15.03.1976

Gediegene Deutschstunden für die ganze Welt

Eine nationale Institution, der Verfasser der Deutschstunde und des Vorbild, der Schelm von Suleyken und Bollerup wird 50 Jahre alt, erst 50 Jahre, möchte man sagen.
Ohne Siegfried Lenz ist keine Bestsellerliste komplett und kaum mehr eine Reifeprüfung zu bestehen. Sein Platz in den Volksbibliotheken ist gesichert, Dissertationen werden verfertigt über ihn, das deutsche Publikum drängt sich in seine Erziehungsanstalt. Es sucht und verwirft mit ihm Texte für Lesebücher (eine zuweilen langweilige Tätigkeit), es überquert mit ihm als Lotsen und Albert Einstein als Passagier die Elbe bei Hamburg (eine eher verwirrende Fahrt). Es läßt sich von ihm willig Rätsel aufgeben und verzichtet auf die Lösung der vorgezeigten Probleme.
Es hat, möchte man sagen, eine Neigung gefaßt zu dem Sohn der Stadt Lyck in Ostpreußen, zu dem Mann im versteckten Rosenhaus auf der Insel Alsen, deren freie dänische Luft leichter zu atmen ist als der Dunst deutscher Städte. Es hat ihn zur Autorität gemacht vor allem über die deutsche Vergangenheit, und es hat ihm seine Absicht gelohnt, bei der Bewältigung leider vorhandener Erinnerungen hilfreich zu sein.
Der Lohn kam in Gestalt eines soliden Ruhms und hoher Auflagenziffern. Über eine Million Exemplare wurden von den deutschen Ausgaben der Deutschstunde verbreitet. Und auch das zärtliche Suleyken ist in mehr als 700 000 Exemplaren unter die Leute gekommen; ganz zu schweigen von all den Übersetzungen ins Norwegische, Dänische, Schwedische, Japanische, Englische, Französische, ins Niederländische und Polnische, Bulgarische und Slovenische, Italienische, Tschechische, Ungarische, Finnische, Spanische, Rumänische -- die ganze Welt hat Deutschunterricht.
Ein so vielfältiger Erfolg hat keine einfachen, er hat vielfältige Gründe. Er entsteht, wenn der richtige Mann im richtigen Augenblick den richtigen Ton findet und die richtigen Themen.
Für den richtigen Augenblick hatte Lenz mit dem Geburtsdatum 1926, wiewohl nicht freiwillig, vorgesorgt. Es ließ ihn noch ein Stück Drittes Reich und eine Portion Krieg mit Bewußtsein erleben. Er betrat die Bücherszene zu dem Zeitpunkt, da Deutschland sich zum ersten Male nach Beseitigung der störendsten Trümmer zurücklehnte in der neuerworbenen Polstergarnitur, willens, einen literarischen, nicht allzu scharfen Blick auf die Verhältnisse zu werfen, die solche Trümmer verursacht hatten. In diesem Augenblick hatte Siegfried Lenz die richtigen Themen, und es ist kein Zweifel, daß sie ihn ehrlich umtrieben.
Es waren die Themen von Macht und Ohnmacht, so könnte man sagen, von Freiheit und Widerstand, von den Freuden der Pflicht und vom rechten Vorbild Sehr deutsche Themen, wie man sieht. Denn hinter ihnen versteckten sich "echte Probleme". wie sie der deutsche Leser von seriöser Literatur erwartet, während andere Völker, die auch seriöse Literatur haben, sich lieber eine Geschichte erzählen lassen. Hinter ihnen wartete überdies die Möglichkeit, die Unfreundlichkeiten von Vergangenheit und Gegenwart exemplarisch vor Augen zu führen, so. daß man sich etwas dabei denken kann, wenn auch nicht gar so verbindlich.
Und dafür war Lenz der richtige Mann, der den richtigen Ton immer zu treffen wußte. Der richtige Mann, weil er bei aller aufrechten Liberalität an dem Grundsatz festhielt, daß die sinnvollste Tugend des Schriftstellers der Starrsinn sei. Und so beharrte er darauf, dem Publikum etwas erkennbar zu machen -- und wenn es die Unmöglichkeit des Erkennens selbst ist. Das wurde willig akzeptiert, denn Erkenntnis ist ein erstrebenswertes Gut.
