15.03.1976

„Das ist die Saat unserer Zeit“

Daheim in Bayern, im gemieteten Zwergschulhaus von Walda, lebt HA Schult so säuberlich, daß man vom Boden essen könnte. Aber in Venedig hat er in der Nacht zum vergangenen Donnerstag den ganzen Markusplatz versaut. Er nennt sich "Macher", da muß er gelegentlich was Großes machen: Unordnung am besten. Das dient seinem Ruf als Genius des Abfalls.
Assistiert von seiner in sämtlichen Lebenslagen maskierten Gefährtin Elke Koska und 63 bezahlten Helfern, verstreute er also über die 15 000 Quadratmeter zu Füßen des Campanile 15 Tonnen Zeitungspapier. Das wurde zerknüllt und als inoffizieller Beitrag zur Biennale '76 ausgegeben, zu der man Schult, den selbsternannten Unweltkünstler, offiziell nicht gebeten hat.
Eine nichtsahnende Obrigkeit erteilte der Aktion versehentlich ihren Segen und befahl sogar, auf dem Platz die große Festbeleuchtung anzuknipsen. Bei Schults schlauer Ankündigung, man werde unter dem Motto "Venezia vive" die "Botschaften unserer Zeit" in Form von Gedrucktem auslegen, schwante den Herren von Kommune und Kirche nur Gutes. Nicht, daß man darin später knietief waten müsse.
Elke Koska, die sich auch zu Audienzen gern von Kopf bis Fuß in synthetisches Tigerfell hüllt und an ihre Finger kleine Autos, Vorhängeschlösser und Plastikzwerge steckt, bat den "Monsignore von dieser Kirche da" (wie sie San Marco nennt) mit ihrem schwarz geschminkten Mund, ins nächtliche Ereignis den Campanile einbeziehen zu dürfen. Der Würdenträger hatte lediglich die Sorge: "Wird denn da nichts Unanständiges geschehen?"
So, dank der universalen Schlüsselgewalt kultureller Phrasen, zog HA, der ehemalige Kipperfahrer, Hausmeister, Bauspar- und Kosmetikwerber aus Mecklenburg, eine ersehnte Nacht lang das Augenmerk der Welt auf sich. Die knapp 50 000 Mark Spesen für Altpapier, Lastkähne und Nachtarbeiter beglich Elke, die er Putzi nennt, bar aus ihrem Brustbeutel.
HA (eigentlich Hans Jürgen), ihr monomanischer Gebieter und Hans Kasper, den sie ebenfalls Putzi nennt und so einzukleiden pflegt, daß jeder sich ihn gleich für immer merkt, watete triumphal durch sein bisher größtes Werk, das er versprochen hatte, nachher wieder restlos aufzufegen. Der schlimmen Kälte wegen konnte er nur auf Wunsch der Photographen seinen Kunstpelz-Paletot aufschlagen und ein bedrucktes Trikot enthüllen, durch welches er sich als "Der Macher" auswies.
Aus Altpapier, diesem "Superfüller" (Schult), bestand schon die erste Stufe seiner Selbstvermarktung, zu der er sich vor sieben Jahren, 30jährig, mit circa 5 Mark Eigenkapital entschloß. Damals glückte es ihm, durch sechs Tonnen dieses überraschend ausgekippten Materials die Schwabinger Schackstraße zu sperren und dafür dann vor Gericht groß dazustehen. Aufräumen, diese bürgerliche Tugend, gehörte damals bei ihm noch nicht ins Programm.
Nun, im Hinblick auf größere Formate und eine reibungslose Publicity, zieht er einen schönen Schocker provokanter Verweigerung vor. Schon denkt er daran, ein mit Werbung bemaltes Altflugzeug zu bester TV-Zeit über den Müllkippen New Yorks abstürzen zu lassen.
Drum bat einer seiner Helfer in Venedig sich vorsorglich aus, daß Schult ibm seinen Staubsauger signiere und so zum Kunstwerk wandle. Bereits Anno "74 sind schließlich für den von Schult heimlich geplünderten und öffentlich zum Kunstwerk angerichteten Inhalt der Mülltonne Franz Beckenbauers 12 000 Mark als angemessener Preis genannt worden.
Selber gedachte der Meister in "Harry"s Bar" vor seiner venezianischen Nacht ebenfalls der "etwas utopischen Preise", die allen Bestellern seiner Arbeiten jetzt durch seine Putzi genannt werden dürften. Falls die so weitersteigen wie bisher, müßten, meint Schult, für die schaurig-schönen Abraum-Szenerien seiner Guckkasten-Objekte in den achtziger Jahren leicht 300 000 Mark zu kriegen sein, das Vierzigfache von heute.
