03.05.1976

Flönz, Ölk und Kriminelles

Kenner wissen das: An der Reeperbahn regiert seit langem der Nepp, in Frankfurts Amüsierstraßen ist schon das Flanieren gefährlich, und auch in Schwäbing stimmt nur mehr die Fassade. Wer sich da oder dort einen Spaß machen will, bekommt ihn teuer und derb, wohl auch nicht ohne Risiko für die körperliche Unversehrtheit.
Und doch scheint es das noch zu geben, Amüsement ohne Verdruß. An der "längsten Theke Europas", wie die Düsseldorfer ihre Altstadt nennen. Urig, fast idyllisch nimmt sich das Gassenviertel zwischen Rheinufer und Heineallee aus, mit seinen 270 Bierkneipen und Diskotheken, Pinten und Pizzastuben.
Als Vorbild für Denkmalpflege präsentierte das WDR-Fernsehen dieses Kontrastprogramm zur gleich nebenan gelegenen Renommiermeile, der Königsallee: eine Altstadt mit gepflegten, farbigen Fassaden und gut erhaltenen Gebäuden, mit Blumenkästen und Straßenservice vor Kneipen und Cafés, heiterem Gewühl zwischen Geschäften und Galerien.
Hier muß noch niemand für eine Cola mit Rum einen Zwanziger hinblättern, um mal was Nettes zu sehen. Die Stange Altbier im "Füchschen" oder in der "Uehl", in der "Pille" oder der "Distel" ist für 80 Pfennig oder 1,20 zu haben, ohne lästigen Verzehrzwang. Fettglänzende "Riefkooke" (Reibekuchen), Flönz und Ölk (Blutwurst mit Zwiebelringen und Senf) -- wer will, kann immer noch vielfältig und preiswert und exotisch speisen.
"Wir haben das Glück, eine saubere Altstadt zu besitzen", freut sich der Düsseldorfer CDU-Stadtbezirksvorsitzende Karl-Friedrich Klees. Schön wär's ja.
Denn unbemerkt von Politikern wie Klees, dafür um so aufmerksamer registriert von der Düsseldorfer Polizei, hat sich unter Europas längster Theke eine ganze Menge Dreck angesammelt. Wo manchem Anschein nach die Altbier-Gemütlichkeit nicht kleinzukriegen ist, kommandieren zusehends Rocker und Zuhälter, haben Schläger und Gangster bereits einen guten Teil des romantischen Terrains im Griff.
Mit jährlich fast 2 000 "schweren" Delikten wie Körperverletzung und Totschlag, Raub und Rauschgifthandel liegt Düsseldorfs Altstadt nach polizeilichem Vergleich bereits vor Hamburgs Vergnügungsviertel St. Pauli -- wo Sitte und Kripo freilich schon seit Jahren gezielt auf- und abräumen. Ähnlich wurde die Düsseldorfer Altstadtwache um zwei Dutzend Beamte verstärkt, ausgesucht nach Größe und Gewicht, die es im Boxen und Ringen mit Randalierern aufnehmen können. Die Streifengänge wurden verdoppelt, ein Sonderaufgebot von städtischen Hilfspolizisten mit Funkgerät zwecks Alarmierung von Kripo-Kollegen patrouilliert ständig durch die Altstadtstraßen.
Fast täglich werden Passanten oder Thekensteher krankenhausreif geschlagen oder mit Schnappmessern angestochen. Mal prügeln sich, wie in der "Kreuzherrenecke", zehn Polizisten mit Gästen und Personal, angefeuert von dem Kellnerruf: "Das ist die Manier der Altstadt-Bullen -- zeigt ihnen, daß sie das nicht mit uns machen können!" Mal machen, wie im September letzten Jahres, Fußballfans aus der Altstadt ein Schlachtfeld -- mit zahlreichen Verletzten, darunter Frauen und Kinder. Dann wieder zertrümmern Betrunkene das Mobiliar kleiner Stehkneipen, werden uniformierte Beamte mit Messern angefallen -- die Polizei zieht Monat für Monat eine blutige Bilanz.
Allein in der Osterwoche waren fünf junge Angeklagte in zwei Prozessen vor dem Düsseldorfer Landgericht wegen Kaufs, Verkaufs und Besitzes von Heroin angeklagt. Tatort: die Altstadt. Wenige Tage zuvor waren dort drei Fixer aufgegriffen worden, die Heroin gleich unzenweise (die Unze: 28 Gramm) aus Holland eingeschmuggelt und umgesetzt hatten.
