31.05.1976

Schule: „Es gibt keine fröhliche Jugend mehr“

Nervös oder aggressiv, verzweifelt bis zum Selbstmord -- Schulkinder. Aber ist es wirklich die Schule, die Kinder krank macht? Woran liegt es, daß trotz aller Bildungsbemühungen die Klassenzimmer häufig Krankenzimmern gleichen? Der SPIEGEL untersucht das Phänomen Schulangst -- Beginn einer losen Folge von Beiträgen, in denen während der Vorwahl-Monate über Stand und Schicksal von Reformen berichtet werden soll.
Nach zwei mißratenen Mathematikarbeiten vergiftete sich der Freund seines ältesten Sohnes, Unterprimaner auf dem Ellental-Gymnasium im schwäbischen Bietigheim. Seither reist der Theologie-Professor Walter Leibrecht über Stadt und Land und predigt wider die "Fabriken des Versagens" -- die Schulen der Bundesrepublik.
650 Väter und Mütter hörten ihm im Münchner Bürgerbräukeller zu und formierten sich prompt zu einer Bürgerinitiative: "Wir lassen uns unsere Kinder von der Schule nicht kaputtmachen." 700 Eltern kamen in Esslingen, Hunderte waren es immer, in Aachen oder Münster, wenn der "Abraham a Santa Clara unseres Schulsystems" auftrat -- so das Spottwort eines Stuttgarter Kultusbeamten.
Leibrecht ist kein einsamer Rufer. Kritik am System, dem gegenwärtig zwölf Millionen junge Bundesbürger unterworfen sind, läßt sich überall hören. "Schreckliche Dinge geschehen dort mit unseren Kindern", sagt etwa der Münchner Medizinprofessor und Kinderarzt Theodor Hellbrügge. "Eine Situation, die man nicht anders als grotesk nennen kann", notierte die "Frankfurter Allgemeine". Schrecklich genug schon, wenn Eltern berichten: "Anke stürzte ins Wohnzimmer, ein Weinkrampf schüttelte sie, sie schrie: "Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr"" (Mutter aus Duisburg). Oder: "Meine Tochter besucht die 7. Klasse des Gymnasiums, hat undefinierbare Leib- und Magenschmerzen" schläft nur mit Mühe ein und wacht morgens um fünf wieder auf" (Mutter aus Fürstenried). Oder: "Unser vierzehnjähriger Sohn steht in der Realschule nicht besonders gut. Der hat auf einmal wieder angefangen, nachts ins Bett zu machen" (Vater aus Hamburg).
Doch da gibt es Schlimmeres. Die Rate der Kinder, die vor der Schule in den Tod fliehen, steigt stetig. Es sinkt das Alter der Schüler, "die meinen, ihre Tagesanforderungen nicht mehr erfüllen zu können, und daher sterben wollen, von der Pubertätszeit auf frühere Jahre" -- so die Münchner Evangelische Erziehungsberatungsstelle in ihrem Jahresbericht.
"Kindertyp von heute: sorgenvoll, blaß, geduckt".
Regelrecht "managerkrank" sind nach Erkenntnissen der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsvorsorge schon Siebenjährige. Ganz neue Krankheiten registrieren die Ärzte -- etwa das "Schulerbrechen". Abertausende von Zappelphilipps, lauter Nervenbündel, machen in westdeutschen Klassenzimmern Mitschüler und Lehrer nervös.
Druck entlädt sich auf mannigfache Weise: in blutiger Gewalt gegenüber anderen Kindern oder durch sinnlose Zerstörung von Unterrichtsgerät. Erlösung wird auf Wegen gesucht, auf die dazumal nur ältere Jahrgänge gerieten: in Drogen oder im Alkohol.
"Medikamentöse Hilfen", Beruhigungsmittel und sogenannte Beta-Blocker, wurden bei einem Symposium im Westfälischen Landeskrankenhaus in der Haard gegen den Horror im Klassenzimmer empfohlen. Denn "diese Schulangst", befand der Oberarzt und Studiendirektor Johannes Meinhardt, "ist zu einer echten Krankheit geworden".
Und in dem leidvollen Bereich zwischen Tränen und Todessehnsucht sieht der hannoversche Kinderarzt Kurt Nitsch ganz allgemein den "Kindertyp von heute: sorgenvoll, blaß, geduckt. ängstlich". Sozialtherapeuten sprechen von der "depressiven Generation": "Es gibt keine fröhliche Jugend mehr."
Frage, wem das anzukreiden ist. Ist es die Schule, die Kinder krank macht? Oder kommen schon Kranke in eine Schule, die ihnen dann den Rest gibt?
Unstrittig scheinen nur die Symptome. Und kaum mehr ein privater oder politischer Bereich, in dem das Übel nicht vorgezeigt und beklagt wird. Treffen sich heutzutage Erwachsene mittleren Alters, wird daraus fast immer eine Elternversammlung: Jeder hat was zu jammern. Und daß bei der Schulpolitik "das Kind vergessen" wurde, wirft in allen Parlamenten die jeweilige Opposition den gerade Regierenden vor.
"Der Druck auf die Schüler begann mit der SPD/FDP-Schulpolitik"" sagt die CDU in Nordrhein-Westfalen. In Bayern meinen ähnliches die Genossen: "Die Staatsregierung hat sich der überlasteten Kinder zuwenig angenommen."