Erkennbar gemacht wurde zuerst die Ohnmacht des Intellektuellen im totalitären Staat. Das Buch hieß Es waren Habichte in der Luft und wurde geschrieben, als der Autor halb so alt war wie heute -- ein Jugendwerk also. dessen charakteristische Fehler man weniger dem Verfasser anrechnen sollte als den Lesern, die sie goutierten.
Sie fanden darin ein zeitgenössisches Thema, das ist immer willkommen, es hilft die Welt begreifen. Angerichtet war die Fluchtgeschichte mit allerhand Kolportage, einem grauen Kommissar. einem Irren, der seine Nichte umbringt, die seine Tochter hätte sein sollen (Ich suche den Frühling, hihihi), ausgestattet mit pseudopoetischen Metaphern (Neben Stenka wusch sich der Mond die gelben, milchigen Schenkel), denen allerlei realistische Einsprengsel aufgesetzt wurden (Husten unterbrach ihn, der so lange dauerte, bis sich irgendwo im Hals eine Schleimkette löste). Dazu kam eine Prise Tiefsinn, entweder als Einsicht formuliert (Wir dürfen uns nicht selbst lebend fühlen, um eigentlich am Leben zu sein), oder aber in bedeutungsschwere Symbole gefaßt: Es waren Habichte in der Luft.
Keine Figur hatte eine lebendige Physiognomie, dafür erhielt jede ihr
Abzeichen, welches Unterscheidung erleichterte. Der graue Kommissar zertrat Insekten (man achte auf den Signalwert), der Irre hatte flackernde Augen, der unglückliche Flüchtling faßte sich wiederholt ans Ohrläppchen, und der Gastwirt war durch eine Bartflechte so ausgezeichnet wie die Witwe durch einen offenherzigen Kattunkittel (Frauen sind wie der Schnee). Es waren papierene Figuren, und Lenz gab später dafür auch eine theoretische Begründung: Die literarische Person ist heute ein Arrangement von Zeichen. Aber zu gleicher Zeit schrieb etwa Raymond Chandler in Amerika seine durchaus literarischen Kriminalromane, deren Personen von Realität strotzten.
Der deutsche Leser nahm die Zeichen wahr. Sie trafen den 1951 erwarteten Ton, Nachhall von Borchert und im tragisch-offenen Schluß ein Schuß von Hemingway und Camus. Dennoch wäre es unrecht gegen Lenz, so lange bei dem Erstling zu verweilen, von dem er sich längst distanziert hat, wenn sich darin nicht die Züge zeigten, die allem bewundernswerten Fleiß, allem Lernen, Glätten, Verflechten und Relativieren zum Trotz auch in den folgenden Werken starrsinnig erhalten blieben. Der Umfang wuchs, und der dem Zeitpunkt angemessene Ton wandelte sich, die Form wurde kompliziert und die Mittel wurden verfeinert, aber die Mittel blieben im Grunde die gleichen.
Sieben Romane, zahllose Erzählungen (pointierter und kunstreicher als die großen Produktionen), Bühnenstücke, Hörspiele und Essays brachte seine Feder seitdem hervor, ein Vorbild an Pflichterfüllung. Man kann sie hier nicht alle betrachten, aber die gemeinsamen Züge seien festgehalten. Am Anfang steht das problematische Thema, die Frage von Stadtgespräch zum Beispiel, ob der Widerstandskämpfer den legitimen Widerstand gefährden dürfe, um die von der Besatzungsmacht genommenen Geiseln zu retten -- Handeln als Schuld, Unterlassen als Schuld? Oder die Frage der Deutschstunde, die möglicherweise leichter zu beantwortende, wo die Grenze zwischen blinder Pflichterfüllung zugunsten usurpierter Staatsgewalt und der Freiheit des einzelnen liege. Oder die Frage des Vorbild, wer oder was denn der Jugend noch zum Vorbild dienen könne -- ein Popsänger, ein um seiner Hilfsbereitschaft willen zusammengeschlagener Rektor, eine aus Solidarität mit den Unterdrückten dem Hungerstreik erliegende Wissenschaftlerin, oder wer, oder was?
