resonanz des Staeckschen Werkes. Oft genug weist die Deformation blamabel auf den Angreifer zurück -- sehr komisch als unkenntlich gemachter "Amtsarsch" (in der Spanien-Auflage des SPIEGEL) oder als "Beauftragter für das Gesinnungswesen", der infolge Behörden-Einspruch kein "Landesbeauftragter" sein durfte. Die Plakatfetzen aus der Parlamentarischen Gesellschaft sind schon nicht mehr komisch.
Staeck hat keinen Anspruch auf Wertschätzung oder Liebe, sondern auf ein Minimum an Fairneß, zumindest auf Wahrung der Gesetze. Noch ist keine seiner Graphiken je rechtskräftig verboten worden. Das könnte sich ändern, aber der gegenwärtige Trend zeigt noch einen anderen Weg.
Fünf Tage nach dem Zwischenfall von Bonn flog ein Ziegelstein in Staecks Heidelberger Atelier. Die Abgeordneten Lenz und Jenninger dürfen behaupten, sie hätten mitgeworfen.
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 22/1976
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