Überlastung, Leistungsdruck -- gehören nicht Prüfungen und Klassenarbeiten, Noten und Zeugnisse zur Schule seit je? Zwar, da sind Numerus clausus und Jugendarbeitslosigkeit, tobt Kampf um Notenzehntel und Abschlüsse. Doch waren die Lehranstalten darauf nicht vortrefflich gerüstet? 300 Milliarden Mark haben die Steuerzahler für den Bildungsbereich in den letzten zehn Jahren aufgebracht, 1975 viermal soviel wie 1965.
Ein Heer von Gestörten und Gemütskranken -- ist dies das Ergebnis der Schulreformen, die doch Bildung für alle und allen leichter Bildung bringen sollte? Damals, in den Mittsechzigern, schafften aus den überfüllten Volksschulklassen nur 20 Prozent der Schüler den Übergang ins Gymnasium. Arbeiterkinder hatten bei der höheren Bildung kaum Chancen, und Mädchen waren unterrepräsentiert. Begabte Realschüler konnten nur mit einer Sondergenehmigung am Gymnasium weiterlernen. Wer einmal an der Oberschule gescheitert war, dem blieb die Universität für immer versperrt.
Damals hatte sie bei fast allen verspielt, die überkommene Paukerei. Schule war, bis in die letzten Klassen. Drill und Dressur. Längst von den Zeitläufen überrollt schienen ihre Bildungsideale, und wie und welches Wissen weitergegeben wurde, machten die Kritiker gern am typischen Sexta-Diktat deutlich: "Quecken wachsen an Quellen, in denen quicklebendige Kaulquappen quirlen."
Viel vom Wissensmuff lüfteten dann die Reformer aus. Doch zugleich setzten sie die Schule einem beispiellosen Wechselbad von Veränderungen aus. Die Volksschule wurde zerschlagen, in Grund- und Hauptschule; Aufnahmeprüfungen für die weiterführenden Bildungsstätten wurden der Chancengleichheit wegen teils abgeschafft, teils eingeschränkt. Und an die Stelle autoritärer Lehrplan-Order trat der Jargon der Wissenschaftlichkeit.
"Schule ist für immer mehr Schüler immer schwieriger geworden."
Emanzipation, Innovation, Kommunikation, Motivation, Curriculum -- der Kontakt zwischen jenen Eltern, deren Kinder für bessere Bildung gewonnen werden sollten, und der Schule wurde oft geradezu mutwillig zerstört. Der Wildwuchs an Neuerungen und Experimenten stiftete Verwirrung auf allen Seiten. Und nun, in einem Wahljahr, da Reformen aufgerechnet werden, scheint die Reformierung des westdeutschen Schulwesens nicht nur mißglückt zu sein: Alles deutet darauf hin, daß es den Kindern, denen doch eigentlich geholfen werden sollte, schlechter geht denn zuvor.
Bei der Fahndung nach den Ursachen des Debakels bezichtigen sich die Beteiligten reihum. Stoffülle, Prüfungsangst, Konkurrenzprinzip -- da liegen die Krankheitskeime für jene, die sich fortschrittlich fühlen. Entbehrliche Beschäftigung mit Konflikten, falsch verstandener Selbst- und Mitbestimmungsanspruch, permanente Reform -- darauf zeigen die, denen solcher Fortschritt nicht geheuer ist.
In Elternversammlungen herrscht Klarheit, daß es die Kultuspolitik der Länder ist, die den Kindern zuviel und unnützes Wissen aufpfropft, sie einfach überfordert. Unter Pädagogen ist kein Zweifel, daß es letztlich der Ehrgeiz, das Karrieredenken der Eltern ist, was viele Schüler in Panik versetzt.
Irgendwie recht haben sie womöglich alle. Etliches spricht dafür, daß keineswegs nur die Schule jene Störungen besorgt, die Mediziner und Psychologen an bundesdeutschen Kindern entdecken; ihren Anteil daran aber hat sie gewiß. "Kinder kommen heute in die Schule", so sagt einerseits der Bielefelder Pädagogik-Professor Hartmut von Hentig, "mit einer durch ihre voraufgehende Erfahrung und durch ihre Umwelt erschreckend unterentwickelten Fähigkeit zur Sozialität; ihr Bedürfnis nach Geborgenheit, Zugehörigkeit, Verläßlichkeit steht im umgekehrten Verhältnis dazu."
Und andererseits: "Die Schule ist in ebenso erschreckendem Maß ungeeig-
* Januar 1976 im Münchner Bürgerbräukeller.
net, ihnen dabei zu helfen, befriedigende soziale Erfahrungen zu machen; sie ist dafür weder gebaut noch ausgestattet, noch sind ihre Lehrer darauf vorbereitet." Es könne nicht behauptet werden, so sekundiert der Tübinger Ordinarius für Kinderpsychiatrie Reinhart Lempp, "daß alle diese Kinder durch die Schule krank geworden sind, sie leiden jedoch zweifellos an der Schule".
