08.03.1976

PRESSEAm Eisberg vorbei

Axel Springers „Welt“ sollte untergehen. Wirtschaftliche Schwierigkeiten bewogen den Verleger, mit der „FAZ“ über eine Übernahme der Abonnentenkartei zu verhandeln.
Beim Bankett im altehrwürdigen Presseklub "Concordia" zu Wien -- prominentester Gast des Abends war Österreichs Kanzler Bruno Kreisky -- plauderte ein Besucher aus dem fernen Hamburg in zwanglosem Vortrag über Chancen und Nöte "guter Zeitungen" im Bonner Staat. Und wie beiläufig lüftete er dabei ein sorgsam gehütetes Geheimnis des Metiers.
Der Kollege Axel Springer, so erzählte "Zeit"-Verleger Gerd Bucerius, habe auf dem Höhepunkt der just gemilderten deutschen Pressekrise sein defizitäres Prestigeblatt "Die Welt" in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") "aufgehen" lassen wollen.
Nächstentags machte die Causerie im Wiener Klub die Herren der feinen Frankfurter Zeitung mobil. Denn aus der Bucerius-Kunde von der "Welt"-Absorption durch die "FAZ" war in den Nachrichten des Hessischen Rundfunks eine "Fusion" geworden -- eine Variante, die wegen ähnlicher Gerüchte schon Wochen zuvor in der Redaktion Argwohn erregt hatte: falscher Alarm vor dem Eindringen des konservativen Großverlegers Springer als "FAZ/Welt"-Teilhaber.
Das wiederbelebte Mißverständnis bewog die Frankfurter zu einem für Springer hochnotpeinlichen Dementi: Nicht von "Fusion" sei jemals die Rede gewesen, sondern, so stand es Anfang letzter Woche in deutschen Zeitungen, "der Verleger der "Welt' hatte lediglich erwogen, die "Welt' einzustellen".
Damit aber war offiziell, was Branchenkenner stets für undenkbar gehalten hatten: daß Axel Springer sein Flaggschiff, das er seit langem mit Millionenzuschüssen unbeirrt in Fahrt hält, doch einmal aufgeben würde oder dies doch zumindest erwägen könnte.
Kenntnis von Springers Plänen hatten die Frankfurter Konkurrenten erlangt, als der Berliner Konzernherr vor etwa Halbjahresfrist einem Kollegen und "FAZ"-Verwaltungsrat, dem "Frankfurter Neue Presse"-Verleger Werner Wirthle, seine Ideen vom "Welt"-Untergang offenbarte und Gespräche über die Resteverwertung vorschlug. Bis über den Jahreswechsel hinaus verhandelten daraufhin "FAZ"-Geschäftsführer Hans Wolfgang Pfeifer und zuletzt auch der Herausgeber-Sprecher Bruno Dechamps mit Springer-Beauftragten über den Ankauf der "Welt"-Abonnentenkartei.
Springer hoffte, auf diese Weise die Kosten des teuren Sozialplans beim Ende der "Welt" wenigstens teilweise hereinzuholen. Doch die "FAZ"-Chefs fanden das Karteiplus "nicht so glorios für uns" -- die Preisvorstellungen stimmten nicht mal annähernd überein. Ein renommierter Zeitungsverleger schätzt, daß Springers Sozialplan eine achtstellige Summe erfordern würde, während der Karteiwert für die "FAZ" auf nur mehr fünf Millionen Mark zu veranschlagen sei.
Denn von der verkauften "Welt"-Auflage (219 569) würden beispielsweise knapp 17 Prozent Kiosk-Käufer als Übernahmekontingent entfallen. Ebenso müßten Doppelleser von "Welt" wie "FAZ" und primär am Lokalteil interessierte Hamburger Abonnenten abgezogen werden. Und auch ein Block sogenannter Patenschaftsabonnements, deren Bezugspreis konservative Gesinnungsfreunde in deutschen Unternehmensspitzen für "Welt"-Interessenten zeitweise übernehmen, würde mit dem "Welt"-Ende erlöschen.
Gleichviel, mit dem von Kennern auf 50 000 Exemplare geschätzten Restbestand hätte die "FAZ" (Auflage: 287 750) wohl die überregional verbreitete "Süddeutsche Zeitung" mit ihrem starken regionalen Leserstamm (Auflage: 293 928) überrundet. Doch "Schnee von gestern" ist das nun alles für "Welt"-Chefredakteur Claus Jacobi. Denn die Gespräche zwischen Frankfurt und Berlin, an denen zeitweise auch Springer-Vorstand Peter Tamm beteiligt war, sind laut Resümee bei der "FAZ" "irgendwie in der Schwebe verschwunden". "Wenn es eine Krise der "Welt' gegeben haben sollte", sagt Jacobi, "so ist sie überwunden."
Dennoch fühlen sich viele "Welt"-Mitarbeiter nun, so schaudert einem von ihnen, "wie auf der "Titanic" an der der erste Eisberg unbemerkt vorbeigeschwommen ist". Unbestreitbar nämlich bleibt, daß beim einst von den Briten gegründeten liberalen Musterblatt unter Springers rechtsorientierter Kurspflege unaufhaltsam das Defizit gewachsen ist. Vorletztes Jahr bekanntgewordene Minusziffer, vom Verlag weder bestätigt noch dementiert: rund 26 Millionen Mark.
Und eine teure Konzentration der Kräfte im vergangenen Jahr -- Technik nach Essen, Redaktion nach Bonn -- verfehlte in mindestens einer Hinsicht ihr Ziel: Einer neugeschaffenen Lokalausgabe für Bonn blieb der rechte Erfolg versagt; sie soll daher wieder abgebaut werden.
Vorerst allerdings hat der Verleger wieder einmal sein Vergnügen an der "Welt" übers Ökonomische obsiegen lassen. Eine leichte wirtschaftliche Klimabesserung im Hause reichte hin. Springers Meinungsträgern das ihnen zugedachte Schicksal zu ersparen. Die Kapitulationsverhandlungen hakten plötzlich, so wunderte man sich bei der "FAZ", an "Kinkerlitzchen" fest. "Der liebe Gott", frotzelte ein Verlagsinsider, "hat's dann wohl doch nicht mehr gewollt."

DER SPIEGEL 11/1976
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