Lauter ideale und unerschöpfliche Themen für den Besinnungsaufsatz, den zu schreiben der Autor seinem Schüler, dem Leser, bereitwillig, ausführlich und mit sehr vermehrter Routine abnimmt. Und der Leser meint dann, er habe selbst darüber nachgedacht. Das wird ihm sehr erleichtert durch die Erkennbarkeit. Die Hauptfiguren unterscheiden sich am wenigsten durch die Sprache, möchte man sagen, oder durch eine unverwechselbare Physiognomie. Sie unterscheiden sich lediglich durch die ihnen im Problemverlauf zugewiesene Rolle und die ihnen angehefteten Erkennungszeichen. Es müssen nicht gleich drei Parteiabzeichen sein, die sich später in Sportabzeichen verwandeln, wie beim Deichgraf Bultjohann, es gibt andere.
Ein Führer der Partisanen im Stadtgespräch tritt aus unerfindlichen Grün-
* Mit Arno Assmann und Andreas Poliza.
den nicht auf ohne ein angefeuchtetes Taschentuch vor dem Mund; der Kommandant nicht ohne die Fessel des Korsetts (man beachte wieder den Signalwert). Der Maler Nansen alias Nolde nicht ohne seinen Korn, sein Gegenspieler, der Polizeiposten von Rugbüll, nicht ohne Umhang, Fahrrad und Koppel, des Malers Pflegekind Jutta nicht ohne gespreizte Beine, was übrigens eine vielen Lenzschen Gestalten eigene Position ist, sie wirkt realistisch. Der Rektor Pundt im Vorbild ist ebenfalls ohne seinen Korn nicht zu denken, zu dem noch Dörrobst tritt; seine Mitarbeiterin Dr. Rita Süßfeldt pflegt regelmäßig Zigarettenasche zu verstreuen, und der nicht ganz junge Kollege Heller trägt weinrote Pullover.
Genug davon, möchte man sagen, denn mit solchen Notizen sind die gehaltvollen Bücher wahrlich nicht erschöpft, vielleicht aber etwas deutlicher bezeichnet. Diese ihre stereotypen Eigentümlichkeiten werden eingepaßt in einen Bezugsrahmen von Realität oder Aktualität, ausgefüllt mit Bedenkenswertem zum Thema, farbig durch -- in letzter Zeit etwas gedämpftere -- Metaphorik, vertieft durch handliche Symbole und spannend gemacht durch melodramatischen Zufall. Für alles gäbe es mehr Beispiele als Platz in diesem Artikel.
Welch ein Zufall, daß der Maler Nansen seinem Feind, dem Polizeiposten, in der Jugend das Leben gerettet hat; welch ein Zufall, daß der erschossene Vater des Erzählers von Stadtgespräch einst im Elternhaus des Kommandanten studiert hat; wie zufällig ist das Pop-Idol Mike Schüler des mit
* Mit Karl John und Willi Rees.
Vorbild-Suche befaßten Studienrats, überdies ein Freund des durch eigene Hand geendeten Sohnes von Rektor Pundt, der außer nach Vorbildern auch nach den Gründen für solchen Freitod fahndet; wie zufällig -- nein, hier sollte man abbrechen und einen Blick werfen auf die realistische Einzelheit.
Sie wird greifbarer im Laufe der Jahre und bleibt am greifbarsten in den kurzen Erzählungen. Was anfangs nur Detail ohne Notwendigkeit war nach der Art von An den Wagen war ein schwarz-weiß gefleckter Köter gebunden, auf den die Frau mürrisch einsprach (Wagen, Hund, Frau bleiben ohne jeden Bezug zum Ganzen), das wird im Vorbild zu einem nahezu vollständigen Katalog von Aktualitäten.
Da ist alles vorhanden, was die Bundesrepublik im Jahre 1973 identifizierbar macht und den Kenner der hamburgischen Topographie erfreut. Nicht nur das Alsterufer, Dammtor und die Gegend um den NDR, sondern Studentendemonstration, progressiver Schulunterricht, Hörsaalbesetzung, Protestsänger, EKG, Schlägertrupps, Evangelische Akademien, SPIEGEL-Gespräch, und alles wohlgetroffen. Eine ganze Stadt- und Zivilisationslandschaft wird aufgeboten, um die mühselig-theoretische Suche nach dem Vorbild zu beglaubigen. Aber sie ändert nichts an Mühsal und Theorie. Es ist schon so, wie Dr. Rita Süßfeldt sagt: Was zählen sollte: die Situation ist zeitgemäß. Der junge Mensch kann sich in sie versetzen und Gründe suchen für das eine oder andere Verhalten. Der Dialog ist bekenntnishaft.