Nach einer Untersuchung an 14 368 Berliner Kindergarten-Kindern litten 16 Prozent unter "realen Ängsten", 14 Prozent waren auffällig aggressiv, zehn Prozent kontaktscheu. Jeder fünfte Grundschüler von 150, die der Tübinger Sozialpsychologe Hans Christian Thalmann untersuchte, hätte "unmittelbare (psychotherapeutische) Hilfe" nötig.
Daß Kinder schon im Vorschulalter seelisch lädiert sind, deutet laut Thalmann auf Versäumnisse bei der "Kernfamilie" hin. Vom "emotionalen Rückhalt" (Lempp) im Elternhaus aber hängt es wesentlich ab, wie Schüler mit Schulangst und Leistungsdruck fertig werden.
Der verfehlte Anspruch, mit dem Eltern ihre Zöglinge schon vor der Schule belasten, beginnt, wie Mediziner meinen, oft bereits dann, wenn das Kind der Nachbarin zwei Wochen früher sprechen kann. Von einem Boom an Lernspielen berichtet die Spielwaren-Branche. Die Werbung für ein "Kinder-Kolleg" schürt Schuldgefühle: "Es liegt an Ihnen, ob und wie die Begabung Ihres Kindes gefördert wird."
Zwei von drei Müttern fünf- bis zwölfjähriger Kinder, ermittelte das Hamburger Sample-Institut im Auftrage der Zeitschrift "Eltern", machen sich folglich schon im Vorschulalter Sorgen über "Störungen" bei ihren Sprößlingen. Sie seien unkonzentriert, aggressiv, schlaflos und "zu verspielt".
Am häufigsten beschwerten sich jene Mütter, die in ihrem Kind "alle in ihm schlummernden Möglichkeiten" wecken und ihm eine "gute Zukunft" eröffnen wollen. Dreiviertel der 500 Befragten erstrebten für Sohn oder Tochter mehr als nur den Abschluß einer Hauptschule. 89 Prozent von ihnen wissen auch, warum: "Bei der Besetzung von Lehr- und Arbeitsplätzen wird immer mehr ein höherer Schulabschluß gefordert."
Später, so sieht der Schwäbisch-Gmünder PH-Professor Ralf Schwarzer die Zukunft der von solcher Strebsamkeit Betroffenen, gibt dann gutes Abschneiden "für die Schüler den besten Tauschwert für soziale Anerkennung, emotionale Wärme und Sicherheit" ab. Und auch der Heidelberger Psychologieprofessor Franz Weinert lastet den Eltern zu hohe Forderungen an: "Wenn die Kinder im ersten Schuljahr nicht bis Weihnachten selbständig lesen können, fordern sie Elternabend oder gehen zum Rektor."
So hoch wie möglich setzen bundesdeutsche Eltern beim Aufstieg ihrer Kinder an. "Sie melden ihre Kinder beim Gymnasium", sagt ein Hamburger Schulmann" "und denken: Vielleicht klappt"s wenigstens mit der Realschule." Der Kinderpsychiater Lempp hat auch Verständnis dafür: "Die Eltern wollen ihren Kindern eine bestimmte soziale Chance vermitteln, von der sie täglich erfahren, daß sie Voraussetzung sei für ein glückliches und erfolgreiches Leben." Und daß sich Väter wie Mütter bei der Bildung engagieren wie nie, hat in der Tat gute Gründe.
Bevor im Verlauf der nächsten zehn Jahre Ausbildungsbetriebe, Schulen und Hörsäle durch den Pillenknick entlastet werden, steht eine geburtenstarke Schülergeneration an, für die alle möglichen Nachteile zusammentreffen: Die Universitäten sind dicht, Arbeits- und Ausbildungsplätze fehlen. Ob auf der Uni, im Betrieb oder bei der Verwaltung -- nur der mit dem besseren Zeugnis kann da noch auf sicheres Unterkommen hoffen.
Die Pression im Elternhaus, immer höhere Qualifikationsansprüche auf dem Arbeitsmarkt, Lehrstellenmangel am unteren Rand der Sozialskala, drohender Numerus clausus weiter oben -- dies alles trifft auf ein Schulsystem, dem jeglicher Schonraum abhanden gekommen ist. In ihm hält ungebrochen jene "Professionalisierungstendenz" (von Hentig) an, die vor zehn Jahren begann: mit dem Anspruch, den Schüler für die Industriegesellschaft fit und fertig zu machen.
Die Zahl der Wochenstunden beispielsweise, so erläuterte kürzlich der rheinland-pfälzische Kultusminister Bernhard Vogel (CDU) seinem Landtag, habe in den letzten Jahren ständig zugenommen. Der Fächerkatalog sei im Laufe von 100 Jahren um ein Drittel breiter geworden: "Schule ist für immer mehr Schüler immer schwieriger geworden."
Neue Themenbereiche wie Rechts- und Verbraucherkunde, Sexual-, Verkehrs- und Umwelterziehung erscheinen auf den Stundenplänen, alte sind wenigstens wissenschaftlich überhöht: Singen als Musikerziehung, Kochen als Haushaltswissenschaft, Basteln als Arbeitslehre.
"Wir sprechen von Schulerbrechen und Schulbauchweh."
