31.05.1976

ÖSTERREICHDas Gruselhaus

Wien baut seit 1964 ein technisch, medizinisch und organisatorisch veraltetes Spital, das frühestens 1986 fertig sein wird. Es ist das teuerste Europas.
Da bleibt uns nichts übrig, als die Zähne zusammenzubeißen", sagt Wiens Bürgermeister Leopold Gratz. Der Heroismus des ansonsten eher leichtlebigen "Poldi" gilt einem Mammutobjekt, das Österreichs Ärzte und Steuerzahler das Gruseln lehrt -- dem Neubau des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) zu Wien.
Hart am Zentrum der Donaustadt wächst eine Investitionsruine à la Steglitzer Kreisel in Superformat empor, ein Spital, das niemand haben will und für das doch alle zahlen müssen. Es wird bei seiner Fertigstellung in einem Jahrzehnt wohl das teuerste Krankenhaus der Welt sein -- und vom ersten Tag an Altertumswert haben.
Als sich die Wiener Stadtväter 1958 zum Ersatz des alten AKH entschlossen, planten sie anstelle des ehrwürdigen Groß-Spitals, erbaut 1694 bis 1784, einen "Gesundheitspalast der Superlative" (Staatssekretär Vinzenz Kotzina).
Die Bauzeit für den größten Klinikneubau der Welt war mit zehn Jahren veranschlagt, die Kosten wurden zunächst auf 500 bis 600 Millionen Schilling (80 bis 90 Millionen Mark) beziffert, bei Baubeginn 1964 auf eine knappe Milliarde. Bund und Stadt Wien wollten dafür halbe-halbe aufkommen.
"Pech oder Schicksal" (so heute die sozialistische "Arbeiter-Zeitung") wollte es, daß damals alle internationalen Experten auf Zentralkrankenhäuser setzten -- die sich inzwischen als höchst problematisch herausgestellt haben. Im Gegensatz zu vorher und zu nachher hielt man es damals für richtig, möglichst viele Betten, möglichst viele Wirtschaftsabteilungen in einen einzigen Krankensilo hineinzupferchen.
Das Wiener Spitalbaby geriet schon am Zeichentisch zu einem Monstrum. Seinen Kern bildet ein mehrgeschossiger Flachkörperbau, auf dem zwei Bettenhäuser mit je zehn Stockwerken sitzen. Flankiert wird das Ganze von den Wohntürmen des Personals.
Gewaltig wie der Bau geriet auch die Bürokratie. Statt das Management einem befähigten und kompetenten Gremium zu übertragen, marschierten die Beamtenheere aus Stadtverwaltung und Bundesministerien kompetenzsüchtig gegeneinander auf. Was die damals von der konservativen ÖVP geführte Regierung verlangte, sabotierte die SPÖ-regierte Gemeinde Wien. Was das rote Wien vorschlug, hintertrieb der schwarze Bund.
Ruinos gestaltete sich die Mitsprache der Klinikchefs. Die sogenannten Primarii, im AKH durchweg Universitätsprofessoren, schlugen sich als künftige Hausherren um ihre persönlichen Interessen. Die Planung auf dem Sektor der Psychiatrischen und Neurologischen Klinik mußte für 13 Monate unterbrochen werden, weil sich Österreichs Nervenpapst Professor Hans Hoff gegen die Trennung der Psychiatrie von der Neurologie querlegte. Einig waren sie sich in einem Punkt: Alle forderten für ihre Abteilungen viel mehr Betten als tatsächlich nötig.
So rückte mit jedem Baujahr das Datum der Fertigstellung weiter hinaus, die Kosten explodierten. Ab 1970 sprachen Insider von einem Debakel.
Aber erst 1975 holten die Österreicher ein deutsch-schweizerisches Gutachterteam zu Hilfe. Sie bestellten eine Expertise von P. Seitz (Hamburg), W. Sienkiewicz (Aachen) und J. Kaufmann (Zürich). Die fiel schlimm aus. Die Experten aus dem Ausland fanden das AKH verbaut in alle Ewigkeit. Was erst 1986 fertig werden soll, ist -scheint es -- schon 1976 abbruchreif.
Besonders beanstandet das 460 Seiten dicke Gutachten: Das Superding ist
* maßlos überdimensioniert -- anstelle seiner 2630 Betten würden 2100 genügen;
* unzureichend geplant -- ein Projekt solcher Größenordnung erfordert Netzplantechnik, Raum- und Funktionsprogramme, Betriebsorganisationsplanung;
* ungünstig eingeteilt -- lediglich 52 Prozent des AKH-Kerngebäudes sind medizinische "Nettonutzflächen", der Rest entfällt auf Verkehr, Technik, Wandanteile.
95 Prozent der Funktionsräume sind fensterlos; die Klimaanlagen blasen den Roststaub der Fassade in die Krankenzimmer; die 120 Zentimeter breiten Krankenbetten gehen bestenfalls hochkant durch die 90 Zentimeter breiten Türen.
Nach Schuldigen zu suchen haben die Bauherren aufgegeben. Bürgermeister Gratz: "Ich glaube nicht, daß wir jetzt noch Verantwortliche finden können. Die Sache ist ja gerade deshalb so schlimm gelaufen, weil es keinen Verantwortlichen gegeben hat."
Als ebenso nutzlos betrachtet der Bürgermeister die nachträglichen Debatten über das Grundkonzept der Wiener Gesundheitsfabrik. Gratz gibt "allen recht, die sagen, daß es falsch war, ein Zentralspital zu bauen".
Doch der point of no return ist längst überschritten. Da das Stahlbetongerippe des Hauptgebäudes zu 45 Prozent steht, muß man "möglichst schnell weiterbauen, damit wenigstens die Kosten nicht weiter steigen".
Die sind ohnehin bereits Rekord. Obwohl nun die Bettenanzahl um nahezu ein Viertel -- von 2630 auf 2100 -- gekürzt wurde, erfordert das AKH nach jüngster Schätzung bis zur Fertigstellung über 18 Milliarden Schilling auf der Preisbasis 1975 -- das sind über zweieinhalb Milliarden Mark. Die medizinische Fakultät und das Klinikum der TH Aachen mit 1600 Betten kostet dagegen gut 820 Millionen Mark, die medizinische Fakultät Göttingen mit Klinikum (1100 Betten) etwa 900 Millionen. Zusammen mit den Inflationsverlusten und den Kreditzinsen werden die Österreicher bis 1986 für ihr Gruselhaus zwischen 35 und 40 Milliarden Schilling hinblättern (das ist ein Sechstel des laufenden Staatshaushalts der Republik).
Das dicke Ende kommt dann noch: Während die Jahresbetriebskosten eines Spitals üblicherweise 10 bis 15 Prozent der Baukosten betragen, wird das Unding aus Wien 20 Prozent verschlingen -- das sind nach dem heutigen Preisstand 3,5 Milliarden Schilling.
Auf die Frage, ob Wien das überhaupt bezahlen kann, resigniert Poldi Gratz: "Wir werden sie zahlen können, weil wir sie zahlen müssen."

DER SPIEGEL 23/1976
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