Inmitten der Papierüberschwemmung, mit der er vorige Woche seinen Markennamen wieder hochspülte, schien Schult sich des Zwanges bewußt, dem steigenden Bedarf an derlei Zimmerschmuck fortan durch lästige Akkordarbeit in seinem Schulhaus entsprechen zu müssen. Das allein bringt die Kohlen, von denen Putzi & Putzi sich, wie sie das nennen, "mal wieder so "ne Aktion gönnen können", aus der sich zwangsläufig neue Nachfragesteigerung ergibt usw.
So äußert sich der kuriose Widerspruch Schultscher Macherei. Als ein Verneiner erstarrter und besitzbarer Kunst hat er seinen Namen aufgebläht. Dann begann er nach einer Art von besitzbarer Kunst zu schürfen, mit der sich dieser gemachte Name vermarkten läßt.
Er war es, der 1970 in einer atemlosen Deutschland-Rallye die bloße Fahrt zum Kunstwerk ausrief und deutsche Kunstvereine zur öffentlichen Schlafstätte umfunktionierte. Wenn überhaupt, so stellte er Vergängliches aus: sich verfärbenden Kartoffelbrei oder Wohlstandsmüll aller Art. Im Keller einer Galerie im Revier lagerte er Zusammengeklaubtes von solcher Vergänglichkeit ein, daß man bei ihm anfragte, ob nicht wenigstens ein verwesender Hering weggeworfen werden dürfe.
Dies alles diente offenbar nur einem, von ihm nun eingestandenen Ziel: "Ich wollte "ne Nummer werden." Und was für eine? Das stellte sich heraus, nachdem er den Widerwillen ästimierte, der "beim reichen Sammlerpotential" gegen "Sachen besteht, die zerfallen". Diesen Geldgebern zu Gefallen bemalte der Macher vorübergehend weiße Bilder mit unsichtbarer Schrift und stieß damit eigentlich schon an die Grenzen seiner graphischen Fertigkeiten.
Zu guter Letzt war"s die Industrie. die ihm in seiner Profilnot mittels Knetmixturen, Farb-Pilzen und maßstabgetreuem Modellspielzeug doch noch ein ureigenes OEuvre ermöglichte: den, wie er findet, "schönen Schauder" von gut hängbaren Schrott- und Abraum-Idyllen. Die würzt er mit schillernden Pilzkulturen" kleinen Autowracks. Fertigbäuschen und Hochspannungsmasten. Und sie sind von unglaublicher Haltbarkeit, bieten, sagt Schult, "viel Bild fürs Geld".
Es macht den Macher stolz, mit bisher 157 dieser Kästen bereits in 24 Museen, zahllose Firmenfoyers und Wohnzimmer des Wohlstands vorgedrungen zu sein.
"Leute, die noch grünen Rasen haben", weiß er authentisch, die gucken zum Spaß auf Schult." Das durchdringt ihn so, daß er unterwegs am Steuer immer wieder neu entdeckt: "Hier sieht"s schon wieder wie auf meinen Bildern aus! Ja, das hängen sich die Reichen an die Wand!" So auch in den Industrieregionen Venedigs, wo ihn beim Handel in Altpapierschuppen das Environment verzückte, während er im Markusplatz eher eine Art historischen Papierkorb sah, den mal zu füllen ein Schult geboren werden mußte.
Doch selbst dies noch lief völlig kulinarisch ab: eine angenehm raschelnde Woge von 350 000 welken Tagblättern. an welcher sogar die ratlosen Polizisten Wohlgefallen fanden. "Hier historische Zeit, da moderne Zeit, si, si". akzeptierte ein Carabiniere den konstanten Gemeinplatz des Machers. Der Polizeidirektor wurde alarmiert und schien erleichtert, daß Politik hier nicht im Spiel war. Einer von der Feuerwehr warnte bloß vor dem nun sehr bedenklichen Rauchen. Dann steckte er sich inmitten des Papiers selber eine an.
Fast hätte Venedig sich beim braven HA für das bißchen Abwechslung bedankt. Angeregte Italiener knüllten und sangen herum. Eine Truppe Japaner vergaß in anarchischer Lust ihr Fähnchen und suhlte sich im Altpapier. Bitter trat eine Touristin aus Gelsenkirchen an Schult heran: "Glauben Sie nicht, wir Deutschen sollten hier lieber fegen?" Später kam ein anderer Deutscher und hielt ein brennendes Streichholz an "Il Gazzettino". Schults Truppe löschte in Panik. Ein Herostrat ist der Macher ja wirklich nicht.
Gegen Morgen, als er auf Wunsch eines Kameramannes als Käfer durchs Papier krabbelte, kam ein weißhaariger Venezianer vorbei und sprach: "Das ist die Saat unserer Zeit." Schult frohlockte: "Genau! Genau meine Worte!" Verstehe jeder, was er will.

DER SPIEGEL 12/1976
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