Wie schwer auch der rapide wachsende Wissensberg der Wissenschaft auf der Schule lastet, haben amerikanische Forscher in Zahlen umgesetzt: Nimmt man die "Wissensmenge" der Goethezeit gleich 100, dann muß man für 1900 schon das Doppelte, für 1950 bereits 400, für 1960 schon 800 und für 1965 gar 1600 rechnen. In immer kürzeren Intervallen vervielfachen sich die Erkenntnisse.
Die Stoffpläne der Oberstufe des Gymnasiums ähneln denn auch nach Anspruch und Umfang vielfach denen von Oberseminaren der Universität. Die fortschreitende Verwissenschaftlichung zwingt die an Lernziel-Kataloge gebundenen Lehrer dazu, wie der Berliner Studienrat Jochem Krüger eingesteht, "vom Schüler das Letzte rauszupressen". Und bisweilen wird schon Grundschülern abverlangt, was früher nur Gymnasiasten lernen mußten.
In der vierten Klasse der Grundschule, so zum Beispiel ein bayrischer Lehrplan, soll das "Darstellen natürlicher Zahlen im Stellenwertsystem mit Gebrauch von Potenzen" beherrscht werden. Was dies im Klartext bedeutet, erläuterte eine Lehrerin den Eltern:
"Ich verlange damit von einem Kind, das nicht in jedem Fall das Einmaleins sicher beherrscht, zwischen 2 x 3 = 6 und 2 (hoch2) = 8 zu unterscheiden, weiter zu begreifen, daß 2° = 1; 4° aber auch 1 ist. Ich wage zu behaupten, daß ein mittelbegabtes Kind hoffnungslos überfordert ist, daß es schon aus arbeitstechnischen Gründen 2 (hoch 3) mit 2 x 3 verwechseln wird; daß es eine Tatsache wie 2° = 1 niemals einsehen, begreifen kann; daß es der Zahl 25 wohl anzusehen vermag, daß sie in 5 x 5 zerlegt werden kann, nicht aber, daß sie im Zweiersystem die Potenz 1 x 2 (hoch4), 1 x 2 (hoch 3), 0 x 2 (hoch 2), 0 x 2 (hoch 1) und l x 2° beinhaltet und damit im Dualsystem 11001 heißt."
Mit den Ansprüchen aber änderte sich auch die Atmosphäre in den Klassenzimmern. Wo früher Abkupfern allenfalls Kavaliersdelikt, Hausaufgaben-Tausch die Regel war, herrscht heute, wie Lehrer wissen, "ein gnadenloser Konkurrenzkampf, werden unsoziale Motivationen geweckt". Denn wer beim Gerenne um die Studienplätze, beim Verdrängungswettbewerb um Jobs mithalten will, der muß auf jeden Fall besser sein als der Durchschnitt, besser als sein Banknachbar. "Jeder, der in der Klassenarbeit eine bessere Zensur hat", kalkuliert kühl eine Kieler Sekundanerin. "verschlechtert meine Chancen fürs Studium. Ich kann ja gar nicht anders, ich muß mich zwangsläufig über die schlechtere Note des anderen freuen."
So blüht der Paukbetrieb, den die Reformen mit Stumpf und Stiel ausrotten sollten, heftig wie nie. "Intakte mitmenschliche Beziehungen lassen sich" berichtete ein Lehrer auf einer Elternversammlung in Bad Oldesloe, "weniger denn je entwickeln." Vom Lernziel Solidarität, einst Hoffnung der Schulerneuerer, ist keine Rede mehr. Bevor eine oberbayerische Schülerin, von der Notenjagd zermürbt, Gift schluckte, notierte sie im Tagebuch: "Am Ende sind die autoritärsten Lehrer die besten. Sie produzieren die verlangten Paukmaschinen."
Die Qualität solcher Produkte soll ein unverändert aufs Auslesen ausgerichtetes Schulsystem sichern, in dem, so der Arzt und Lehrer Meinhardt, "täglich zwei Millionen Zensuren erteilt" werden -- zu keinem anderen Zweck, als "die Schafe von den Böcken zu trennen", wie der amerikanische Pädagoge James Herndon spottet.
Über 400 000 Schüler, ermittelte der Hamburger Hochschullehrer Willy Starck, bleiben jährlich sitzen, und was jeder Sitzenbleiber bedeutet, hat der bayrische SPD-Abgeordnete Adalbert Brunner auf eine einfache Formel gebracht: "eine Familienkatastrophe".
Nicht nur das. Die Sitzenbleiberei -- neuerdings zuweilen zielbewußt eingesetzt, um den Notendurchschnitt zu bessern -- belastet auch das Budget. Was es kostet, wenn, wie in Westdeutschland, im Schnitt jeder vierte Hauptschüler, jeder zweite Realschüler und jeder Gymnasiast einmal klebenbleibt, rechnet das Bonner Bildungsministerium den Ländern in seiner "Bildungspolitischen Zwischenbilanz" vor: Allein an Kosten ist jährlich rund eine Milliarde Mark einzusetzen, weil die Schüler länger in die Schule gehen und deshalb mehr Lehrer, Räume und Sachmittel benötigt werden. Diese Mittel kannten weitaus wirkungsvoller für die rechtzeitige Förderung der Schüler eingesetzt werden.
