17.05.1976

„Ich bete zu Gott, daß ich das Richtige tue“

Seine Stimme, singend, schwingend, ist gedämpft, Phonzahl im unteren Bereich, zuweilen eher ein Flüstern. Er spricht relativ schnell, hält aber immer wieder, für ein, zwei Sekunden nur, mitten in Gedanken oder im Satz inne -- und verbreitet damit ein Gefühl von Spontaneität. So, als sei ihm das, was er da sagt, gerade erst eingefallen, obwohl er's in diesem Wahlkampf bestimmt schon an die hundert Mal gesagt hat: "Wenn ich euch jemals belüge" -- zwei Sekunden Pause -- "oder euch jemals irreführe" -- zwei Sekunden Pause -, "dann stimmt bitte nicht für mich!"
Die Augen, stahlblau, bleiben dabei kalt. Engagement wird kaum sichtbar. Für James Earl ("Jimmy") Carter jr., den ersten Präsidentschaftskandidaten der USA seit George Washington, der von sich sagt, er könne niemals lügen -- und das möglicherweise sogar glaubt --, gehört dieses Bekenntnis ebenso zum Image wie das offene, breite Lachen, wie die Legende vom armen Erdnußfarmer, der in sommerlicher Hitze das Feld beackert (was längst Bruder Billy, 39, besorgt), wie die ungebrochene Selbstsicherheit, die sich vor Monaten schon zeigte, als er das Wörtchen "if" aus seinem Sprachschatz verbannte -- wie Gerald Ford die leidige "Détente".
Denn "if" heißt sofern -- und für Jimmy Carter gibt es kein "sofern", was er sich vorgenommen hat, erreicht er auch. Also begann er bereits um die Jahreswende 1975/76, als er nach dem Bekanntheitsgrad fast am Ende aller möglichen und unmöglichen Präsidentschaftskandidaten rangierte, so manche Rede mit dem Satz: "Sobald (when) ich zum Präsidenten gewählt worden bin ...", und alle lachten -- damals.
Heute lacht vor allem Jimmy Carter: Er hat inzwischen zumindest einen Fuß in die Tür des Weißen Hauses gesetzt -- mühelos scheinbar, souverän, so als sei es die natürlichste Sache der Welt.
Denn von Selbstkritik, von Zweifeln an seiner Auserwähltheit ist dieser Mini-Savonarola aus dem amerikanischen Süden noch nie befallen gewesen -- auf jeden Fall dann nicht, wenn es um seine politische Karriere ging.
1970, als er Gouverneur von Georgia werden wollte, hofierte er unverhohlen die Rechtesten der Rechten, appellierte er durchaus auch mal an die rassistischen Instinkte der weißen Südstaatler, diffamierte er seinen liberalen Gegner, wie es Richard Nixon kaum besser gekonnt hätte "Sie werden meinen Wahlkampf nicht mögen", beschwichtigte er einen Schwarzen, "aber Sie werden stolz auf mich als Gouverneur sein."
Tatsächlich verkündete er dann zum Entsetzen seiner weißen Wähler in seiner Antrittsrede als Gouverneur: "Die Zeit der Rassendiskriminierung ist vorbei." Er holte Farbige in seine Administration, nicht nur Vorzeig-Neger, und hängte am Ende sogar in das bis dahin schneeweiße Capitol seiner Hauptstadt Atlanta ein Porträt des ermordeten Negerführers Martin Luther King. Ein gemischter Chor sang das Kampflied der Bürgerrechtler: "We Shall Overcome."
Das allerdings geschah erst 1974 -- als Jimmy Carter längst beschlossen hatte, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Und so recht mag deshalb heute niemand ausschließen, daß Carters Verbeugung vor dem schwarzen Märtyrer politischer Berechnung entsprang -- ein erster Blick auf die farbigen Wähler im Jahre 1976.
Der glatte Opportunismus aber offenbart zugleich sicheren Instinkt für das, was Amerika im Augenblick möchte, wonach es verlangt: nach dem Antibild des von Parteimaschinen und Regierungsapparaten gemachten Politikers, der erfahrungsgemäß korrupt, feige, hochmütig ist und so über die Bedürfnisse des einfachen Amerikaners hinwegregiert. Dieses Antibild ist der bodenständige, disziplinierte, ehrliche Provinzpolitiker Jimmy Carter, und er spielte seine Rolle so gut, daß sein Aufstieg unaufhaltsam schien -- er kommt an, obschon er es manchmal nicht dürfte.
Er kommt an, wenn er sich schuftend auf heimatlicher Scholle abbilden läßt -- auch wenn er dort seit Jahren nicht mehr Hand angelegt hat.
Er kommt an, wenn er junge Amerikaner auffordert, ihm in sein Heimatdorf Plains zu schreiben, und verspricht: "Ich öffne jeden Brief selbst, ich lese die gesamte Post" -- auch wenn in Wirklichkeit jede Zuschrift sofort ins Hauptquartier nach Atlanta weitergeleitet wird.
