17.05.1976

TERRORISTENHerr mit Trauerflor

Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf hat der Prozeß gegen vier Terroristen begonnen, die am 24. April 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm überfallen und zwei Geiseln getötet haben.
Zwanzig Minuten vor zwölf Uhr mittags betraten zwei junge Männer die Konsularabteilung der deutschen Botschaft in Stockholm. Ihr Wunsch: Ersatz für einen verlorenen Paß.
Ein paar Minuten später kamen zwei weitere junge Männer, beriefen sich auf den Asta der Universität Stockholm und begehrten Studienauskünfte.
Kurz danach betrat eine junge Dame das exterritoriale Gebäude, begleitet von einem Herrn mit Trauerflor im Revers: Sie wollten wegen einer Erbschaftssache zur Rechtsabteilung.
Plötzlich rannte die Frau zurück und ließ die mutmaßlichen Studenten durch eine nur von innen zu öffnende Tür ins Treppenhaus. Als der Grenzschutzbeamte Bernd Kaul, verantwortlich für den Haus- und Ordnungsdienst, der Gruppe nachlief, schlug einer der Besucher seinen Mantel zurück und zielte aus der Hüfte mit einer Maschinenpistole auf ihn.
Kaul sprang zurück und schrie dem Pförtner Walter Jarosch zu: "Gib sofort Alarm, die sind bewaffnet!" Um 11.48 Uhr wurde der Alarm ausgelöst -- zu spät: Zwölf Stunden währte das Geiseldrama, das die sechs Eindringlinge inszeniert hatten, um 26 Häftlinge der Baader-Meinhof-Gruppe aus deutschen Strafanstalten zu befreien.
Blutige Bilanz der Aktion, von der sich die Bundesregierung nicht erpressen ließ: zwei deutsche Diplomaten ermordet, zwei Terroristen durch ihre eigenen Sprengsätze getötet.
Was in den zwölf Stunden des 24. April 1975 geschah, wird seit Donnerstag letzter Woche vor Gericht aufgerollt. Vor dem Vierten Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf unter dem Vorsitzenden Richter Hermann Josef Müller, der auch den Guillaume-Prozeß geleitet hatte, müssen sich die vier überlebenden Terroristen wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes, Geiselnahme und Nötigung der Bundesregierung verantworten:
* der Student Lutz Manfred Taufer, 32, Sohn wohlhabender Eltern mit Eigenheim in Karlsruhe, geringfügig vorbestraft, weil er einen Prozeß gegen das anarchistische "Sozialistische Patientenkollektiv" (SPK) in Heidelberg gestört hatte
* der berufslose Karl-Heinz Dellwo, 24, Sohn eines pazifistischen Altkommunisten in Opladen, Kriegsdienstverweigerer und Hausbesetzer, vorbestraft wegen Haus- und Landfriedensbruch, Widerstands und gefährlicher Körperverletzung;
* der Reprophotograph Bernhard Maria Rößner, 29, Sohn eines gutsituierten Verwaltungsangestellten in München, Indienreisender und Gelegenheitsarbeiter, Haschbesitzer und Hausbesetzer in Hamburg;
* die Studentin Hanna Elise Krabbe, 30, Fabrikantentochter aus Bentheim, Romanistik-Studentin in Tübingen, Berlin und Heidelberg, die beim SPK ihren späteren Freund Taufer kennengelernt hatte.
Gleich nach Beginn der Verhandlung begründete Rößners Verteidiger Hans-Christian Ströbele seinen -- vom Gericht dann akzeptierten -- Antrag, die vier Angeklagten in den Verhandlungspausen miteinander sprechen zu lassen, "um eine gemeinsame Verteidigung zu gestalten". Bisher durften sie sich, stets scharf beobachtet, nur zu je zweien und wenige Male in der Haftanstalt Köln-Ossendorf sprechen.
Zwei Mittäter fehlen auf der Anklagebank im Düsseldorfer "Lippehaus", einer für drei Millionen Mark in eine Festung umgebauten ehemaligen Polizeikaserne: Siegfried Hausner und Ulrich Wessel.
Hausner, der sich früh dem SPK angeschlossen hatte und als dessen Sprengstoffexperte 1972 zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt worden war, wurde bei den Explosionen und dem Brand in der Botschaft so schwer verletzt, daß er am 4. Mai im Gefängnis starb.
Der 29jährige Hamburger Millionärssohn Wessel war seinen Verletzungen schon knapp zwei Stunden nach dem Ende des Anschlags auf der Intensivstation einer Stockholmer Klinik erlegen. Auch er war zum SPK und später zur "Roten Hilfe" gestoßen -- immer hilfsbereit, unauffällig und ohne Vorstrafe.
Die Aussagen von 26 Zeugen allein zur Person der Angeklagten -- Eltern und ehemalige Kollegen, Freunde von früher, Lehrer und Lehrherrn -- sollen dem Gericht zur Erkenntnis darüber verhelfen, aus welchen Motiven die vier Bürgersprößlinge zu Todfeinden von Recht und Regierung wurden.