Die ständige Gefahr, aus der Schule gekippt zu werden, hat freilich nicht nur eine ökonomisch bedenkliche Seite. Denn ob sich ein Schüler bei den halbjährlich neu beginnenden Rivalitätskämpfen durchboxt, ob er die entscheidenden Prüfungen besteht, hängt kaum noch von seiner Intelligenz ab -- mehr, wie Kinderarzt Lempp nachwies, von seiner "seelischen Robustheit". Der Tübinger Professor beziffert die Bruchquote derjenigen, die trotz guter Anlagen scheitern, mit "90 Prozent".
Und ob unter diesen Bedingungen Erfolg in der Schule etwas Positives sei, ist dem Tübinger zweifelhaft. Denn als leistungsfähig gelte in bundesdeutschen Bildungsstätten ja nur derjenige Schüler, der sich anpassen, Vorgegebenes reproduzieren könne und den eigenen Vorteil kaltschnäuzig verfechte: der "angepaßte Neurotiker".
In Lempps Praxis kam 1960 nur jedes zwölfte Kind wegen offensichtlicher Schulprobleme. 1969 war es bereits jedes fünfte, und jetzt ist er sicher, daß es schon jedes dritte ist. Der Leiter des Instituts für Psychohygiene des Erft-Kreises, Professor Gerd Biermann, zählte aus, daß von rund 1000 Schulkindern, die jährlich an seinem Institut behandelt werden, die Hälfte Störungen zeigt, "die mit der Schule in irgendeiner Form zusammenhängen". Biermann: "Wir sprechen direkt vom Schulerbrechen, Schulbauchweh, ja sogar vom Schulasthma. Zum Wochenende und in den Ferien sind die Kinder frei von diesen Symptomen."
Am gründlichsten summte bislang der im niedersächsischen Moringen praktizierende Meinhardt die gesundheitlichen Folgen der Schulbetriebe auf. Nach seinen Unterlagen zeigen zehn Prozent aller Schulkinder "erhebliche Teilleistungsschwächen", beispielsweise Legasthenie; 30 Prozent leiden an psychischen Störungen, die sie in eine Außenseiterrolle bringen; 20 Prozent können ihre "hochgradige Angsterfülltheit nicht ohne ärztliche Hilfe" lösen; ein bis zwei Prozent weisen derart schwere Verhaltensstörungen auf, meist Aggressionen, daß sie als "nicht mehr gemeinschaftsfähig" gelten.
Ob im Gymnasium, ob in der Hauptschule, überall ähneln die Klassenzimmer einem Krankensaal. In einem internen Bericht für den Berliner Senat beschrieben Experten die Symptome, die bei Schülern wahrzunehmen sind: Grimassieren, Fingernägelkauen, motorische Unruhe, hirnorganische Störungen, Konzentrationsschwäche oder körperliche Auffälligkeiten wie Seh-, Hör- und Sprachfehler.
Zweimal im Jahr, zur Zeugniszeit, werden von Behörden und Wohlfahrts-Organisationen Seelenärzte und Sozialarbeiter zur spontanen Krisenhilfe bereitgestellt, wie ehedem Rot-Kreuz-Kolonnen auf dem Schlachtfeld. Doch obwohl sich die "Nothilfe für schlechte Noten" längst nicht mehr nur in den Städten. sondern auch auf dem Lande anbietet, Telephondienste oft rund um die Uhr besetzt sind, selbst Boulevard-Zeitungen Klagestrippen ziehen lassen, steigt die Zahl der Panikreaktionen:
* In München erhängte sich im Dezember ein 14jähriger Hauptschüler wegen einer Fünf in Mathematik. "In der Schule hat"s nichts Besonderes gegeben", sagte er seiner Mutter; als die vom Einkaufen wiederkam, war er schon tot.
* In Hamburg sprang ein 14jähriger Schüler nach einer mißglückten Lateinarbeit aus dem Fenster seines Klassenzimmers; ein anderer schluckte Schlaftabletten, weil ihm eine Deutscharbeit danebenging. > In Berlin endete für einen 12jährigen Schüler mit dem Zeugnis der Wunsch zum Aufstieg in die Realschule. Als ihm seine Mutter deshalb Vorhaltungen machte, sprang er aus dem Fenster; er war sofort tot.
* In Nürnberg mochte ein 13jähriger Gymnasiast seinem Vater nicht gestehen, daß er sitzengeblieben war. Er nahm Rattengift und warf sich vor einen Güterzug. Der fuhr ihm beide Beine ab, doch der Junge überlebte.
Oft auch führt der Fluchtweg aus der "gnadenlosen Notenmaschinerie der Schule" über schwer zu ortende Umwege. Denn regelrecht krank, so sagen Psychologen, werden hauptsächlich jene Kinder, denen das Leiden wenigstens für eine gewisse Zeit liebevolle Aufmerksamkeit der Eltern, oft auch der Lehrer sichert. Fehlt diese Anteilnahme oder ist die Geduld erschöpft, mündet Schulangst, die subjektiv empfundene Bedrohung durch Schule in Aggression, in Gewalttätigkeit. "Eine leicht zunehmende Tendenz zu Prügeleien und Quälereien unter Schillern", bestätigt Helmut Bless, Rektor der Frankfurter Gruneliusschule. Auch der Leiter der Hamburger Schülerhilfe Otto Rönner spricht von einer neuen Qualität der Schulhofprügeleien: "Gewaltakte haben stark zugenommen." Jüngste Beispiele:
* In Hamburg schleiften zwei Hauptschüler einen Jungen an den Füßen eine Steintreppe hinunter. Er zog sich schwere Kopfverletzungen zu. > in Witten stießen vier 14jährige einen drei Jahre jüngeren Mitschüler mit dem Kopf gegen eine Mauer; der Mißhandelte erwachte erst nach zwei Wochen aus der Ohnmacht.