Ein Haschischhändler, in dessen Altstadt-Unterkunft ein halbes Kilo Rauschgift gefunden worden war, wurde vor Ostern zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt; im März waren zahlreiche Rauschgift-Urteile von sieben, fünf und zwei Jahren gesprochen worden -- meist gegen Mitglieder ganzer Gruppen und Ringe, die in der Altstadt an Tresen und auf Toiletten den "Stoff" offerieren. Jüngstes Urteil: acht Jahre.
Solch dunkle Schatten auf der bunten Altstadt-Kulisse sind für den Durchschnittsbürger noch kaum auszumachen. Behörden und Gastronomen aber, selbstredend über die wahren Zustände eingeweiht, decken das Dilemma zu, wann immer es ihnen nötig erscheint. Als etwa Beate Uhse sich in der Altstadt mit einem ihrer Sex-Shops einmieten wollte, setzten Gewerbetreibende wie Gewerbeaufseher alles daran, den Laden sauberzuhalten.
SPD-Ratsherr Heinrich Riemenschneider schrieb nach Flensburg, er sei zwar "kein prüder Heini, kein Sex-Muffel" -- aber ein Geschäft für Kondome und Massagestäbe halte er für "völlig unangebracht": Immerhin sei "jeglicher kommerziell ausgerichteter Sex-Betrieb" bisher ferngehalten worden, "die Altstadt wehrt sich dagegen, ein St. Pauli zu werden".
Vergeblich antwortete Uhse-Sohn Ulli Rotermund, Chef der mütterlichen Ladenkette, man wolle "nicht auf Puff machen, sondern passend zur Altstadt mit Braun und Gold", wo dann höchstens fünfzig Prozent Sex, ansonsten "anspruchsvoll gemachte Unterhaltung" geboten werde. Ohne Erfolg bot er 18 000 Mark Monatsmiete und beträchtliche Investitionen für Verschönerungen sowie Boutiquen-Vermietungen zugunsten des einheimischen Einzelhandels.
Fruchtlos auch wies er auf eine Passage in der Flinger Straße hin, im Herzen der Altstadt, wo schon seit längerem "ein Sex-Shop und ein Sex-Kino primitivster Art" angesiedelt seien. Ohnehin, so hatte Rotermund vor Ort ermittelt, sei die Altstadt schon "Klein-St. Pauli", denn "in Hinterzimmern" würden auch schon "350 Mark für eine Flasche Sekt plus Dame" verlangt.
Unverdrossen inszenierten vier Ratsherren von CDU, SPD und FDP auf der Bolkerstraße eine Unterschriftensammlung gegen das Uhse-Projekt (Resultat: über 1300 Bürgerproteste), und das kommunale Bauaufsichtsamt entdeckte den Paragraphen 64 der Landesbauordnung, der je nach Ladengröße eine bestimmte Garagen- oder Parkfläche vorschreibt -- und 30 Einstellplätze konnte die Firma Uhse mitten im Fußgängerparadies schließlich nicht herbeischaffen. Sie gab auf.
Unterdessen freilich sieht auch der Düsseldorfer SPD-Bundestagsabgeordnete Manfred Geßner "die Altstadt auf einem Weg, der bedenklich werden könnte". Nach einer nächtlichen Tour mit Fuß- und Verkehrsstreifen meinte Geßner zwar, die Polizei habe das Viertel "weitgehend im Griff", doch sah er gleichwohl Probleme: "Die Pächter und Besitzer von Gaststätten wechseln zu häufig. Die Polizei kennt die Leute nicht, außerdem übernehmen immer mehr Strohmänner Kneipen. Und die sich dahinter verbergen, tun dies nicht ohne Grund."
Die dahinter, das sind nach Kripo-Erkenntnis meist Ausländer, die legal Altbier-Pinten in Pizzabäckereien oder Stehcafés in Schaschlikbratereien verwandeln und damit nicht nur das äußere Bild der gemütlichen Gassen verändern, sondern auch das Geschehen im Hinter- und Untergrund. Ein Kripo-Sprecher zur Lage: "Vor acht Jahren haben französische Gangster versucht, die Düsseldorfer Unterwelt zu kontrollieren, danach kamen die Österreicher, jetzt sind die Jugoslawen an der Reihe."
Um die Jahreswende jagte eine Sonderkommission der Düsseldorfer Kripo eine balkanesische Gruppe und nahm bei sieben Razzien 16 Jugoslawen fest, darunter international gesuchte Taschendiebe, Einbrecher und Hehler, die Mehrzahl mit Schußwaffen und falschen Pässen ausgerüstet. Einige jugoslawische Gaststätten, auch außerhalb der Altstadt, werden besonders überwacht, nachdem ein Wirt behauptet hat, er werde "erpreßt" um eine "Schutzgebühr" nach italo-amerikanischer Mafia-Manier. An Beweisen fehlte es zwar, aber zweimal innerhalb weniger Tage wurden gerade aus diesem Lokal Schießereien gemeldet.
