12.04.1976

PROZESSEKleiner Mythos

Deutsche Provinz, wie sie keiner kennt: Ein des dreifachen Mordes Beschuldigter kommt auf freien Fuß, und die Bevölkerung applaudiert.
Die Sache war grausig und für die Staatsanwaltschaft klar. "Aus Mordlust" und auch aus "sonst niedrigen Beweggründen" sollte Günter Justus, 44, drei Kinder im Alter zwischen acht und zehn Jahren umgebracht haben. Das Klischee vom Kindermörder schien paßgerecht.
Der unheimliche "Waldmensch von Pirmasens", wie ihn die "Frankfurter Rundschau" einmal nannte, war schon 1954 von Psychiatern als schizophren bezeichnet worden, seine Schuldunfähigkeit zur Tatzeit stand schon vor Prozeßbeginn fest -- ein gefährlicher Irrer also, der seit fünfzehn Jahren abseits der Zivilisation im Dickicht des Pfälzer Waldes über Nietzsches Maxime meditierte, der Mensch müsse "besser und böser" werden?
Zum Bild des Irren paßte auch, was Gutachter und Kripo über den bärtigen Außenseiter ermittelt hatten, der nur dann und wann barfuß und mit wilder Mähne in Pirmasens aufgetaucht war und als "einziger Hippie" ("Pirmasenser Zeitung") bei den biederen Bürgern des Pfalzstädtchens Aufsehen erregt hatte: Justus leide, so stellte Medizinalrat Hans Ulrich Gläsel fest, an einer "gestörten sexuellen Entwicklung", die sich in einem "erotischen Verhältnis zu Kindern" äußere, habe aber "sexuellen Handlungen sogar entgegengewirkt". Der verwirrte Waldmensch, der oft mit den verschwundenen Kindern zusammen gewesen sei, habe -- die Pirmasenser Polizei ließ Schauriges durchblicken -- die Kindesleichen zerstückeln und begraben können, ohne Spuren zu hinterlassen.
Doch seit Freitag vorletzter Woche ist Justus, der Außenseiter, wieder frei; Morde an den drei Kindern Walter Broschat, 9, Klaus-Dieter Stark, 8, und Eveline Lübbert, 10, konnten ihm nicht nachgewiesen werden. Und als Richter Adolf Schnarr zum Ende des Sicherungsverfahrens, bei dem es -- anders als in einem Schwurgerichtsprozeß -- allein um die Einweisung in eine Heilanstalt ging, Günter Justus wieder freiließ, gab es vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Zweibrücken Beifall für den vordem Verdächtigten; nicht der Staatsanwalt bekam Rosen, sondern Justus einen Frühlingsstrauß.
Wo Verdächtigen sonst Haß und Lynchgelüste entgegenschlagen, etwa in Arnsberg dem wegen vierfachen Mordes angeklagten Pietro Schembri (SPIEGEL 15/1976), war seltsamerweise Sympathie und Solidarität zu spüren. "Wir hatten", staunte Justus-Anwalt Gottfried Malchus über die Woge des Wohlwollens, "das Volk auf unserer Seite."
Denn Pirmasenser Bürger schilderten den Beschuldigten, von dem die Kripo noch zu Prozeßbeginn ein "absolut stimmiges kriminologes Bild" gezeichnet hatte, vor Gericht als sanften Kinderfreund. Nach Abitur und abgebrochenem Philosophie- und Psychologie-Studium hatte der ausgescherte Juwelierssohn zwar in Höhlen und unter Plastikplanen im Pfälzer Wald gehaust, aber gleichwohl in dieser selbstgewählten Einöde Kindern bei Schulaufgaben geholfen und ihnen in Teichen das Schwimmen beigebracht.
Sexuelle Verfehlungen, in den polizeilichen Ermittlungsakten noch behauptet, mochte im Prozeß niemand mehr bestätigen; zuvor klare Erinnerungen verblaßten im Prozeß. Kinder applaudierten dem plötzlich wieder als harmlos geltenden Pirmasenser Original im Gerichtssaal, und ein Justus-Sympathisant forderte Rechtsanwalt Malchus auf: "Retten Sie diesen armen Mann vor dem karrieresüchtigen Kriminalbeamten."
Der so gemeinte und geschmähte Polizist, Kriminalrat Ernst Fischer, hatte in einjähriger Fleißarbeit versucht, das Verschwinden der drei Kinder aufzuklären, und dabei Akten aus den Jahren 1960 und 1967 aufgearbeitet und neue Recherchen angestellt. Nach einem bei Geheimdiensten üblichen "Check-out-Verfahren", das Fischer auch bei der Aufklärung eines Doppelmordes in Mainz dienlich gewesen war, hatte der Kriminalist den möglichen Täterkreis so weit eingegrenzt, daß Justus der einzige war, der als Täter in Frage zu kommen schien.
Doch offensichtlich hatten der Kripo-Beamte wie die Staatsanwaltschaft die Check-out-Methode überstrapaziert. Denn das Verfahren ist zwar geeignet, Personen ausfindig zu machen, für die bestimmte, vorgegebene Tätermerkmale zutreffen; in Pirmasens kam als Täter beispielsweise nur ein Mann in Frage, der leicht das Vertrauen von Kindern gewinnen konnte und freitags stets Zeit hatte. Doch justitiabel beweisen läßt sich mit dem Suchsystem nichts. Richter Schnarr: "Es ist lediglich eine Methode, den Täterkreis einzuengen."
So fügte sich denn auch beim Zweibrücker Prozeß ohne Leichen, Spuren und Tatzeugen das verletzte Rechtsempfinden mancher Bürger mit der stadtbekannten oder unterstellten Harmlosigkeit des Kinderfreundes zu einer ungeahnten Sympathiewelle. Aber der wahre Ursprung des Wohlwollens für den Mann aus dem Wald liegt, so ließ der Prozeß erkennen, womöglich noch tiefer.
Hinter der erstaunlichen Sympathie für den des dreifachen Mordes verdächtigten Sonderling, der sich oft nur von Beeren und Wurzeln ernährte, verbirgt sich womöglich, so meint jedenfalls der Marburger Kriminologie-Professor Erich Hupe, "das Gefühl, daß man selber ausflippen möchte" -- "Bewunderung für die geheimnisvolle Kraft, mit der Justus aus den unkontrollierbaren Bindungen einer maroden Gesellschaft ausgebrochen ist". Und Medizinalrat Gläsel, der Justus in der Pfälzischen Nervenklinik Landeck begutachtet hatte, erkannte bei dem Einzelgänger einen "kleinen Mythos, der die Leute irgendwie beeindruckt".
Auch die Fahnder. Staatsanwalt Norbert Dexheimer zeigte sich fasziniert von "einem unheimlichen Fluidum, einer erstaunlichen Aura". Und als selbst Kriminalrat Fischer vor Gericht bekundete, Justus sei "durch die Stadt gegangen wie ein Heiliger", ging ein Raunen durch den großen Sitzungssaal des Landgerichts Zweibrücken. "Da ist", formuliert Kriminologe Hupe das Phänomen, "für die deutschen Seelen aus dem Waldmenschen ein Waldheiliger geworden."

DER SPIEGEL 16/1976
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