* In Frankfurt traten 8jährige einen Klassenkameraden brutal zusammen.
Zwar mögen Kinder und Jugendliche vielfach im Elternhaus, beim Fernsehkonsum, erfahren haben, daß Konflikte sich auch handgreiflich lösen lassen: Bis zum 14. Lebensjahr erleben sie, so eine US-Studie, vor dem TV-Schirm im Durchschnitt 18 000 Gewaltakte. Doch Psychologen wie Pädagogen halten zusehends dafür, daß die Schule aus sich heraus solche Tendenzen fördert. Rektor Bless: "Sie hat eben Zwangscharakter und ist ein Drangsal für manche Kinder, besonders die, die ohnehin Verhaltensstörungen haben." "Je mieser die Zukunftsaussichten, desto aggressiver sind die Schüler."
Schäden von über einer Million Mark rechnete die Hamburger Schulbehörde im vorletzten Jahr ab. Neben den zahlenmäßig überwiegenden Berufs- und Hauptschülern waren, erstmals, auch die Gymnasiasten in der Spitzengruppe der Gewalttäter. "Je mieser die Zukunftsaussichten", erklärt es ein Mann der Schulbehörde, "desto aggressiver sind die Schüler."
Für Johannes Beck, Pädagogik-Professor in Bremen, zeigt sich nach dem Ende von Schulstunden und Arbeiten "in den Klassen geradezu ein Massenelend": "Die Schüler setzen ihre Aggressionen frei. Das äußert sich dann beispielsweise in Schmierereien in den Toiletten und an den Wänden."
Problemfälle sind häufig auch die "Rückläufer", Schüler, die vom Gymnasium oder der Realschule zur Hauptschule zurückgestuft wurden -- behaftet mit dem Makel des Versagens. Oft finden sie den Anschluß nicht mehr, weder an den Lehrplan noch an die Klasse. Drogenmißbrauch" übermäßigen Alkoholkonsum und auch kriminelle Handlungen nennt der Kieler Heilpädagoge Günther Gutezeit als die häufigsten "Ersatzbefriedigungen".
3000 Hamburger Schüler, so eine Senatsaufstellung, wurden binnen acht Wochen fünfmal betrunken nach Hause geschickt, bei 14- bis 16jährigen Mädchen stieg die Anzahl der Fälle von Alkoholmißbrauch um das Sechsfache. "Einige kommen nur noch in die Klasse, um ihren Rausch auszuschlafen", beklagen sich Lehrer bei den Behörden, "ein geordneter Unterricht ist oft kaum noch möglich."
"Sie konsumieren meist nur Musik, oder sie rauchen und trinken."
Der wird, vor allem in den Hauptschulen und Berufsschulen, ohnehin zunehmend schwieriger. Dort, wo bei Eltern wie Schülern alles Interesse an Leistung erloschen ist oder von Angstgefühlen überlagert wird, gedeiht Widerstand. "Die Dinge", so beobachtete etwa der Bielefelder Professor von Hentig bei Schülern, "Papier, Cola-Flaschen, Obstschalen, Stullen, Papptrinkbecher, Kaugummis fallen ihnen aus den Händen oder dem Mund, wo sie gerade stehen. Die Aufforderung, sich an der Beseitigung zu beteiligen, lehnen sie unbekümmert und entschieden ab mit der Bemerkung, erstens hätten sie dieses Papier hier nicht fortgeworfen und zweitens seien sie heute nicht "dran". Schuld und Aufgabe sind stets die der anderen."
Und schließlich ist neben Krankheit und die schon "früher übliche Form der offenen Auflehnung" (Lempp) ein neues Phänomen von Schulflucht getreten, die Apathie. Schon fordern Psychologen die Einrichtung eigener Sonderschulen für nicht ansprechbare Schüler.
Die Schüler "steigen einfach aus", berichtet der Hamburger Rönner, "sind völlig desinteressiert am Unterricht, konsumieren meist nur Musik, oder sie rauchen und trinken". Andere wieder versuchen sich auf der Klaviatur linker Gesellschaftslehre, die sie hier und da mitbekommen haben. "Sie reden", so beobachtete von Hentig, "von Motivation, und daß sie ihnen leider fehle; die alte Schule habe sie "verkorkst"; sie hätten das Lernen nicht gelernt; ich "frustrierte" sie mit dem vielen Latein, das ich könne; "Sie überfordern uns Unterschichtenkinder", sagt eines von ihnen in makellosem Hochdeutsch und ebenso präziser Einschätzung meiner Skrupel."
