03.05.1976

„Ich bleibe Priester, ich bleibe Ehemann“

Der Priester und Kirchenhistoriker Georg Denzler, seit 1973 verheiratet und Vater zweier Kinder, hat vom Vatikan eine Abfuhr erhalten. Sein Antrag, ihn vom Zölibat zu befreien und den Ehemann Priester sein zu lassen wurde endgültig abgelehnt. Nun ruft Denzler seine Mitbrüder, die es heimlich treiben, zur Massenheirat auf.
SPIEGEL: Herr Professor Denzler, der Vatikan erlaubt es Ihnen nicht, gleichzeitig katholischer Priester und Ehemann zu sein. Er hat Sie allerdings auch nicht in den Laienstand zurückversetzt. Was nun?
DENZLER: Ich bleibe katholischer Priester, auch nach dem katholischen Kirchenrecht.
SPIEGEL: Allerdings ein suspendierter, der nicht als Priester tätig sein darf. Zur Strafe wurde Ihnen die kirchliche Lehrbefugnis entzogen, und auch am kirchlichen Leben dürfen Sie nicht uneingeschränkt teilnehmen, weil Sie sich offen zu Ihrer Frau und Ihren zwei Kindern bekennen.
DENZLER: Ich bleibe Priester, und ich bleibe Ehemann. Und ich werde weiterkämpfen.
SPIEGEL: Wofür?
DENZLER: Ich werde dafür kämpfen, daß es mit dem kirchlichen Zölibatsgesetz bald ein Ende hat.
SPIEGEL: Das hat schon mancher vergeblich versucht.
DENZLER: Die Zeit ist jetzt reif. Die Mehrheit der Gläubigen und Priester ist für die Aufhebung des Zölibatsgesetzes, und der Priestermangel wird immer katastrophaler.
SPIEGEL: Aber der Papst will nicht, und so wird alles beim alten bleiben.
DENZLER: Den Papst kann man zwingen.
SPIEGEL: Wie das?
DENZLER: Es müßten einige zehntausend Priester mehr Mut und mehr Ehrlichkeit zeigen: Jene vielleicht 30 Prozent der heutigen Priester, die insgeheim gern heiraten möchten, sollten es auf der Stelle tun. Der Zwangszölibat, also die kirchenrechtlich befohlene Kopplung zwischen Priestertum und Zölibat, wäre binnen einem Jahr vom Tisch.
SPIEGEL: Also eine Art Aufstand der Priester?
DENZLER: Viele Priester stehen dicht davor, das in Realität umzusetzen. Ihre innere Bereitschaft ist groß. Sie wissen, daß Zölibat und Priestertum nicht notwendig zusammengehören, lehnen den Zölibat für sich selber ab und halten sieh insgeheim nicht daran. Nur Existenzangst hindert sie an der letzten Konsequenz. Würde die Priesterheirat jedoch zu einer Massenbewegung, könnte die Kirche nicht mehr an der Aufhebung des Zölibats vorbei.
SPIEGEL: Damit fordern Sie Zehntausende Priester zum Bruch eines Versprechens auf, daß diese einmal "feierlich vor Gott" abgegeben haben.
DENZLER: Ein Versprechen, zu dem ich innerlich nicht mehr stehe, ist im Grunde schon gebrochen. Außerdem muß da jeder seinem Gewissen gehorchen. Ein Versprechen, das aufgrund neuer Einsichten für jemanden sinnlos geworden ist, muß der Betreffende unter Umständen sogar brechen.
SPIEGEL: Nehmen wir an, es käme tatsächlich je zu so einer Art Priesterstreik gegen den Zölibat: Was, wenn Papst und Bischöfe dennoch weiter am Zölibat festhalten würden?
DENZLER: Schon bei einer Massenheirat von, sagen wir, 40 000 Priestern innerhalb eines Jahres ginge das nicht mehr. Die Seelsorge würde zusammenbrechen.
SPIEGEL: Die Kirche ist aber zur Zeit dabei, Vorsorge zu treffen. So zieht sie vermehrt Laien für Hilfsdienste heran. Neue kirchliche Berufe sind entstanden: der Diakon, der Pastoralassistent. Alles nur, um den Zölibat zu retten.
DENZLER: Die Laien übernehmen weitgehend die Arbeit der Priester, erhalten aber nicht die entsprechenden Rechte. Die Laien sollten sich das nicht gefallen lassen. Wer als Laie mitarbeitet, aber keine entsprechende Entscheidungsbefugnis hat, nimmt sein Laienpriestertum nicht ernst genug.