Er kommt an, wenn er, arrogant beinahe schon, öffentlich auf die Unterstützung durch die Führer der Demokratischen Partei und den Parteiapparat pfeift -- auch wenn er zur selben Zeit am Telephon hängt und die Unterstützung eben dieser Parteibosse sucht.
Als er im Dezember 1974 seine Kandidatur für die Präsidentschaft bekanntgab, mokierte sich die örtliche "Atlanta Constitution": "Wofür kandidiert Jimmy Carter?" und seine Mutter, heute 78, fragte ihn entsetzt: "Präsident wovon?"
Zu jenem Zeitpunkt hatte der Jimmy schon über zwei Jahre lang Wahlkampf geführt, ohne daß es jemandem aufgefallen war. Im Sommer 1972 bereits war er überzeugt, daß er besser sei als die Humphreys, Muskies, McGoverns, die damals um die Nominierung kämpften: "Je öfter ich mit diesen Leuten sprach, desto sicherer war ich, daß ich einen besseren Präsidenten abgeben würde als sie."
Als der unglückliche George McGovern am 7. November 1972 von Richard Nixon hinweggefegt wurde, arbeitete sich Jimmy Carter bereits durch die ersten Kapitel eines etwa 70 Seiten starken Memorandums, das sein Vertrauter Hamilton Jordan (heute, mit 31, sein Wahlkampfleiter) verfaßt hatte und dessen Titel durchaus hätte lauten können: "Wie man Jimmy Carter verkauft".
Jimmy, der unbekannte Lokalpolitiker, so verordnete das Drehbuch, mußte fortan neben den Lokalzeitungen täglich auch die "New York Times", die "Washington Post" und das "Wall Street Journal" lesen und auch Buchautor werden -- Titel der in einem religiösen Verlag erschienenen Autobiographie: "Why not the best?".
Täglich bis zu 18 Stunden lang bearbeitete der Kandidat Carter Amerika, so als sei es Georgia, wo er 1970 mechanisch an die 600 000 Hände geschüttelt hatte, darunter auch die einer Kleiderpuppe in einem Warenhaus.
"Die meisten Männer, die das höchste Staatsamt anstreben", so gab ihm eine Ergänzung des Drehbuchs mit auf den Weg, "sind so von ihrem Ehrgeiz zerfressen, daß sie alles tun, um gewählt zu werden. Sie müssen versuchen, sich von diesem ... Klischee abzusetzen ... und sich als integre Persönlichkeit präsentieren."
Vor allem aber präsentierte er sich als Sonntagsprediger, der sehr wohl erkannte, daß die Kirchen unverändert ein Mittelpunkt des Landes sind. Nicht Programme gelten in dieser heilen Welt, sondern Persönlichkeiten. Er sei mit sich, erzählte Carter, mit seinem Leben, mit Gott im reinen, "ich bete nicht zu Gott, daß ich eine Wahl gewinne, ich bete zu Gott, daß ich das Richtige tue."
Carters Frömmelei war zuweilen so penetrant, daß es sogar Mutter Lillian zuviel wurde: "Ich hab' ihm gesagt, er soll mit diesem Unsinn aufhören, von wegen, daß er niemals lügt und daß er ein Christ ist und daß er heute seine Frau mehr liebt als an dem Tag, an dem er sie kennenlernte. Es gibt ein paar Dinge, mit denen muß man nicht hausieren gehen."
Seitdem berief sich Carter zwar nicht mehr täglich auf den lieben Gott, versprach aber ungebrochen eine Carter-Regierung "so aufrichtig, so ehrlich, so wahrheitsliebend, so fair, so voller Mitgefühl und so voller Liebe, wie unsere Menschen sind".
Und Amerika honorierte es ihm. Wo immer seine Gegner auftraten, die unverändert mit aufgewärmten Parolen der Vergangenheit durchs Land zogen, war er -- ein wenig Igel bei all den Hasen -- stets schon da, der selbsternannte "Kandidat des Volkes", stets freundlich, niemals laut, ein wahrer "Gentleman Jim".
Seine Stimme blieb auch dann noch gedämpft, als plötzlich, im Carter-Drehbuch nicht vorgesehen, dann doch noch Konkurrenz auftrat, die smart genug war, Jimmy Carter mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen -- Jerry Brown vor allem, der junge, populäre Gouverneur aus Kalifornien. "Er ist kein Kandidat des Volkes, sondern der politischen Bosse", zischte Carter.
Es war, als hätte eine Bö den kunstvoll gewobenen Image-Schleier hinfortgerissen und für einen Augenblick den wahren Jimmy Carter enthüllt, der dann auch nicht viel anders ist als die anderen, zerfressen ebenfalls vom Ehrgeiz, nur eben disziplinierter.
"Er ist absolut egozentrisch", hatte vor Jahren schon ein Politiker aus Georgia geurteilt. "Wer nicht für ihn ist, dem dreht er den Hals um."

DER SPIEGEL 20/1976
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