Angst, Aggression, Auflehnung -- der Stichworte für das Dilemma an Deutschlands Schulen ist kein Ende. Und nicht minder zahlreich sind die Rezepte, die gegen das Übel erdacht werden. Für etliche Pädagogen wäre schon vieles besser, wenn jenen Fächern, die weniger theoretisches Wissen vermitteln, mehr Platz im Stundenplan eingeräumt würde. Aber, so weiß Rektor Bless, "bei Musik, Sport, Malen, Werken werden doch am ehesten Abstriche gemacht".
Durch eine weitere Erhöhung der Leistungsanforderungen könne, so der simple Vorschlag des Berliner TU-Professors Folkmar Koenigs, die Masse der unerwünschten Jugendlichen von Gymnasien und Realschulen vertrieben werden. Den entgegengesetzten Weg, Senkung der Anforderungen, empfiehlt die "Aktion Humane Schule" des Theologen Leibrecht -- Kurieren an den Symptomen, wie die Abkehr von den "rein kognitiven Lernzielen", die Lempp vertritt; die "Verdünnung der Lehrpläne", wie sie das bayrische Kultusministerium ankündigt; der Verzicht auf Noten in den Anfangsklassen" den die FDP-Bildungsexpertin Hildegard Hamm-Brücher verficht.
Weithin fehlgeschlagen ist nach von Hentigs Meinung schon das Bemühen, über die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zuständen und Konflikten Leben in die Schule zu bringen: "Vollends vergeblich erscheint mir der Versuch, die Schule aus einer Lernanstalt zu einer keinen anderen Zwecken dienenden Lebensanstalt zu machen: Es solle nicht mehr primär etwas Sachliches gelernt werden, sondern etwas Soziales; die Unterrichtsinhalte und -ziele sollten instrumentell zu den sozialen Lernprozessen eingesetzt werden."
Denn: "Die Lehrer merken nicht, wie aus der Gastarbeiterfrage und dem "Berufsverbot", aus NC-Kritik und Sesamstraßen-Verriß ... in der Isolierung und Wiederholung von Schulunterricht lauter Kunstgebilde werden" -- jene verabsolutierten Schulgegenstände, die abgeschafft sein sollen.
An die Wurzel des Übels könnte womöglich eine schon Jahre alte Analyse des Soziologen Helmut Schelsky über die Rolle der Schule in der westdeutschen Industriegesellschaft führen: Sie sei "zur ersten und entscheidenden Dirigierungsstelle für die künftige Sicherheit, für den künftigen sozialen Rang und für das Ausmaß künftiger Konsummöglichkeiten" geworden, und dies um so mehr, je unabänderlicher die Zuweisung "zu bestimmten Schularten bestimmte Aufstiegsmöglichkeiten endgültig ausschließt".
Und weil sich daran seither nichts geändert hat, weil immer noch nur ein Abitur zum Universitätsstudium berechtigt, weil trotz beispielloser Bildungsinvestitionen, trotz mehr Lehrern und besser ausgestatteten Schulen spätestens nach dem sechsten Schuljahr feststeht, ob ein Jugendlicher fürs Gymnasium, die Realschule taugt oder aber in der Hauptschule verkümmert, sind fast alle Reformen des Bildungswesens letztlich vergeblich gewesen.
Die Hauptschule beispielsweise, die heute als "Restschule" beschrieben wird, war im Oktober 1964 von den Ministerpräsidenten der Länder als dritte weiterführende Schulform neben Realschule und Gymnasium gesetzt worden. Doch mit der Rangerhöhung begann ihr Abstieg. Immer weniger Schüler wollen sich mit dem unattraktiven letzten Bildungsplatz zufriedengeben.
Der ausgelesene, deutlich leistungsschwächere Rest aber bleibt belastet mit einem Lehrplan, der in weiten Teilen Realschulniveau vorschreibt -- ums Prinzip der Durchlässigkeit willen, das die Reformer nun einmal aufgerichtet haben.
So wurde, wie der Hamburger Hauptschulleiter Klaus Lawenstein resigniert, "die Hauptschule zur Hilfsschule, ohne die Möglichkeit der Hilfe zu haben". Es fehlen ausgebildete Fachkräfte, psychologische Grundkenntnisse der Lehrer und geeignete Unterrichtsmittel, etwa für den obligaten Englischunterricht -- Sprachlabore, die statt dessen bei den Gymnasiasten angebracht wurden.
"Statt Englisch zu lernen, wäre es weit besser, wenn ich mit meinen Schülern Gartenarbeit machen könnte". klagt ein Lehrer über den Leistungsstand. Ein anderer beschreibt das Ergebnis seiner Bemühungen so: "Zwei können fehlerlos "good morning" sagen, das sind meine Spitzenreiter."
Durchlässigkeit, der Übergang von einer Schulform zu anderen, funktioniert allenfalls in der Gegenrichtung. Und beträchtliche Funktionsschwächen hinterließ, gleichsam- am anderen Ende der Klassen-Gesellschaft, auch die Reform der gymnasialen Oberstufe.
Die Schüler des Gymnasiums sollten sich auf bestimmte Fächer, das zukünftige Studiengebiet, konzentrieren und die jeweils weniger attraktiven Fächer abwählen können. Doch das Kurssystem mit seinen unterschiedlichen Leistungsanforderungen, auf das sich die Kultusminister 1972 einigten, erscheint mittlerweile Schülern, Lehrern und auch den Planern "als Alptraum".