SPIEGEL: Also zur Revolte der Priester auch noch die Revolte der Laien?
DENZLER: Die Laien haben zur Zeit bereits mehr Einfluß auf die Zukunft der Kirche, als ihnen bewußt ist. Sie könnten entscheidend bei der Abschaffung des Zölibats helfen. Sie sollten sich weigern, für fehlende Priester einzuspringen, wenn sie nicht auch die Rechte der Priester bekommen, also auch zu Priestern geweiht werden. Sie sollten sich weigern, den Lückenbüßer zu spielen.
SPIEGEL: Ist aber der vermehrte Einsatz von Laien in der Kirche und der gleichzeitige Rückgang der Priesterberufe nicht ein Anzeichen dafür, daß sich das Problem Zölibat auf die Dauer von selbst löst, einfach deshalb, weil es eines Tages kaum noch Priester geben wird?
DENZLER: Das sehe ich auch so. Aber das Ganze könnte schneller und ehrlicher gelöst werden. Es ist doch grotesk, daß die Bischöfe Tausende ausgebildeter Priester nur wegen einer Heirat von ihrem Dienst suspendieren, um dann weniger ausgebildete verheiratete Laien anzustellen, die den Verlust an Priestern wettmachen sollen. Das ist doch reine Augenwischerei. Mehr noch, das ist unehrlich, inhuman und ganz und gar unverantwortlich, wenn man an die Hauptaufgaben der Kirche denkt.
SPIEGEL: Ein hartes Urteil, das Sie da über Ihre Bischöfe sprechen.
DENZLER: Die Bischöfe wissen ganz genau, wie es um die Realität des Zölibats bestellt ist, wie die Gläubigen und die Priester darüber denken und wie sie den Zölibat unterlaufen. Die Bischöfe interessiert vielfach nicht, ob einer den Zölibat insgeheim ablehnt und ob er ihn heimlich bricht. Hauptsache, er schafft keinen öffentlichen Skandal. So bleibt der Zölibat stets ein hervorragendes Mittel zur Disziplinierung. Diese Unehrlichkeit in der Kirche, diese Verlogenheit muß endlich aufhören.
SPIEGEL: Glauben Sie denn im Ernst, daß die Abschaffung des Zölibats den Zulauf zum Priesterberuf entscheidend verstärken oder gar die allgemeine Flaute in der Kirche beheben könnte?
DENZLER: Ich persönlich meine das. Mit Sicherheit hätten wir diejenigen Priester noch, die wegen ihrer Heirat ausscheiden mußten und in Zukunft ausscheiden werden. Aber das ist auch nicht so wichtig. Entscheidend ist, daß mit der Aufhebung des Zölibats mehr Offenheit, größere Ehrlichkeit und eine sympathische Natürlichkeit in die Kirche einziehen würden. Das wäre schon Erfolg genug.
SPIEGEL: Papst und Bischöfe, die ja immer noch das Sagen haben, werden das zu verhindern wissen.
DENZLER: Da bin ich nicht mehr so sicher. Gewiß, der jetzige Papst wird von sich aus den Zölibat nicht abschaffen. Aber daß auch ihm Zweifel gekommen sind, hat er ja einem Bischof anvertraut. Auch einige Bischöfe haben sich bereits kritisch geäußert. Ich schätze, daß mindestens jeder zehnte von der Notwendigkeit des Zölibatsgesetzes nicht mehr so fest überzeugt ist. Aber fast alle Bischöfe sind völlig Rom-hörig, sie tun alles, was Rom sagt, und nur das. Deshalb ist entscheidend, wie der nächste Papst zum Zölibat eingestellt sein wird.
SPIEGEL: Er wird dafür sein. Denn der nächste Papst ist voraussichtlich wieder alt und konservativ. Wen anders sollen hundert alte und konservative Kardinäle schon aus ihren eigenen Reihen zum nächsten Papst wählen?
DENZLER: Möglich. Deswegen wäre ich, was den Zölibat angeht, auch eher für eine Entscheidung von unten.

DER SPIEGEL 19/1976
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