Ihr Lebensinhalt waren verworrene Proteste und Parolen, Angriffe gegen den Staat und seine Ordnung, gegen Gesellschaft und Gesetze. Und schließlich glaubten sie, wie die Anklage vermerkt, "in Anmaßung der Überlegenheit ihrer politischen Vorstellungen sich zu Herren über Leben und Tod aufwerfen zu können."
Doch auch die Fülle von Beweismitteln über ein Tatgeschehen, das sich sozusagen unter Observation durch die geballte Staatsgewalt vollzog, kann über einzelne Mängel des Ermittlungsergebnisses nicht hinwegtäuschen und offenbart zugleich die anfangs verhängnisvolle Fehleinschätzung der Situation durch die schwedische Polizei.
Sie hatte die Entschlossenheit und die kriminelle Energie der Täter zu Beginn der Aktion ebenso unterschätzt wie die Ernsthaftigkeit ihrer Drohungen und sich deshalb nicht -- wie von den Terroristen mindestens sechsmal gefordert -- aus dem Untergeschoß des Botschaftsgebäudes zurückgezogen. Erst als die Täter ihre Drohung wahrmachten und den Militärattaché von Mirbach erschossen, änderte die Polizei ihre Taktik und zog sich aus dem Gebäude zurück.
Keiner der männlichen Terroristen konnte bislang als Täter für bestimmte einzelne Tathandlungen identifiziert werden. So wissen die Ermittler auch nicht, wer es war, der von Mirbach und den Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart erschoß. Die Düsseldorfer Aufklärer wollen sich bei dieser Beweislage mit der Theorie vom zuvor gemeinsam gefaßten Gesamtvorsatz aller Täter behelfen, von dem sämtliche einzelnen Tathandlungen mitumfaßt gewesen seien.
Planung und Ablauf des Stockholmer Dramas belegen auch die Mängel bei der Sicherung öffentlicher Gebäude gegen Überfälle durch Terroristen. Noch am 23. April, einen Tag vor dem Anschlag, hatte Botschafter Dietrich Stoecker, 59, nach Bonn gemeldet, "daß in Zusammenarbeit mit den schwedischen Behörden das Sicherheitsrisiko wesentlich weiter reduziert wurde". Schon im Februar hatte das Auswärtige Amt allen Missionen "dringend" empfohlen, während des Baader-Meinhof-Prozesses den Gebäude- und Personenschutz zu verstärken.
Doch die sechs Terroristen waren offensichtlich besser vorbereitet. Sie hatten präzise Ortskenntnisse und nahmen beispielsweise dem Amtsboten Kasper Schmidt sofort den allein passenden Schlüssel für ein stählernes Gittertor ab, das den ersten Stock -- mit Publikumsverkehr -- von den übrigen Botschaftsbüros trennt.
Auf die mit Warnschüssen in Türen und Wände unterstrichenen Rufe "Kommt heraus, ihr Schweine" oder "Mach auf, du Schwein, der nächste Schuß sitzt", mußten sich dreizehn Sekretärinnen, Beamte und Diplomaten im Arbeitszimmer des Botschafters bäuchlings auf den Boden legen, die Hände im Nacken gefaltet.
Die sechs Gewalttäter trugen zu diesem Zeitpunkt Kopfmasken mit Augen- und Mundschlitzen, dazu Handschuhe zur Erschwerung der Spurensicherung. Einer der Maskierten diktierte einer Botschaftssekretärin die Forderung an die deutsche und schwedische Regierung, "26 politische Gefangene in der Bundesrepublik Deutschland zu befreien". Sie sollten innerhalb von sechs Stunden auf dem Frankfurter Flughafen zusammengeführt und mit je 20 000 Dollar versehen ausgeflogen, das Reiseziel erst während des Flugs mitgeteilt werden.
Später knallten fünf Schüsse, dann wurde ein Körper die Treppe herabgeworfen: von Mirbach, in Kopf, Arm und Beine getroffen, blutend, aber noch lebend -- erst nach einer Dreiviertelstunde durfte er geborgen werden. Der Attaché starb noch am selben Tag.
In Bonn tagte der große Krisenstab, Bundeskanzler Helmut Schmidt telephonierte mit Ministerpräsident Olof Palme, Innenminister Maihofer schickte Experten des Bundeskriminalamts nach Stockholm. Schließlich wurde die Forderung der Botschaftsbesetzer abgelehnt. Um 22.20 Uhr wurde der Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart hinterrücks erschossen -- jede volle Stunde danach sollte eine weitere Geisel getötet werden.
Inzwischen hatten die Terroristen Sprengsätze und Kabel montiert, und um 23.44 Uhr gingen die Sprengladungen hoch -- wahrscheinlich zu früh und versehentlich gezündet. Handgranaten und Munition detonierten, Akten und Möbel brannten, Fensterscheiben zerbarsten. Die Geiseln, darunter der Botschafter, entkamen ins Freie -- zerschunden und verletzt.
Vier Terroristen wurden festgenommen, als sie aus dem brennenden Haus fliehen wollten, Hausner und Wessel blieben bewußtlos liegen. Zwei Stunden später waren fünf der sechs bislang Unbekannten identifiziert -- nur Ulrich Wessel nicht, der war im Wiesbadener BKA-Computer nicht eingespeichert.

DER SPIEGEL 20/1976
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