Das war er auch in der Deutschstunde, nur wurde darin weniger über politisierte Pädagogik als über Kunst und Pflicht geredet. Und was im Vorbild · Beim Signieren seiner Bücher in einer Hamburger Buchhandlung.
die Stadtlandschaft bewirken soll, das wurde dort dem Spiel von Wolken und Wasser, dem Wind auf den Deichen von Rugbüll alias Seebüll abverlangt -- sie sollen das Thema verifizieren. Es lautete, sagen wir mal, Vergangenheitsbewältigung und kam gerade recht zum Zeitpunkt der Großen Koalition unter Kiesinger.
So schnell, sagte der Maler, so schnell kommen sie aus ihren Löchern. Du denkst, sie werden sich verborgen halten für eine Weile, still sein, tot sein, allein mit ihrer Scham in der Dunkelheit, aber du hast kaum auf geatmet, da sind sie auch schon wieder da ... Da kannst du dich nur fragen, was größer ist: ihre Vergeßlichkeit oder ihre Schamlosigkeit.
Der solche bedenkenswerten Worte sprach, war im Buch der Maler Nansen; festgehalten wurden sie durch die erinnerungsreiche Feder des Polizistensohnes Siggi Jepsen alias Siegfried Lenz und niedergeschrieben, wie jeder weiß, als Strafarbeit in einer Besserungsanstalt. Auf diese Weise, mit diesem Kunstgriff und indem 5. Lenz auch noch S. Jepsen durch die Schriftsätze eines Psychologen begutachten ließ, konnte ersichtlich gemacht werden, daß jedes Ding (mindestens) zwei Seiten hat.
Es ist der gleiche Kunstgriff, der im Vorbild dreierlei Handlungszüge im Wechsel von drei rechts drei links nebeneinander führt und mit zahllosen hin und her beredeten Geschichten unterfüttert. "Wiederholte Spiegelungen" nannte der alte Goethe solche Technik. Auch das ist dem Leser willkommen. Er merkt, er hat es mit Kunst zu tun, aber er versteht"s doch.
Für Lenz aber ist diese (im Stadtgespräch schon angekündigte) Technik mehr. Sie ist der formale Ausdruck seiner Redlichkeit. Für ihn, den Engagierten, steht fest, daß nicht in der Summe der Fakten die Wahrheit steckt: Anscheinend ist die ganze Wahrheit etwas, das neben den einzelnen faktischen Wahrheiten besteht -- wirkungsvoll und widersprüchlich, schwankend und unbesitzbar. Und so geht er aus, sie kunstreich erkennbar zu machen, und spielt sie dem Leser zu, nicht nur in wiederholten Spiegelungen, sondern als Frage und als Rätsel.
Das geht bis in den Stil der Romane, und das ist das Grundmuster seiner Erzählungen. Nicht nur, daß der Autor sich als bloßer Regisseur kenntlich macht; er begegnet auch der "Wirklichkeit" mit lauter Fragen, ein Fragestil, der in Manier umschlägt: Sturz! Pundt? Hat er eine Kolik? Wird er von plötzlichem Schmerz gekrümmt? Schien eigentlich die Sonne? Schwammen Wildenten auf den Teichen? War der Torfkahn da? Hört er, was Eckelkamp auf den Tisch hinab erzählt? Erreicht es ihn überhaupt?
Und als ob der Fragen nicht genug wären, beginnt er seine Romankapitel und vor allem seine Geschichten mit Rätselsätzen. Mitten in jenem Winter kam er -- Die Wunde ist nicht tief -- Er saß mit dein Rücken zur Wand -- Der maß und maß -- so beginnt er seine Geschichten. Und dann lüftet er das Rätsel ein wenig, schürzt den Knoten stramm und unauflöslich um das Thema, melodramatisch gefaßte Fälle aus dem Alltag, wieder Vergangenheitsbewältigung, wieder Symbole und Zufälle, hingeleitet auf einen pointierten Schluß, der alles offen läßt, alles.
In dieser Art von Fallstudien hat Lenz es zu routinierter Perfektion gebracht, vor Überraschungen ist man nicht sicher, sicher ist man nur, daß wohl Probleme, niemals aber Lösungen aufgedrängt werden. Und es mag manchem Leser so gehen, daß er, statt sich der Aufgabe phantasievollen Überprüfens hinzugeben, Sehnsucht empfindet nach einem solid gemachten Krimi, der die von der Realität aufgegebenen Rätsel aus den verschlungenen Fäden einer gut erzählten Geschichte entwirrt und löst, einer Geschichte, von der man nicht sagen kann: Typisch, typisch für dich, mein Alter, bei dir endet alles in der Schwebe, weil du Lösungen als Unhöflichkeit ansiehst.