Inzwischen bekämpfen sich die ausländischen Budiker bereits untereinander und teils mit Hilfe der Polizei, indem sie sich wegen Verletzungen der Sperrstunden (in Düsseldorf ein Uhr nachts, mit Sonderkonzession drei Uhr) anzeigen. Zweck: Konkurrenten zu vertreiben, um selbst mehrere Trinklokale oder Gaststätten an die goldene Kette zu bekommen. Geßner: "Mit dem gastronomischen Abenteuer kommt der Nepp."
An Versuchen von Oldtimern und Neulingen, Gesicht und Wesen der Altstadt zu bewahren, fehlt es nicht. So mühte sich der Wirt des vorwiegend von langmähniger Jugend besuchten "Creamcheese" an der Neubrückstraße mit einem "Kneipentheater". Bei Bier und Bouletten inszenierte der glatzköpfige Fernsehschauspieler Peter Kuiper das "Wunschkonzert" von Franz Xaver Kroetz und die "Rattenjagd" von Peter Turrini. Aber schon nach zwei Monaten wurde eine unbefristete "schöpferische Pause" (Kuiper) ausgerufen: Diese Kunst kam nicht an.
In "Fatty's Atelier", einst Treff von Künstlern aller Arten und beim Publikum in bestem Ruf, dämmert eine Talkshow namens "Montagsrunde" dahin, bei der vorwiegend lokale Größen -- Sportler, Schauspieler, Abgeordnete, Karnevalsprinz -- mit den Gästen diskutieren, mal über Kunst, mal über Kinder.
Und wieder mal mit dabei ist der Schickeria-Gastronom Helmut Mattner, in dessen -- nicht mehr existierendem -- Düsseldorfer Restaurant "Datscha" die Gäste Sekt aus einem kostbaren Duplikat der Zarenkrone schlürfen konnten. Ehe Mattner mit den Tanzbars "Töff-Töff" und "Lord Nelson" in der Bolkerstraße sowie mit dem Altstadt-Speiselokal "Alt Düsseldorf" zum bekanntesten Prominenten-Gastgeber in den geldbringenden Gassen avancierte, hatte er den Moskauer Staatszirkus und das Bolschoi-Ballett, die "Harlem Globetrotters" und "Holiday on Ice" in die Bundesrepublik importiert.
Nun rechnet Mattner, der sich jahrelang in seine Luxusvilla im feinen Unterbach bei Düsseldorf zurückgezogen und nur Lokale verpachtet hatte, auf die "Fernsehmüdigkeit" und "auf das Bedürfnis der Leute in mittleren oder älteren Jahren, schick auszugehen" und auch wieder in der Altstadt "ab und zu mehr Geld auszugeben", als dies das junge Volk kann oder will.
Seine verschnörkelte Tanzdiele "Töff-Töff" verwandelte er in ein schimmerndes Mini-Theater mit Namen "Alcazar", wo zu einer Topless- und Transvestiten-Schau ("Bon Soir Paris") -- mit Girls und Boys aus Pariser Entertainer-Etablissements wie "Lido" und "L'ange bleu" -- an Tischen oder auf dem Barhocker vornehm gespeist und getrunken wurde. Eintritt: 20 Mark und gute Garderobe.
Weiter plant Mattner, der sich der Anti-Uhse-Kampagne mit Unterschrift angeschlossen hatte, zwecks Belebung der Altstadt ein monströses "Tingeltangel" unter Dach, in ehemaligen Gaststätten-Räumen -- mit Kleinkarussell und Kitschverkauf, mit Spielautomaten und Würfelbuden, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Mattner: "In der Altstadt fehlt eine Kirmes, ein Rummmelplatz für schlechtes Wetter."
Ob Mattners Kirmes oder die Anstrengungen anderer Altstadt-Beflissener den derzeitig schnurgeraden Weg des Vergnügungsviertels ins Verbrechen bremsen können, ist zweifelhaft. Schon zu stark verwischt scheinen die Unterschiede zwischen dem Düsseldorfer Amüsierrevier und Hamburgs St. Pauli oder Frankfurts Bahnhofsregion.
Selbst die Amtspersonen scheinen allmählich den hartnäckig hochgehaltenen Glauben an ihre Altstadt zu verlieren -- wie etwa der Feuerwehrdezernent Albert Ilien, dem allein der Zuwachs offener Grills und Bratereien in engen Gassen und ausgedörrtem Gebälk suspekt ist. Als sei er nicht von dieser Welt oder noch aus der alten Altstadt, klagt, der Behördenmann: "Manche Leute in der Altstadt verstoßen gegen die primitivsten Regeln des menschlichen Lebens, nur um Geld zu machen. Das kotzt mich an."

DER SPIEGEL 19/1976
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