Denn unter den Bedingungen des Numerus clausus pervertierte der Wahlmodus zu einer, so ein Kasseler Studienrat, "leerlaufenden Leistungsmühle". Schüler wählen nicht nach Interessen und Fähigkeiten, sondern stellen die Kurse nach Kalkül zusammen: Wo kriege ich die besten Noten? Welches Fach erfordert am wenigsten Anstrengung? In welchem Fach muß eine schlechte Zensur unbedingt verbessert werden? Welche Noten werden zur NC-Berechtigung überhaupt herangezogen? Auf diese Weise, resümiert ein Berliner Fachleiter, sind ganze Fächer "auf kaltem Wege" aus der Oberstufe verschwunden.
Angesichts solcher Entwicklung schwante jüngst einem der eifrigsten Oberstufen-Reformer, dem Mainzer Vogel, daß das neue Modell seiner Zeit vielleicht weit voraus sei -- funktionieren könne es wohl nur im "Gymnasium der Zukunft, in dem es den NC nicht mehr geben wird".
Das kann noch gut zehn Jahre dauern. Zudem: Der Zug zum Abitur, der Leistungsdruck, die Auslese -- dies alles würde bleiben. Der Sturm auf die Gymnasien, der Kampf um Startvorteile schon im Kindergarten kann, so scheint"s, erst dann aufhören, wenn nicht mehr nur ein Gymnasiast, sondern jedermann studieren darf.
Warum, so fragten vor Jahren schon Bildungsexperten, sollen nicht eine abgeschlossene Berufsausbildung und nach dem Baukastensystem erworbene Zusatzqualifikationen -- Beispiel: ein Schlosser belegt Mathe-Kurse -- ein fachgebundenes Studium ermöglichen? doch ein solches Weiterbildungskonzept, jüngst von Bildungsforschern der Europäischen Gemeinschaft der Bundesrepublik erneut empfohlen, hat kaum Chancen.
Denn daß in der Regel das Abitur auch weiterhin den Universitätszugang eröffnen soll, darauf haben sich erst im letzten Jahr die Kultusminister und Hochschul-Rektoren verständigt. Konsequent wurden bescheidene Ansätze, auf andere Weise Wege zum Studium freizulegen, wieder zurückgenommen.
Freilich, eine totale Öffnung der Hochschule wäre nur dann zu verkraften, wenn die Hoffnung darauf, daß sich ein Studium auch materiell auszahlt, nicht mehr den Hauptanreiz für den Hochschulbesuch ausmacht. Denn daß jährlich mehr Jugendliche studieren wollen, liegt kaum am Wissensdurst, sondern an berechtigter Wohlstands-Erwartung.
Wer die Hochschule absolviert, ein Diplom erhalten hat, dem bieten sich Positionen, Besoldungsgruppen, die anderen versperrt bleiben. Musterbeispiel solcher Praxis ist der öffentliche Dienst.
Nach der bisherigen Laufbahnstruktur bringt ein nur um ein Jahr längeres Universitätsstudium gegenüber einem Fachhochschulexamen einen Gewinn von mehr als 500 Mark monatlich. Und der Abstand bleibt lebenslang, von Staats wegen. "Da ist es doch kein Wunder", schimpft der baden-württembergische Kultusminister Wilhelm Hahn, "daß die Universitäten überquellen, die Studentenzahlen an den Fachhochschulen aber stagnieren Papierne Vorbildung sorgt lebenslang für Abstand.
Und was der öffentliche Dienst vorexerziert, die Wechselbeziehung von Besoldung und papierner Vorbildung, hat die Wirtschaft längst übernommen: Diplom schlägt Fachhochschulabschluß, Fachhochschulabschluß schlägt Abitur, Abitur schlägt Mittlere Reife, Mittlere Reife schlägt Hauptschulabschluß. "Was nützen alle betriebsinternen Ausbildungsangebote für Abiturienten", weiß ein Frankfurter Personalberater, "wenn die Leute wissen: Wir bleiben doch beim unteren Mittelbau kleben."
Daß Schule krank macht, krank ist, liegt so gesehen weniger daran, daß sie Kindern zuviel Leistung abverlangt, falsche Lerninhalte in fragwürdiger Form vermittelt -- sondern daß sie Berechtigungsscheine für einen sozialen Aufstieg verteilt, verteilen muß, der ohne diese Zertifikate nahezu unmöglich ist.
Gefällig klingt es, wenn Bundeskanzler Schmidt sagt, daß in der Bildung "das Leistungsprinzip nicht verabsolutiert werden darf, insbesondere nicht für junge Menschen, über deren spätere persönliche Entwicklung Schulzeugnisse oder Noten auf der Universität doch nur sehr wenig aussagen können" (siehe Seite 60).
Doch ohne eine Reform des öffentlichen Dienstrechtes, der sich vor Jahren aus Angst vor der mächtigen Beamten-Organisation CDU/CSU-Regierungen ebenso entgegenstellt haben wie heute Sozial- und Freidemokraten, ohne Öffnung der Hochschulen läßt sich die Krankheit Schule kaum bekämpfen. Im Wahljahr schon gar nicht.

DER SPIEGEL 23/1976
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Schule: „Es gibt keine fröhliche Jugend mehr“

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