Und so hat Lenz denn seinen problematischen Produktionen, aus Gründen einer höflichen Gerechtigkeit, möchte man meinen, zwei schelmisch-problemlose entgegengestellt, in denen der Leser Erholung suchen kann. So zärtlich war Suleyken und Der Geist der Mirabelle verfahren in jedem Betracht umgekehrt. In ihnen ist alles übersichtlich, scherzhaft oder ein wenig grotesk, es sind holzschnittartige Späße, auf die man sich verlassen kann wie auf das unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft, Holzarbeiter und Bauern, Fischer, Deputatarbeiter, kleine Handwerker und Besenbinder aus der versunkenen masurischen Welt; verlassen kann wie auf die Einwohner von Bollerup. Da sind die Verhältnisse klar, zuweilen listig, aber immer bleibt das Herz auf dem rechten Fleck.
In Bollerup, Nachbarn, läßt sich der Wind nicht aufhalten, kommt frisch von der Ostsee, und wenn schon eine Unglück passiert und die Mähmaschine ein Bauernbein abfährt, so war es kein schmerzlich-fleischliches, sondern ein Holzbein, nicht einmal das Sonntagsbein, Nachbarn, sondern das Alltagsbein. Die Vergangenheit ist kein unfaßbarer Spuk mehr, sondern besonnt, ein freundliches Licht scheint auf die Küsten nördlich von Kiel gelegen bzw. südlich von Aabenraa.
Es sind Histörchen, wie sie ein guter Lehrer am Schluß der gediegenen Deutschstunde seinen Schülern erzählt, zur Erheiterung und Belohnung, ja vielleicht nur, das Wort sei gewagt, zur Unterhaltung.
Aber ein anspruchsvoller Lehrer bleibt er doch, und die Frage ist unabweislich, was ihn so beliebt macht. Der Erfolg eines Autors muß wahrhaftig nicht gegen ihn sprechen. Aber vielleicht macht er die Art des Pakts bedenklich, den er mit seinen Lesern geschlossen hat, so wie Lenz es in einer oft zitierten Rede ausdrückte: Ich schätze nun einmal die Kunst, herauszufordern, nicht so hoch ein wie die Kunst, einen wirkungsvollen Pakt mit dem Leser herzustellen, um die bestehenden Übel zu verringern.
In dem Satz ist der ganze Lenz, der zu richtiger Zeit die richtigen Themen fand, richtig und notwendig für seine Leser. Er ist ein durch und durch moralischer Autor, einer, der bessern will und erleuchten. Dazu bedarf es eines wirkungsvollen Verfahrens, ersichtlicher Probleme, faßlicher Fragestellungen, erkennbarer Aktualität, kurz eines Pakts mit dem Leser, der ihm verspricht, wohl Nachdenklichkeit und Bilderfülle, nicht aber Überforderung zuzulassen; vielleicht auch verspricht, stellvertretend für ihn ein wenig Vergangenheit zu bewältigen, an der der Leser gescheitert ist.
Ob aber in dem Pakt mit dem Leser auch ein Pakt mit der Kunst enthalten sei, das bleibt offen wie eine Erzählung von Lenz. Das einzelne stimmt, aber deshalb stimmt noch nicht immer das Ganze. Die Gesinnung fordert Respekt, aber nicht immer die Prosa. Probleme und Übel bleiben nicht verschwiegen, aber vielleicht jene farbige Fülle des Lebens, welche die ganz großen Erzähler, scheinbar unproblematisch, auszubreiten vermögen.
Nur in Deutschland ist der Roman eine pädagogische Veranstaltung, und deshalb war jener Pakt so nur bei uns zu schließen. Eingerahmt von meinen Leuten, von Erinnerungen umstellt, getränkt von den Ereignissen an meinem Ort, unterwandert von der Erfahrung, daß Zeit nichts, aber auch gar nichts heilt, weiß ich, was ich zu tun habe und was ich tun werde morgen früh. Scheitern an Rugbüll? Vielleicht kann man es so nennen.

DER SPIEGEL 12/1976
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DER SPIEGEL 12/1976
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