03.05.1976

ARCHÄOLOGIEUntergang am Nachmittag

Ein österreichischer Ingenieur, ehemaliger Mitarbeiter Wernher von Brauns, entwickelte mit Hilfe moderner geologischer Erkenntnisse eine interessante Theorie über den Atlantis-Bericht des Philosophen Platon.
Ein neues Paradies muß es gewesen sein, voll von zahmem und wildem Getier, mit üppig gedeihenden Früchten aller Zonen und mit glücklichen Menschen: die große Insel Atlantis, deren Königsstadt Basileia mit ihren Mauern, Tempeln und Palästen von rotem Golde nur so schimmerte.
Doch leider hat der von aromatischen Düften erfüllte neue Garten Eden mit dem ersten gemeinsam: Er ist nicht mehr auffindbar. "Während eines einzigen schlimmen Tages und einer einzigen schlimmen Nacht" versank die ganze Pracht im Meer. So erzählte es um 350 vor Christus der griechische Philosoph Platon -- allerdings wieder nur nach jahrtausendealtem Hörensagen.
Dennoch oder gerade deshalb reizte die Frage, ob und wo es das legendäre Eiland gegeben habe, als eines der größten geographisch-historischen Rätsel Laien wie Gelehrte durch die Jahrhunderte.
Sie suchten Atlantis überall. Sir Francis Bacon vermutete es 1638 in Brasilien, der Jesuitenpater Athanasius Kircher knapp 30 Jahre später bei den Azoren. Der Schwede Rudbeck 1675 und der Italiener Bartoli 1764 hätten Atlantis gern in ihren heimatlichen Bereichen gewußt. Tiefsee-Spezialist und Fernseh-Held Jacques-Yves Cousteau forscht im Krater von Santorin <Ägäis), dem antiken Thera, nach der atlantischen Königsstadt Basileia.
Einer bedachte auch deutsche Gewässer: Pastor Jürgen Spanuth aus Bordelum .bei Husum glaubte bis zur Gewißheit und trotz des Murrens seiner sich vernachlässigt fühlenden Gemeinde Atlantis zwischen Nordfriesland und Helgoland. Die auch in seiner Pfarrei heimische Basileia-Sage von einer alten Königsstadt oder -insel wie auch der althelgoländische Name "Atlun" für die rote Sandsteininsel wiesen ihm die Spur: "Atlantis ist nicht ein versunkener Erdteil im Atlantischen Ozean", behauptete der Pastor, "Atlantis war eine Insel in der Nordsee."
Zu den rund 25 000 Büchern, die bisher über das sagenhafte Eiland geschrieben wurden, fügt der Econ Verlag jetzt ein weiteres Werk hinzu. Es verspricht schlicht "Alles über Atlantis"*.
In der Tat gibt das Buch einen Rundblick frei auf das, was Forscherfleiß und Entdeckungswahn bis heute zusammengetragen haben. Der Verfasser Otto Heinrich Muck kam 1956 bei einem Unfall ums Leben. Der Verlag ließ seine 1954 und im Todesjahr nach zwanzigjährigen Arbeiten erschienenen Atlantis-Bücher kräftig mit neuesten Funden, Vermutungen und Gags aufpolieren.
Leitfaden war für Muck Platons Bericht. Dabei setzte Muck ein wissenschaftliches Arsenal ein, das der vielseitige Forscher und Techniker in mancherlei Studien erworben hatte.
Der 1892 in Wien geborene Ex-Oberleutnant der k.u.k. Aviatik -- er hatte den Osterreichern den ersten Jagdeinsitzer gebaut -- promovierte in München bei dem Heisenberg-Lehrer Arnold Sommerfeld. Im Zweiten Weltkrieg gehörte Muck zu Wernher von Brauns Peenemünder Raketen-Team. Er war der Erfinder des U-Boot-Schnorchels. Als er starb, hinterließ er rund 2000 Patente.
Alles, was Muck aus seinem gelehrten Fundus brauchen konnte, hat er phantasievoll in seine Atlantis-Theorie gesteckt. Das Auge starr auf Platons Text geheftet, befand er, das versunkene Sagenreich könne nur da gelegen haben, wo es der Philosoph placiert hatte: jenseits der "Säulen des Herkules", der Straße von Gibraltar, also im Atlantik.
Muck setzte, unter Berücksichtigung der wissenschaftlich anerkannten Kontinentverschiebung, in einem globalen Puzzlespiel Amerika, Europa und Afrika wieder in jener Mitte zusammen,
* Otto H. Muck: "Alles über Atlantis". Econ Verlag, Düsseldorf; 384 Seiten; 28 Mark.
von der die Kontinente einst nach Ost und West fortwanderten. Bis auf ein Riesenloch im Azorenraum paßte alles recht gut zusammen.
Genau an dieser Stelle verbreitert sich unterseeisch der atlantische Rücken, der fast von Pol zu Pol reicht, zu einem Hochplateau. Es füllt fast genau die überseeische Lücke zwischen den wiedervereinigten Erdteilen. Auch die Fläche stimmt mit Mucks Hochrechnung von der Ausdehnung von Atlantis nach Platon überein: 400 000 Quadratkilometer. Die vulkanischen Azoren sind die aus dem Meer ragenden Gipfel der versunkenen Atlantis-Berge. Mucks interessante Kronzeugen für Atlantis sind der Golfstrom und die Aale. Die größte Warmwasserheizung der Erde floß nämlich nicht immer bis Norwegen. Erst gegen Ende des Quartärs, so erkannte die geoklimatische Forschung, etwa um 10000 vor Christus, erreichte er Europa und taute allmählich die Eismütze ab. Was den Golfstrom bis dahin aufgehalten hatte, war für Muck klar: Atlantis, das dem Golfstrom wie ein riesiger Damm den Weg versperrte und ihn zurück nach Westen lenkte.
Deshalb war das vulkanische Eiland, wie es Platon schildert, auch ein Garten Eden, wimmelnd von Tieren, überquellend von fruchtbarster Vegetation. Kokospalmen gab es da, Bananen und auch Elefanten. Das hat, laut Muck, mit seiner noch frischen Kraft der Golfstrom ermöglicht.
Auch die europäischen Aale holt sich der Atlantis-Forscher als Zeugen. Bislang gibt es nämlich keine Erklärung dafür, warum sie von ihren Laichplätzen in den Tangwäldern der Sargassosee eine dreijährige Reise über den großen Atlantik zu den Flußmündungen Europas und wieder zurück machen. Die Süßwasserströme Amerikas lägen viel näher. Muck meint nun, die Reise ging früher westwärts nur bis Atlantis, wo die Aale laichten.
Seit der Golfstrom über das versunkene Paradies weiter nach Europa fließt, folgen ihm die Aale: "Sie können Atlantis nicht vergessen."
Auch sonst gibt es viel Wundersames um Atlantis, bei dessen Deutung sich Wissenschaft und Phantasie verschränken. Seit Jahrzehnten verschwinden spurlos Schiffe und Flugzeuge im "Todesdreieck" zwischen Bermuda, Puerto Rico und Florida. Der Amerikaner Charles Berlitz hat nun 1975 eine physikalische Lösung des Geheimnisses angeboten (SPIEGEL 33/1975). Aus einer Tiefe von 2900 Kilometern wird das Magnetfeld der Erde gespeist. Der Dynamoeffekt von Aufbau und Zusammenfall des Feldes rührt von den unterschiedlichen Drehmomenten zwischen äußerem Erdkern und schwerem inneren Kern her.
Im Bermuda-Dreieck finden sich nun in 7000 Metern Meerestiefe einige ovale Meereslocher von mehreren Kilometern Durchmesser. Unterstellt man, daß es sich um Einschlaglöcher eines gespaltenen Planetaiden etwa aus der Adonis-Gruppe handelt, so könnten die Metall-Massen aus dem Kosmos, wenn sich der Erdmagnet einschaltet, als eine Art Verstärker Schiffe und Flugzeuge in die Tiefe ziehen.
Was Berlitz eher hypothetisch ausführt, nimmt das Muck-Buch als feste Tatsache: Der Planetoid A aus der Adonis-Gruppe schlug vor der nordamerikanischen Küste in den Atlantik und verursachte jene Erdkatastrophe.
Wie ein Drehbuch für einen Katastrophen-Film beschreibt das Mucksche Buch die Wirkung der kosmischen Bombe, Die Kernhälften des Planetoiden A durchschlugen die Erdkruste in der Bruchzone des Atlantiks wie die Wand eines Hochdruckkessels. "Durch die beiden neugebildeten Röhren schoß sofort ... hellrotglühendes Magma hoch und vermischte sich mit ... dem Wasser des Atlantiks."
Die ungeheuren Flutwellen wanderten nach Osten und Westen und ersäuften Mensch und Tier in jener großen Sintflut, von der die Bibel erzählt. Auch die Edda oder das sumerische Gilgamesch-Epos, Indianer und gar Südseemythen kennen die weltweite große Flut.
Das genaue Datum allerdings nicht. Das kannte freilich Muck: Nach seinen Berechnungen über den Aufprall des Planetoiden A und unter Zuhilfenahme des Maya-Kalenders ging Atlantis am 5. Juni 8498 v. Chr. um 13.00 Uhr Erdzeit unter.

DER SPIEGEL 19/1976
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